Stahl

A–Z Thyssenkrupp will mit dem indischen Konkurrenten Tata fusionieren. Auf in den Arbeitskampf, dazu Heavy Metal hören, Muskeln nicht nötig! Unser Legierungslexikon

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Adorno In der Kulturindustrie über diese zu schreiben, ist Aporie. Versuchen wir es dennoch: „Fun ist ein Stahlbad“, schrieben Adorno und Horkheimer im Kulturindustrie-Aufsatz in der „Dialektik der Aufklärung“. Sich intellektuell dünkende Studenten nicken jetzt klug. Ein Stahlbad ist: die Schmelze bei der Stahlerzeugung oder ein Heilbad mit eisenhaltigem Wasser (Verwirrung). Und was ist daran „Fun“? Nach Alexisbad im Harz fahren?

Dritte Bedeutung von Stahlbad: Krieg. Durch dieses habe die Nation zu gehen, um sich zu stählen, glaubte man 1912; Ernst Jünger steigerte es gar zum Stahlgewitter. Der Satz ist ein vernichtendes Urteil. „Kulturindustrie sublimiert nicht, sondern unterdrückt“, heißt es im selben Absatz. Sähen die Autoren, wie weit die Kulturindustrie und ihr zur Verfügung gestelltes, widerwärtiges Spaß-Surrogat gediehen sind, sie könnten sagen: I hate to say I told you so. Leander F. Badura

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China Eine hochentwickelte Stahlindustrie, Papiergeld, internationaler Seehandel mit Luxusgütern, ständige Konflikte mit den Nachbarn, Verstädterung, Zentralismus. Klingt nach Europa im 19. Jahrhundert? Ist aber China im 11. Jahrhundert! Bereits im 6. Jahrhundert wurde ein Verfahren entwickelt, um im großen Stil Stahl herzustellen. Die Produktion erlebte im Gebiet der Song-Dynastie eine erste Blüte. Nach einer längeren Zeit politischer Instabilität war sie die erste Dynastie, die mehrere Gebiete unter einer Zentralregierung vereinigen konnte. Bereits 1078 war die Stahlproduktion höher als im England des 18. Jahrhunderts. Stahl wurde exportiert, aber auch für den hochgerüsteten Militärapparat gebraucht, der das Reich gegen die Nachbarn verteidigte.

Von all dem bekamen die Europäer nichts mit (Tata), auch nicht, nachdem Porzellan, Seide und Papier als eindeutig chinesische Produkte ihren Weg nach Europa gefunden hatten. So konnten sie 1846 glauben, sie hätten die Stahlherstellung entdeckt. Sophie Elmenthaler

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Fusion Er rechne damit, dass das Memorandum of Understanding zwischen Thyssenkrupp (Zwangsarbeit) und Tata Steel noch diesen Sommer veröffentlicht werde, orakelte Peter Römmele, Landesvorsitzender der MLPD und Stahlarbeiter in Duisburg, noch vor einigen Wochen im Freitag. Er sollte recht behalten – fast jedenfalls. Zwar muss der Aufsichtsrat der „nachhaltigen Zukunftsperspektive“ von Konzernchef Heinrich Hiesinger noch zustimmen, die Stoßrichtung ist allerdings klar: Thyssenkrupps Stahlsparte soll mit Tata Steel zum zweitgrößten Stahlproduzenten Europas verschmelzen.

Insgesamt 4.000 Jobs wird das Joint Venture voraussichtlich kosten – laut Römmele nur der Anfang: „Letztendlich können die erhofften Synergien nur durch Werksschließungen erreicht werden“, glaubt er. Auch unter den Auszubildenden herrscht Sorge. Zwar gelten die Ausbildungsplätze als sicher. Die Stellen für künftige Jungfacharbeiter sind es allerdings keineswegs. Nach dem Aktionstag am vergangenen Freitag in Bochum will sich die Belegschaft von Thyssenkrupp nun auf einen harten Arbeitskampf einschwören – und so zumindest Schlimmeres verhindern. Es bleibt zu hoffen, dass Peter Römmele wenigstens dieses Mal falsch liegt. Simon Schaffhöfer

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Helm Was für eine Idee: Bushido und Beatrix von Storch unterhalten sich über den Islam. So geschehen in einem Video von Hyperbole. Das Interessanteste: Bushidos T-Shirt. Darauf: ein Totenkopf mit Stahlhelm! Symbolik? Ja bitte! Schließlich war von Storchs Großvater Hitlers Finanzminister.

