Staumelder für Papi, Pisajäckchen fürs Kind

Keine Visionen? Von wegen. Die Entwickler von High-Tech-Fashion sprühen vor Fantasien über "Smart Wear" im Schonwaschgang

Im Sommer hatte Smart Clement noch einmal einen guten Tag. Am Rande der Deutschen Leichtathletikmeisterschaften in Bochum-Wattenscheid durfte er ein prototypisch umrauntes Teil hoffnungsträchtiger Smart Wear aus den Brainducts Labors (Brainduct ist die innovative Verknüpfung von Brain/Gehirn und Product) vom Fraunhofer- und Klaus Steilmann Institut überziehen. Eine Weste, in die ein 300 Gramm leichter Minicomputer eingenäht ist. Damit konnte er an jedem Ort des Stadions Informationen zum Wettkampf abrufen oder anfragen, ob sein Lieblingsplatz in der VIP-Lounge frei ist. Und wichtige Nachrichten empfangen: "Vorsicht, Hammer!" beispielsweise.

Noch ist die Weste nicht käuflich zu erwerben. Aber zur Fußball-WM 2006 in Deutschland soll jeder Fan die Möglichkeit haben, sie für ein paar Euro zu mieten. Sagt Dr. W. Deiters vom Fraunhofer Institut. Smartbrain Clement wusste sofort: "Die Idee ist klasse. Unser Ziel muss es sein, sich in allen Bereichen an die Weltspitze zu setzen." Doch trotz aller Fanfarenstöße gibt es noch nirgendwo eine Serienfertigung von High-Tech-Fashion-Produkten, die jene Verbindung von Mode und Technik tragbar und bezahlbar machte. Es gibt Einzelstücke, die legendäre Infineon-Jacke mit der eingebauten Musik beispielsweise, und bei irgendwelchen Einsätzen im Wüstensand wird der amerikanische Soldat ein Schutzgitter in seine Weste eingelassen haben, das den Kameraden im Schadensfall anzeigt, ob es sich noch lohnt, ihn unter Einsatz des Lebens unter dem Kamel hervorzuholen. Aber alles viel zu teuer. Viel zu plump.

Doch es geht nicht um Einzelfunktionen: Der ganze Mensch soll künftig von der vollen Dröhnung hightronischer Brainducts umschlossen sein! Abgedeckt werden müssen folgende Erwartungen an High-Tech-Fashion: Fitness Wellness; Security Protection; Games Fun, Health Care, Xyberware, Business Netware: Also Überwachung von Körperfunktionen, Pulsmessung, Kalorienverbrauch, Wellness-Effekte durch innovative Materialien, Alarm- und Ortungssysteme für sich entfernende Kinder oder Lebenspartner leuchten in der Nacht, integrierter Gameboy oder MP3-Player, Infrarot-Schnittstellen für interaktive Spiele, Blink- Spaßelemente, Gadgets wie Leuchtbrillen, durch die Integration von Minirechnern, Handy und GPS (ein Ortungssystem) wollen wir weltweit vernetzt sein, jederzeit erreichbar und jeden Weg finden. Nur ein schmaler Auszug aus einer schier endlosen Liste unserer Bedürfnisse. Bei gegebener Miniaturisierung aller Elemente, verteilt auf Kopf, Revers, Busenhalter oder Brust- und Leibgürtel, Seitenteile, Taschen- und Taschenklappen der Jacken, Ärmel und Stulpen, Hosenbeine rechts und links und die Stromversorgung mittels Solarzellen auf dem Oberleder der Schuhe, wankten wir so unbezahlbar und anmutig wie eine laufende Intensivstation herum.

Das kann es nicht sein, sagt Professor Hartmann. Und erneuert die alte Losung der Steilmann Gruppe: "Mode für Millionen, nicht für Millionäre" wollen wir machen. Und deswegen sitzen wir jetzt in der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus bei Professor Dr. Ing. B. Falter im Zimmer. In Cottbus, da hält Steilmann unter der Führung der umtriebigen Tochter Britta noch seinen letzten in Deutschland produzierenden Betrieb aufrecht, 200 Schneiderinnenplätze, damit dereinst die Ergebnisse der Hartmannschen und Falterschen Zusammenarbeit am Schneidetisch verifiziert und in bewährtem Steilmann-Chic gefertigt werden können. Denn es geht um nichts Geringeres als die Halbleitereigenschaften der Mikrochips den Fasern neuer Stoffe einzuschreiben, so dass ein fröhliches Entwerfen und Schnittmustern und Schneiden und Vernähen der High-Tech-Fashion für Jedermann möglich wird. Das ist die Revolution, sagt Professor Falter. Kleine Teile einnähen und verkabeln, das kann jeder High-Tech-Klempner. Aber schneidern Sie unter heutigen Bedingungen mal ein hauchzartes Verführerinnendirndl. "Praktisch wird das wahnsinnig schwierig, da stehen wir ganz am Anfang. Überall in der Welt. Ganz neue physikalische Fragen werfen sich da auf. Es ist zu machen. Aber es wird noch Jahre dauern." So der Leiter des International Center of Excellence for Wearable Electronics Smart Fashion Products der BTU.

