Michael Angele
17.03.2010 | 13:00 117

Starke Beißhemmung

Buchmesse In der Literaturkritik wird viel und gerne gelobt, aber kaum noch verrissen. Das ist nicht gut. Ein Plädoyer für den Verriss

Der Verriss hat sich still und leise aus der deutschen Literaturlandschaft verabschiedet. Wenn nicht alles täuscht, werden die Klagerufe jedoch stärker; neulich rief Frank Schirrmacher im Literarischen Colloquium Berlin nach einem neuen Marcel Reich-Ranicki. „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen“, hatte Reich-Ranicki vor 35 Jahren über Martin Walsers Roman Jenseits der Liebe gerichtet (vgl. Freitag v. 4. 3. 2010).

Der Ruf nach einem neuen Reich-Ranicki wird für (fast) jeden sofort nachvollziehbar, der sich das Literarische Quartetts in Erinnerung ruft. Was für ein Temperament, was für eine Urteilskraft. Wohlgemerkt, wir sprechen von Verriss, nicht von Kritik. Der Verriss verhält sich zur Kritik wie der Jubel zum Applaus; er will grandios oder maßlos oder beides zugleich sein, er ist rechthaberisch und aggressiv. Gestandene Schriftsteller fühlten sich nach einem Verriss ebenso „vernichtet“, wie fürsorgliche Stimmen heute warnen, dass Jungschriftstellerinnen durch Lobhudeleien mundtot gemacht werden.

Obwohl Marcel Reich-Ranicki auch ein Büchlein mit dem Titel Lauter Lobreden veröffentlicht hat, ist sein Name emblematisch mit dem Verriss verbunden. Noch bekannter als sein Buch Lauter Verrisse dürfte nur seine Autobiografie sein. Wer Mein Leben gelesen hat, weiß, was dem bald 90-Jährigen die Literatur bedeutet: Alles. Das eine (der Verriss) ist eben ohne das andere (die existenzielle Bedeutung der Literatur) nicht zu haben. Schlechte Romane sind für ihn nicht einfach misslungen, sondern extreme Ärgernisse, Lebenszeitverschwendung. Der Verriss verwandelt den Text eines Autors vor aller Augen in ein libidinöses Objekt zurück, deshalb, so eine akademische Antwort, ist er gut für die Literatur als Massenphänomen. Die Massen brauchen diesen „heißen“ Draht. Aber natürlich ist Literatur letzten Endes halt doch nur Literatur. Ohne selbstironisches Bewusstsein, ohne den theatralisch fuchtelnden Zeigefinger, mit dem Reich-Ranicki das Prekäre und Peinliche an seinem Literaturrichteramt zur Schau gestellt hatte, wäre das Spektakel unerträglich gewesen.

Und heute? Vor ein paar Jahren entzündete sich ein Literaturstreit an Volker Weidermanns Lichtjahre, einer Literaturgeschichte, die enthusiastisch und anekdotenreich, aber recht unkritisch geschrieben war. Einen „Emphatiker“ nannte Hubert Winkels ihren Autor, im Unterschied zum „Gnostiker“, dem Kritiker, der die undankbare Kärrnerarbeit am anspruchsvollen Werk leistet. Man sah den Gnostiker, nicht zu Unrecht, nicht ohne Ressentiment, vom Emphatiker überrollt. Dieser ist nun einmal der Zampano im Dienste der Verbreitung der Literatur.

Vor den Kopf stoßen!

Während der Gnostiker immer noch seine Nischen findet, im großartigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, natürlich im Zeitungs-Feuilleton und auch im Internet, breitet sich der Emphatiker zwar aus, aber er agiert mit halber Kraft. Von den beiden großen Formen der emphatischen Literaturkritik hat eben nur die eine, die Lobrede, überlebt. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Wer loben will, muss auch verreißen können. Es ist ja kein Zufall, dass nur die Lobrede überlebt hat; zwischen Schriftsteller, Lektoren, Agenten und Kritikern herrschen innige Verhältnisse, die während einer Buchmesse besonders anschaulich werden. Aber es genügt, einen Blick auf die Freundeslisten von Facebook zu werfen, um die Zusammenhänge zu erkennen. Wo alle mit allen befreundet sind, fällt der Verriss schwer. Den Freund stößt man nicht vor den Kopf.

Wirklich nicht? Der „Literaturbetrieb“ war ja zu den Glanzzeiten von Marcel Reich-Ranicki kaum anders gestrickt als heute, wie der neue Band der Tagebücher von Martin Walser eindringlich belegt. Aber dieser Band gibt eben auch Auskunft darüber, wie sehr da einer rücksichtslos sein konnte. „Ich hatte letzten Sommer (…) gefunden, dass R-R nett sein konnte, liebenswürdig (…). Deshalb war ich vielleicht auch von diesem Artikel so überrascht.“ Die große, sträflich unterbewertete Tugend, seinen „Freunden“ vor den Kopf zu stoßen, bräuchte es unbedingt für eine Renaissance des Verrisses.

Wo fände er seinen Platz? Der Verriss braucht ein breites Publikum, damit die große Geste ankommt. Vermutlich wird man ihn bald wieder vermehrt in der FAS lesen, und wohl auch in der Zeit, wenn man sich daran erinnert, dass Florian Illies neulich für den Vatermord in den Künsten plädiert hat. Aber eigentlich gehört er auch in die elektronischen Massenmedien. Ins Internet? Da ist ja schon einmal ein Emphase-Unternehmen gescheitert. Nachdem Elke Heidenreich sich mit dem ZDF überworfen hatte, ist sie mit Lesen! ins Internet gegangen und so tief in die Bedeutungs­losigkeit gefallen, dass sie schließlich aufgab. Vielleicht ist das Internet einfach zu disparat, die Aufmerksamkeit darin zu breit gestreut. Könnte man nicht Harald Schmidt zwingen? Die Literatur liebt er. Das Theater auch. Im Fernsehen ist er. Auch Schmidt ist ja einseitig zum Lobhudler verkommen. Seit Jahren wendet er den Imperativ „de mortibus nihil nisi bene“ auf den Kulturbetrieb an und preist seine Gäste aus diesem Prinzip heraus. Ein vergiftetes Lob also. Es steht am Anfang vieler großer Verrisse.

Kommentare (117)

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carl-gibson 18.03.2010 | 17:26

Einen "Verriss" zu schreiben oder ihn apodiktisch im Fernsehen zu verkünden, setzt zwei Dinge voraus: Eine "geistig-moralische Autorität" verbunden mit literaturwissenschaftlicher Kompetenz und "Unabhängigkeit" von Medien (Fernsehen, Zeitungen) bzw. von Verlagen.
Marcel-Reich Ranicki hatte Jahrzehnte hindurch nahezu beides, doch nur nahezu, denn die Schar derer, die seine literaturhistorische Kompetenz bezweifelten, war nicht allzu gering, weder in der Wissenschaft, noch im Kreis der Literaten und Autoren. Trotzdem hatte Marcel Reich-Ranicki in der FAZ und im "Literarischen Quartet" eine Art Übermachtstellung inne, die ihm apodiktische Beurteilungen ermöglichte, "Verrisse", die manchmal nichts anderes waren als ressentimentbestimmte Abkanzelungen subjektiver Art, gelegentlich gar aus persönlichen Aversionen heraus (Martin Walser). Doch wie frei war "Literaturpapst" M. Reich-Ranicki wirklich?
Diese Frage stellt sich, wenn man sein Verdikt zum letzten Literaturpreis zur Kenntnis nimmt, sein Machtwort zum Sujet Herta Müller.
Aufgefordert, sich zu äußern, sagte Marcel Reich-Ranicki nur: "Kein Kommentar"!
Was ist das - ein "Verriss"? Ein Totalverriss?
Wer liegt da auf einmal falsch - der "Sainte Beuve" der Bundesrepublik oder das schmale, höchst kontroversierte Werk von Herta Müller?
Wer spricht da "Klartext"? Der Oberkritiker, der aussagt, da gäbe es nichts zu kommentieren, zu kritisieren, zu verreißen? Ex nihilo nihil? Wo nichts ist, kann auch nichts verrissen werden?
Oder wollte Reich-Ranicki doch ein Machtwort sprechen - und jemand hielt ihn zurück? Auch Reich-Ranicki ist "Autor", auch er veröffentlicht in einem großen Verlag -und auch er hat viele liebe Kollegen, die er nicht etwa mit einem Radikal-Verriss von nobelpreiswürdiger Literatur vor den Kopf stoßen will.

Ein "Verriss" ist an sich immer geschäftsschädigend und kann einen kleinen Verlag, der alles auf eine Karte, sprich auf ein gutes Buch eines talentierten Autors gesetzt hat, schnell in den Ruin treiben - und nebenbei den Autor auch psychisch zerstören, seine schöpferische Kraft für alle Zeiten lähmen.
Deshalb ist Vorsicht angesagt, gerade bei apodiktischen Urteilen und Verrissen von der Kanzel herab.
Ein schöngeistiges Werk, Literatur, Kunst entstehen in Jahren mühseliger Arbeit - verrissen wird ein Buch mit einer Sentenz, wobei nicht einmal festgestellt werden kann, ob der über das Werk Urteilende dieses gelesen und verstanden hat.
Marcel Reich-Ranickis literarische Ziehtochter Elke Heidenreich hat im ZDF hoch gepokert und verloren; sie hat sich selbst schachmatt gesetzt, weil sie Dinge durchsetzen wollte, die nicht durchzusetzen waren. Was sagte sie zu Herta Müllers Nobelpreis? Soviel wie ihr Mentor - nichts!
Aber sie kommentierte Herta Müllers Frisur ... und heute, nachdem ihr Internet-Projekt, Werke zu besprechen, nicht angekommen ist, findet die bekannte Literaturkritikerin und Moderatorin kaum noch Gehöhr.
Elke Heidenreich und Herta Müller veröffentlichen im gleichen Verlag (Rowohlt) - ist da noch "objektive" Kritik möglich?
Ist da ein freies Urteil möglich, wenn man damit möglicherweise das eigene Verlagshaus schädigen könnte?
Es ist zwar einfach mit einem "Verriss" einen unbekannten Autor ohne Lobby zu vernichten; wenn aber massive Protektion (wie im Fall von Herta Müller) und substanzielle Geschäftsinteressen (Millionenumsätze bei einer Nobelpreisträgerin) dahinter stehen, wird jeder Kritiker sich hüten, es sich mit allen (Mächtigen) zu verderben.
Da sagt man besser "Kein Kommentar" und ärgert sich im privaten Kreis. (Nur sagt auch das Negierende "Kein Kommentar" mehr als tausend Worte.)
Was ist das Gegenstück zum Verriss? Die "wohlwollende Rezension", die oft schon fertig in der Schublade befreundeter, beauftragter Rezensenten liegt, noch bevor das Buch auf dem Markt ist. (Seit etwa 30 Jahren beobachte ich diese Praxis, wie ein Buch "gemacht" oder wie Autoren vernichtet werden: Den Stab über anderen zu brechen ist einfach, gerade wenn man es mit den Kriterien literarischer Wertung nicht so genau nimmt! Ein geistig-literarisches Kunstwerk aber selbst zu erschaffen, ist schon etwas diffiziler!
Wie war das doch gleich mit den Kritikern, die eigentlich nur verhinderte Künstler waren ... und mit der Destruktion aus dem Ressentiment heraus?
Carl Gibson

thinktankgirl 18.03.2010 | 17:28

Der Reich-Ranicki war mir erst nur aus dem Fernsehen bekannt und unsympathisch, bis er sich für eine Gastlesung an unsere Uni verirrte und mich seine Leidenschaft, die man ja auch für den Verriss braucht, und Verve beeindruckte.
Sinngemäß sagte er damals auch: Der erste Satz eines Romanes reicht, um zu beurteilen, ob es ein gutes Buch ist. Und fast jedesmal, wenn ich ein Buch beginne erinnere ich mich daran und stelle fest, daß er recht hatte.

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magnus-goeller 18.03.2010 | 22:25

@thinktankgirl
@ Blogautor

Liebes Girl: "Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat, und gieng in das Gebirge".

Haben, hätten Sie an diesem ersten Satz wirklich die Qualität von Nietzsches epochalem Werk erkannt? Oder Reich Ranicki? Naja...

Weitere erste Sätze spare ich mir vorerst.

Lieber Herr Angele: Ihren Halbsatz "Der Verriss verhält sich zur Kritik wie der Jubel zum Applaus" begriffe ich gerne; allein ich vermag es nicht.

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weltzeituhr 18.03.2010 | 23:04

"Der Verriss hat sich still und leise aus der deutschen Literaturlandschaft verabschiedet."

Ist es nur die Literatur? Ich stellte sehr schnell fest, als ich 1985 endlich ....in die BRD ausreisen durfte, dass ich nur auf Heuchelei, Intrigen " stieß. Auch wie "Beziehung ist das halbe Leben", ich fühlte mich wie im Betrieb der Volkswirtschaft. In der DDR wurden die Volkkgüter aus Not verschoben, aber in der BRD aus materieller Sucht,es waren damals schon die "Experten" der gehobenen Klasse.

Es sind unterdessen 30 Jahre vergangen, meine Meinung sage ich immer noch, aber wie bisher mit Konsequenzen.

Katharina Körting 19.03.2010 | 00:03

Humor oder nicht - natürlich hat er Recht! Jedenfalls, wenn man Kulanz walten lässt und „erste Sätze“ bzw. „erster Absatz“ versteht.