Aber halt, den Stahlhelm mit den Nazis in Verbindung zu bringen, wäre unredlich. Schließlich ersetzte er schon während des Ersten Weltkriegs die lederne Pickelhaube. Damals angeregt von einem Militärarzt namens Dr. Bier. Also: deutsche Tradition, bis heute. Lange Zeit gab es ja die Stahlhelm-Fraktion in der Union. Auch da dachte man deutsch, keine Frage. Und auch heute noch: was wäre ein Großer Zapfenstreich ohne Männer in Uniformen, mit Fackeln – und Stahlhelmen? Aber was würde wohl Bushido dazu sagen?Leander F. Badura

Heavy Metal Eine Heavy-Metal-Band kommt ohne Stahl-Anspielung einfach nicht aus. Da heißen Bands Steel Panther und Steel Engraved, Ritual Steel, Virgin Steele und Steelpreacher. In den Songs ist Stahl eins der meistbenutzten Worte, soll halbironisch kraftstrotzende Potenz ausdrücken. Flügel, Räder, Fäuste und alle möglichen Hieb- und Stichwaffen sind da stählern. Kreativer in ihrer Metallassoziation sind Totenmond: „Kellerstahl, feuchtes Grab / Kellerstahl und das Grauen“. Grand Magus wagen die Steigerung in der Metallveredelung: „Forged in Iron – Crowned in Steel“. Manowar riefen den „Triumph of Steel“ auf in ihrer Bearbeitung des Troja-Themas, auch wenn die Wissenschaft darüber streitet, ob das nicht eher eine Kultur der Bronzezeit war. Tobias Prüwer

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Muskeln Gestählte Muskelkörper gelten als Ideal seit der Antike. Doch wie nur gelang es den prämodernen Bodybuildern, jede einzelne Muskelpartie zu formen? Schließlich braucht es hierfür im zeitgenössischen Fitnessstudio eine ganze Reihe an Geräten. Muss man den vormodernen Schwarzenegger als nackten Ringer imaginieren, der Steine stemmte, bis Bizeps und Trizeps zur äußersten Zufriedenheit trainiert waren? Das Wissen um Muskelertüchtigung muss über die Jahrhunderte verloren gegangen sein (Relikt). Nur folgerichtig hat sich das Körperideal vom Kruppstahlkörper zum Dad-Bod gewandelt. Für den muss man lediglich ab und an ein Bierchen süffeln und allzu anstrengende körperliche Aktivität gründlichst vermeiden. Marlen Hobrack

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Präteritum Ich stahl, du stahlst, er stahl, wir stahlen. Nicht zu verwechseln mit: Ich stähle, du stählst, er stählt, wir stählen. Oder doch besser: Ich stehlte, du stehltest, er stehlte, wir stehlten. Warum auch nicht? Aufmerksamen Lesern dürfte aufgefallen sein, dass es längst einen Trend zum regelmäßigen Präteritum gibt. Während Großmutter noch Kuchen buk, sagt der Enkel längst: Ich backte. Und das Kind, es frug schon lang nichts mehr, dafür aber fragte es.

Auch da, wo einst ein Pfosten stak, da steckte er jetzt umso fester. Das fiel (bald: fallte) mir einst bei der Lektüre von Schillers Räubern auf, seitdem sehe ich überall sterbende Präteriten. Ja, so unglaublich es klingt: Die deutsche Sprache wird einfacher! Wie schön, bald gehten wir nach Hause, bevor wir dort essten (Muskeln). Doch noch ist’s nicht so weit und natürlich ist das Stehlen – respektive (der) stahl – da wesentlich (hihi) unbeugsamer. Mein Rechtschreibprogramm machte mir übrigens die Hölle heiß, als ich diesen Text verfieß – Pardon: verfasste. Leander F. Badura

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Relikt Lange wird es den Stahl nicht mehr geben. Wie auch der Dieselmotor und der Katholizismus wird er schon bald auf dem Müllhaufen der Geschichte landen (Präteritum). Zu hart, zu dicht, zu widerständig, zu unbeweglich, kurz: nicht modern genug! Flexibel muss alles sein, zunächst nur der Mensch, dann bald auch das Material um ihn herum. In der Welt der Zukunft ist alles disruptiv und frei florierend, was gerade noch eine Wäscheklammer war, ist nur einen Moment später schon eine Trompete und andersherum; gerade wie es der Markt braucht. Stahl stört da nur.

