Stark und selbstbestimmt

Porträt Viola Davis kämpft dagegen, dass schwarze Frauen in Hollywood nur klischeehafte Rollen angeboten bekommen

Eine Minute – so lange hat Viola Davis gebraucht, um zur Ikone zu werden. Es ist eine kurze Szene in der US-Fernsehserie How to Get Away with Murder, in der Davis eine resolute Strafverteidigerin spielt. Erschöpft sitzt sie da am Ende eines langen Arbeitstags vor dem Spiegel ihrer Ankleidekommode. Streng mustert sie ihr Spiegelbild, bevor sie das tut, wofür sie Tausende später feiern werden. Sie nimmt ihre Perücke mit den glatten Haaren ab. Dann streicht sie sich über ihr eigenes krauses, kurzes Haar, bevor sie die falschen Wimpern abzieht und mit einem Tuch ihr Gesicht vom Make-up befreit.

Verletzlich und intim ist diese Szene. Und sie ist hochgradig politisch. Ein historischer Moment in der Fernsehgeschichte, jubelten die Kritiker. Was nach einer banalen Zu-Bett-gehen-Routine aussieht, ist in Wirklichkeit ein rarer Einblick in das Leben einer schwarzen Frau, die sich jeden Tag aufs Neue beweisen muss. Die Perücke mit den glatten Haaren ist ihre Rüstung auf dem Schlachtfeld der normierten Ästhetik. Nur mit ihr bestreitet sie den täglichen Kampf um Respekt und Anerkennung.

Viola Davis bestand auf der Szene bei den Produzenten der Serie. Sie sollte genau so gedreht werden, erbarmungslos offen. Denn eine echte Frau geht nicht mit Perücke und Make-up ins Bett. Eine echte Frau schaut nicht immer perfekt aus. Eine echte Frau ist nicht glatt. Und das sollte Amerika, vor allem das weiße Amerika, Woche um Woche jeden Donnerstagabend in der Heimeligkeit der eigenen vier Wänden sehen.

Ja, dieses weiße Amerika. Es liebt Viola Davis mittlerweile. Diese schwarze Frau mit dem tiefen Lachen, die in Talkshows unumwunden zugibt, dass die Naht ihrer engen Etui-Kleider manchmal reißt, wenn sie sich abrupt bewegt. Die ihre Auszeichnungen auch schon einmal zu Interviews mitbringt, weil sie zeigen will, wie weit sie es als Theater- und Filmschauspielerin gebracht hat – sie, das dicke Mädchen aus bitterarmen Verhältnissen, das fünfte von sechs Kindern einer Hausbediensteten und eines Pferdestallarbeiters, das sich nachts immer einen Schal um den Hals gebunden hat, damit die Ratten es nicht beißen.

Dieses Mädchen kassiert heute eine Auszeichnung nach der nächsten. Und das weiße Amerika applaudiert. Für ihren Erfolg. Für ihren Humor. Aber vor allem dafür, dass sie dieses Amerika mit jedem Auftritt auch ein Stück miterzieht.

Zuletzt bei den Golden Globes Anfang Januar. Nach Meryl Streeps fulminanter Brandrede über die Charakterlosigkeit des neuen US-Präsidenten hat sich auch Viola Davis geäußert. Als sie von Reportern gefragt wird, wie es in Donald Trumps Amerika um den amerikanischen Traum steht, antwortet die 51-Jährige: „Nehmen wir Trump aus dieser Gleichung heraus, denn ich glaube, dass diese Sache größer ist als ein einzelner Mensch.“ Es gehe um die amerikanische Gesellschaft insgesamt. „Denn es ist unmöglich, dass wir jemanden in diesem Amt haben, der nicht auch unsere eigene Gesinnung widerspiegelt. Was sagt das dann aber über uns aus?“

Es war ein klassischer Viola-Davis-Moment. Nicht wütend, nicht laut, nicht anklagend. Nur bestimmt, reflektiert – und schmerzhaft.

Dritte Oscar-Nominierung

Auch Davis wurde an diesem Abend bei der Golden-Globes-Verleihung ausgezeichnet. Dieses Mal als beste Nebendarstellerin in Denzel Washingtons Drama Fences. Darin spielt sie die Ehefrau eines Sportlers, der an den sozialen Konventionen seiner Zeit zerbricht und als Müllmann im Amerika der 1950er sein Dasein fristet. Am 26. Februar könnte sie dafür auch erstmals den Oscar bekommen.

Es ist bereits ihre dritte Oscar-Nominierung. Nach Doubt (2008), wo Davis als Mutter eines vermeintlich missbrauchten Sohns neben Meryl Streep brillierte, und nach dem Rassendrama The Help (2011), in dem sie das stoische Kindermädchen Aibileen spielte. Und dieses Mal werden ihr gute Chancen auf die Trophäe eingeräumt. Dass eine schwarze Frau bereits zum dritten Mal für die Auszeichnung nominiert wurde, gab es bisher auch noch nicht.