Hier eine kleine Auswahl zum Beweis – von „unterhaltsam“ bis „ernst“ (U oder E interessiert mich nicht, mich interessiert nur, ob es gut ist, und "gut" heißt immer auch: lesbar), quer durch die Zeit und die Nationalitäten:

„Mein Vater ist vor einem Jahr gestorben. Ich glaube nicht an die Theorie, wonach man beim Tod seiner Eltern RICHTIG ERWACHSEN wird; man wird nie RICHTIG ERWACHSEN.“ (Houellebecq, Plattform, 2001)

„Unser Zeitalter ist seinem Wesen nach tragisch, darum weigern wir uns, es tragisch zu nehmen.“ (D.H. Lawrence, Lady Chatterly, 1954)

„Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, - nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gusnten denn doch erinnert werden sollte, dass es SEINE Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.“ (Thomas Mann, Der Zauberberg, 1924)

„Früh am Morgen, Ende des Jahrhunderts, Cricklewood Broadway. Um 06.27 Uhr am 1. Januar 1975. Alfred Archibald Jones trug Kord, saß in einem abgasgefüllten Cavalier Musketeer Estate, den Kopf ans Lenkrad gelehnt, und hoffte, dass das göttliche Gericht nicht zu hart mit ihm umgehen würde.“ (Zadie Smitz, Zähne zeigen bzw. White Teeth, 2000)

„Ich bin am vierten Januar 1951 geboren, in der ersten Woche des ersten Monats des ersten Jahres der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.“ (Haruki Murakami, Gefährliche Geliebte, 1992)

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine „ungeheure Warenansammlung“, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“ (Marx, Das Kapital, 1867 – okay, kein Roman, klingt aber so -)

„Meine Mutter steht vor dem Badezimmerspiegel und reicht blitzblank und fertig – nach Jean Naté, Dippity Do und der wächsernen Süße von Lippenstift.“ (Augusten Burroughs, Krass, 2002)

„Was, wenn die Urenkel der Nihilisten längst ausgezogen wären aus dem staubigen Devotionalienladen, den wir unsere Weltanschauung nennen?“ (Juli Zeh, Spieltrieb, 2004)

„Ob ich erklären kann, warum ich von einem Hochhaus springen wollte? Selbstverständlich kann ich erklären, warum ich von einem Hochhaus springen wollte. Ich bin ja kein Vollidiot.“ (Nick Hornby, A Long Way Down)
„Gestern. Wann war gestern? Gestern habe ich meinen Namen vergessen.“ (Zoé Valdés, Café Cuba, 1997)

„Heute war ich nicht in der Schule. Das heißt doch, ich war da, aber nur, um mir vom Klassenlehrer freigeben zu lassen. Ich habe ihm das Schreiben meines Vaters überbracht, in dem er wegen „familiärer Gründe“ um meine Freistellung nachsucht. Der Lehrer hat gefragt, was das für familiäre Gründe seien. Ich habe gesagt, mein Vater sei zum Arbeitsdienst einberufen worden; da hat er weiter keine Schwierigkeiten gemacht.“ (Imre Kertész, Roman eines Schicksallosen, 1975)

„In meinen jüngeren Jahren, als ich noch zarter besaitet war, gab mein Vater mir einmal einen Rat, der mir seitdem immer wieder durch den Kopf gegangen ist. „Bedenke“, sagte er, „wenn du an jemand etwas auszusetzen hast, daß die meisten Menschen es im Leben nicht so leicht gehabt haben wie du.“ (F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby, 1925)

„“Es war ein Hilfeschrei“, erklärte ihm die junge Frau und schmiegte sich genüßlich in ihre Kissen. „Sind Selbstmordversuche doch fast immer, meiner war jedenfalls einer. Also los. Helfen Sie mir.“ (Celia Fremlin, Parasitenperson, 1991)

„Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden AChilleus,/Ihn, der entbrannt den AChaiern unnennbaren Jammer erregte,Und so viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Ais/Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,/Und dem Gevögel umher. So ward Zeus Wille vollendet:/Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten/Atreus Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.“ (Homer, Ilias, früher - okay, auch kein Roman, aber vielleicht doch?)

Eigentlich ist es doch ganz simpel: Will man weiterlesen – oder nicht?

Und natürlich sind Romananfänge wie auch Romane u.A. – Geschmackssache, deshalb hier noch mein allerliebster:

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ (Anna Karenina, Tolstoi, 1877)

herzlich
katharina

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carl-gibson 19.03.2010 | 00:39

Während meiner Studienzeit kreuzte einmal ein "deutscher Professor" meinen Weg, der eine Lehrveranstaltung über "Roman-Anfänge" abhielt. Kollegen spotteten darüber: Er wolle sich das Lesen des Romans ersparen! Der Mann war ein Gegner des "Leistungsprinzips" an der deutschen Hochschule in Forschung und Lehre, ergo begnügte er sich mit dem Anfang ... schließlich war im Anfang das Wort ...
Später las ich Autoren, die einfach drauf los schrieben, ohne etwas von Romantheorie gehört zu haben. Ihre "Romane" hatten weder Anfang, noch Ende, noch hatte sie etwas mit dem "nouveau roman" zu tun, der all das nicht braucht.

Der erste Satz: Eureka! reicht da noch lange nicht aus. In vielen Werken muss man sich zur Essenz durchkämpfen.

Aus dieser Einsicht heraus schlagen manche Leser das Buch irgendwo auf ... und lesen ... wenn es ihnen gefällt, was sie vorfinden, lesen sie weiter, sonst legen sie das Buch aus der Hand.

Für eines meiner Bücher gab ich eine Leseempfehlung heraus ( a la Ezra Pound - How to read ...) mit dem Hinweis, man könne von hinten nach vorn lesen, nur in der Mitte irgendwo, selektiv oder von Alpha bis Omega wie seit tausenden von Jahren hier in Europa, bzw. man könne das Werk auch links liegen lassen .. oder rechts!

Reich-Ranicki machte es sich oft einfach mit seinen Bewertungen ... und war oft auch ungerecht.
Da ich selbst schon Opfer eines (höchst wahrscheinlich bestellten) Verrisses wurde, weiß ich, wohin das führen kann, in jahrelange Apathie, Lähmung, Resignation.
Haben Kritiker je über die Früchte ihrer Destruktion nachgedacht?
Carl Gibson

chrislow 19.03.2010 | 01:47

Na, der Applaus ist doch nur das wohlwollende Zugeständnis, wenn einer mal nicht hingehört hat - oder weil gerade alle klatschen. Beim Jubel reisst es einen wohl schon mal vom Stuhl und aus den Socken.... oder?

Nun scheint der vergleich mit dem verriss wohl ... ja, wie denn nun? Ist ein oberflächlicher verriss nun der beiläufige Applaus oder der emotionale Ausbruch einer Abneigung - also ein Jubel, nur andersrum?

Katharina Körting 19.03.2010 | 09:10

@leelah: einen habe ich (neben vielen anderen) noch vergessen:

"Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen LÖwen, jetzt kopflos, haben sie angeblickt. Diese Festung, einst uneinnehmbar, ein Steinhaufen jetzt, war das letzte, was sie sah." (Christa Wolf, Kassandra, 1983)
Einen stärkeres Ende als Anfang ist mir noch nicht untergekommen.

@Carl Gibson: Was hat ein Leistungsprinzip mit Leselust zu tun? Und wer hätte behauptet, dass es mit dem ersten Satz getan wäre? Aber Sie haben Recht: Manche Bücher fangen blöd an und gehen trotzdem gut weiter. Dennoch bekenne ich mich als Erstsatz-Entscheider: Im Buchladen ist das, neben einer Art Wünschelrutengang mit halb geschlossenen Augen, mein Kriterium - es sei denn, jemand hat mir ein Buch empfohlen. Und: Ich wäre die letzte, die MRR als Kritikergott verteidigt :)
Aber: Wer schreibt, muss damit rechnen, verrissen zu werden. Das etwas der Öffentlichkeit gibt, muss mit deren Reaktionen - und den Eitelkeiten und Überreaktionen etc. der wie auch immer bestellten bestellten oder (selbst)ernannten Kritiker - umgehen können (oder lernen). Sonst sollte der Text tunlichst in der Schublade bleiben.

Herzlich
katharina

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matisse 19.03.2010 | 10:22

ein mit mir befreundeter literaturkritiker gestand
sich bereits nach dem ersten glas rotwein ein:
"man sollte uns alle für überflüssig erklären, vieles ist austauschbar und nicht selten von beziehungs- u. abhängigkeitsgeflechte gegenüber verlage, zeitungen.., beeinflusst, erst recht wenn man als freischaffender journalist und redakteur davon lebt".

die plazierungen innerhalb der sogenannten bestsellerlisten, wie z.b. im spiegel, verraten
die deutliche einflußnahme größerer verlage, da sind
kaum enthusiastische zufälle im spiel, eher absprachen und gesteuerte rezensionen.
ich arbeite u.a. für verlage.

für mich persönlich waren bzw. sind weder die
kritiken einer madame löffler, eines marcel reich-ranicki oder h. böttiger usw. für eine kaufentscheidung eines buches ausschlaggebend, sondern mein anspruch, meine neugier und interessen.

zum ersten satz eines romans und das daraus resultierende weiterlesen oder nicht:
dann sollten alle (kunst)museen ihre exponate zunächst nur gucklochweit - schreiben wir großzügigerweise im ausschnittformat von 5 x 5 cm oder für bebrillte mitmenschen im format von 10 x 10 cm - präsentieren. wer mehr sehen möchte, darf den roten knopf gleich unterhalb des titelschildes drücken, diesen betrachtern offenbart sich dann das gesamte kunstwerk, exponat...
bei mini- u. kleineren exponaten kommt man nicht umhin lupen verwenden zu müssen.
man denke sich das am beispiel der nachtwache vom rembrandt, mein lieber kokoschinsky! ich möchte nicht derjenige sein, der entscheiden muß, welches detailchen man nehmen sollte.
die spitze einer der lanzen wäre aber mit sicherheit
keine gute (aus)wahl :-)

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carl-gibson 19.03.2010 | 10:55

Spitz und prägnant auf den Punkt gebracht, el greco!
Maler und Philosophen verstehen etwas von "Perspektiven", nicht nur in Sachen Wahrheitsfindung.
Wer andere Kunstwerke kritisch analysiert, sollte auf seine "Warte" achten, auf seine Ausguckposition, auf seine Befähigung (Kurzssichtigkeit?) und auf die vielen Zerrperspektiven und Hohlspiegelbilder, die ihm die Welt vorgaukelt.
(Ganz abegsehen von Instrumentalisierung, Manipulation durch andere.)

Gerade größere Werke ( auch in der Literatur) sind duchkomponiert, haben unterschiedliche Strukturen bzw. Gesichter.
Wie soll eine Kritik gelingen, wenn Konzeption und Intention des Autors (schon aufgrund des inadäquaten Zugangs) verkannt werden?

Das Gerede beim "Literaischen Quartett" mit Selbststilisierung ist eine Gauklerveranstaltung für die Ahnungslsoen aus der breite Masse, die selbst nie schreiben werden und die auch keinen eigenen Literaturgeschmack entwickeln werden, weil das Kunstsensorium schlechthin fehlt. Solche Leute sind dann auch von einem "Verriss" beeindruckt, von Preisen und Lobhudelei ... nach dem Motto:
Es muss doch etwas dran sein, wenn man(MRR!) das Buch im Fernsehen bespricht, wenn es gar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird ...
So denkt die Masse!

Man kann hochgeistig über fragwürdige, bis schlechte Literatur reden; im Grunde aber
führt jedes apodiktische Urteil, jeder "Verriss" sich genauso selbst ad absurdum wie die unbegründete Lobhudelei.
Carl Gibson

Columbus 19.03.2010 | 11:16

Lieber Herr Angele,

Bevor es um „Verrisse“ und „Verbisse“ in der Literaturktitik überhaupt noch einmal gehen könnte, müssten doch Literaturkritiken, und zwar viele davon, überhaupt erst her! - Es reicht nicht, zu behaupten, dieses oder jenes Werk sei lesenswert, relevant, ein Meilenstein der Kultur, der Schriftstellerei oder der Poesie. Der Nachweis muss vom Kritiker erbracht werden, wie je der Nachweis für das genaue Gegenteil.

Meine bescheiden vorgetragene Meinung dazu: Das geht sogar im TV, das geht knapp und zeitsparend, sogar mit Würze und Witz, so wie in Sekundenschnelle ein Denis Scheck mit seinem Team es schafft die bekannte Rampe zu füttern. - „Veriss“, nie ohne Zitat und nachvollziehbare Begründung! - Der Mann kommt vom Hörfunk und da geht es um drastisch zugespitzte Konzentration, weil sich da nur ein Informationskanal öffnet. Es geht um die Mühe, die das Herstellen von Nachvollziehbarkeit, das ist die wichtigste Kategorie, zusätzlich mit sich bringt. - Kulturelle Urteile müssen, wie Diagnosen, nachvollziehbar sein, oder sie sind, positiv, wie negativ, nur destruktiv. Da hilft kein Wunsch nach dem „Gnostiker“, dem „Emphatiker“, oder nach dem Auftritt lieraturkritischer „Zampanos“. - Wobei, selbst gestandene Literaturkritiker und kennende Leser, unter „Zampano“ ganz unterschiedliche Bedeutungen assoziieren, selbst wenn sie häufig ins Kino gehen.

Ihre These läuft aber auf Literaturpräsentation auf einer ganz, ganz anderen, nicht besseren, sondern eher verflachteren Ebene hinaus, für die z.B. der feuilletonistische Chefredakteur Angele am besten sofort eine zusätzliche Bewerbung bei einer der Sendeanstalten abgeben müsste. - Sie machen das dann, das ist gewiss, schon irgendwie gut. - Ihre Vorbilder und eindrücklichen Literatur-Vermittler der jüngsten Tage und der imaginierten, schönen nächsten Zukunft, nannten Sie bereits: M.R.R., Elke Heidenreich, Florian Illies und Harald Schmidt.

Was soll ich Ihnen dazu schreiben? Ich kann da nur lächeln, ob dieser Auswahl. Das ist letztlich zunächst Gefühls- und überhöhendes Meinungsdeutsch, gefolgt von der „Welt- und Feuchtgebietsliteratur“ aus Fimoknetmasse, mit Legostein, an Playmobil, mit ein paar Witzchen garniert.

Das geht grundsätzlich auf Kosten anderer, grundsätzlich ohne Selbstironie und grundsätzlich vom Ton her, immer von oben herab. Sogar das Lob wird gnädig verschenkt, weil man die Literatur für ein sterbendes Genre hält und dann als "Kulturförderung" missverstanden. Das war es dann schon.

Nein, so wollen Sie, lieber Herr Angele, doch nicht enden. Auch wenn mir bewusst ist, wie verlockend die täglich eingehenden Traumangebote aus dem kleinen Hollywood der Zyniker, aus dem Studio in Köln-Mühlheim, sein müssen, wenn man da immer aus der Freitagsperspektive auf den offenen Hosenschlitz hin starrt.

Da liegt auch der Hase im Pfeffer, - Sie merken, es wird bald Ostern und mir läuft das Wasser im Munde zusammen. -, denn Literaturkritiker müssen vor allem viel Lesen und dazu Schreiben, das ist eine sehr harte, auslaugende Angelegenheit, so eine Art journalistischer „Zölibat“. Bei Ranicki macht sich das, fürs Publikum eher ein Nebenkriegsschauplatz, in einer regen Herausgebertätigkeit und früh im Lob für „Lieblinge“ bemerkbar. Hier konnte er sammeln und zusammen stellen, milde sein und häufig auch sehr großzügig.

