Stark auf der linken Seite

Großbritannien Der Clapton FC ist eine Art St. Pauli von London. Man spielt zwar nur in der fünften Liga, aber Stimmung, Fans und Preise sind korrekt
Peter Stäuber | Ausgabe 24/2014 2

Endlich taucht jemand auf. „Bist du hier wegen des Spiels?“, fragt einer der beiden jungen Männer. „Es findet statt.“ Also doch. Der Eingang zum Platz des Clapton FC liegt neben einer kleinen Werkstatt für Autoreifen und hinter einem ehemaligen Pub, dessen Fenster seit Jahren verbarrikadiert sind. An diesem Abend steht ein Freundschaftsspiel gegen ein Team aus West-London an. 20 Minuten vor dem Anpfiff ist der Zugang noch verriegelt. Außer den zwei Jungs sind weit und breit keine Fans zu sehen. „Wir müssen hintenrum“, sagt der eine und zeigt auf einen Weg an der Werkstatt.

Vom Glamour und elitären Dünkel der Premier League ist man hier weit entfernt. Der Clapton FC spielt in der Essex Senior League, einer englischen Regionalliga auf Stufe fünf des nationalen Ligasystems. Seit 1878 bestreitet der Verein seine Heimspiele auf dem etwas holprigen Rasen des Old Spotted Dog Ground in Forest Gate, Ost-London. Bis vor einem Jahr waren die Tons, so lautet ihr Spitzname, ein ganz normaler Regionalverein mit einer Handvoll Anhänger, aber seitdem ist viel passiert.

Nach dem Anpfiff stehen die Fans – mittlerweile sind es rund 40 – auf einer Gerüstkonstruktion gegenüber der Tribüne und besingen ihr Team. Manchmal auch Jassir Arafat. Oder Tony Benn, den kürzlich verstorbenen großen Mann der Labour-Linken. Am Gerüst hängt die Flagge des Fanclubs, in deren Mitte das antifaschistische Logo zu sehen ist. Daneben Che Guevara und die Farben von Bangladesch. Die Fans nennen sich Clapton Ultras oder Scaffold Brigada, die Gerüstbrigade. Und sie singen: „Scaffold Brigadaaaa, we’re antifascist, we’re from the east!“

Bei Kevin Blowe hinterließ das einen solchen Eindruck, dass er erstmals seit langem wieder zum Fußballfreak wurde. „Ich lebe schon seit 25 Jahren in dieser Gegend und hatte immer eine zwiespältige Haltung zum lokalen Premier-League-Team, zu West Ham United.“ Besonders in den 90er Jahren sei es furchtbar gewesen. „Alles war rassistisch aufgeheizt, keiner meiner asiatischen Freunde hätte auch nur im Traum daran gedacht, sich im Stadion ein Match anzuschauen.“ Blowe engagiert sich seit Jahren für die älteste antirassistische Kampagne Großbritanniens, das Newham Monitoring Project. Der Bezirk Newham, in dem Forest Gate liegt, ist der ethnisch vielfältigste im Land, manche sagen, in ganz Westeuropa.

Über 70 Prozent der Bevölkerung gehören zur Community der Einwanderer und damit zu ethnischen Minderheiten. Mittlerweile sei der Rassismus zwar abgeflaut, sagt Blowe. „Aber als Linker kann man sich nur bedingt mit den Fans identifizieren. Man ist zwar Anhänger des gleichen Vereins, aber der ganze Rest – die Beleidigungen von Roma, Rumänen und Bulgaren, die Homophobie –, das alles ist schwer erträglich. Man beißt entweder die Zähne zusammen oder geht nicht mehr hin.“ Also ging er zu keinem Spiel von West Ham United mehr.

