"Staub" von Hartmut Bitomsky

Kino Einmal, nach etwa zwei Dritteln des Films, ist Zorn zu spüren. Leise und abgedämpft zwar durch die sachliche Stimme eines Wissenschaftlers, der wie ...

Einmal, nach etwa zwei Dritteln des Films, ist Zorn zu spüren. Leise und abgedämpft zwar durch die sachliche Stimme eines Wissenschaftlers, der wie alle Gesprächspartner namenlos bleibt, aber spürbar allein in der Geste des Zeigens. Langsam fährt die Kamera herab an einer Reihe von Fotos, auf denen Kinder mit furchtbaren Missbildungen zu sehen sind. Schuld daran trägt mutmaßlich Uranstaub, der beim Abschuss ummantelter Projektile freigesetzt wurde. Schuld daran trägt also der Mensch.

Hartmut Bitomsky nahm 1966 im ersten Jahrgang an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin gemeinsam mit Harun Farocki und Holger Meins das Studium auf und ist seit Januar 2006 Rektor der Hochschule, die sich längst von der antiautoritären Revolte verabschiedet hat. Selten argumentiert er in seinem neuen Essayfilm Staub so moralisch wie in dieser Szene, lässt einen Hauch von Empörung zu und wagt sich an die Grenze des Spekulativen. Auf derart konventionelle Methoden, Interesse an seinem Thema zu erzeugen, verzichtet er im Film nahezu vollständig. Sein eigentliches Leitmotiv ist das der Ambivalenz. Staub ist allgegenwärtig und verdrängt, aus kollidierendem Staub entstehen Planeten, aber im Alltag ist er unerwünscht. Staub ist, wie eine junge Frau einmal sagt, "der Bodensatz der Zivilisation".

Hinter alledem steckt ein gerüttelt Maß Pioniergeist, die Frage also: Warum hat sich eigentlich sonst noch niemand dieses Themas angenommen? Seine eigene Motivation entwickelt Bitomsky nicht aus einer kausalen Kette von Beobachtungen oder Argumenten - sie scheint aber immer wieder durch in der assoziativen Reihung von Situationen, von Stäuben und Menschen, die sich damit beschäftigen. Aus fallendem Goldstaub, der schwerer sei als andere Sorten des Staubs, wird fallender Regen. In jedem Tropfen ist ein Korn enthalten. "Ohne Staub", so heißt es darauf im von Bitomsky selbst gesprochenen Kommentar, "gäbe es keinen Himmel". Diese Momente der poetischen Überwältigung sind dialektisch verflochten mit einer nüchtern präsentierten Fülle an Fakten, denen kaum im Einzelnen zu folgen ist und die sich somit selbst wieder dem rationalen Zugriff entziehen. Bitomsky zählt die Materialien auf, aus denen der Staub bestand, der sich in New York über den Ground Zero legte, vom Glas über diverse chemische Verbindungen, radioaktives Material, Arsen bis hin zum Flugzeugtreibstoff - ein Mikrokosmos des Zivilisationsmülls. Eine Maschinerie der Vernichtung, die der Staub als Abfall spiegelt.

Eine Fabrik, in der Kalk verbrannt wird, liegt unter dem dabei entstehenden weißen Staub wie unter einer geschlossenen Schneedecke - wieder eine Einladung zum Weiterdenken: Spricht dieses Bild nicht von einer stillen Harmonie, die durch Erstickung erkauft ist? Zum Ende hin steht die Kamera, als Störenfried sicherlich, in einem der so genannten Reinräume, in denen Mikrochips oder ähnlich empfindliche Materialien hergestellt werden. Weiße Wände, weiße Decke, weiß gekleidete Reinigungskräfte, die natürlich notwendig sind, aber eben auch potenzielle Verschmutzer. Solche Bilder, die allegorisch sind und dennoch ihren eigenen ästhetischen Sog entwickeln, die den Staub direkt zeigen können oder seine beinahe komplette Abwesenheit zum Thema haben, sind im Film leider in der Minderzahl. Mit akribischer Recherche stellt Bitomsky sich dem Dilemma, das kaum Sichtbare sichtbar zu machen. Er umkreist den Staub über den Umweg von Industrie und Wissenschaft, denen er Antrieb und Problem ist, lässt Ingenieure, Hausfrauen, Astrophysiker zu Wort kommen. Sie erklären ihre Arbeit, Bitomsky lässt sie reden, minutenlang. Manchmal kommt es dabei zu einer seltsamen Dopplung, manchmal wird durch all das Fachchinesisch der Blick auf den Sprechenden wie der Blick des Sprechenden auf sein Thema: Was sind das für Menschen, die sich so intensiv mit Staub befassen und darüber reden können?

Diese Lesart entzöge die Namenlosen der Anonymität, in der Bitomsky sie hält. Oft genug scheinen sie nur die Sprachrohre der Apparaturen zu sein, einer Anlage zur Farbmischung etwa oder eines neuartigen Reinigungsgeräts, an denen sich die Kamera ausführlich weidet. Zwei Malerinnen, die sich in ihrer Kunst anders als der Dokumentarfilmer einer rein symbolischen Wahrheit verpflichtet fühlen dürfen, zeichnen Bilder vom Staub: als großem, felsigen Brocken, der sich deutlich abhebt von flächigen Hintergründen. "Das Unsichtbare sichtbar machen" wollen die beiden - darin sind sie Bitomsky durchaus verwandt.

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