Stahlhelm-Pazifismus

KRIEG IN EUROPA Was derzeit geschieht, bedeutet Verlust, nicht Wahrung von Menschlichkeit

Nun ist sie vollends da, die humanitäre Katastrophe. Noch vor 16 Tagen sahen wir einen Guerilla-Krieg mit der ihm eigenen Logik von Terror und Gegenterror eskalieren. Das war schlimm, doch noch weit entfernt von dem, was seither geschieht. Von »Völkermord« und »ethnischer Säuberung« redet jetzt »Verteidigungs«-Minister Scharping. Es sei zynisch, sagt er, in dem, was jetzt im Kosovo geschehe, eine Folge der NATO-Angriffe zu sehen. Doch in Wirklichkeit ist es zynisch, nicht wahrhaben zu wollen, daß man mit Krieg keinen Frieden herbeibomben kann. Man ruiniert soeben eine ganze Region!

Eine Rückkehr zu Rambouillet ist endgültig ausgeschlossen. Keine der Konfliktparteien fühlt sich mehr an das Vertragspapier gebunden. Die UCK denkt nicht mehr daran, ihre Waffen niederzulegen, und die Regierung in Belgrad weitet ihre »Maßnahmen« gegen die UCK hemmungslos gegen die albanische Bevölkerung aus. »Jetzt machen wir sie fertig«, das war die serbische Drohung in den Tagen, als die NATO ihren Luftkrieg ankündigte. Man konnte durchaus wissen, was geschehen würde. Hunderttausende sind geflohen - Montenegro und Mazedonien geraten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit; jetzt bereits erwägt dasselbe Italien, das im vergangenen Jahr unter deutschem Druck seine Häfen gegenüber albanischen Flüchtlingen sperrte, eine großangelegte Rettungsaktion. Und spätestens jetzt ist ganz klar: weder Amerikas Außenministerin Albright noch NATO-Chef Solana verfügen über irgendein Konzept, wie es politisch oder auch nur militärisch eigentlich weitergehen soll.

Die Integrität Jugoslawiens sollte ausdrücklich nicht angetastet werden. Doch genau das geschieht. Will man die Flüchtlingsströme der Albaner eines Tages wieder in das Kosovo zurücksiedeln, so muß man als erstes die Serben zur Aufgabe dieses ihnen historisch so wichtigen Gebietes zwingen. Wie soll es denn auf lange Sicht hin denkbar sein, daß beide Völker, nach allem, was jetzt geschieht, in Frieden miteinander leben können?

Das alles sei die Schuld von Milosevic´, sagt man, nicht gegen die Serben gehe der Krieg, nur gegen ihn. Doch gerade in der Frage des Kosovo kann Milosevic´ sich eins fühlen mit dem Willen des ganzen serbischen Volkes, dem im 20. Jahrhundert wie keinem anderen Volk in Europa von Österreichern, Deutschen und Kroaten (mit stillschweigendem Wissen des Vatikan) ein nie gekanntes Maß an Unrecht und Leid zugefügt wurde, und das man jetzt als das allein schuldige brandmarken möchte. Übrigens: Schon in der Zeit, als Klaus Kinkel noch Chef des BND war, gab es Planspiele, wie man den Tito-Staat auf dem Balkan durch Ausnutzung der ethnischen Frage zerstückeln könnte, und mit der Anerkennung Kroatiens und Sloweniens durch die BRD begann dieses »Spiel« denn auch, sich zu realisieren. Wirklich, wir Deutsche haben es nötig, wieder Bomben auf Belgrad zu werfen!

Doch wenn es um »humanitäre« Gesichtspunkte geht: bei all den Bombardements jetzt werden Menschen verletzt und getötet, und zwar, sagte schon vor einer Woche eine russische Meldung, zehnmal mehr Zivilisten als Soldaten - von über 1.000 Toten war dort bereits die Rede. Und das war nur die erste Phase der »progressiven« NATO-Schläge. Wie verbrennen Menschen bei lebendigem Leibe in ihren Panzern - und wie will man sie treffen, die »beweglichen Ziele«, wenn sie mitten in den Dörfern und Städten im Kosovo sich aufhalten? Inzwischen brennen serbische »Einheiten« ganze Landstriche nieder; doch die Gegenantwort der NATO - jetzt bei den zu erwartenden Angriffen mit den Apache-Hubschraubern - wird in nichts anderem bestehen als dem Beispiel zu folgen. Denn das und nichts anderes heißt es, Krieg mit Krieg zu bekämpfen. Und zur Zeit rollt schon die dritte Phase an: blindwütiges Draufdreschen auf alles, was »kriegswichtig« ist - von der Telefonzelle bis zum Telegrafenmasten, von der Dorfbrücke bis zur Molkerei, und dieses Draufschlagen kann dauern, solange es will. Schon redet Scharping davon, man müsse die Armee des Diktators Milosevic´ zerschlagen; das sind Hunderttausende von Menschen, die man erst einmal töten muß, weil sie auf der »falschen« Seite stehen. Am Ende des Massenmordes wird das Kosovo ein menschenarmes Ruinenfeld sein: geholfen hat man ganz sicher keinem, es sei denn sich selbst.

