Starke Katzen

Hörbar Hörbücher

Olga Kaminers erstes Buch handelt von Katzen in ihrem Leben. Von der ersten Begegnung mit dem Kater einer Freundin in Sachalin, den sie als Puppe missbrauchte, bis zu den Familienkatzen der zweifachen Mutter in Berlin-Prenzlauer Berg, eine davon sprechend. Vor allem aber von Katzen in den Kreisen der Künstler und Bohème der untergehenden Sowjetunion: Die Welt des "überregionalen Wohnungstausches", der Partygemeinden in Studentenwohnheimzimmern, in denen kaum Studenten wohnen, das Leben der verdeckt agierenden Künstler und Bohemiens in zugigen Kellerwohnungen oder piefigen Provinzcafés - exotische, reizvolle Themen für ihre deutschen Zuhörer, von Olga Kaminer mit leichter Hand pointiert und nah an der mündlichen Rede beschrieben.

Erfreulicherweise unterstreicht die Darbietung in der Lesung diese Leichtigkeit, die ohne viel Dramatik und ohne extra betonte Ironie auskommt. Franziska Matthus klingt frisch, natürlich und gar nicht aufgesetzt - die Katzengeschichten fliegen nur so dahin bei ihrem Vortrag.

Katzen spielen in den Geschichten meist keine Hauptrolle, eher kennzeichnen sie eine neue Bekanntschaft, einen Lebensabschnitt oder eine irgendwie vertrackte Situation. Wie die von Tatjana und ihrem Kater. Tatjana studiert Sinologie, ist Gruftie und verliebt sich in ihren Marxismus-Leninismus-Lehrer, der in Wirklichkeit strenggläubiger orthodoxer Christ ist. Ihm zuliebe verzichtet sie auf ihr Outfit, geht in die Kirche und toleriert den Kampf ihres Geliebten gegen das Böse - inkarniert in ihrem Kater - solange, bis sie vor die Wahl gestellt wird: der Kater oder der Christ ...

Oder Alexander Iwanowitsch, Freund ihres Cousins, erfolgreicher Geschäftsmann und Pokerspieler. Eigentlich sollte Alexander Iwanowitsch nur den Katzenhüter spielen - doch nachdem er einmal ohne Strom wochenlang in der Wohnung ausgeharrt hat - nicht ohne sämtliche Souvenirwodkas zu leeren - kommt der geplagte Spieler auf der Flucht vor Gläubigern oder in der Warteposition vor dem nächsten Casinocoup wieder vorbei. Wie nach seinem Aufenthalt in den USA, wo er erst erfolgreich eine unglaubliche Mission erfüllt, dann aber alles Geld verspielt und schließlich auch noch eine jugoslawische Prostituierte von ihrem Arbeitsplatz "befreit" hat. Die Kaminers ertragen diesen unsteten Mitbewohner geduldig - wie überhaupt ihre Toleranz gegen skurrile Gestalten oder Ereignisse bewundernswert ist.

In diesem Punkt stimmen die Katzengeschichten von Olga Kaminer mit den Abenteuern von Ljudmilla Ulitzkajas Schurik überein. Schurik, der Mann, den alle Frauen begehren, zeichnet sich durch seine äußerst großzügig vergebene "männliche Aufmerksamkeit" aus - egal, ob die betreffende Notleidende gehbehindert, hager und hysterisch, schon etwas älter oder einfach nur unglücklich verliebt ist. Schurik schläft mit ihnen allen. Lange Zeit erweckt er dabei einen recht edlen Eindruck - als sei er ein Mann, der jede Frau so nehmen kann wie sie ist, ohne lange und unnötig irgendwelchen Wunschbildern hinterher zu rennen. Doch irgendwann merken nicht nur die Zuhörer, sondern auch Schurik selbst, dass da wohl auch seine Faulheit eine Rolle spielt, seine Unfähigkeit, nein zu sagen, selbst auszuwählen und tiefe Leidenschaft zu entwickeln.

Bevor die Ambivalenz ausgesprochen ist, schwebt sie im Raum und erzeugt Spannung. Wann wird sich der attraktive Mann nun endlich wirklich verlieben, welche Frau schafft es, ihn für mehr als nur fürs Bett zu erobern? Ljudmilla Ulitzkaja steigert diese Spannung noch durch ihre besondere Art, die vielen Geschichten der vielen Frauen um Schurik zu einem Netz zu verweben. Bevor sie die nächste Frau ihrem unweigerlichen Ziel - Schurik - zuführt, erzählt sie etwas über diese Frau. Als ob sie vor uns ein chemisches Experiment aufbaute, und bevor sie die einzelnen Stoffe einander zuführt, ausführlich ihre Eigenschaften darstellt - sodass wir, die Teilnehmer, voller Neugier beginnen, uns die möglichen Reaktionen auszumalen.

So erfährt man sehr viel über eine ganze Reihe von Frauen, die um Schurik herumschwirren - angefangen bei seiner Großmutter, die, hässlich, aber klug, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwecks Bildung ihr Land verlassen durfte - und die sich, anstatt sich auf die Firma von Papa vorzubereiten, nach Paris zum Literaturstudium absetzte. Dann natürlich Vera, das Ergebnis von Elisawetas kurzer, glücklicher Ehe mit Herrn Korn und Schuriks Mutter, die ihr halbes Leben lang die unglückliche Geliebte eines stets verheirateten Musikers war, immer ans Theater wollte, aber in der Buchhaltung landete, und erst so richtig zu leben anfängt, als ihr Geliebter und auch ihre Mutter gestorben sind.

Ljudmilla Ulitzkaja erschafft eine lange, bunte, sehr wenig idealisierte Reihe von Frauenfiguren. Manchmal wird diese stark mäandernde Erzählweise auch etwas zu ausufernd. Ganz sicher einnehmend ist aber ihre Haltung zu ihren Figuren. Sie verrät sie nicht (jedenfalls nicht die Frauen), sie beäugt sie nicht kritisch, prangert sie nicht an, sondern sie beschreibt all ihre Marotten als etwas ganz selbstverständliches, fast zärtlich.

Leider ist Andrea Sawatzki dieser besonderen Haltung nicht gewachsen. Sie liest in die Schurik-Verwicklungen mehr Dramatik und große Emotionen hinein, als wirklich darin sind. Ein bisschen hilflos formuliert sie, sobald im Text von Gefühlen die Rede ist, diese überdeutlich mit ihrer Stimmlage und ihrer Dynamik aus. Eine unnötige Verdopplung. Ulitzkajas Frauen können zwar auch heftige Gefühle haben, sie toben oder werden todtraurig, aber wie sie so toben, wird immer mit einer Art zarter Nachsicht, mit mildem Verständnis geschildert.

Olga Kaminer: Alle meine Katzen., 2 CDs, 158 Min, Der Audio Verlag, 19,95 EUR

Ljudmilla Ulitzkaja: Ergebenst, euer Schurik. 5 CDs, 342 Min, Der Hör Verlag, 24,95 EUR


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00:00 17.03.2006

Ausgabe 39/2020

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