Auch die federleichten Elektroautos der Zukunft sind schon heute aus einem wundersamen Kunststoff, der genauso gut ein künstliches Hüftgelenk hätte werden können. Bei einem Aufprall bieten die Autos der Zukunft nicht mehr dem Menschen darin, aber der Software dahinter absoluten Schutz. Im Moment des Aufpralls steigt sie unversehrt und selig hinauf in die Cloud, während der Mensch dem Druck nachgibt und, wie einst der Stahl, verschwindet. Timon Karl Kaleyta

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Tata Der Parse Jamsetji Nusserwanji Tata, 1839 in einer Kleinstadt in Gujarat in Indien geboren, gründete mit 29 Jahren und umgerechnet 270 € durch den Erwerb einer Ölmühle in Mumbai sein erstes Unternehmen. Der Beginn eines Imperiums. Heutzutage setzt das Firmenkonglomerat über zehn Milliarden US-Dollar um und gilt als Indiens renommiertester Mischkonzern. Tata walzt Stahl, baut Lastwagen, vermarktet Strom, verkauft Tee, Saatgut und Dünger, stellt Kühlschränke, Uhren und Klimaanlagen her. Hat seine Finger in Telekommunikation, Softwareproduktion, in der IT-Beratung und im Versicherungswesen. Besitzt Warenhäuser und eine Luxushotelkette. Zudem ist Tata das größte Industrieunternehmen Großbritanniens, beschäftigt 60.000 Briten und bietet 1.200 Lehrlings-stellen in den Stahlfirmen.

Tata steht für die Verbindung von Profit und Philanthropie. Er führte Opium-Handel mit China, aber auch den Acht-Stunden-Tag, Krankenfürsorge und Betriebsrenten ein. Es entstanden Retortensiedlungen wie Jamsetpur, eine nach dem Firmengründer benannte Stahl-Stadt, als in der Region Kohle und Eisenerz entdeckt worden waren. Tata Steel verwaltet den Ort bis heute über einen Pachtvertrag mit der Regierung. Jamsetji hinterließ die Hälfte seines Grundbesitzes einer Universität in Bangalore - dem indischen Silicon Valley. Elke Allenstein

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Verwirrung Im gewöhnlichen Gespräch geht schnell mal was durcheinander; nicht jeder kann schließlich Chemikerin sein: Ist das Auto jetzt aus Eisen oder aus Metall? Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Chassis und der Karosserie? Ist das eine aus Stahl, das andere aus Metall – und wo bleibt da das Eisen? Unterschiedlich schwer sind die genannten Produkte sicher, das muss bedacht sein, doch was ist was? Und warum rostet das eine, selten aber das andere? Und besteht die Karosserie eines Autos nicht eigentlich aus Blechen, und warum waren die früher noch nicht vollverzinkt? Eigentlich sollte alles aus Stahl sein, das steht zumindest fest (Heavy Metal).

Männer müssten all das eigentlich eher wissen als Frauen, schließlich arbeiten bis heute deutlich weniger Frauen in der fertigenden Metallindustrie (sehr heiß!), und auch Eisenbahn- und Schiffsbauer und Industrieschweißer sind, hier hängen wir uns hoffentlich nicht zu weit aus dem Fenster, meist Männer. Da Männer sich aber nie etwas merken können und Frauen den Überblick haben, müssten wir uns an sie wenden. Timon Karl Kaleyta

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Zwangsarbeit Hier sei an die Vergangenheit von Krupp und Thyssen erinnert: Firmenpatron Alfried Krupp von Bohlen und Halbach war Frontmann der Großindustriellen hinter der Politik der Nazis (Helm). Die Firma war maßgeblich an den Rüstungsprogrammen von Albert Speer beteiligt, beschäftigte Zwangsarbeiter und konnte sich extrem bereichern. In den Nürnberger Prozessen wurden Krupp von Bohlen und Halbach und die Mitglieder des Direktoriums der Firma verurteilt. Auch der Großindustrielle Fritz Thyssen war glühender Nazi. Bereits 1923 spendete er 100.000 Goldmark an Adolf Hitler und die NSDAP. Später nahm er jedoch eine kritische Haltung zum Nazi-Regime ein. Johanna Montanari

06:00 25.10.2017

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