Wer will das persönlich noch, wenn es anders, nämlich in Form des anerkannten, prominenten „Verisses“ oder der „Lobhudelei“, so viel einträglicher ist, auch mehr mediale Kontakte einträgt?
Welcher Buch- und Zeitungsverleger bestellt sich schon gerne den literarischen Scharfrichter ins Haus?

Sitzfleisch, Nerven, eine innere Ruhe, zum Ausgleich für tägliche Konzentration und beständige Genauigkeit, eine nie endende Neugierde, Interesse am jeweiligen Gegenstand, sind wohl zwingende Voraussetzung für einen guten Kritiker. - Man kann weder Literaten, noch das Publikum zum Spaß an der Freude testen. Das ist nicht sauber und der Trick bereits bekannt.

Weil diese Grundregeln nicht beachtet werden, schreiben heute viele Feuilletonisten wiederum nur für und gegen andere Feuilletonisten, mit zynischem oder eben hymnischem Unterton, währenddessen die Literaturkritik in den Massenmedien, dazu gehören die großen Konzernzeitungen, eine Angelegenheit des prominenten Testimonials, der Statements, der Häppchenjournalisten wurde oder sogar vor allem auf die vortragende und urteilende Persönlichkeit des Kritikers selbst abstellt.

Ein hervorragendes Beipiel dieses Faches, ist der von Ihnen genannte Florian Illies, der sich permanent weigert, für seine Kunst- oder Literatururteile nachvollziehbare Begründungen zu liefern. Das geht, so lange man es trotzdem im fettesten Blatt des Landes tun darf.
In diesem Sinne war M.R.R. bei der FAZ und vorher bei der ZEIT, wirklich ein ganz anderes Kaliber! Ohne Begründungszusammenhang kein Urteil. Und dort, wo er nicht viel wusste, oder sich kein Wissen aneignen mochte, da hielt er lieber die Klappe und ließ andere schreiben.

In der Kategorie die Sie definieren, bei dem „Verisskünstler“ und Vernichter aus Leidenschaft, wie bei seinem Pendant dem lobenden „Emphatiker“ mit gleicher Prädisposition, nur umgekehrtem Vorzeichen, -mit Verlaub ich kann mit diesen weitgehend im Schwammigen und Ephemeren dahin trudelnden Kategorien nicht viel anfangen- , der nur fördert und lobt, vereißt oder kritisiert, was er für förderlich aus reinstem Herzen und hoffentlich auch aus lesendem Wissen, für gut befindet, genügen ja ganz andere Verfahren. Der „Liiterrraturr-kriitikeer“ stellt ein Werk vor und die Vorstellung des Werks, besser des „Autorrrs“, wird damit Teil der persönlichen Verwirklichung des Kritikers am Markt.

Was aber wirklich fehlt, das ist eine Literaturkritik, die am betrachteten Werk klar machen kann, warum es gut oder schlecht, meinetwegen setzen Sie noch ein paar andere Dichotomien hier hinzu, für das Publikum sein könnte, ein Werk der Belletristik, der Poesie, der Bühne oder ein Sachbuch überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, oder warum es andererseits Zeitverschwendung sein könnte. Diese Gründe müssen einigermaßen wasserfest sein, sonst ist es doch blamabel, immer nur sagen zu können, das Buch hat mich gelangweilt, gefesselt oder gar abgestoßen, es ist schlecht, gut, überzogen, übertrieben, geklaut, ein Plagiat, es ist viel Sex drin....

Meine persönliche Meinung: Erstens gehören dazu zwar philologische Kritierien, kulturvergleichende Katergorien, also der ganzen Apparat des einmal erlernten Sezierkastens für Literatur, samt Begriffen und Argumenten, andererseits aber auch die Fähigkeit, diese Kenntnisse so einzusetzen, dass mit der Sprache nicht nur eine akademische Hohlköpfigkeit und Überheblichkeit sichtbar wird, sondern das Publikum etwas versteht.

Selbst dieses Herunterbrechen, aus dem eingefleischten Repertoire der akademischen Literaturbetrachung und der professionell erworbenen Fähigkeit, ist eine Kunst. Fritz J. Raddatz kann das, Arno Widmann bei der FR kann das auch, Hubert Winkels kann es, Carl Corino konnte es, Hans Meyer und Ludwig Marcuse beherrschten das, Heinrich Vormweg und, und, und.... - Also, ein „Verriss“, der sich einzig als Urteil aus der eigenen Person heraus liest, der ist in meinen Augen völlig wertlos. Den erkennt jeder Hansel als verblasen, völlig subjektiv, unsachlich. -Das ist dann wie bei Briefmarken oder Münzsammlern, die sich gegenseitig die Schätze ihrer persönlichen Sammlung zeigen, beim anderen aber gleichzeitig immer nach der angeschlagenen Zähnung, dem beschnittenen Eckchen, suchen.

Genau so geht es auch mit dem übergroßen Lob, der Lobhudelei, wenn die nur darin besteht, Klischees zum Literaturereignis zu stilisieren (Das war ja die Blamage weiter Teile des Feuilletons in der Causa Hegemann). - So folgt zwangsläufig die Rettung ins vermeintlich unbekannte Sujet und dort natürlich in die sprachliche Drastik. Endlich wissen wir, das ganze Volk der Leser und Seher, was im „Berghain“ so abgeht. Wir danken dem Verlag und der Feuilleton-„Hyp(nos)e-Maschine“. Das war doch „einer breiten Öffentlichkeit“, -gähn-, bisher verborgen. Und so blutjung ist dort alles, und so rücksichtslos ist das Vorgehen der Beutemacher, und so von Frische und Innovation durchzogen, die Werke, wie wir sie uns doch nur wünschen können. - Wünschen? Ja, ein Bedürfnis wurde geweckt und einige zehntausende oder hundertausende (feuchte) Exemplare werden verkauft. Mehr war da nicht.

Um es einmal an ein paar historischen Beispielen, da fällt es ja meist leichter, deutlich zu machen. Es war immer viel einfacher Siegfried Lenz oder Heinrich Böll einem breiten Publikum an zu empfehlen und es ist viel leichter einen „Veriss“ an irgend einem Grass oder Walser- Werk zu inszenieren, als z.B. einem Arno Schmidt, einem Wolfgang Köeppen, einem Hubert Fichte, oder einem Nicolas Born Kränze zu flechten, die dann auch ein Publikum erreichen. - Kompliziertere Fälle lasse ich weg, weil die sowieso niemand mehr kennen kann.

Wenn sich die Literaturkritik wieder mehr darauf besinnen könnte, statt auf den „kritischen Nachbarn“ in der Nachbarredaktion, entlang der einschlägigen Ausfallstraßen Berlins oder Hamburgs zu schielen, anstatt also, in einem seltsamen System der kommunizierenden Röhren gemeinschaftlich verbunden, vor zu gehen und ewig das Selbe durch zu kauen, dann trauten Leser diesen Kritikern auch wieder mehr über den Weg. Sonst wirkt Alles so, wie bei manchen ihrer Kollegen von der aktuellen Politik, die oftmals nur noch die DPA-Meldungen aufhübschen.

„Kunsturteile“ zu fällen, ist und bleibt ein elendes, wenn man nicht völlig abgebrüht ist, immer unbefriedigendes Tun, das nur gemildert werden kann durch große Sorgfalt und eine weniger große Klappe.

Die goldenen Zeiten des Feuilletons gab es auch früher nicht. Das ist sicher nur eine Fata Morgana in den Gedankenwindungen gealterter Vielleser. - Umgekehrt ist das Fernsehen nicht wirklich der Platz der Literaturkritik. Die Schnöselattitüde der Generation Golf, die versaut nur und taugt nichts.

Das Fernsehen könnte jedoch häufiger ein Ort für die Inszenierung von Literatur und Kunst ganz allgemein sein, direkt nach dem „Hochgebet“ der Nachrichten, nach „Heute“ und nach der „Tagesschau“, noch besser mit lauter Originalen und dann für die wahren und völlig durchgefärbten Dilettanten, mit einer „Nachbesprechung“ (Scherz!!!) um die mitternächtliche Zeitenwende.

In der ZEIT wird derzeit gerade ein Fazit des literarischen Frühjahrs gezogen, das in etwa auf dem Niveau der Beurteilung liegt, welches so genannte Weinkenner und Könner eifrig jedes Jahr pflegen. „War es ein guter Jahrgang bisher zum Frühjahr, wird es ein Besserer im Herbst.“ - Das ist in Wahrheit überhaupt kein Niveau, sondern vor allem Faulheit. Das ist absurd und völlig an der Sache vorbei, wenn auch sehr erfolgreich, weil dann nur noch mit Skandalisierungen und Aufregern, und mit dem Urteil gearbeitet werden muss. Kein Aufreger, kein Lobhymnus, kein Veriss, dann auch kein Jahrgang. - Im „Der Freitag“ erwarte ich in der Berichterstattung aus Leipzig und von sonstigen Events, z.B. von der LitCologne, mehr als das, denn das Andere gibt es ja schon bei ZEIT,Welt,Spiegel,SZ und FAZ.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

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matisse 19.03.2010 | 12:21

der weiter oben erwähnte und weinliebende literaturkritiker verspeist als nachtisch
pro woche zwischen 8 und 15 bücher;
aus was seine hauptspeise besteht, weiß ich nicht,
vielleicht aus coffee to go or literature to go.
was ich bei ihm beneide, sind die vielen - von seiten der verlage nicht selten gesandten
gebundenen ausgaben.

jeder schüler, student oder spätberufene denkt:
ach, so bücherrezensionen, dass is ja och nich schlecht, wa!

bzgl. der etablierten literaturkritikerinnen und kritiker schrieb christoph leusch ja ausführlich
und zutreffend.
dem möchte ich momentan nichts hinzufügen.

thinktankgirl 19.03.2010 | 13:58

@ Magnus Göller

Was haben Sie am ersten Satz von Zarathustra auszusetzen? Es ist ein guter Satz, der zum Weiterlesen einlädt und mich auch eingeladen hatte.
Nietzsche war ein guter Stilist. Seine Philosophie ist mir fremd, ich kann sie zwar in den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts verorten, aber vielleicht gerade deshalb erscheint sie mir nicht wirklich bedeutend in ihrer antizivilisatorischen Haltung.

thinktankgirl 19.03.2010 | 14:02

@ el greco
dann sollten alle (kunst)museen ihre exponate zunächst nur gucklochweit - schreiben wir großzügigerweise im ausschnittformat von 5 x 5 cm oder für bebrillte mitmenschen im format von 10 x 10 cm - präsentieren.

Da vergleichen Sie die berühmten Äpfel mit den ebenfalls berühmten Birnen.

Ein Bild wird im Ganzen rezepiert. Es zeigt sich uns als Ganzes, es gibt kein Anfang und Ende des Betrachtens, in dem Moment, in dem der Blick auf es fällt, sehen wir Alles. Während ein Text sich linear entfaltet, wir werden niemals in einem Blick die Gesamtheit des Werkes erfassen können.

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carl-gibson 19.03.2010 | 15:06

Diesmal kann ich Ihnen auf breiter Front zustimmen, lieber Herr Leusch!
Nur, müssen wir die Dinge so hinnehmen, wie sie gerade sind?
Bedeutet das nicht Kapitulation vor den Strukturen der Macht?

Ich erinnere daran, dass sich der streitbare, bisweilen polarisierende Martin Walser mit Marcel Reich-Ranicki angelegt und einiges an Mechanismen der Selbstdarstellung und Kompensation decouvriert hat.(Tod eines Kritikers).
Was Schirrmacher daraus machte, ist bekannt.

Wollen wir alles, was nicht stimmt, mit weltanschulichen Aspekten und "political correctness" abhandeln und die Tabus bestehen lassen?
Oder haben alle anderen Kritiker, die zufällig auch Autoren sind, noch ein Wörtchen mitzureden, obwohl man ihnen die etablierte Plattform versagt?

Der aktuelle Nobelpreis und die ungeistige, weitgehend nicht erfolgte Auseinandersetzung
mit der Materie,die diesen ermöglichte, bestätigen meine Skepsis noch.
Ein paar Lobbyisten legen fest, was Sache ist. Alle anderen sollen schweigen.
Eine kritische Diskussion ist nicht vorgesehen.
FAZ, DIE ZEIT, DER SPIEGEL etc. wissen schon, was wahr udn richtig ist, was sich politisch ziemt oder nicht (quod licet oder non licet!).

In totalitären Staaten war das nicht anders, nur plumper - hier ist manches subtiler: Verlogen und heuchlerisch ist es trotzdem.

Ich höre schon die Totenlieder, die man dem "Freitag" und dem freien Wort frohlockend singt, in der Hoffnung, dass man bald das ganze Sagen hat.

Meine Grundfragen hier: Sind wir noch frei - oder befinden wir uns auf dem Weg in eine Meinungsdiktatur, bestätigen sich mehr und mehr im negativen Sinn.

Deshalb publiziere ich und kommentiere hier wesentlich mehr,auch zu anderen Themen der Jetztzeit, als ich es vor Wochen noch vorhatte. Das ist ´die Pflicht des Zeitkritikers, der nicht nur mit der ZEIT seine Probleme hat.
Wer einmal unfrei gelebt hat weiß, was es bedeutet, nicht mehr frei argumentieren zu dürfen.
Carl Gibson

Closer 19.03.2010 | 19:14

La Bruyère formulierte: "Die Lust an der Kritik beraubt uns des Vergnügens, selbst von den schönsten Werken lebhaft ergriffen zu werden."

Ohne alle weiteren Möglichkeiten aufzuzeigen, glaube ich, dass Verrisse so unnötig sind wie ein Kropf. Wir alle lesen viel zu wenig und Bücher führen mehr denn je ein Schattendasein. MRR ist für mich ein Mensch mit Frust, der diese Enttäuschung einfach ausbreitet, ein Krawallmacher ohnegleichen. Walser hatte mit seinem Urteil völlig Recht: MRR schrieb damals einen Familienvater um Kopf und Kragen und Einkommen. Nur aus Selbstdarstellungssucht mit der sicheren Position einer FAZ Größe.

Die Aufgabe einer Rezension ist schlicht und ergreifend eine Kurz-Zusammenfassung, ohne Wertung. Sie muss deskriptiv sein, schlicht, dienend. Wir brauchen keine Oberlehrer mehr. Wir haben begonnen, selbst zu denken und zu lesen.

"Vielleicht ist das Internet einfach zu disparat, die Aufmerksamkeit darin zu breit gestreut." Völlig falsch: das Internet lehrt und läst Leute anfangen zu lesen, sie beginnen selbst zu denken und nicht durch Kritiker denken zu lassen. Dort sehen wir ein völlig neues Herangehen an Literatur.

