Statistik-Nachhilfe

Krebsvorsorge Der Bundesausschuss verwirft Pflicht-Programme. Doch beratende Ärzte benötigen Weiterbildung

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte mit dem Gesundheitswirtschaftlichkeitsgesetz Vorsorgeuntersuchungen obligatorisch machen wollen. Danach wären Patienten, die keinen Check nachweisen können, im Falle einer schweren Krankheit mit einer Zuzahlung von zwei Prozent des Jahreseinkommens bestraft worden. Dieses Vorhaben hat der Bundesausschuss nun gestoppt.

Zugegeben: Es ist sinnvoll, sich vorsorglich untersuchen zu lassen, wenn es einen konkreten Verdacht gibt, etwa auf Brustkrebs, oder wenn nahe Verwandte bereits erkrankt sind oder waren. Sich routinemäßig durchleuchten zu lassen, bringt jedoch wenig. Denn oft verlängern die Untersuchungen nur die Zeit, in der man in Angst lebt; das Leben verlängern sie selten.

Deshalb ist der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Krankenkassen und Patientenvertretern, die Krebsvorsorge nicht zur Pflicht für Kassenpatienten zu machen, weder einem Politikversagen noch einer "Zweiklassenmedizin" geschuldet. Ihre Empfehlung, dass nur eine Pflicht-Beratung stattfinden sollte, ist klug und für die Gesundheitsreform auch unverzichtbar. Ihr sollte der Bundestag bei der Ausgestaltung des Gesundheitswirtschaftlichkeitsgesetzes nun folgen. Denn der Nutzen der Routine-Vorsorge wird überschätzt und die Ängste der Patienten werden heruntergespielt.

Sicherlich ist es vernünftig, dass Versicherte künftig nachweisen müssen, dass sie sich über bestimmte Krankheiten haben beraten lassen, denn wir tendierten dazu, Risiken zu verdrängen. Allerdings sollten dann auch Ärzte besser darüber informiert sein, was ein Routine-Screening überhaupt nutzt - und was nicht. Noch überschätzen viele deren Aussagekraft massiv, wie Erhebungen zeigen. Deshalb sollten auch die Ärzte verpflichtet werden, eine Weiterbildung in Statistik zu absolvieren, bevor sich Versicherte einer Pflicht-Beratung unterziehen.

Wenn Karl Lauterbach (SPD), einer der Väter der Pflicht-Vorsorge, argumentiert, durch die Vorsorgepflicht könnten jährlich bis zehntausend Krebsfälle vermieden werden, hört sich das zwar plausibel an, doch diese Zahl kann kaum exakt gemessen werden. Gleichzeitig unterschlägt Lauterbach die mit solchen Routineuntersuchungen verbundenen und die Lebensqualität einschränkenden Nebenwirkungen: Denn ungenaue Untersuchungen - darauf weist etwa auch der Berliner Risikoforscher Gerd Gigerenzer hin - führen zu Fehldiagnosen und falschen Verdachtsmomenten.

Dann fürchten sich Patienten unnötig oder erleiden sogar fatale Folgeschäden, etwa weil sie unnötig operiert werden. Deshalb sollte jeder selbst entscheiden, ob ihm die Beruhigung, dass nichts entdeckt wurde, mehr wert ist als die enervierende Wartezeit und eine möglicherweise nutzlose Krankheitsprognose - wobei natürlich auch die Erwartung, man sei gesund, falsch sein kann.

Beispiel Prostata-Krebs: Vor Jahren empfahlen Ärzte allen Männern mittleren Alters eine Vorsorgeuntersuchung. Inzwischen ist klar, dass es nichts nützt, sich frühzeitig - ohne entsprechende Symptome - den so genannten PSA-Wert bestimmen zu lassen, um zu erfahren, ob man an einem Prostata-Karzinom leidet. Denn die meisten dieser Tumore führen nicht zum Tod - Mann stirbt mit dem Krebs, nicht an ihm. Und bei einer aggressiven Variante nutzt die frühzeitige Kenntnis leider ohnehin nicht viel. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass Therapien oft heftige Nebenwirkungen haben, die sogar zum Tod führen können.

Auch beim Darmkrebs-Screening wird oft fälschlich alarmiert oder ein Tumor übersehen. Ebenfalls extrem ungenau ist die Mammografie, die rechtzeitig Brustkrebs entdecken soll. Zwar stimmt, dass jede vierte Frau, die älter als 35 ist und an Brustkrebs erkrankt, gerettet wird. Aber bei aller Tragik im Einzelfall tritt Brustkrebs selten auf: Nur vier von 1.000 Frauen erkranken überhaupt daran. Es müssen sich also tausend Frauen einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen, damit dann eine von ihnen - die übrigen drei sterben - gerettet werden kann. Vorausgesetzt der Tumor wird überhaupt erkannt.

Diese minimale Erhöhung des Überlebenschance wird mit massenhaft falschem Alarm und schweren Ängsten erkauft. Ganz zu schweigen von der Strahlenbelastung durch die Mammografie - die mikrodosierte Variante wird von den Kassen nicht übernommen - und unnötigen Operationen, die die Lebensqualität junger Frauen einschränken.

Gert G. Wagner lehrt Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin und ist Forschungsdirektor für "Soziales Risikomanagement" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.


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00:00 10.08.2007

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