Nachdem ihm Freunde vor Wochen vom Clapton FC erzählt hatten, sah er sich ein Match an. „Ehrlich gesagt, sie spielten einen eher durchschnittlichen Fußball, aber die Stimmung war fantastisch. Die Fans sind nicht nur offen links, sie identifizieren sich mit der antifaschistischen Tradition. Inder, Pakistaner oder Afghanen – einfach alle, die den Rassismus im Bezirk ertragen müssen, fühlen sich willkommen.“

Der Totenkopf aus Hamburg

Doch nicht nur Leute aus dem Quartier kommen zum Old Spotted Dog. Seit dem Vorjahr zieht die Scaffold Brigada haufenweise neue Fans aus ganz London an. Paolo aus Spanien lebt seit September 2013 in Großbritannien und will einfach unterhaltsamen Fußball genießen. Neben ihm steht Greg, der aus Polen stammt und in der Gastronomie arbeitet. Er trägt große Ohrringe, ein Lippenpiercing und ein T-Shirt mit der Aufschrift Sometimes Antisocial, Always Antifascist. Fußball finde er eigentlich langweilig – er sei der Politik wegen hier. „Weißt du, Fußball ist einfach nicht mehr der Sport der Arbeiterklasse.“ Als wäre er ein alter Gewerkschafter.

Drei Wochen später, Dienstagabend auf dem Old Spotted Dog. Die Tons bestreiten das drittletzte Spiel der Saison gegen Hullbridge Sports aus Essex. In einem kleinen Häuschen am Eingang zahlt man sechs Pfund für ein Ticket. Unterwegs zum Zuschauergerüst geht es am Clubhaus vorbei, in dem einige ältere Fans an der Theke stehen. An der Wand gegenüber ist ein kurzer Text über Walter Tull zu lesen, den ersten schwarzen Offizier der britischen Armee, der hier seine Fußballkarriere begann, bevor er 1909 zu Tottenham ging.

Während sich die Spieler aufwärmen, ist die Scaffold Brigada schon beim Dekorieren. „Was für eins ist das hier? Ach so, das feministische“, sagt Mel beim Sortieren der Spruchbänder. „Real Ultras Are Feminists“, steht auf dem Tuch, das mit Klebeband am Zaun befestigt wird. Melvyn Dearlove, genannt Mel, hat 40 Jahre auf die Clapton Ultras gewartet. „Der Clapton FC ist der erste Club in London, dessen Fans offen sagen: Wir wollen keinen Sexismus, keinen Rassismus, keine Homophobie.“ Mel weiß, wovon er spricht. Seit den frühen 80ern ist er Fußballtrainer, hat zwölf Jahre für den FC Liverpool als Talentscout gearbeitet, dann aber seinen Abschied genommen. Seitdem ist der 57-Jährige zu keinem Premier-League-Spiel mehr gegangen. „Da fehlt dir die Atmosphäre, nur noch ältere Leute können sich Tickets leisten. Bier trinken darf man auch nicht.“ Da trainiere er lieber Jugendclubs und reise mehrmals im Jahr nach Hamburg, um die Spiele des FC St. Pauli zu verfolgen und dessen Fankultur zu genießen. Seit dem Vorjahr ist der ehemalige Gewerkschafter und stolze Antifaschist bei jedem Clapton-Match.

Mittlerweile füllt sich die Gerüsttribüne. Bierdosen werden geöffnet, die bunte Menge stimmt die ersten Gesänge an. Da sind Punks, ältere Fans aus dem Viertel, Studentinnen, linke Aktivisten aus ganz London, Fans von Roter Stern Leipzig und St. Pauli. Hier und dort taucht das Totenkopflogo des Hamburger Clubs auf, dazu der rote Schal des Clapton FC und das Rot-Schwarz der Scaffold Brigada. Ein Fan deutet auf eine große Flagge, auf der „Gegen Nazis“ steht. „Wieso steht da Nazis?“ – „Das ist Deutsch und heißt, dass wir diese Leute scheiße finden.“

Als die Spieler aufs Feld laufen, ertönt ein ohrenbetäubendes „You Tons! You Tons!“, und das Wellblech der Tribüne kracht unter begeisterten Fausthieben. Dann beginnt die Scaffold Brigada zu singen. Bis Spielende hört sie nicht mehr auf. Melodien von den Pussycat Dolls über die Sex Pistols und The Clash bis zu Shakira und dem Musical König der Löwen: „We’re the Clapton, the mighty Clapton, we’re gonna win tonight!“