"Alle Kritik, aller Tadel läuft auf den Satz hinaus: ich bin nicht du." (Paul Valéry)

In diesem Sinne ist die Kritik nur ein Wackelkontakt zwischen Literatur und Leser, der immer mehr wackelt, ja der durchhängt, ein windiges Nichts der großen Verlage. Niemand braucht Menschen wie MRR mehr, wir alle sind MRR.

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matisse 20.03.2010 | 09:16

hallo thinktankgirl,
ja, natürlich ist mir der unterschied zwischen lesen und betrachen sehr wohl bewusst, keine frage.

ich meinte das hier als klare und deutliche überzeichnung bzw. satire.

die rezeptionsabläufe sind mir bestens bekannt, trotzdem mille fois merci
für den hinweis :-)

übrigens: ein bildwerk erschließt sich
zwar auf den ersten blick als ein ganzes, aber die semantik, symbole, andeutungen, botschaften, usw. - selbstverständlich nicht bei allen bildern -, muss und kann man sich als betrachter durchaus erst mit der zeit erarbeiten.

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Ehemaliger Nutzer 20.03.2010 | 11:14

" ... ich habe als Objekt der Kritik, das ich Gottseidank auch bin, merkwürdige Erfahrungen gemacht.
Das sind nicht viele, die einem nach kräftigem Verriß unbefangen in die Augen sehen können – die meisten haben ein böses Gewissen, grüßen nur halb und gehen herum wie die kleinen Hundchen, die in die Stube kritisiert haben und die nun erwarten, daß man sie mit der Nase hineinstößt.

Demgegenüber stehen allerdings jene Künstler, die einen tadelnden Kritiker am liebsten erschießen möchten, und gleich – peng-peng – gehen sie auf die Motivenjagd. Frauen haben immer nur eines, jenes; Männer suchen nach Geld, nach Gründen der »Feindschaft« ... nur auf den einen Gedanken kommen sie nicht: daß dem Kritiker das Werk wirklich nicht gefallen haben könnte.
Mir klopft das Herz nicht schneller: nicht, wenn sie mich zerreißen, nicht, wenn ich sie zerreiße. Es gibt nur zwei eherne Gesetze für die Kritik: die Wahrheit zu respektieren und, von ganz seltenen Fällen abgesehn, das Privatleben des Kritisierten unberührt zu lassen.

Und weil ich das alles weiß, deshalb sortiere ich munter aus, und da steht nun dieser Kirchhof der Literatur, mit lauter Leuten, die hier den Leichnam spielen müssen, anderswo leben sie vielleicht, wer weiß das?
Es muß aussortiert werden. Es erscheinen in Deutschland täglich ungefähr 10 (zehn) belletristische Werke; die Fachliteratur steht auf einem andern Blatt der Statistik, Täglich auch nur eines dieser zehn Bücher zu lesen, so zu lesen, wie ein Kritiker zu lesen hat: aufmerksam, die zur Sache gehörige Literatur suchend oder kennend ... das dürfte nicht gut möglich sein. Deshalb muß aussortiert werden.

Wer seine Sache so ernst nimmt – zu ernst? –, der sortiert auch gerne jene aus, die sich mit ihrer Arbeit weniger Mühe geben als der Kritiker mit der Kritik. Die Mehrzahl der Autoren, deren Bücher man mir zusendet, sind ohne Fülle. Ich wittre, wie das hergestellt wird: sie verlassen sich fast immer darauf, daß ihnen bei der einmaligen Niederschrift alles Nötige einfällt. Und das gibt es nicht. Und da jedes Kunstwerk, wenn man von einigen genialen Improvisationen absieht, Mosaik-Arbeit ist, so wirkt das Zeug so leer, so nichtig, so armselig. Dann haben sie noch die Frechheit, ihre kleinen Geschichten Roman zu nennen, die armen Luder. Nichts auf der Sparkasse und dann ›groß ausgehn‹ ... sie sollen bei ihrem Schneider Schulden machen, nicht in der Literatur. Hier wird nicht gepumpt. Die werden aussortiert ... "

[Tucholsky: Die Aussortierten]

Columbus 20.03.2010 | 14:14

Lieber Herr Gibson,

Herr Angele hat ja zu mehr "Veriss" aufgefordert. Dem darf auch ein Leser nachkommen, immer mit der Gewissheit, es gibt auch heute ganz viele gute Literaturktitiker und Feuilletonjornalisten, die mit Witz, Ironie und beruflicher Ernsthaftigkeit zu Werke gehen.

Sie sind an einer Diktatur geschult und beklagen etwas, was auch DDR-Autoren oder kulturschaffende Leute aus dem Samisdat heute duchmachen. In einer offenen Gesellschaft, die ihre Verlossenheit auf manchen Gebieten hinter viel Gerede versteckt, in der eine Scheinindividualität weitgehend herrscht, tun sich die sprachlich- und gedanklich
feinziselierten und differenzierten Menschen schwer. - Das ist in einer Literatur inmitten einer Welt von Verboten eine andere Sache.

Was das Urteil zu Herta Müller angeht, da sind wir wirklich völlig anderer Meinung und ich finde eben, Sie tragen Ihr Urteil mit einer Obsession vor, die einen "Einschlag" hat. - Ich finde, das macht "hässlich".

So geht es mir auch mit manchen wohlfeilen Anregungen Herrn Angeles, und ich habe es ihm schon öfter als Kommentar geschrieben. - Ich würde ihm nichts Ausführliches hin schreiben, wenn ich nicht den Eindruck hätte, er leide an zwei Dingen. Nämlich viel zu wissen und dies auch gerne her zu geben, aber irgendwie manchmal nicht den Ton zu treffen, der auch verstanden wird. Dann kommt eine eher glossierende Zuspitzung, die Verweise auf Dekonstruktionen und die Insszenierung der Literaturkritik im "Verriss", so ein wenig überheblich daher.

Zeitens, eine Neigung zum Spiel, zum "Antesten", die mir missfällt. Das klingt manches Mal überheblich und schließt eben die Kritik aus, oder macht sie klein, weil ein Tester und Spieler nicht wirklich ernstlich kritisiert werden kann. Das wirkt überheblich und hat eine Attitüde.

Überheblichkeit ist aber, das ist mein Empfinden, immer der sichere Weg, in der Kultur, egal für welche Sparte, Fehlurteile ab zu geben.

Ich glaube aber, er meint es letztlich nicht wirklich so, sondern leidet manches Mal an eigenen, reichen Kenntnissen, an der prinzipiellen Voraussetzungslosigkeit, mit der für ein "Publikum" geschrieben, erzählt und gesprochen werden muss. Nicht etwa, weil das Publikum dumm und undifferenziert ist, sondern weil Detailkenntnisse und Maßstäbe bei jedem lesenden Menschen nicht einfach voraus gesetzt werden können. - Das Feuilleton ist als Vermittler ja primär eine "Erkläranstalt" und kein Hort der Aussortierer. Selbst ein geachteter "Verreißer" lebt davon, mindestens drei- oder vier Kollegen um sich zu haben, die dazu nicht neigen.

Bei Herrn Illies fand ich jedoch etwas ganz anderes vorherrschend. Nämlich eine Tendenz, beständig Urteile und "Neubewertungen", ohne gute Gründe ab zu sondern. Das ist letztlich zwar ein Spektakel in der First-class der Lufthansa, bei den vielen "Entscheidern", die mit dieser Weltsicht sich auch nur recht brutal Platz verschaffen, aber bezogen auf ein wirklich lesendes Publikum und auf die Autoren oder Künstler, vor allem bezogen auf die nicht erwähnten, gar nicht in Betracht gezogenen, eben nicht sehr hilfreich.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

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carl-gibson 20.03.2010 | 15:14

Lieber Herr Leusch,
wer die literarischen Kreationen des Dadaismus und Expressionismus kennt und seine Lust daran hat, wird auch gegenüber der surrealen Wortakrobatik Herta Müllers gnädig sein und diese tolerieren, obwohl sie nur in seltenen Fällen innovatorisch ist und ganze hundert Jahre post festum daherkommt.

Nur geht es mir - bei aller Skepsis -nicht primär um sprachlich-ästhetische Wertungen, sondern um die Schnittstellen, wo aus Literatur Moral und Politik wird. Dort setze ich an und frage nach moralischer Integrität, Wahrheit, Instrumentalsierung etc.
Über Literatur wurde immer schon eine geistige Debatte ausgelöst, die zugleich moralischer und politischer Natur ist.

Wie glaubwürdig ist ein Wendehals?
War Grass ein Nazi und Christa Wolf systemloyal?
Die geistig-literarische Autorität wankt mit der moralischen. Deshalb hinterfrage ich das auch bei Herta Müller, weil ich Gewissheit haben will - und weil ich mit den vielen, die Realitäten und die Geschichte verfälschenden Ungereimtheiten nicht leben will.
Das ist ein Gebot der intellektuellen Redlichkeit und der inneren Wahrhaftigkeit. Keine Persönlichkeit der Zeitgeschichte wird sich auf Dauer dieser Überprüfung entziehen können.

Was die "Kriterien literarischer Wertung" bei Herta Müller betrifft, bin ich gerne bereit, etwa zusammen mit den Studierenden des Literaturinstituts in Leizpig (siehe den Beitrag hier auf Freitag) literaturanlytische Gespräche (z.B. über "Herztier" oder "Niederungen" zu führen bis hin zu den Kreationen, die Herta Müller ( oder ihre Verleger) "Essays" nennen bzw. zu der so genannten "Poetik". Hundert Sachen behagen mir da nicht - vielleicht bin ich subjektiv befangen, konservativ etc.
Herta Müllers kontrovers diskutierten Werke eignen sich sehr gut, um "verrissen" zu werden. Dieser bittere Kelch ging - aus welchen Gründen auch immer - bisher an ihr vorbei, auch weil sie eine Nischenexistenz führte und kaum einer von der Nobelpreisnominierung wusste. Ich habe bestimmte Kreise zu sensibilisieren versucht, um eine Debatte anzustoßen ( auf literaturwisschenschaftlicher, moralischer und politischer Ebene) - ohne Erfolg.
Deshalb waren viele überrascht, als der Nobelpreis gerade an sie vergeben wurde ... und nicht an die hundert anderen, die angeblich noch vor Herta Müller an der Reihe waren.
Marcel Reich-Ranicki wollte diese Ehrung nicht kommentieren - die (nach meiner Information) einzige, präziesere Stellungnahme (zu "Der Fuchs war damals schon der Jäger") fiel anfang der neunziger Jahre eher ablehnend aus. Reich-Ranicki warf der Autorin vor, sie würde nichts Neues über die kommunistische Welt im Ostblock mitteilen. Der Vorwurf, Realität und Fiktion beliebig zu mischen, besteht auch heute noch, wird aber von Westbürgern nicht verstanden, weil sie die Erfahrungen einer Diktatur kaum noch selbst gemacht haben.

Was wird aus Herta Müllers Werk, wenn wir das kritische Instrumentarium eines Karl Kraus oder Kurt Tucholsky ( siehe das Zitat unten!) anlegen?
Gute Literatur muss die Zeiten überdauern. Das "Nobelpreiswürdige" an Herta Müllers Oeuvre gilt es nach meiner Auffassung erst noch zu eruieren - immerhin steht sie jetzt auf einer Stufe mit Thomas Mann.
Beste Grüße Carl Gibson

Uwe Theel 20.03.2010 | 16:21

So richtig bleibt nach Leusch und Tucholsky - in alphabetischer Reihenfolge - gar nicht mehr zu sagen, will man sich nicht drei Tage hinsetzen nachdenken und schreiben.

Gespannt sein kann man noch auf die "Widerrede" Angeles, obwohl ich nicht Recht weiß, worin genau er Leusch wesentlich widersprechen sollte.

Bleiben kleine Anmerkungen:

1) Es sei betont und Leusch unterstreichend: Literaturkritik ohne ausgewiesenen Werkzeuge und ohne Textarbeit und Argument, ist das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben wurde.

2) Wenn wir schon eine Einteilung vornehmen, dann sei sie vervollständigt (von - bis):

a) Lobhudelei
b) Lobrede
c) Kritik
d) Verriss
e) Schmahkritik

a) und e) sind die Werkzeuge des interessierten Marketings oder der allzu persönlichen Fehde, die nicht mehr wirklich den Text, seine Qualität im Blick hat. Das sind keine Kritiken, aber je Kennzeichen des kulturellen Klimas oder eben schlicht persönlicher (nicht)Verhältnisse.

b) und d) sind die Kritiken, die das Über- oder Unterdurchschnittliche des besprochenen Textes gemessen an der schriftstellerischen Verwirklichung des Themas herausstellen kann und muß. - Das sind (literaturwissenschaftlich gestützte, wohlformulierte) Kritiken, wie wir sie lieben.

bleibt d): Das ist die Brot- und Butterkritik, die einen durchschnittlichen Text würdigt, der seinen Zweck befriedigend erfüllt, die "üblichen" Schwachstellen hat und einem breiteren Publikum (ohne Spezialbildung) gute Orientierung bietet.

3) Anmerkung: Zu sagen die Rezension/Kritik, sei nur eine deskriptive Kurzzusammenfassung des behandelnden Textes, verwechselt sie mit einer Inhaltsangabe.

4) Schließlich: "Eigentlich" bräuchte man nicht für den Verriss plädieren, das tut in jedem Fall der so geürdigte Text selbst, man lese ihn nur genau genug.

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carl-gibson 20.03.2010 | 18:48

Sonderbare Autorität dieser Lektor, der verhindert, der den allzu schwachen Leser vor dem bösen, gefährlichen, schlechten Buch schützen zu müssen glaubt!

Grundsätzlich solltes jedes Buch erst einmal ein Chance haben, denn immerhin steckt viel Arbeit in einem Werk und oft auch Herzblut.

Vor allem aber ist ein Buch: Kreativität

- und ein
Lektor, Redakteur, Kritiker ist oft nicht mehr als ein Verhinderer, ein Destruktiver, der die eigene Unfähigkeit über "Verriss" und Zersetzung des künstlerisch Schaffenden kaschiert, kompensiert.

Bevor Kritik selbst zum Kunstwerk wird, etwa bei Heine oder Nietzsche und anderen großen Autoren,die nebenbei auch Kritiker waren, (auch Karl Kraus, Tucholsky)bleibt sie destruktiv - und der Lektor bzw. Feuilleton-Redakteur sowie der negative Rezensent nichts als zweite Garnitur ...
ich erspare mir hier die Worte großer Autoren über Kritiker und Co.