Doch sind es nicht ihre Kinofilme, die Viola Davis zum Gesprächsthema gemacht haben, es ist vielmehr ihre Figur in How to Get Away with Murder. Seit zwei Jahren spielt sie die Anwältin und Universitätsprofessorin Annalise Keating. Es ist keine eindimensionale Darstellung einer toughen Karrierefrau in schicken Kostümen und mit bedeutungsschweren Auftritten vor Gericht, sondern die einer Getriebenen, die Folge um Folge mit ihren Dämonen ringt. Davis mimt Keating als Frau mit all ihren Höhen und Tiefen. Mit scharfem Intellekt und Eloquenz, mit sinnlicher Selbstsicherheit und destruktiver Versagensangst – und mit einem Alkoholproblem und der Gabe, selbst ihre engsten Vertrauten zu manipulieren, wenn es der Sache dient.

Die Rolle verdankt sie Shonda Rhimes, der Hohepriesterin des amerikanischen Fernsehens. Mit Serien wie Grey’s Anatomy, Private Practice und Scandal dominiert die 47-Jährige den Feierabend ihrer Landsleute. Ohne Rücksicht auf Verluste schleift die Afroamerikanerin ihre Serienheldinnen von einem Trauma ins nächste und wirft ganz nebenbei tradierte Stereotype von Rasse, Alter und Gender über den Haufen. Und wie keine andere Produzentin zuvor gibt Rhimes schwarzen Frauen eine Bühne, auf der sie ihre Figuren in all ihrer Komplexität entfalten können.

Angefangen mit Dr. Miranda Bailey in der Arztserie Grey’s Anatomy, in der Chandra Wilson in einer Nebenrolle als launische Ärztin irgendwann die Leitung des gesamten Krankenhauses übernimmt, bis hin zur Krisenmanagerin Olivia Pope, verkörpert von Kerry Washington, die in Scandal als Puppenspielerin von Washington, D. C., alle Fäden in der Hand hat, inklusive des US-Präsidenten, ihres Geliebten, den sie gelegentlich zur Räson brüllt.

Stark und selbstbestimmt sind diese Frauen, aber auch sexy, witzig und verwundbar. Komplex eben. Doch reichen die anderen Frauenfiguren nicht an jene der Annalise Keating heran. Während Dr. Bailey im Grey’s-Universum lediglich eine Randfigur gibt und Olivia Pope mehr den Status einer unnahbaren Superfrau in hautengen Hosenanzügen genießt, ist Keating um ein paar Facetten reicher. Und das liegt nicht zuletzt an ihrer Darstellerin.

Viola Davis ist 51 Jahre alt – und sie hat den Körper einer 51-Jährigen. Und sie ist schwarz, kein Milchkaffee-Halle-Berry-Schwarz, sondern jenes dunkle Schwarz, das in Hollywood nur in zwei Rollen gecastet wird: als aufopfernde asexuelle Mutter oder als missbrauchtes Opfer, beide Charaktere am besten beheimatet in einem baumwollpflückenden Plantagenmilieu oder inmitten eines Bandenkrieges rivalisierender Ghettowohnblöcke.

Gut gemeinte Ignoranz

Hollywood sieht nicht vor, dass Frauen mit dunkler Hautfarbe komplex sind. Ein Missstand, den Davis immer wieder anspricht. Unvergesslich ist ihr Auftritt unmittelbar vor der Oscar-Verleihung 2012. Das Magazin Newsweek hatte eine Runde hochkarätiger Stars zusammengetrommelt, um ihre Rollen in den aktuellen Anwärter-Filmen Revue passieren zu lassen. Als Davis zu Wort kommt, kritisiert sie die Filmindustrie, in der für Frauen ihres Alters mit ihrer Farbe und ihrer Statur keine Rollen geschrieben werden. Ihre Kollegin Charlize Theron unterbricht sie dabei mit einem „Du musst aufhören, so etwas zu sagen. Du siehst nämlich verdammt heiß aus!“.

Es war wohl gut gemeint, aber es klang, als wäre Davis ein verunsichertes Mädchen, das seine Komplexe ausbreitet, um nach Komplimenten zu heischen. Einmal mehr wurde so mit Therons Bemerkung klar, wie wenig das weiße Hollywood sein Diversitätsproblem reflektiert.

Doch Viola Davis hat einen langen Atem. Sie wird nicht müde, Hollywoods blinde Flecke zu thematisieren. Am eindrucksvollsten tat sie es bisher bei der Emmy-Verleihung im Vorjahr. Als erste Afroamerikanerin gewann sie den wichtigsten US-Fernsehpreis. Ruhig zitierte sie damals die schwarze Menschenrechtsaktivistin Harriet Tubman: „In meiner Vorstellung sehe ich eine Linie. Und jenseits dieser Linie sehe ich grüne Felder, schöne Blumen und schöne weiße Frauen, die ihre Arme nach mir ausstrecken. Aber irgendwie schaffe ich es nicht über diese Linie.“

Dann hielt Davis in ihrer Rede kurz inne. Ihre Stimme zitterte, bevor sie laut und bestimmt fortfuhr: „Das Einzige, was women of color von allen anderen trennt, sind Gelegenheiten. Du kannst keinen Emmy für Rollen gewinnen, die es einfach nicht gibt.“ Vielleicht haben die Produzenten an diesem Abend mitgeschrieben. Und falls nicht, wird sie Viola Davis bei der Oscar-Verleihung Ende Februar sicher noch einmal daran erinnern.

06:00 07.02.2017

Kommentare