Stärkespalter

Alltag II Gestern also habe ich mitten in Hamburg einen Jungen gesehen, der auf die Straße gespuckt hat. Gestern also, nachdem ich bereits seit zwei Monaten in ...

Gestern also habe ich mitten in Hamburg einen Jungen gesehen, der auf die Straße gespuckt hat. Gestern also, nachdem ich bereits seit zwei Monaten in Hamburg bin, habe ich diesen Jungen gesehen, der immer und immer wieder auf die Straße gespuckt hat. Als würde das Warten auf irgendeine Buslinie diesen Reflex auslösen. Das erinnerte mich an zu Hause, an Berlin. Dort spucken ständig Jungs und Mädchen beim Warten auf ihre Anschlüsse auf die Straße oder auf den Bürgersteig. Wartehäuschen in Berlin sind übersät von diesen enzymhaltigen Pfützen, die in der Sonne glitzern wie sich allmählich auflösender Eierschnee. Das Spucken ist in Berlin in Mode gekommen. Vielleicht wird es sich von dort ausbreiten, deutschlandweit. Wer weiß das schon. Gestern dachte ich, dass die ersten Ausläufer Hamburg bereits erreicht haben. Schon fühlte ich mich heimisch. Der Junge an der Bushaltestelle in Altona war nicht älter als zehn. Immer wieder warf er routiniert seinen Kopf in den Nacken als wolle er so Schwung holen, um seinen enzymhaltigen Auswurf so weit und so zielsicher wie möglich auf den Asphalt zu schleudern. In Berlin zielt man nicht mehr. In Berlin spuckt man einfach vor sich hin. Gemeinhin könnte man sagen: Dort ist man schon weiter. Einen Sinn hinter dieser menschlich lauen Geste kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Vielleicht gehört Spucken mittlerweile zur Pubertät wie Akne. Erklären kann ich mir auch nicht, wo in Herrgottsnamen die jungen Leute den Saft herholen. Es sieht nicht gerade so aus, als ob sie ihn angestrengt aus ihrem Hirnstamm oder einer Nasennebenhöhle raussaugen. Eigentlich bildet sich so viel Speichel nur in Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme, um Kohlenhydrate zu spalten und Würstchen, Brot und Ruccola leichter verdaulich zu machen. Außerdem wird so Stärke gespalten und es könnte einen diesbezüglich sehr bange machen, wenn der essentielle Stärkespalter so mir nichts dir nichts verplempert wird. Wo es doch gerade für Jugendliche so wichtig ist, Stärke zu spalten. Aber durch dieses Spucken aus Spaß oder Frust wird die alpha-Amylase ihrer Funktion völlig enthoben, klatscht sozusagen unsanft auf den kalten Asphalt, wo sie sich doch viel lieber an die weiche, warme Magenschleimhaut gelehnt hätte. Wollen wir die Überlegungen weiterführend einspeicheln, erliegen wir der Vermutung, dass sich dieser intervallartige Reflex möglicherweise genetisch manifestieren könnte. Nicht auszudenken, wie unser Straßenbild aussehen wird, sollte diese Unart an irgendein Gen andocken. Sowas kann schnell gehen. Haben sich nicht schon die Konfektionsgrößen geändert, weil die Mädchen heutzutage viel dünner und schmaler in den Hüften sind? Wer heute Größe 38 trägt, gilt doch schon als leicht untersetzt! Schreckliche Dinge geschehen meistens schnell, siehe Dinosauriersterben.

Zurück zum Spucken. Was ist der Sinn? Nichts in der Natur ist umsonst. Häufen zukünftige Generationen etwa immer mehr alpha-Amylase an, die sie ununterbrochen absondern müssen? Weil sie sich sonst im Innern anhäuft und irgendwann aus allen Poren quillt, was wahrlich kein schöner Anblick wäre. Man weiß es nicht. Nur: Wenn wir auch nicht wissen, warum kommende Generationen mehr und mehr ihrem Speichelreflex erliegen und öfter spucken als weinen werden; vielleicht hilft es ja der Schilyschen political correctness. Denn leichter kann man nun wirklich nicht mehr an den genetischen Code eines Menschen kommen. Er liegt ja sozusagen auf der Straße.


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00:00 03.06.2005

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