Noch ein Wort zum Lektor: Bei gewisssen Autoren frage ich nach seinem Anteil, nach seinem obskuren Mit-Schöpfertum.
Carl Gibson

thinktankgirl 20.03.2010 | 20:00

Grundsätzlich solltes jedes Buch erst einmal ein Chance haben, denn immerhin steckt viel Arbeit in einem Werk und oft auch Herzblut.

Vor allem aber ist ein Buch: Kreativität

Nun werden Sie mal nicht pathetisch.
Nicht jedes Geschripsel ist Kreativität.
Deshalb muss gefiltert werden mittels Lektor und/oder Kritik.
Manche Kritiker oder Lektoren betreiben ihr Handwerk nicht mit der nötigen Sorgfalt oder betreiben Interessenpolitik oder Machtspiele, doch wird deshalb ihre Aufgabe nicht hinfällig.
Mir drängt sich der Eindruck auf, daß all die Kritiker der Kritiker sich keinem kritischem Urteil stellen können und wollen.

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carl-gibson 20.03.2010 | 20:27

Wie weit es mit der Kompetenz der Kritiker, Rezensenten, Feuilleton-Redakteure her ist, verdeutlicht ein Blick in ihre Literatur-Liste.
In der Regel pfeift dort der Wind!

Nur selten sind diese Leute ausgewiesen, noch seltener mit einem Standardwerk der Forschung oder mit einem literarischen Werk von Rang.
(Lektoren, die den Sprung zum Primärautor schafften wie z.B. Peter Härtling, bleiben die Ausnahme.)

Jährlich erscheinen ca. 100 000 neue Buchtitel.
(Das Buch ist noch längst keine aussterbende Spezies.)

Und doch bin ich dafür, dass jeder das veröffentlicht, was er geschrieben hat. Gut, das es Möglichkeiten gibt, sein Buch selbst zu verlegen ... oder im Internet zu veröffentlichen.
Verlagslektoren, Redakteure, Rezensenten haben ihre Macht längst eingebüßt.
Carl Gibson

thinktankgirl 20.03.2010 | 20:48

Wie weit es mit der Kompetenz der Kritiker, Rezensenten, Feuilleton-Redakteure her ist, verdeutlicht ein Blick in ihre Literatur-Liste.
In der Regel pfeift dort der Wind!

Welche Literaturlisten?

Einerseits ist es gut, daß sich die Möglichkeiten zur Veröffentlichung demokratisiert haben und durch das Internet jedem zugänglich werden,
wie z.B. auch in der Fotografie. Aber gleichzeitig werden wir von schlechten Fotografien überflutet, da jeder ohne Überlegung knipsen kann, dank der Digitalfotografie. Ich frage mich, ob durch diese Flut an schlechtem Bildmaterial die Betrachter sich nicht das Schlechte zum Maßstab nehmen und gute Arbeiten gar nicht mehr wahrnehmen, da diese in der Menge untergehen.
Das gilt für mich auch für das Geschriebene.

Uwe Theel 20.03.2010 | 20:50

Werter Herr Gibson,

nach einigen Threads wir mir Ihre Masche langsam klar:

Alles wird auf Ihr persönliches Schicksal bezogen: Ob es die Kirchenaustritte sind, die sie gleichen "Mechanismen" zuschreiben, wie die Folgen der Unterdrückung, die Sie in Rumänien erfuhren, oder jetzt ihre Wut auf Lektoren, Rezensenten und Kritiker, die sicherlich ihr "dickes Buch", das Sie ja dann auch im Eigenverlag wohl herausbrachten, eben nicht so promoviert haben, dass es ein Markterfolg wurde (... und wovon handelt das "dicke Buch"?).

Herr Gibson, argumentieren Sie doch einmal ein wenig weniger pauschal und monomnanisch einem Thema verhaftet, dafür inhaltlicher, präziser, bitte, ja?

Michael Angele 20.03.2010 | 21:05

@Columbus, 13:14

lieber Herr Leusch, einigermaßen befremdet lese ich erst jetzt Ihren obigen Kommentar. Ich habe diesen Leitartikel so geschrieben wie er nun einmal geschrieben ist, um eine Debatte auszulösen, was ja offenbar, siehe Ihren ersten Beitrag, auch gelungen ist.
Dass Sie eine andere Meinung haben als ich, steht Ihnen frei, ich respektiere das.
Ich habe ihn aber nicht geschrieben, dass Sie oder jemand anders aus der Community sich bemüssigt fühlen, ein Psychogramm über den Verfasser zu schreiben und über etwaige "Leiden" zu mutmassen.
Genauso wenig erlaube ich mir, über allfällige Leiden der Leser zu spekulieren. Das gehört nicht hierhin, finde ich.
Die Bemerkung, dass mir ihr etwas onkelhafter Stil schon einige Stoßseufzer entlockt hat, soll als Retourkutsche reichen.
Schöne Grüße

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carl-gibson 20.03.2010 | 21:28

Werter Herr Theel,
da ich selbst als Redakteur, Lektor und Kritiker agiert habe, darf ich vielleicht ein Wörtchen mitreden - grundsätzlich stehe ich aber auf der Seite der Schaffenden, der Autoren, der freien Journalisten, der Zeitkritiker, der Aufklärer.
Über meine Publikationen hier differenziert reden zu wollen, würde etwas zu weit führen; trotzdem: Das erste, die Monographie: Lenau. Leben - Werk - Wirkung, erschien 1989 im Carl Winter Universitätsverlag Heidelberg, ein Verlagshaus mir einer mehr als hundertjährigen Tradition und bei Gott kein Eigenverlag -
das letzte "Symphonie der Freiheit" erschien in dem Verlag des Philosophen Dr. Josef Röll, Dettelbach, 418 eng beschriebene Seiten in großen Format.
(Deshalb rede ich hier selbstironisch vom "dicken Buch" (in Absetzung von schmalen Bändchen), weil ich keine Eigenwerbung machen will.
Wer mehr über mich erfahren möchte, kann bei wikipedia.org nachschlagen oder unter meinem Namen googeln, wenn er mehr wissen will.

Was Sie unter meiner "Masche" verstehen, müssen Sie mir noch erläutern.

Apropos Promotion - das Lenau-Buch oben war zugleich meine Dissertation. Auf das formale Verfahren habe ich aber verzichtet, nachdem ich an der Uni Würzburg von Rivalen meines Doktorvaters gemobbt und aus der Forschung und Lehre gedrängt wurde. (Darüber mehr in Bd. 2 "Gegen den Strom" bzw. im Internet, googeln!)
Ein (nach aller Wahrscheinlichkeit bestellter) "Verriss" meiner Lenaumonographie, die einerseits als das Beste bezeichnet wird, was je über Lenau geschrieben wurde, war der Grund dafür - auch für mein jahreslanges Schweigen in literarisch-publizistischen Bereich.
Carl Gibson

Columbus 21.03.2010 | 02:30

Lieber Herr Angele,

"...wenn ich nicht den Eindruck hätte, er leide an zwei Dingen."

Sie sehen, es freut mich, wenn Sie den Eindruck an "zwei Dingen" so eindrucksvoll korrigieren wollen.

Woher wissen Sie das mit dem Onkel? - Ich habe nur versucht, Ihnen nahe zu bringen, wie so manche Wertung bei mir ganz persönlich ankommt und glaube, es geht nicht nur mir, sondern auch so machem anderen Leser in Ihrem breiten Publikum so. Die dafür heranziehbaren Zitate habe ich angedeutet. Ich freue mich jedenfalls, dass Sie sich fest vorgenommen haben, nicht schnöselig sein zu wollen.

Sie nehmen schnell persönlich, teilen aber gern persönlich aus. - Schade. - Weil Sie ein wenig blind für diese zwei Seiten der Bissigkeit sind, gibt es dann diese Art Retourkutschen von Ihnen.

Das ist sehr schade, denn ausdrücklich , so steht es in meinen beiden Kommentaren, liegt mir nichts ferner, als mit Ihnen in einen gewissen Wettstreit einzutreten.

Mit dem "Leiden" ist ja, das geht klar aus dem Kommentar hervor, nicht persönliche Krankheit und/oder persönliches Unwohlsein gemeint, sondern eben genau die unpersönliche Art "Leiden", weil man glaubt etwas besser zu wissen, besser zu kennen, was de facto auch so sein mag, es aber beim Publikum nicht so recht ´rüber kommt, weil man beständig zu viel voraus setzt. - Das rächt sich.

Ich unterstelle Ihnen nichts. Das ist ja allein schon, siehe das Zitat, durch die Möglichkeitsform ganz klar.

Ihnen, lieber Herr Angele, wünsche ich nur eine Sache im Zusammenhang mit der Literaturkritik. Eine gewisse Demut, aus der Tatsache, dass "Kunsturteile
(Literatururteile)" eine schwierige Angelegenheit sind, wenn man sie denn äußert.

Leser bekommen ja nur die Oberfläche, das Ergebnis einer redaktionellen Auswahl, die ja, in der Gesamtheit aller Feulilletons schon als sehr strenges Filter wirkt, angsichts dieses gewaltigen Buchmarktes. Ich finde, da müssen Urteile eine hohe Qualität haben und immer genaue Gründe nennen. Das geht mit langen Zitaten, eng an den Texten entlang und mit der Mühe, sich auch bei einem "Veriss" nicht als "Zampano" zu geben.

Liebe Grüße
vom "Onkel"
Christoph Leusch

PS: 1)Welche Rolle besetzen
Sie, wenn ich den Onkel
gebe?
2)In Ihrem ersten
Kommentar schreiben Sie,
ich wolle die Massen-
medien abschaffen. Wo
schreibe ich das und
warum soll ich das
wollen? Es geht doch an
der möglicherweise
gemeinten Stelle, direkt
nach den "Welt-
nachrichten", nicht um
die Abschaffung der
Massenmedien. Nur um eine intelligente und mit der Zeit auch erfolgreiche Verbreiterung der Basis, auf der sich dann auch Dilettanten,Profikritiker, Amateure und einfach Liebhaber der Originale, sich bewegen können.

weinsztein 21.03.2010 | 05:34

Herr Gipson,

Sie werden arg unterschätzt - als damals 20-jähriger Gewerkschaftsgründer in Rumänien, der genau weiß, wie es auch nach Ihrer Ausreise dort zuging.

Sie ahnen oder wissen gar evtl., dass ich Sie als eine Art Knallcharge empfinde, auf den Spuren etwaiger Verstrickungen Herta Müllers im Rumänien nach Ihrer Zeit. Hier seit einiger Zeit orchestriert von einem el greco und anderen.

Ist Ihnen denn gar nichts zu peinlich? Z.B. Ihre Suaden hier dort, stets in Begleitung?

An anderer Stelle im Freitag bekennen Sie sich zu F. J. Strauß, Sie als sozialistischer Gewerkschafter. Und zur Konrad-Adenauer-Stiftung.

Wie passt das zusammen, Herr Gipson? CSU-ML oder so, deutschtümelnd umherschwirrend?

Ich empfinde Sie als verlogen und ich ahne, Sie tun das auch. Sie sind unverdrossen. Weiter, weiter.

Wie öde.

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carl-gibson 21.03.2010 | 10:36

Sie bringen da einiges durcheinander!
Lesen Sie bitte genauer, Herr weinsztein! Wenn Ihnen das nicht behagt, was ich hier auf Freitag schreibe, dann ignorieren Sie es einfach.

Hier auf Freitag schreibe ich nicht über Kochrezepte, noch über das Sprießen der ersten Kräuter im Garten, obwohl ich auch oft und gerne am Herd stehe oder Rosen hege, sondern übe Zeitkritik in einer Zeit, wo die Lüge regiert - und zwar breit gefächert, ohne Rücksicht auf Tabus.

Wenn Sie auch etwas bei-tragen wollen, dann schreiben Sie doch bitte einen "Bei-trag", statt ständig nur über das zu meckern, was andere erarbeiten und bei-tragen.

Ich stehe zu allem, was ich schreibe - und ich vernantworte auch alles.
Wenn Sie Vorwürfe erheben wollen, dann zitieren Sie bitte genau, was Sie ansprechen. Aber vermengen sie die Dinge nicht, um mich in eine Ecke andrängen zu wollen. Das wird Ihnen mit Ihren hier dargebotenen Mitteln
nicht gelingen.
Was haben Sie zur Sache, hier zum Thema "Verriss" zu sagen? Und schreiben Sie meinen Namen korrekt!
Carl Gibson

Michael Angele 21.03.2010 | 12:45

Lieber Herr Leusch

ich habe mich bemüht, gerade NICHT persönlich zu werden. Ich habe Ihren Stil als onkelhaft bezeichnet, nicht sie als Person. Natürlich neigt man dazu, Rückschlüsse zu ziehen. So wie Sie nicht nur meinen Stil als überheblich empfinden, sondern sich auch meine Person als schnöselig vorstellen. Aber was wissen Sie? Was weiß ich? Nichts. Darum mein Vorschlag: Belassen wir es bei - sehr sporadischer - Stilkritik.

Ich habe einen Artikel geschrieben, der Ihnen im Ton und in der Sache missfällt. So etwas kommt vor. Es dürfte Ihnen als Zeitungsleser öfter passieren. Aber hier im Freitag ist es fast einzigartig so, dass dann nicht nur der Artikel kritisiert, sondern auch der Autor mit Tadel und guten Wünschen beglückt wird. Mich nervt das zunehmend.

Ich kann Sie aber beruhigen, ich habe nicht das Gefühl, mit meinen Beiträgen besonders "schlecht" rüberzukommen. Sie verwechseln sich selbst mit einer imaginären Allgemeinheit, nun ja, das kommt bei vielen großen Moralisten vor :) (oder war das nun auch wieder "persönlich"?).

Leider, aber das können Sie nicht wissen, kommt ein Großteil der Zustimmung über andere Kanäle. Das hängt auch damit zusammen, dass sich viele, und leider nicht gerade die unintelligentesten Menschen immer noch scheuen, sich in solchen Foren zu verbreiten. Ich bedauere das, kann es aber sogar ein wenig verstehen.

