Starrsinn und Form

Antithese Kurze Haare, Disziplin: Die K-Gruppen waren eine Antwort auf den Hippie-Schlendrian der 68er. Und unser Autor mittendrin

Von 1970 bis 1977 war ich Aktivist der maoistischen KPD/AO. Das war kein Diskussionszirkel. An einem typischen Tag verteilte ich früh Flugblätter vor der Fabrik, agitierte dann Studenten, war mittags wieder vorm Tor, nachmittags Stadtteilarbeit und abends Zellensitzungen. Ich war Chefredakteur der Zeitung Dem Volke dienen und nahm an zahllosen Demonstrationen teil, gelegentlich mit Gewalt auf beiden Seiten. Die Narben habe ich noch. Mit 25 konnte ich ein Flugblatt in einer Stunde schreiben und drucken, eine Arbeiterschulung zum Kapital leiten, ein Wahlkampfteam organisieren. Ich habe in kurzer Zeit viel gelernt. Vor allem, wie der Totalitarismus funktioniert.

Was hat das mit 68 zu tun? Viel. Denn die K-Gruppen waren eine Antwort auf 68. Die Antithese zur antiautoritären Bewegung, die den Geist des radikalen Protests in einer Art Hegel’scher Synthese auf eine neue Stufe heben sollte. Helmut Lethen meint, die K-Gruppen hätten die glühenden Kernbrennstäbe von 68 abgekühlt, die anderweitig als Terror explodierten. Aber das war Wirkung, nicht Absicht.

DKP, Drogen und Depression

Hier muss ich kurz ausholen. Heute bezeichnet sich jeder, der damals mal auf einer Demo war oder den eigenen Vater als Nazi beschimpft hat, als 68er. Wenn man diesen „68ern“ glauben soll, haben erst sie die Entnazifizierung und Demokratisierung der Bundesrepublik bewirkt, die sexuelle Revolution sowieso. Auch rechts der Mitte ist 68 noch wirkmächtig: AfD-Führer Jörg Meuthen beschrieb seine Partei als Alternative zu einer „links-rot-grün versifften 68er Ideologie“. Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann, will „endlich das 68er-Denken überwinden“. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt fordert eine „konservative Revolution als Antwort auf die Revolution der 68er“.

Doch 68 war nicht Ursache der Modernisierung, sondern ihr Symptom. Die Demokratisierung war Ergebnis der Westbindung. Die sexuelle Revolution beginnt 1957 mit der Pille. Die Entnazifizierung 1958 mit der Einrichtung der Ludwigsburger Zentralstelle zur Verfolgung der Naziverbrecher. 1964 erreicht sie mit dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt und dem Eichmann-Prozess in Jerusalem ihren Höhepunkt. Die 68er hingegen beklagen den deutschen „Judenknax“ (Dieter Kunzelmann), wollen das „deutsche Volk vom Faschismus freisprechen“ (Ulrike Meinhof) und solidarisieren sich mit palästinensischen Terroristen, die Israel vernichten wollten.

Will man in der „außerparlamentarischen Opposition“ (APO) der Jahre 1965 bis 1968 irgendetwas Positives erkennen, so war es der Impetus, die Teilung in Ost und West zu überwinden durch einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wie ihn Alexander Dubček in Prag und die revolutionären Studenten und Arbeiter des Pariser Mai forderten. Der DDR-Flüchtling Rudi Dutschke war deutscher Patriot; der Ost-Berliner Dichter Wolf Biermann Held der „Neuen Linken“ im Westen. Nicht zufällig stellten sich die moskautreuen Kommunisten gegen die 68er in Paris und West-Berlin.

Die SPD, die sich unter Willy Brandt zu einer strammen Partei des Kalten Krieges entwickelt hatte, wurde von der APO kalt erwischt. Gegen die 68er-Hoffnung auf Revolution in Ost und West setzte Brandt nach dem Regierungsantritt 1969 auf ein Arrangement mit der Sowjetunion, die eben erst Panzer gegen die Reformkommunisten in Prag geschickt hatte. Gleichzeitig ließ Brandt eine moskautreue kommunistische Partei wieder zu. Sehr bald hatten die gut finanzierten und organisationstüchtigen DKP-Kader einen Großteil der Studentenvertretungen und Betriebsräte in ihrer Hand. Die K-Gruppen waren eine Antwort auf diese feindliche Übernahme von 68. Hinzu kam, dass die hedonistische Revolution, die erst 68 hervorbrachte, bald die Bewegung bedrohte. Um wieder von mir zu reden: Das für mich prägende Erlebnis waren 1963 die Beatles. Eine fast religiöse Erfahrung. „Yeah, yeah, yeah!“ könnte man mit Karl Marx als Schrei der bedrängten Kreatur bezeichnen. Als ich mir die Haare wachsen ließ, um wie meine Idole auszusehen, schickte mich die Leitung meines Reforminternats nach Hause. Ich solle erst wiederkommen, wenn ich „wie ein Mann“ aussähe. So wie mir erging es Teenagern überall in der Republik, und die „antiautoritäre Revolte“ bedeutete für uns im wesentlichen Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll, mit etwas halb verstandenem Mao, Marx und Marcuse garniert.

