Stammeln statt Denken

Ratingagenturen Mehr als AAA und BB+ fällt ihnen nicht ein: Die rudimentäre Sprache der entfesselten Finanzmärkte bestimmt über ganze Gesellschaften

Es war ein Lehrstück in modernem Kapitalismus. Leider scheinen wir daraus nichts gelernt zu haben. Doch der Reihe nach. Am 27. April, kurz vor Börsenschluss setzt die Agentur Standard‘s das Kreditrating Griechenlands um mehrere Stufen auf BB+ herab. Die Märkte reagieren, als habe eine Bombe eingeschlagen. Die Aktienkurse purzelten weltweit, der Euro sank, griechische Anleihen wurden mit 20 bis 25 Prozent Abschlag gehandelt. Das Szenario wiederholte sich tags darauf, als auch die Schuldpapiere von Portugal und Spanien herabgestuft wurden.

Fällt dabei etwas auf? Ja, es sollte auffallen, dass an diesen zwei Tagen weder in Griechenland noch in Portugal irgendetwas Auffälliges passiert ist. Sämtliche Informationen zur Zahlungsfähigkeit und -willigkeit von Griechenland, Spanien oder Portugal waren längst öffentlich bekannt und wurden von den Medien seit Wochen täglich ausgebreitet. Standard‘s hatte dem nichts hinzuzufügen. Es hat auch nie jemand behauptet, dass die Kreditprüfer aus New York besondere Einsicht in die griechischen Verhältnisse hätten.

Die Märkte erfuhren an diesem Dienstagabend nichts Neues über Griechenland, die Lage war so verworren wie eh. Aber sie wussten plötzlich sehr viel genauer als zuvor, wie die anderen Marktteilnehmer diese verworrene Lage interpretieren würden – Verkaufen! Sell!

Gewaltige Kurslawine

Dass eine Ratingagentur mit einer simplen Pressemitteilung gewaltige Kursbewegungen auflösen kann, ist an sich nicht erstaunlich: In vielen Kreditverträgen hängen die Zinsen und teilweise auch die Rückzahlungsmodalitäten vom Rating des Schuldners ab. Fonds-Manager sind gehalten, Titel abzustoßen, wenn sie ein bestimmtes Rating unterschreiten. Banken müssen für Wertschriften mit schlechtem Rating mehr Eigenkapital reservieren.

Die Manager von Standard‘s wussten also genau, dass sie mit ihrem Entscheid eine Kurslawine lostreten würden. Jetzt werden sie dafür heftig kritisiert. „Es kann nicht sein, dass Ratingagenturen, die die Finanzkrise zu einem großen Teil mit zu verantworten haben, immer noch solch eine herausragende Rolle spielen“, empört sich etwa Dennis Snower, der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bundespräsident Horst Köhler fordern eine Regulierung der Agenturen. FDP-Chef Guido Westerwelle will eine unabhängige europäische Rating-Agentur.

Doch diese Kritik greift zu kurz. Die Ratingagenturen sind nicht die einzigen Leithammel, denen die Herde der Anleger hinterherrennt. Auch die großen Banken, die Hedgefonds, Warren Buffett oder George Soros können mit ihren Investitionsentscheiden oder auch nur mit ihren Kommentaren die Märkte bewegen. Sie haben damit einen Wissensvorsprung, der ihnen erlaubt, Milliarden zu ihren Gunsten umzuschichten. Kein Wunder, dass zweistellige Millionensaläre im Finanzsektor inzwischen als bescheiden gelten.

Erwartungen verdichten sich zu Wahrheiten

Der Grund dafür ist, dass unser Kapitalmarkt immer mehr zu einem geschlossenen, auf sich selbst bezogenen System wird, dem die Rückkoppelung zur realen Wirtschaft fehlt. Das zeigt sich im Fall Griechenland nicht nur an den aus dem Nichts entstandenen Börsenturbulenzen von Ende April. Es offenbart sich auch darin, wie wirklichkeitsfremd die neue Finanzkrise in Politik und Medien diskutiert wird.

Gestritten wird eigentlich nur um zwei Punkte. Erstens: Wie viel Geld muss Griechenland wie schnell und wie verbindlich zur Verfügung gestellt werden – damit die Märkte zur Ruhe kommen. Zweitens: Wie hart muss die griechische Regierung sparen – damit ihr die Märkte wieder Vertrauen schenken. Die viel wichtigere Frage, wie sich die beschlossenen Sparmaßnahmen auf die Wirtschaft und die Zahlungsfähigkeit Griechenlands auswirken, bleibt ausgeklammert. Eine Diskussion darüber wäre vom Markt als mangelnder Sparwille ausgelegt worden.

Der Diskussion fehlt also die Verbindung zur Realwirtschaft. Was zählt, sind einzig die Erwartungen der Kapitalmärkte, die sich irgendwie und irgendwann zu allgemein anerkannten Wahrheiten verdichten. Doch Märkte können nicht denken. Mehr als Daumen rauf und Daumen runter, AAA oder BB+ fällt ihnen nicht ein. Mit diesem rudimentären Rüstzeug machen sie aber unsere Wirtschaftspolitik.

Der eigentliche Skandal

Das ist der eigentliche Skandal. Unsere Gesellschaft wird zunehmend von einem anonymen Entscheidungsmechanismus regiert, der sich der rationalen Diskussion verschließt. Die Ratingagenturen mit ihrem primitiven AA-BB-Sprachschatz sind dafür bloß Symbole. Umso dringender ist es, die Macht nicht nur der Ratingagenturen, sondern der Kapitalmärkte insgesamt zu brechen, bevor wir vollends verdummen. Oder bevor Europa im Chaos versinkt.

Doch wie? Schauen wir uns um. Es gibt noch Länder, die weiterhin hohe Wachstumsraten zustande bringen – China zum Beispiel. Das Land weist ähnlich wie Deutschland riesige Exportüberschüsse auf. Doch anders als hier ruhen die entsprechenden Guthaben still in Staatsfonds, statt als unbeschränkt handelbare Spekulationspapiere Panik zu säen und die Realwirtschaft zu behindern.

China sitzt auf 2.500 Milliarden Dollar Guthaben gegenüber den USA. Stünden diese Guthaben auf der Aktivseite schlecht kapitalisierter Banken oder Hedgefonds und wären die USA ein kleines Land, müsste Obama die Staatsausgaben um 20 Prozent senken und die Importe halbieren. Doch daran hat Chinas Realwirtschaft kein Interesse. Ende der Durchsage.

Kehren wir den Spieß um: Griechenlands Problem könnte mit einer Steuer von 30 Prozent auf alle Importe nachhaltig behoben werden. Weniger Importe und mehr Staatseinnahmen sind genau das, was das Land jetzt braucht. Doch gegen diesen „Protektionismus“ würde Deutschlands Realwirtschaft laut protestieren: Sie will schließlich exportieren.

Man kann nicht gleichzeitig Schulden eintreiben und Export-Weltmeister sein. Die Chinesen jedenfalls haben sich von den Finanzmärkten den Blick auf die Realwirtschaft nicht vernebeln lassen.

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10:30 06.05.2010

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