Zur Sache: Sie legen den Akzent auf die Genauigkeit und Triftigkeit des ästhetischen Urteils. Ich dagegen wollte eine Lanze für die gehobene Unterhaltung brechen. Für Sie ist die Höchststrafe im Umgang mit Kunst (Literatur) Oberflächlichkeit, für mich ist es die Langweile. Sie befällt mich weniger, wenn ich eine profunde Kritik im Freitag oder wo auch immer lese (da kann es aber auch vorkommen), sondern mehr wenn ich z.B. in der FAS eben nur noch große Lobhudeleien lese (die mich manchmal auch begeistern), oder wenn ich eine Sendung wie die "Vorleser" schaue, wo ein so temperamentvoller und kluger Kritiker wie Ijoma Mangold gleichsam wie sediert wirkt. Beim "Literarischen Quartett" habe ich mich dagegen nie gelangweilt. Um solche Dinge ging es mir.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Angele 21.03.2010 | 13:02

@ Gibson

wenn Sie Fragen zu ihrer Dissertation diskutiert haben wollen, eröffnen Sie dafür bitte einen eigenen Thread. Ich würde mich also freuen, wenn auch Sie zur Sache zurückkehrten.

@ Uwe Theel

Ihre Einteilung finde ich überzeugend - so lange man sich im genuinen Feld der Literaturkritik bewegt. Die Welt des "Sekundären" (Georg Steiner) mag man zwar verachten, aber der Diskurs über Literatur reicht nun einmal weiter als die eigentliche Kritik. Den Verriss würde ich als einen Hybrid bezeichnen, als einen Bastard aus textbezogener Kritik und spektakulärer Geste. Im besten Fall (meiner Meinung nach: RR) ist er ein echter Grenzgänger. Man kann das mögen oder nicht.

Closer 21.03.2010 | 14:52

"Liebe Leute," (Zitat M. Angele)

habe mich eigentlich nur gestört an diesem "Entrée" eines genuinen Redakteurs.

Eine Aussage, weit von oben herab, vernichtend, etikettierend und schlicht dämlich.

Ebenso verhält es sich mit der Literaturkritik, der professionellen. Liest man hier das Konvolut an Stellungnnahmen, dann weiß man, dass alle niemals Karl Popper gelesen haben. Sonst würden Sie sich einfacher ausdrücken.

Der Verriss ist unnötig, von einer kleinen Truppe Intellektueller eingeführt und am Leben gehalten.

Alle anderen wollen Zusammenfassungen, Deskriptionen von Büchern als Anleitung, ob es sich lohnen könnte, durch das Lesen desselbigen etwas mutiger, etwas menschlicher zu werden. Denken haben Menschen selber gelernt, sie brauchen keine Vor-Urteile mehr.

Was Leser nicht mehr wollen, sind literaturwissenschaftliche Streitereien über Definitionen.

Wenn Sie wissen wollen, was Menschen heute lesen, um Bücher zu kaufen, dann lesen Sie einfach bei amazon.de oder buecher.de oder anderen Plattformen. Menschen heute lesen von anderen Menschen im Internet auf, nicht mehr von "Von.Oben.Herab.VerLaut.Barungen.

Gruß
Closer

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rainer-kuehn 21.03.2010 | 15:20

Für den Tendenzbetrieb Verlag ist der Verlagslektor zuerst eine berechtigte Zensurinstanz: Es gibt sogar Textbausteine für Ablehnungen. Kommt doch ein Manuskript durch den Verlagsfilter (Lektor), so hat er das Manuskript zu optimieren, zum Wohle des Autors, des Verlages, der Leser und seines Arbeitsplatzes. Der Lektor ist der Autor, der nicht schreibt (Buchtitel).
Der Leserbriefredakteur dagegen filtert Leserbriefe, und die gedruckten gehen durch seine Korrektur. Auch in Online-Zeiten greift die Redaktion schon mal korrekterweise ein bzw. tilgt einen Kommentar. Hier nur nachträglich und nicht vor Veröffentlichung.
Lob des Verisses! Lob der Instanzen, die mich nicht alles selbst lesen lassen, um es in den Orkus zu kommentieren! So viel Zeit habe selbst ich nicht. Es gibt ja schon zu viele Spams im Buch- und Zeitschriftenmarkt.

Matthis Hagedorn 21.03.2010 | 18:20

Die Literaturkritik läßt die anspruchsvollen Literaturgattungen im Stich. Essaybände und Gedichtbände, die ein kleines Publikum haben, werden immer seltener rezensiert. Die Kritik entwickelt sich in Richtung Monokultur. Um es einfach grad’heraus zu sagen: Im deutschen Feuilleton regiert das Fachidiotentum! Pier Paolo Pasolini, zum Beispiel, war alles auf einmal: Lyriker, Leitartikler, Kommunist, Katholik, schwul, Romancier. Keiner hat danach gefragt, ob er nicht auf der falschen Seite stehen würde. Das Feuilleton ist zu einer eine Art von Warentest geworden, der die Künste tatsächlich allein auf ihren Warencharakter festschreibt. Die Literaturkritik hat ausgedient, weil Autoren wie Popstars gehandelt werden. Erfolgreiche Autoren werden zunehmend wie Celebrities gehandelt, Literaturkritiker leben dagegen oftmals in prekären Verhältnissen. Die Medienlandschaft hat sich entscheidend verändert und damit die gesellschaftliche Bedeutung der Literaturkritik. Schon vorher wurde über viele bedeutende Kritiker ein Literaturpapst gestellt. Als der in Pension ging, kam eine Erweckungspredigerin. Doch von solch tief greifenden Wandlungsprozessen ist kaum die Rede. Die Kommerzialisierung des gesamten Feldes der Literatur führt zu einem Verfall der Kunstkritik als reflexiver Praxis. Der Untergang der Literaturkritik rührt daher, daß Kritiker sich zunehmend wie bloße Vermittler, im Extremfall gar wie Makler der Ware Literatur verhalten und nicht wie risikobereite Vorreiter unabhängigen kritischen Urteilens. Eine intellektuelle, also auch bildende Auseinandersetzung mit diesen künstlerischen Arbeiten findet von Ausnahmen nicht statt. Eine echte Begegnung zwischen Kritikersubjekt und Literatur findet dann statt, wenn die Wahrnehmung ein Verstehen und das Verstehen eine Wahrnehmung ist. Im Suchen immer neuer Verortungen zwischen den Disziplinen liege die Möglichkeit, "sich nicht dermaßen regieren zu lassen", die Michel Foucault einst in zwei kleinen Essays "Was ist Kritik?" (1978) und "Was ist Aufklärung?" (1984) mit Bezug auf Kant als Möglichkeit wahren kritischen Bewusstseins postulierte. Literatur ist keine feststehende Kategorie, denn ihre Bedeutung und ihre Präsentationsformen verändern sich im Wirken gesellschaftlicher Kräftefelder. Die Frage "Was ist Literatur?" ist mit der Frage "Was ist Kritik?" eng verbunden. Beide wurzeln historisch im 18. Jahrhundert. Damals wollte das aufgeklärte Bürgertum anhand der Kritik einen neuen Politikbegriff etablieren, der sich Politik als diskutierende Öffentlichkeit von politischen und ästhetischen Laien vorstellte. Das heutige "meinungsbildende Feuilleton" nutzt dem Literaturbetrieb, aber nutzt der Literaturbetrieb auch der Literatur?

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rainer-kuehn 21.03.2010 | 18:39

Die Kritik, der Veriss, die Polemik sind alte Weisen der Aufklärung und Literatur. Und sie sind Urteilsformulierungen, auf die die Gegenwart fußt.
Menschen lernen Denken nicht durch sich selbst. Was hier als Streitereien benannt wird, ist in Wirklichkeit die herrschaftsstabilisierende Vermeidung von Auseinandersetzung. Daß Popper heranzitiert wird, ein Beleg dafür.
Kuschelkurs mit amazon: mit Kritik hat das nichts zu tun.

mh 21.03.2010 | 19:02

"Aber es genügt, einen Blick auf die Freundeslisten von Facebook zu werfen, um die Zusammenhänge zu erkennen. Wo alle mit allen befreundet sind, fällt der Verriss schwer. Den Freund stößt man nicht vor den Kopf."

schmählert die zunehmend offensichtlichere vernetzung, die durch facebook ja auch da bande knüpft, wo sie eigentlich nur lose vorhanden ist, somit also generell die gesellschaftliche kritifähigkeit und befördert dadurch eine allgemeine gleichschaltung?

oder ist das mehr aus der (unbewussten?) angst heraus, dass "derjenige" ja sogleich was schreiben könnte um persönlich seinem unmut ausdruck zu verleihen?

dem könnte man sich dann nicht mehr so galant ignorierend entziehen, wie das bei briefen früher der fall war.. zumal die selbstangezeigte aktivität ausdrückt, dass man es bereits zur kenntnis nahm und somit gegenwärtig ist.

mfg
mh

Closer 21.03.2010 | 21:19

"Menschen lernen Denken nicht durch sich selbst."
(den Satz würde ich mir patentieren lassen, vercopyrighten, ja)

Menschen lernen nicht denken durch Kritik, sondern durch Begeisterung und Empathie. Sie lernen in keinemfall eigenständiges Denken durch gedrechselte Literaturkritiker, die nichts anderers immer und immer wiederkäuen als ihr eigenes Herrschaftswissen und ihre Voruteile.

Menschen haben denken verlernt durch arrogante, miesepetrige Literaturkritiker. Sie lesen und lesen nur die Vorurteile des Kritikers auf, sie haben verlernt zu lesen.

Professionelle Literaturkritiker sind die Totengräber des Lesens. Besprechungen bei amazon etc. spülen diese hochherrschaftlichen Verlautbarungen endlich dort hin, wo sie sich nur noch um sich selbst drehen dürfen. Z.B. hier in dieser Diskussion.

"Wenn man die sämtlichen Journalisten, wie sie da sind, ins Zuchthaus sperrte, würde man gewiss nicht so viele Unschuldige einsperren, als jetzt schon im Zuchthaus sitzen." (Friedrich Hebbel)

"Kritiker sind einbeinige Dozenten über den Weitsprung" (Harold Pinter)

Michael Angele 21.03.2010 | 21:48

@Closer. Es freut mich, dass Sie offenbar gerne lesen. Aber Ihre Aggression gegen professionelle Literaturkritiker wird auch nicht dadurch besser, dass Sie ein paar wohlfeile Zitate von großen Autoren hervorkramen.

@ mh. Verstärken Vernetzungsaggregatoren wie Facebook die allgemeine Kritikschwäche und "Gleichschaltungstendenzen"? Das würde mich auch interessieren. Aber wie soll man so eine Frage beantworten? Vielleicht wäre das mal eine Thematik mit der sich die Soziologie aus ihrer Selbstmarginaliserung befreien könnte.

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carl-gibson 21.03.2010 | 21:50

@Matthis Hagedorn, bzw. @closer: Ihren Beiträgen hier zur Kritik der Kritiker will ich mich hiermit voll anschließen und noch betonen, was ich oben mehrfach gesagt habe:

Kritiker sind die Feinde des Schaffenden, sie selbst sind unfruchtbar und agieren aus dem Ressentiment des Schlechtweggekommenen heraus. Das hat bereits Nietzsche decouvrierend auf den Punkt gebracht.

Wenn man "Kritiker" angreift und auf ihre Arroganz hinweist, dann werden sie schnell ungehalten, gar böse und ausfällig. Ihre scheinbare Macht und Autorität beeindruckt nur Ahnungslose und Leute ohne Geschmack, die das Vorurteil anderer zu eigenen Meinung machen.
Suspekt ist, wenn einzelne Bücher aus 100 000 Neuerscheinungen herausgegriffen und fürs Volk thematisiert werden - oft ist nicht mehr dahinter, als das kommenziell-manipulative Agieren einer Marketingabteilung eines Großverlags, der in nur wenigen Jahren früher eigenständie Verlage mit gutem Namen einfach "geschluckt" hat.
Bücher werden heute "gemacht" - Rezensenten und wohlwollende Kritiker bzw. Verreißer von Gegenprodukten sind heute nur die letzten Glieder der Marketing-Kette, die das Produkt (Marke) auf dem Weg in den Markt durchläuft.

Wenn Geld gescheffelt werden soll, sind alle Mittel recht, auch Tricks, Lügen und gekaufte Kritiker bzw. Rezensenten.
Welcher Kritiker ist heute noch wirklich frei?
Der Einzelkämpfer vielleicht, der eine Kritik schreibt und sie auf seinem Blog veröffentlicht. Bei Online-Buchhändlern kann bereits "manipuliert" werden, denn jeder Autor hat einen Bekannten, der ihm die "zur Not selbstgeschriebene" Rezension als "Kundenrezension" ins Netz stellt.
Carl Gibson

Uwe Theel 21.03.2010 | 23:38

Michael Angele schrieb am 21.03.2010 um 20:48

"Verstärken Vernetzungsaggregatoren wie Facebook die allgemeine Kritikschwäche und "Gleichschaltungstendenzen"?"

Meiner ansicht nach, liegt sicherlich mit solchen "Vernetzungsaggregatoren" ein Mechanismus der Verstärkung von "Kritikschwäche und "Gleichschaltungstendenzen"" vor, aber sie sind keine Ursache.

Der kommerzielle Kunstmarkt ist den selben "Marktmechanismen", wie jeder andere Markt, die sich derselben "Vernetzungsaggregatoren" bedienen unterworfen. Der Warencharakter von Kunst ist hier schon mit Recht angezeigt worden. Daher hielte ich es für mindestens eben so angemessen Ihre Frage, herr Angeles nicht nur dem Soziologen, sondern auch dem Kritiker der politischen Ökonomie zu stellen.

Allerdings werden wir in deren Untersuchungen wohl keine Antwort zur Frage der Qualität von Kunst unter künstlerischen und/oder kunstwissenschaftlichen Aspekten finden. Hier sollte sauber getrennt werden, wenn auch das Eine das Andere beleuchten kann, insbesondere das kommerzielle Mißverständnis von Kunst in einer kapitalistischen Gesellschaft.

****

Anmerkung zu closer et. al.:

Aus deren kleinbürgerlicher Pseudokritik der professionellen Literaturkritik (Herr Angele hat die "Methode" dabei schon benannt) spricht mir nur der "verkannte Künstler".

Jeder Kunst-, Literaturkritiker von Rang, weiß dass er Werkzeuge der Wissenschaft nutzt, um Kunst von hieraus zu beurteilen, zu vermitteln. Er wird seinen Kritik in der Regel nicht mit eigener Kunst verwechseln. Ausnahmen wie Tucholsky oder krauss bestätigen die Regel, wenn sie in profunder weise Kritik als Kunst betrieben.

Wer Marketingfuzzys im Dienst jedweden (Vervielfältigungs)Mediums mit Kunstkritikern verwechselt, sollte seine eigenen Ansätze überprüfen.

Wer die Wissenschaftlichkeit von professioneller Kunst- und Literaturkritik anzweifelt, müßte da schon mehr ins Feld führen, als, s.o., "wohlfeile Zitate".