In meiner Abiturklasse 1969 waren wir 15. Von denen wurden drei Drogendealer. Ich selbst begab mich auf eine selbstmörderische Suche nach dem ultimativen LSD-Trip. Andere Freunde waren weiter: Kokain, Opium, Heroin. Zwischen DKP, Drogen und Depression schien der Funke von 68 endgültig erloschen, ganz abgesehen vom Mordanschlag auf Rudi Dutschke und der Ratlosigkeit der Revolutionäre von einst.

Aus dieser Lethargie weckte mich ein iranischer Schulfreund, der mir vorwarf, seine gegen den Schah kämpfenden Landsleute im Stich zu lassen. Ich solle endlich mit den Drogen aufhören und mich zum Kampf melden. Es klingt wie die Katharsis eines schlechten Hollywood-Films, aber ich hörte auf – cold turkey – und machte mich auf die Suche nach dem Rest der Revolution. Vermutlich schulde ich diesem Mitschüler – und der KPD/AO – mein Leben.

Die dritte Befreiung

Die „Vorläufige Plattform der Aufbauorganisation für die Kommunistische Partei Deutschlands“ vom 13. März 1970 beginnt mit dem Aufruf: „Die Kritik der Studentenbewegung und die Selbstkritik entfalten!“ Die Studentenbewegung wird kritisiert, weil sie zwar Ideen entwickelt habe, sich jedoch um die Organisationsfrage gedrückt habe. Die Selbstkritik bezog sich auf das „bohemienhafte studentische Leben“. Wolle man „dem Volke dienen“, müsse man sauber, pünktlich, diszipliniert und zuverlässig sein, die Regeln der Konspiration beachten, Kritik und Selbstkritik üben und sich dem demokratischen Zentralismus unterwerfen.

Heutigen 20-Jährigen mag die Attraktion eines solchen Aufrufs – und der entsprechenden Praxis, zu der gehörte, sich die geliebten Haare kurz zu schneiden – unerklärlich sein. Aber man weiß, dass Erlösungssekten aller Art unter den verlorenen Seelen fischen, und zum Erbe von 68 gehörten viele Verzweifelte. Endlich Sinn und Form in seinem Leben zu haben, das war nicht nur für mich eine Befreiung. Was die KPD/AO im Einzelnen vertrat, war demgegenüber zweitrangig, und in der „Vorläufigen Plattform“ findet sich darüber fast nichts außer einem Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus und zu dessen „Weiterentwicklung durch Mao Tse-tung“. Auch das kennen wir aus der Religionssoziologie: Zuerst kommt der Beitritt zur Kirche – dann erst die Übernahme ihrer Dogmen, dann freilich inbrünstig und unkritisch.

Ich will nichts beschönigen. Die KPD/AO war verfassungsfeindlich, verbohrt, ja verrückt, und im Übrigen in ihrem extremen Antizionismus antisemitisch. Dabei gehörten hochintelligente, witzige, charmante und warmherzige Leute zu ihrem Kaderstamm: Christian Semler, Rüdiger Safranski, Helmut Lethen, Karl Schlögel, Alexander von Plato, Elisabeth Weber, Helga Hirsch, Ruth Haase und viele andere. Sie alle – wir alle – brachten der Partei ein sacrificium intellectus dar. Was auch eine moralische Dimension hat. Dementsprechend löste ich mich zuerst nicht wegen ideologischer Differenzen von der Partei, sondern wegen eines Burnouts. Ich konnte nicht mehr. Erst danach begann ich wieder als Individuum zu denken und zu fühlen. Meine Frau und ich kauften uns einen Ikea-Sessel; solchen bürgerlichen Luxus hatten wir bislang verschmäht. Nach fast sieben Jahren, in denen ich nur Arbeiterlieder oder revolutionäre Volksmusik gehört hatte, leistete ich mir John Lennons Album Rock ’n’ Roll. Und eines Nachmittags blieb ich vor einer Buchhandlung stehen, in deren Schaufenster ein Bericht über „Maos Gulag“ lag. Wir hatten so etwas immer als Propaganda der CIA oder des KGB abgetan. Eine Stunde lang rang ich mit mir. Schweißnass ging ich schließlich hinein und kaufte das Buch. Es war die dritte Befreiung: 1963 die Beatles. 1970 die KPD/AO. 1977 der Bruch mit dem Kommunismus. Wenig später wurde ich Lehrer. Aber das ist eine andere Geschichte.

Alan Posener, Jahrgang 1949, ist ein britisch-deutscher Journalist und Korrespondent für Politik und Gesellschaft bei der Welt-Gruppe. Er hat unter anderem Bücher über John F. Kennedy und Papst Benedikt XVI. geschrieben

06:00 18.04.2018

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