Denn schon jetzt haben die USA mit Hilfe der NATO erreicht, was sie offenbar seit langem beabsichtigen: das Diktat ihrer Interessen als »neue Friedensordnung« zu deklarieren und im gleichen Atemzug die UNO zur »Quasselbude« zu erniedrigen. Für das, was die NATO jetzt tut, gibt es kein UNO-Mandat - ein solches scheint ganz einfach überflüssig. Das, was die NATO jetzt tut, ist Bruch bestehenden Völkerrechts: Jugoslawien hat kein Nachbarland angegriffen, so daß international der Friede gefährdet wäre. Doch auch darüber kann man sich offenbar hinwegsetzen, wenn man den Welten-Sheriff spielen will. Es gibt ein Selbstbestimmungsrecht der Völker, gewiß, es gibt ein Menschenrecht, o ja. Doch was ist es mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker angesichts der Unterdrückung von 17 Millionen Kurden in dem NATO-Staat Türkei, an den die BRD gerade vier U-Boote liefert? Von wann an ist ein Volk ein Volk? Das vor allem müßte eine Frage der UNO sein, ganz sicher nicht der USA und schon gar nicht der NATO.

Unter diesen Umständen ist es überaus wichtig, jetzt und für alle Zeit eine alte Wahrheit wieder zu lernen: Mit Gewalt dient man nicht der Gerechtigkeit, mit Krieg dient man nicht dem Frieden, und mit dem Töten von Menschen dient man nicht dem Leben. Nicht der Pazifismus Gandhischer Prägung ist tot, tödlich ist der Stahlhelmpazifismus deutscher Politiker im Dienste der NATO. Der Weg in den Krieg ist psychologisch immer derselbe: In einer komplizierten geschichtlichen Situation vereinfacht man die Wirklichkeit in den einfachen Vokabeln von Gut und Böse, dann ordnet man die Schuld einseitig einer Seite zu, und dann personifiziert man das Böse in einer einzigen Person. Die muß man dann bekämpfen wie Sankt Michael den Teufel. Aber wie kommt man heraus aus der Hölle des Krieges? Wie zum Beispiel will man jetzt noch mit Milosevic´ verhandeln, nachdem man ihn als »Kriegsverbrecher« und »Schlächter vom Balkan« verschrien hat? Und was ist mit den Bodeneinsätzen, die immer wahrscheinlicher werden? Ein Vietnam auf dem Balkan ist durchaus möglich. Doch die Pentagon-Strategen, die den Kurs in Brüssel bestimmen, brauchen zum 50jährigen Jubiläum einen Sieg - und sei er noch so blutig

Was derzeit geschieht, ist der Verlust, nicht die Wahrung der Menschlichkeit. Schon jetzt wird sichtbar, daß alle Probleme in Zukunft nur noch schwieriger lösbar sein werden. Darum: Schluß mit dem staatlich organisierten Abschlachten von Menschen. Schluß mit dem Irrsinn immer höherer Rüstungsausgaben - 50 Milliarden D-Mark für Scharping - wofür? Und vor allem: Schluß mit dem Wahn, es sei »normal« und »verantwortlich«, Generation um Generation von Jugendlichen zum Töten von Menschen zu trainieren und ihnen unter Eid abzuverlangen, im Bedarfsfall »gehorsam« zu sein. Krieg im Krieg - das ist die endgültige Weigerung, sich an irgendeinem Krieg, gleich unter welchem Vorwand er geführt werden mag, noch länger zu beteiligen. Alle »Prinzipien« des Militärs basieren auf der Verleugnung eben der Regeln, die im zivilisierten Leben gelten sollten. Darum muß es das Ziel der Zivilisation sein, sich endlich des Militärs als eines Relikts der Steinzeit zu entledigen. Irgendwann muß Schluß sein.

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00:00 09.04.1999

Ausgabe 42/2021

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