Starengesänge in Reykjavík

Nixengeschenk Der Berliner Künstler Wolfgang Müller weiß fast alles über Island

Islands Männer leben am längsten", vermeldete kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Ein männlicher Einwohner der kleinen Inselrepublik könne damit rechnen, 79,4 Jahre alt zu werden. Im Wirtschaftsteil der FAZ war einige Wochen zuvor von einer anhaltenden Schwäche der isländischen Krone gegenüber dem Euro die Rede. Inflationsgefahr drohe der erfolgreichen isländischen Wirtschaft.

Damit sind, ehrlich gesagt, die aktuellen Island-Kenntnisse des Rezensenten auch schon erschöpft. Sicher, er weiß von der Sängerin Björk und vom Schriftsteller Haldor Laxness. Doch während er zumindest eine Aufnahme von Björks ehemaliger Band, den Sugarcubes, besitzt ("Motorcycle Mama"), muss er zugeben, noch nie ein Buch des Literatur-Nobelpreisträgers von 1955 gelesen zu haben.

Ob das gute Voraussetzungen sind, um ein Druckwerk mit dem Untertitel Die Wahrheit über Island zu besprechen, ist fraglich. Auf dem Schutzumschlag befindet sich ein Bild, das die Rückansicht zweier sitzender Personen zeigt, die über die spiegelnde Oberfläche eines Sees hinweg auf einen schneebedeckten Berg blicken. Es handelt sich, verrät der Klappentext, um "ein Detail aus Úlfur Hródólfsons Installation elverkonge´ - Erlkönig. Auf diesen Künstler wird noch zurückzukommen sein.

Entfernt man den Umschlag, hat man einen roten Band der Edition Suhrkamp vor Augen. Vor vielen Jahren verhießen Bücher dieser Reihe radikale Gesellschaftsanalyse, avantgardistische Literatur oder Bertolt Brecht. Was also hat es zu bedeuten, dass im Jahre 2008 der Band mit der Reihennummer 2511 Neues von der Elfenfront preiszugeben verspricht? Handelt es sich etwa um einen verspäteten Nachvollzug der esoterischen Wende, die manch wackeren Linksintellektuellen in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts heimsuchte? Das ist nicht sehr wahrscheinlich, lässt doch der burschikos formulierte Titel durchaus Ironie anklingen. Zumal der Autor Wolfgang Müller heißt.

Und eben nicht irgendein Wolfgang Müller ist - schließlich handelt es sich, wie uns sein Buch auf Seite 72 verrät, um "eine Kombination der häufigsten Vor- und Nachnamen in Deutschland" - sondern jener Wolfgang Müller, der in den frühen Achtzigern die Band "Die Tödliche Doris" betrieb. Die fehlt zwar in Rowohlts Rock-Lexikon, wird aber in Jürgen Teipels Doku-Roman Verschwende Deine Jugend (Freitag 30/2002) von der Musikerin Annette Humpe (Ideal) mit großen Komplimenten bedacht: "Was ich sehr gut fand: Tödliche Doris. Wolfgang Müller. Die haben das Böse zugelassen. Was ich, als religiöser Mensch, eigentlich gar nicht gut finden konnte. Aber das hatte irre viel Humor. Zum Beispiel ›Sieben tödliche Unfälle im Haushalt‹. Ganz böses Stück."

Ganz böse geht es in Müllers Island-Buch nicht zu. Aber lustig ist es schon. Und das auf eine vertrackte Art. In kurzen, nur lose miteinander verbundenen Texten erfährt der geneigte Leser allerhand Wissenswertes über Island. So gibt es auf der Insel - neben den Elfen, über die gelegentlich auch hierzulande in den Medien berichtet wird - mehr als sechzig verschiedene Weihnachtsmännchen, die zwar keine Geschenke bringen, aber andererseits auch keine pädagogische Funktion erfüllen. Interessant ist auch die Tatsache, dass der Isländer unterschiedliche Wörter für weiße und schwarze Mitesser kennt. Oder dass die Nationaltracht der Isländerinnen um 1850 von einem mehrfach begabten Künstler und Antiquitätensammler in Anlehnung an holländische Vorbilder erfunden wurde, während die Männer erst seit 1994 über eine eigene Traditionskleidung, einen schwarzen Anzug, verfügen.

Belegt und anschaulich gemacht werden all diese Informationen durch sorgfältig ausgewählte Illustrationen. Dabei sind bemerkenswert häufig Werke des bereits erwähnten Künstlers Hródólfson zu sehen, beispielsweise eine aus dem Leder des gefleckten isländischen Seewolfs gefertigte Hose mit dem schönen Titel Nixengeschenk. Nun verbirgt sich hinter Úlfur Hródólfson kein anderer als Wolfgang Müller selbst, was den Autor aber nicht davon abhält, seinem Alter Ego einen, im Buch dokumentierten, Brief zu schreiben, in dem er ihn über die Sangeskünste von Staren informiert, die auf jener norwegischen Insel heimisch sind, welche dem Dadaisten Kurt Schwitters viele Jahre lang als Sommerdomizil diente. "Mit einem Mal spürte ich," heißt es in der Epistel, "dass der Vogel Passagen aus der ›Ursonate‹ rezitierte, die ein unbekannter, ferner Vorfahr vor vielen Jahren Schwitters abgelauscht hatte und die über Generationen weiter vermittelt wurden, sozusagen von Star zu Star." Interessant, aber was hat das mit Island zu tun, mag sich da mancher fragen. Nun, acht Jahre nach seinem Brief an Hródólfson hört Müller in Reykjavík erneut Starengesänge, wieder fühlt er sich an die Ursonate erinnert und geht der Frage nach, wie die Vögel wohl von Norwegen nach Island gelangt sein könnten. (Wahrscheinlich als blinde Passagiere auf einem Frachtschiff, meint sein Gewährsmann, der Berliner Starenexperte Professor Böhner.)

Als Tondokument ist der Gesang der norwegischen Emigranten leider nicht zu haben, hier müssen sich die Leser auf Müllers Wort verlassen. Aber die Darbietung der daheim gebliebenen Vögel hat der Autor bereits im Jahre 2000 aufgenommen und als CD veröffentlicht, was den Argwohn der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH erregte, die das Werk von Kurt Schwitters vor unautorisierten Aufführungen schützt.

Dabei erfüllt sich doch gerade in der Aneignung und Tradierung der "Ursonate" durch ignorante Singvögel jene Intention, die der Romanist Peter Bürger in seiner einflussreichen Theorie der Avantgarde (1974, Edition Suhrkamp!) den historischen Avantgardebewegungen zuschrieb: "Die Kunst sollte nicht einfach zerstört, sondern in Lebenspraxis überführt werden, wo sie, wenngleich in verwandelter Gestalt, aufbewahrt wäre." In diesem Sinne beeindruckt auch Wolfgang Müller nicht nur als Islandkundiger, Amateur-Ornithologe und Elfenexperte, sondern auch und vor allem als Mittler zwischen Natur und Kunst, zwischen Alltag und Mythos.

Wolfgang Müller Neues von der Elfenfront. Die Wahrheit über Island. Edition Suhrkamp. Frankfurt am Main 2007. 307 S., 11 EUR

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00:00 23.05.2008

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