Closer 22.03.2010 | 00:16

Hallo Carl Gibson,

jedes Wort Ihres letzten Postings möchte ich hiermit doppelt unterstreichen.

"Wenn man "Kritiker" angreift und auf ihre Arroganz hinweist, dann werden sie schnell ungehalten, gar böse und ausfällig."

Herr Angele hat mit seiner letzten Entgegnung zu meinen Kommentaren darüber hinaus die Keule der pauschalen Herabsetzung geschwungen. Typisch für einem großen kreativen Geist nach(g)eifernden Menschen, der nie selbst etwas Kreatives geschaffen hat.

"Der Künstler hat keine Zeit, sich mit den Kritikern zu beschäftigen. Nur Möchtegern-Schriftsteller lesen Rezensionen."

Closer 22.03.2010 | 00:24

Hallo Herr Gibson,

Kritiker sind nicht nur die Feinde des Schaffenden, sondern - und das ist weitaus fataler - auch die Feinde des Lesers. Sie sind nur dann noch in Zukunft relevant, wenn sie es schaffen, eine stärker dienende und nicht pseudo-selbst-kreatives-schaffende Funktion zu übernehmen.

Es ist so simpel:
Wir brauchen Menschen, die Menschen Lust auf Lesen machen. Diese Menschen gibt es und sie schreiben schon längst an gegen professionelle Verriss-Schreiber: z.B. auf amazon und vielen anderen Communities.

Columbus 22.03.2010 | 00:34

Lieber Herr Angele,

Auch wenn Sie nun erneut versuchen, aus einer ursprünglich ganz sachlichen Diskussion einen Streit über persönliches Gefallen oder Missfallen, eine Geschichte die zwischen uns, zwischen Ihnen und mir steht, zu machen, wird daraus kein gutes Argument.

Bisher haben Sie nämlich weder auf die sachlichen Zweifel, die ich mehrfach äußerte, eine sachliche Antworten gegeben, noch haben Sie irgend eine Behauptung zurück genommen, ich wollte Ihnen persönlich irgend etwas. - Nein, Sie legen noch drauf.

Wie ich schon schrieb, aus der Retourkutsche entsteht produktiv nichts.

Wer dem "Verriss" ein Loblied singt, dann aber, wenn die rhetorische Spielart des Verisses auf Ihn selbst angewandt wird, einerseits mimosenhaft reagiert, selbst aber kräftig auskeilt, der widerspricht mit der eigenen Reaktion dem, was er zum Veriss sagte.

OT:
Herr Mangold hat vielleicht deshalb so große Schwierigkeiten, weil ihm das Format, TV, in dieser Art Dialog mit Frau Fried, in dieser Kürze, letztlich nicht liegt.

Aber, seien wir doch ehrlich, das liegt mehr an diesem TV-Format, das einfach nicht trägt, weniger an Herrn Mangold, der anderweitig befragt, interviewt und immer bestens vorbereitet, ganz andere, spannende und schöne Töne anschlagen kann. - Aber, das ist hier, bei Ihrem Thema, allenfalls eine Nebengeschichte.

Ich will Ihnen noch einmal Ihren eigenen Text entgegen halten und gleich die Frage stellen. Was erwarten Sie einerseits vom Publikum, das einen solchen Veriss gut finden soll, und was von den so behandelten Autoren?:

"Der Verriss verhält sich zur Kritik wie der Jubel zum Applaus; er will grandios oder maßlos oder beides zugleich sein, er ist rechthaberisch und aggressiv. Gestandene Schriftsteller fühlten sich nach einem Verriss ebenso „vernichtet“, wie fürsorgliche Stimmen heute warnen, dass Jungschriftstellerinnen durch Lobhudeleien mundtot gemacht werden." - Grandios, maßlos, rechthaberisch, aggressiv, und Sie glauben immer noch an den Veriss?

Sie glauben an ihn, weil er Sie, und eventuell ein noch unbekanntes Publikum, nicht so langweilt? - Ich finde, es ist ziemlich leicht zu erkennen, dass das weder mit irgend welchen philologischen oder philosophischen Theorien, noch mit einer Kritikerhaltung gegenüber der Literatur viel zu tun haben kann.

Sie machen doch mit dem kleinen Team beim "Der Freitag" kaum Verisse und trotzdem eine gute Arbeit, und niemand würde bestreiten, dass man sich auf die Literaturempfehlungen der Freitags-Autoren (jüngst Müller, Mazower)verlassen kann.

Ich fordere Genauigkeit, Überlegung und Überprüfbarkeit (z.B. durch gut gewählte Zitate, Hintergrundmaterial, Urteile anderer), weil aus der entgegengesetzen Haltung des "Verisses", die vielleicht auch einmal spannend und nicht langweilig daher kommen mag, - ich zweifele, dass das oft der Fall ist-, nichts heraus kommt.

Der Autor kann eine solche Kritik nicht annehmen, Sie haben ja gerade den Beweis angetreten und das Publikum, welches Sie zunehmend nervt, spürt dann wieder nichts als Arroganz,denn diese Art "Veriss" ist ja wirklich nicht mehr als ein Scharfrichterspruch in aller Öffentlichkeit, im Grunde der zweite, ganz öffentliche Tritt gegen ein Buch, oder andere Kunstformen. Die ersten Schritte sind ja längst vorher, auf vielen Ebenen passiert. Die Mitkommentatoren haben das auch deutlich vermerkt (Die vielen Filter,vom Literaturagenten, den Netzwerkern und Scouts, über die verschiedenen Lektorate, die Auswahl der überhaupt vorgestellten Bücher in den Feuilletons).

In Wahrheit ist die Literaturkritik der Feuilletons und der TV und Radiomedien heute immer noch der heimliche und mächtigste "Gate-keeper". Mir will es sogar scheinen, dass ausgerechnet im freiesten Bezirk, dem der Bellettristik
und der Poesie, der Daumen der großen Medien im Verbund, so wirksam ist, wie für keine andere Kulturproduktion.
- Auch das wurde von einigen Mitkommentatoren hier sehr deutlich schon angemerkt. Der Fall Hegemann ist dafür sehr exemplarisch, weil er einzigartig zeigt, wie das geht, wie das gemacht wird.

Meine These, das ist doch klar, wer einen "Verriss" schreibt, der muss sich doppelt und dreifach mühen. Leider hilft es offenbar nicht, wenn man Ihr Mittel gegen Sie selbst ins Feld führt, um Sie auf den sachlichen Unterschied hin zu weisen. - Scheindebatten, also "Verrisse", nur damit es spannend wird, die sind doch eher einschläfernd und sie haben eine "gemeine" Note.- Und, das ist viel wichtiger, sie werden vom Publikum meist sofort durchschaut.

In Ihrem Interview mit Frau Passig und Herrn Scholz zu "Verirren", stellen Sie zu Recht die Frage, ob es möglich ist, sich bewusst zu verirren. - Tatsächlich geht das gar nicht, sondern das Verirren passiert, wird nicht angestrebt, so wie etwa Abenteurer bewusst Aussetzungen in der Wildnis anstreben oder sich künstliche Hindernisse und Risiken wählen.

Auch in einer, selbst der bekanntesten, der Heimat- Stadt, kann man gezielt in Gegenden gehen, in denen man sich nicht zurecht findet. Aber ein "Verirren" ist das nicht. Die Methode Abenteuer, bewusstes Risiko, Abwenden von schon bekannten Orten und Wegen ist eine produktive Methode, aber kein "Verirren".

Genau so verhält es sich mit dem "Verriss". Er geschieht vorsätzlich. Aber, bei Allem, was geplant wird und mit Absicht geschieht, stellt sich die Frage der Sorgfalt und der Sorge umso mehr. - Ich weiß nicht, ob das bei Ihnen ankommt.

Seien Sie aber versichert, dass ich weder etwas gegen Sie persönlich habe, noch Ihre Arbeit als Journalist und verantwortlicher Redakteur werte. - Nur eine Sache geht nicht. Für sich selbst andere Kriterien einzuführen, als man sie auf andere anzuwenden gedenkt.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Closer 22.03.2010 | 00:46

Wir alle schreiben ab und zu...

Heute kann ich bei allen Kritikern die Spur relativ schnell finden, anhand derer sie ihre Kritiken schreiben. Ehrlicher wäre es meist, die Quellen sofort zu nennen oder Zitate zu schreiben. Die Schubladen sind heute meist nur ein Google-Suchwort entfernt.

Alles liegt offen und niemand kann sich in Zeiten des Internet mit einem Schuss Arroganz und einem gesunden Halbwissen weiter durchsetzen. Alles wird transparent - und das ist mehr als gut so.

Es ist ebenso gut, dass sich Menschen heute die Mühe machen, die Essenz von Büchern zu filtern und sie anderen mitzuteilen. Hier entsteht eine neue Sprache der Lust am Lesen.

Closer 22.03.2010 | 10:04

Warum sollte ich, Herr Angele, diese Zitate alle aus dem Gedächtnis kramen? Ist doch heute nicht mehr notwendig. In Ihrer letztenAussage ist leider das pure Nichts versteckt. Sie schreiben der Aussage von Herrn Gibson immer mehr in die Arme. Gegenwind vertragen Kritiker wohl nur schwer, sie fallen wie Leichtmatrosen.

Liebe Leute,
"Bretter, die die Welt bedeuten - wenigstens für ihn - , trägt der mancher Kritiker gerne vor dem Kopfe." (J. Langbehn)

Alles ist schon mehrfach gesagt - nur Kritiker schreiben noch um Zitate, alte Bücher oder Artikel herum, dampfen sie ein, finden eigene Worte, Millionen mal. Ja, sie plagiieren mit grauen, intellektuellen Nebelschwaden. Niemand braucht das mehr, wir alle durchschauen diese einlullenden Sätze als kurz Sprünge von Geistern, die immer noch glauben, gepauktes Wissen würde auch kreatives Anwenden sein.

Ach ja, die Quelle meiner Anmerkungen sind eine Vielzahl von Büchern, aus denen ausgerechnet dieses herausragt: "Lob der Kritik", Aphorismen für Journalisten und Kritiker, 1989. Hätte ich an Ihrer Stelle vor diesem Artikel gelesen.

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rainer-kuehn 22.03.2010 | 12:10

Wer Closer als Fan hat, braucht seine Feinde nicht zu fürchten. (patentiert)

Begründung: Die Korrespondenz von Form und Inhalt.
Heißt: Irgenwo werden bezugnehmende Einlassungen eingestellt, aber selten, wo sie hingehören im Kommentarstrang bzw. Gesprächsverlauf.
Inhaltlich widersprechen sich die Inhalte der verschiedenen Kommentare aufs Schmunzelnste. Das merken aber nur die Leser, weil der Autor Schaum auf der Tastatur hat.

Closer 22.03.2010 | 15:02

Originär und kreativ wäre das gewesen, lieber Herr Kühn:

"Wer Closer zum Fan hat, ist dem gedanklichen Wachstum nahe."

Für mich ist der ganze Artikel ein einziges Ärgernis, schon tausend mal gelesen wird es auch beim 1001x nicht richtiger.

Wenn Kritik dann gar nichts mehr hat, ergeht sie sich 1. in Formalismen. Niemand sagt, dass ich mich hier an einem Gespräch beteiligen soll. Nein, ich darf kommentieren. Und wenn ich will, kann ich mich obendrein an einem Gespräch beteiligen. (Allerdings würde ich gerne sinnvolle Gespräche lesen, auch hier in Kommentarzeilen, aber diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben)

Und 2. in Pauschalierungen. Wo bitteschön, Herr Kühn, widerspreche ich meinen eigenen Aussagen?

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carl-gibson 22.03.2010 | 17:16

Kritiker vertragen keine Kritik, Closer!
Schon gar nicht, wenn sie glauben, nimbusumhüllte "professionelle Kritiker" zu sein.

Was ist ein sogenannter professioneller Kritiker? Einer, der auf Zeit ein Pöstchen hat, eine Kanzel, von der herab er andere "abkanzeln" kann?
Besserwisser in Sachen Literatur sind da noch die Rezensenten, die sich schlauer vorkommen als die Autoren sowie manche Lektoren, die lieber ein Buch verhindern, statt es auf den Weg zu bringen, nur weil sie so den Leser vor dem Schund bewahren wollen.
Wie wäre es mit einem Preis für die beste "Buchverhinderung" bzw. für den besten "Verriss"?

Duldet ein Marcel Reich-Ranicki die Widerrede? Und wagte es jemand, "Lauter Verrisse" zu zerpflücken?

Dabei vergessen Negativisten und Destrukteure(Kritiker, Rezensenten, Lektoren) eines:
Selbst ein Buch zu schreiben und es ohne Protektion regulär zu veröffentlichen.
Carl Gibson

Closer 22.03.2010 | 17:50

Jeder Ihrer Sätze, lieber Carl Gibson, könnte von mir stammen. Jedem kann ich voll zustimmen.

Die Zeit der Großkritiker ist vorbei und Tageszeitungen, die sie abdrucken, sind unter Druck.

Kein Wunder: "Das Beste am Journalismus ist, dass er die Neugier tötet."

Ich habe noch keinen Kritiker getroffen, der die Wort-Kraft von Kafka gehabt hätte: "Ein Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns".

Am Anfang war das Wort und am Ende der Kritiker. Was kommt danach: unser eigenes, unabhängiges, freies Denken.

Kritisch ist der deutsche Geist und der Kritik jagt er nach wie der Teufel allen armen Seelen.

weinsztein 22.03.2010 | 23:37

Zum ersten Mal muss ich Ihnen Recht geben, Herr Gibson.

Nun noch ein wenig Futter für Sie unentwegt wedelnde Gefolgschaft:
Was Sie hier betreiben, nenne ich Freitag-Missbrauch.
Nachdem Sie aus konservativen net-Milieus wegen Ihres notorischen Herta-Müller-Genöles vertrieben wurden, versuchen Sie es nun auf einer irgendwie linken Plattform mit Ihrer geballten Wichtigkeit. Mach Spaß, gell?

thinktankgirl 23.03.2010 | 09:59

@weinsztein

Was Sie hier betreiben, nenne ich Freitag-Missbrauch.

Da habenSe völlig recht.

Zudem finde ich es eine Zumutung, daß der Kommentarteil zu diesem interessanten Artikel von den Eitelkeiten gewisser Leute okkupiert wird, die den Wert ihrer eigenen Machwerke völlig überschätzen und sich dann auch noch als Opfer stilisieren, weil Kritiker/Doktorväter/Journalisten/etc. es wagen, das Genie darin nicht zu erkennen.