Lange Zeit sieht es jedoch nicht danach aus: Hullbridge dominiert die erste Halbzeit, der senegalesische Towart muss ein paar brenzlige Situationen meistern (daraufhin die Ultras jedes Mal: „Senegal, Senegal’s number one!“). Clapton erkämpft sich ein 0:0 zur Halbzeit. „Wir werden 4:0 gewinnen“, singen die 120 Fans optimistisch, während einige in den nächsten Laden gehen, um Nachschub an Bierdosen zu holen. Doch auch die zweite Hälfte beginnt nicht gut für die Tons: In der 62. Minute erzielen die Gäste das erste Tor. Auf die Scaffold Brigada macht das freilich keinen Eindruck. „Wir werden 4:1 gewinnen“, intonieren die Fans. Und tatsächlich: Schon drei Minuten später fällt der Ausgleich, dann, in der 83. Minute, ein fantastisches Freistoßtor.

Viel besser als beim Oligarchen

Für die gegnerischen Spieler, die von fünf Fans auf der anderen Seite des Feldes nur dürftig unterstützt werden, ist es nicht ganz einfach. „Wie alt bist du denn?! Musst du nicht ins Bett?“, ruft Mel dem Torhüter von Hullbridge zu. Auch der Schiedsrichter muss grinsen.

Die Besucher erleben hier, was es in der Premier League kaum mehr gibt, wo die Spielergehälter bei im Schnitt 30.000 Pfund pro Woche liegen, an lukrativen TV-Rechten verdient wird und sich schwerreiche Oligarchen Fußballclubs wie Immobilien in die Tasche stecken. Für die Partie West Ham United gegen Tottenham Hotspur kostet ein normales Ticket derzeit 52 Pfund, etwa 63 Euro. „Die Atmosphäre dort ist furchtbar“, meint der 30-jährige Robin Cowan, einer der ersten Clapton Ultras. „Die Kartenpreise, das Ordnungspersonal, die Polizei – das macht jede Kreativität im Fußball kaputt.“

Die Idee mit den Clapton Ultras hatte Cowan, als er mit einem Freund zum Old Spotted Dog ging, um einfach mal sein lokales Team zu sehen. Anfang 2013 luden sie immer mehr Leute ein und stießen auf Fans, die eine gleiche politische Haltung und ähnliche Vorstellungen von gutem Fußball hatten. „Hier ist es einfach lustiger, als wenn man 50 Pfund bezahlt und sich ein Spiel von einem Sitzplatz aus anschaut. Niemand hier gibt dir einen Rüffel. Wir haben einfach Spaß.“

Als Tom Jeffes das 3:1 erzielt, sind die Fans außer Rand und Band. „Tommy Jeffes, he knows where the goal is!“, grölen sie unisono. Der Trainer hat wegen des Lärms manchmal Mühe, seinen Spielern auf dem Rasen Anweisungen zu geben, aber egal, die Tons dominieren jetzt.

James Brown ist heute zum ersten Mal hier und begeistert. Wie den meisten hat ihm ein Freund von den Clapton Ultras erzählt, auch ein St.-Pauli-Fan. James, der in London Englisch unterrichtet, war selbst schon öfter in Hamburg, vor allem weil er ein Fan der norwegischen Band Turbonegro ist, deren Anhänger sich jedes Jahr in St. Pauli treffen. Die Fans der Band und jene des Fußballclubs seien meist die gleichen, meint er. „Und das hier ist ja gewissermaßen das britische Äquivalent zu St. Pauli, oder?“ Gegen 22 Uhr ertönt der Schlusspfiff, und noch einmal gibt die Scaffold Brigada alles. Die Spieler und der Trainer danken es ihr. Sie versammeln sich vor der Tribüne, beklatschen die Fans und stimmen mit ihnen Gesänge an. Kevin Blowe ist hingerissen – so gut sei es noch nie gewesen. Mel Dearlove schüttelt Hände mit Spielern und Fans. „So prächtig wie in dieser Saison hat Clapton seit 30 Jahren nicht mehr gespielt“, glaubt er. Liegt es am neuen Trainer? „Nein, an den Fans!“

Peter Stäuber ist freier Autor und lebt in London

 

06:00 25.06.2014

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