Closer 23.03.2010 | 10:16

Ich bin zu dieser OnlineZeitung gekommen, weil Herr Augstein vom permanenten Dialog sprach. Ich kenne hier niemanden und muss jetzt wieder von Menschen lesen, die andere nicht nach Inhalten auflesen, sondern nach ihren eigenen Vorurteilen und "innerlichen" Verrissen.

Ich möchte Sie bitten, sich einfach an Inhalte zu halten, thinktankgirl, niemand möchte Ihre Verdächtigungen lesen. Überschätzen, das ist lediglich ein Wort für jene, die dies mit sich selbst tun. Das sagt mir meine Lebenserfahrung.

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magnus-goeller 23.03.2010 | 21:11

Es ist schon lustig, immerhin geht es hier ja um Kritik und Kritiker, dass Leuten, die mit Klarnamen auftreten, unzweifelhaft einsehbar publizistisch tätig sind, teils von Anonymussen und Anonymusa (wer weiß das schon, ich will mal nur genderkorrekt bleiben) "Unterwanderung" des Freitag vorgeworfen wird, weil sie nicht bestimmten linken Stereotypen entsprechen, dies auch nicht im Geringsten zu suggerieren trachten.

Das wäre dann immerhin die offene Form der "Unterwanderung", also - contradictio in adjecto - gar keine: Lieber Herr Angele, ich liefere hierzu gerne das von Ihnen Gewünschte, denn dafür gibt's den Totalverriss ohne jede Beißhemmung, nämlich eine Sechs in Semantik.

Closer 24.03.2010 | 09:39

Jetzt war ich nahe dran, ein Freitag Abo zu bestellen.

Hier jedoch sind nur Menschen unterwegs, die andere verdächtigen, zurechtweisen, urteilen und die nicht in der Lage sind, Inhalte statt Personen aufzunehmen, die gar mit der intelligenten Feststellung kommen, dass nur reale Personen reale Inhalte transportieren können.

Victor Auburtin sagte:
"Sooft ich in meinem Kurier einen anonymen Brief finde, lese ich ihn vor allen anderen und mit besonderer Aufmerksamkeit, weil ich der Meinung bin, daß nur der anonyme Freund ganz ehrlich ist und die volle Wahrheit sagt."

Soweit dazu.

Warum sind hier Menschen wie Kühn oder Weinsztein unterwegs, die nur kleine stinkende Hundehäufchen auflesen und zählen? Es scheint das Schicksal deutscher Foren, dass sich diese Lektoren sofort einstellen. Wir sind ein Volk von solchen Fehlerfindern und Verriss-Schreibern, bei dem man sich wundert, warum jemals so viel empathische Kreativität entstand.

Liebe Leute,
das ist mir unklar.

Michael Angele 24.03.2010 | 10:01

Lieber Closer

für mein flapsiges "Liebe Leute" haben Sie mich oben scharf gerügt. Nun schreiben Sie es selbst. Nun ja. Was ich eigentlich sagen will: Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie für Ihre Fragen zur Community einen eigenen Blog eröffneten. Es scheint nämlich auch das Schicksal deutscher Foren, dass Diskussionen immer da landen, wo wir nun gerade sind. Noch sträube ich mich aber gegen dieses Schicksal.
Danke
Michael Angele

Closer 24.03.2010 | 11:47

Lieber Herr Angele,

ich habe Sie nicht gerügt, sondern einfach auf etwas hingewiesen. Es war Deskription, ich kritisiere nicht, sondern charakterisiere.

Wenn Sie eine so scharfe Lobrede für den Verriss schreiben, müssen Sie mit Gegenwind rechnen. Es ist meine tiefste Überzeung, dass Verrisse so unnötig sind wie das Wissen über Ihre Unterhosenmarke.

Ich selbst bin Autor und weiß, wovon ich rede.

Haben Sie schon ein oder zwei oder gar 3 Bücher geschrieben? Nur dann wäre man meines Erachtens kompetent genug, Verrisse zu schreiben. Und wissen Sie was: meistens hat man dann keine Lust mehr dazu.

Warum sind Menschen nicht in der Lage, von persönlichen Anwürfen Abschied zu nehmen?

1
Weil keine sinnvolle Moderation erfolgt.
2
Weil Ihre Denkweise über Vorurteile und Feindbilder gefüttert wird.

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carl-gibson 24.03.2010 | 12:26

Lieber Closer,
verzweifeln Sie nicht an den wenigen Destruktiven hier und bleiben Sie dem "Freitag" treu wie es es auch praktiziere.

Leute wie "Weinszstein" charakterisieren sich selbst, indem sie das tun, was sie tun: chronisch penetrant dagegen halten, Andersdenkende bekämpfen, mit Unterstellungen überhäufen!
Und was ist dahinter:

Wo sind die Beiträge, die "weinsztein" hier eingestellt hat?
Null?
Wo sind die Bücher und Aufsätze, die er geschrieben hat?

Er lektoriert angeblich Bücher zur Stromversorgung und Wasserversorgung?

Das was er lektoriert, habe ich als "Autor" geschrieben ( als Historiker).
Gleich fünf Bücher dieser Art, in renommierten Fachveralgen veröffentlicht.)

Er kennt sich angeblich in Essen und Trinken aus - das impliziert ein Sensorium für Genuss.
Aber ich sagte es bereits hier an anderer Stelle: Jeder gibt das, was er kann - und jeder ist am Ende, was er ist (isst!) (seines Pudels Kern - diese ureigenste Wesenheit ist nicht zu verleugnen.)
Beste Grüße Carl Gibson

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carl-gibson 24.03.2010 | 12:44

Lieber Closer,
in einer Zeit, wo bestimmte Autoren nach ganz obskuren Entscheidungskriterien einseitig protegiert und anderen bevorzugt werden, haben es die unbekannten Einzelkämpfer mit ihren Kleinstverlagen sehr, sehr schwer.

Der Weg, einen Verlag zu finden, ist schon ein Spießrutenlaufen an sich, denn wir haben fast keine Verlage mehr - sie sind alle unter wenigen Dächern versammelt ...und die Autoren dort oft ein unkritisches Lager, wo jeder sich irgendwie selbst zu behaupten sucht.

Den aufopferungsvollen Weg zum Buch, der Jahre andauern kann, wird von Kritikern und Zeitungsschreibern oft ignoriert - sie wissen es besser, a prori, weil sie ja Kritiker sind, "befähigt" und auserkoren zum "Verriss".

Das ist ungerecht!
Wieviele Künstlerkarrieren wurden bereits durch subjektive Kritiken vernichtet? Künstler sind sensibel, mit oft übersensibler Psyche.
Eine "ungerechte" Einschätzung kann sie für Jahre zurückwerfen, ganz lähmen.

Das wird vergessen wenn so apodiktische Urteile kommen wie: das ist ein schlechtes Buch,... dieser Autor hat kein Talent ... ich habe den ersten Satz in seinem Buch gelesen und sage ihnen, diese Buch taugt nichts ... der Autor sollte besser Kritiker werden!

Beste Grüße Carl Gibson

jhfrick 24.03.2010 | 13:56

Mir scheint, der Artikel wurde verrissen von Verrissgegnern.
Tatsächlich hat er gerade die Leidenschaft entfesselt, die gefordert wurde, nur eben bei den Literaturschaffenden.
Eventuell solltet ihr Autoren darüber nachdenken, die Seite zu wechseln. Oder in Euren Werken Verrisse von Literaturkritiken einbetten, die Leidenschaft scheint jedenfalls da.

Closer 24.03.2010 | 14:11

Richtig erkannt, Jhfrick!

Warum sollte ich als Autor in das Lager der Verrisse wechseln? Dazu gibt es keinen Grund.
Über ein Buch eines anderen Autors zu schreiben, ist so, als ob ich über seine Unterhosen schreiben würde. Es ist lächerlich und subjektiv. Nie würde ich das verallgemeinern wollen.

Genau das tun Verriss-Schreiber mit Macht und FAZ und sonstigem Gedöns im Hintergrund. Wer Autor geworden ist, hat die Niederungen der Verrrisse hinter sich.

Man sieht, dass Verriss-Schreiber nicht mal die Kraft haben, den Spiegel ihrer Aussagen auszuhalten, geschweige denn, sich damit auseinanderzusetzen.

Herr Angele hat leider versagt, der Freitag ebenso. Und was man hier liest, ist nichts anderes als romantische Klischees von der heeren, romantischen Zeit der Print-Blätter.

Es mag daran liegen, dass Herr Angele Schweizer ist. Dort ist alles noch romantischer und verklärter, der Glaube an Machbarkeit und Gehorsam noch präsenter. Ich mag diese Frage nicht beantworten. Auffallend allerdings ist, dass sich sehr viele Schweizer als vermeintliche Kritiker aufspielen, deren Kern ebenso bald zusammenfällt wie das finanzielle Kartenhaus, das sich hinter diesen romantischen Mauern und einer idyllischen Heidi-Landschaft versteckt.

Ich liebe dagegen Schweizer Schriftsteller, fast alle.

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carl-gibson 24.03.2010 | 14:28

Ein schöner Satz ist das, Closer:

"Wer Autor geworden ist, hat die Niederungen der Verrrisse hinter sich."

Autor sein, Schaffender sein, ist eine Sache des Bewusstseins - und eine Stufe des Lebenswegs, manchmal!

Ich erinnere an ein Wort von Stefan Zweig (möglicherweise aus seinem Lebensrückblick "Die Welt von Gestern".

Stefan Zweig fordert dort viele Jahre der "Dienerschaft" ein. Erst wer lange Zeit große Dichter, Schriftsteller, Philosophen etc. gründlich studiert hat, wer über sie und ihre Zeit intensiv gearbeitet, veröffentlicht hat, wird irgendwann zu eigenen Anschauungen, Botschaften, Stil etc. gelangen.

Diese Werke der Dienerschaft müssen nachvollziehbar sein, gerade dann, wenn man sich als "Kritiker" über andere Autoren, Repräsentanten seiner Zeit erheben will.
Mehr Empathie ist angesagt.
Carl Gibson

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carl-gibson 24.03.2010 | 14:40

Belegen Sie bitte Ihre Unterstellungen, weinsztein!
Die Autorität ihrer Aussagen messe ich an ihren aktiven Beiträgen, nicht am destruktiven Meckern.
Die Zahl ihrer Beiträge liegt wohl immer noch bei "Null"?
Wie kann man überhaupt ein Plattform missbrauchen?
Wenn Sie endlich einmal "Beiträge" einstellen, dann kann man auch darüber diskutieren, ob Ihre Thesen "linker" sind als die meinen.
Wo lese ich ihre Kritik an dem Establishment, weinstein?
Carl Gibson

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carl-gibson 24.03.2010 | 14:53

Richtigstellung:
Sie schreiben meinen Namen wie die Bürokraten rumänischer Kommunisten, weinsztein!
Da diese nicht allzu selten Analphabeten waren, schrieben sie ihnen fremd klingende Namen eben nach dem Klang (Lautschrift)
... falls Sie Dokumente aus meiner Vita mit "Gipson" im Internet gefeunden haben - diese resultieren daraus ... neben dem Vornamen in rumänischer Variante "Carol" - bürgerlich heiße ich: Karl Gibson,
als Autor und öffentliche Person allerdings: Carl Gibson, seit dem 20. Lebensjahr.

Vielleicht respektieren Sie dieses Detail.
Carl Gibson

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carl-gibson 24.03.2010 | 15:02

Werter Herr Kühn,
an dieser Stelle will ich die positive Arbeit des Lektors ausdrücklich würdigen. Aus vielen Gründen muss er natürlich auch Manuskripte ablehnen, aber er darf das nicht öffentlich tun, wenn es sich gegen die Integrität des Autors richtet.
Direkte Zensur übt der Lektor nicht aus.

Es wäre aber gut zu wissen, wie hoch der Anteil des Lektors am Werk ist.

Seitdem ich in DIE ZEIT einen Artikel vorgefunden habe, wo ich nicht sicher gehen kann, was vom Autor stammt und was von der Redaktion, habe ich so meine Zweifel.

In einem Buch sollte schon drin sein, was auf dem Deckel an Autorschaft steht.
Beste Grüße Carl Gibson - und nichts für Ungut!

thinktankgirl 24.03.2010 | 22:20


- Autor sein, Schaffender sein, ist eine Sache des Bewusstseins - und eine Stufe des Lebenswegs, manchmal!

- Erst wer lange Zeit große Dichter, Schriftsteller, Philosophen etc. gründlich studiert hat, wer über sie und ihre Zeit intensiv gearbeitet, veröffentlicht hat, wird irgendwann zu eigenen Anschauungen, Botschaften, Stil etc. gelangen.

- Den aufopferungsvollen Weg zum Buch, der Jahre andauern kann, wird von Kritikern und Zeitungsschreibern oft ignoriert - sie wissen es besser, a prori, weil sie ja Kritiker sind, "befähigt" und auserkoren zum "Verriss".

- Künstler sind sensibel, mit oft übersensibler Psyche.
Eine "ungerechte" Einschätzung kann sie für Jahre zurückwerfen, ganz lähmen.


Gell, da habense beim Landfrauennachmittag ganz toll geklatscht. Aber das ist kein Grund, alles hier nochmals zu wiederholen.

Jan Peter 28.03.2010 | 18:37

Muss jetzt auch noch meinen Senf dazugeben, da die Diskussion aus meiner Sicht am Wesentlichen vorbeigeht. Glaube ich, da ich kein Autor, nur Leser bin!!! Lesen wir nicht alle ein Buch anders, gibt es nicht also viele Bücher für uns und eins für den Autor? Also hat auch der Kritiker nur eins von vielen Möglichen gelesen, besitzt also nicht unsere Wahrnehmung des Buches sondern nur seine eigene. Daraus leitet sich ab, dass er nur seine Sicht der Dinge schreiben kann und nicht die von vielen anderen Lesern. Das sollte man aus der Kritik herauslesen können. Es ist sicher auch ein Verriss denkbar, aber wohlbegründet und das Produkt betreffend und nicht den Autor gleich mit vernichtend!
RR gehört für mich zu denen, die Leser eher vergraulen statt ermutigen und interessieren. Eifer, Geifer, Überheblichkeit sind schlechte Ratgeber! RR bediente nur noch Marktinteressen, seine eigenen und die der Medien. Ich glaube er ist ein falsches Vorbild, obwohl ihm scheinbar viele nacheifern. Das mit dem ersten Satz ist einfach Bullshit, könnten ja dann ca 50% der Literatur wegschmeissen. Was für manche Bücher gilt, kann ja nicht Masstab für alle sein. RR ist ein unverbesserlicher Dogmatiker.