Zum vielleicht sechsten Mal drückt Professor Hartmann in demonstrativer Verstohlenheit auf eine Art Knopf am Sakko, da angebracht, wo sonst das Poussiertüchlein überlappt. "Da ist was drin im Sakko, Spitzenelektronik, die gesichert werden muss gegen Datenraub." Antwort auf den endlich mutig fragenden Blick. Top Secret, eine Entwicklung in Zusammenarbeit mit Infineon, die ihn eben gelegentlich nervös an der Fingertipchip-Sicherung herumfingern lässt. Hartmann ist praktisch Geheimnisträger mit elektronifiziertem Unikatsakko. Aber eins kann er mir zeigen: Und er fummelt am Ende des Jackenärmels herum und entbirgt eine eingenähte kleine, bläuliche Leuchtdiode: "Mit der können sie nachts der Geliebten das Türschloss beleuchten." Hält zehn Jahre und kann mit gewaschen werden. So der offenbar auch in Galanteriewaren bewanderte Professor. Und noch etwas hat er mitgebracht und kramt es jetzt aus dem Musterkoffer: Intelligente Kleiderbügel mit Display, die in Vernetzung mit intelligenten Etiketten den Verkäufern der Modeboutiquen Auskunft über den Stand der Lagerhaltung geben, die Käuferin über Größen, allergene Bedenklichkeit der Stoffe informieren oder über zwei Reihen weiter für sie vorrätig und just dazupassendes Accessoires. Nie mehr hängt ein 36er Fummel auf der 38er Stange und stürzt die Anprobierende in Depressionen!

Aber jetzt Hand aufs Herz: Hat sich denn jemand einmal an einer Folgenabschätzung versucht? Oben informieren, mittig Stress messen, unterm Tisch spielen und gleichzeitig die Schuhe so ins Licht halten, dass, während der die Venen massierende Wellness-Stoff seine Wohltaten verrichtet, die Energieversorgung nicht zusammenbricht - was bedeutet das fürs gesellschaftliche Sein, wo doch der schlichte Handy-Gebrauch bereits alle zwischenmenschlichen Beziehungen in abwechselnd erstarrte und in die Aschenbecher starrende Weghörmonaden zerlegt hat?

Glücklicherweise war Professor Hartmann auch Mitglied im leider scheiternden Arbeitskreis Innovation und Technikanalyse des Bundesministeriums für Forschung et cetera und ist es im Arbeitskreis Technikfolgenabschätzung des Landes NRW. Gesellschaftspseudokritische Einwände hält er für nichtig, von Fortschrittspessimismus angekränkelt. Er hat doch wohl hinreichend klar gemacht, dass Smart Wear eben mehr ist, als der Staumelder in Vaters intelligenter Unterhose. Nehmen wir das intelligente U-Hemd, das dem Hausarzt meinen Herzkasper signalisiert, bevor ich von der Gattin falle. Oder nehmen wir Pisa. Die Eltern sind mit dem lese- wie rechtschreib- und mathematikschwachen Kind ans Meer gefahren. Da sagt dann die Mutter eben, bevor´s an den Strand geht: Heute ziehst du mal dein Pisajäckchen an oder sie lädt das Gameboyjäckchen mit den vernachlässigten Lernstoffen, und dann sitzt Sohnemann am Wasser, pult an den Zehchen und kommuniziert mit seinem Wissenswams. Endlich Ernst machen mit der Kommunikationsgesellschaft! Darum geht´s doch. Hergottnochmal, verzweifelt Professor Hartmann erstklassig performt. Und Spaß und Wohlbehagen müssen doch auch sein: Wie angenehm wäre im Sommer ein piratiserendes Freizeithemd mit einem ordentlichen Cool-down-Effekt, wie cool wiederum die Möglichkeit, sich die Farbe des Tages aus dem Internet, passend zu Haar oder Partnerin, in die flauschige High-Tech-Faser des Spielanzuges zu laden!

Aber freilich gibt es das Problem der uns im Vollbild der High-Tech-Fashion zunehmend durchbohrenden hochfrequenten Strahlungen (E-Smog), vor denen wir uns schützen müssen. Im Health Care-Bereich hat das Steilmann-Institut erste tastende Schritt unternommen: "Die Silvertex Kollektion des High-Tech-Fashion-Design-Teams Berlin schützt vor Handy-Strahlung und baut Stress ab. Die Strahlendämpfung liegt bei über 90 Prozent ... Selbstverständlich werden alle Modelle, in denen wearable electronics integriert sind, mit abschirmenden Futtern ausgestattet." Das sind Anfänge, einem eingewirkten Silberfädchen geschuldet, das aber außerhalb von Strickwaren so gut nicht kommt. Der Mensch muss aber perspektivisch werden wie ein Faradayscher Käfig und gleichzeitig in einen Stoff gewandet, in dem es empfängt und rechnet und aufglüht und anzeigt und blinkt und kommunikativ abstrahlt beziehungsweise sendet. Da ahnt man schon, was an Arbeit vor uns liegt. Deshalb fängt Professor Falter auch sofort damit an: Wie können wir uns schützen vor dem, was wir hervortreiben? Wo finden wir die idealen Stoffe? Und er hat einen Diplomanten requiriert, Daniel Schönfeld, der sich darin verbeißen und diplomieren wird und gerade ein Dummy baut, wo man auch im Innern messen kann. Er wird Fragen klären wie: Was ist mit Halspartien, Knopf- und Knopflochleiste, was mit Nähten und wie wirkt die Brusttasche links überm Herzen? Dazu hat er schon einen Sender und einen Empfänger und einen Institutsbalkon, wo er loslegen kann.

Was wird sein, frage ich, wenn alles summt und brummt und misst und wir rund um die Uhr kommunizieren oder kommuniziert werden, und eines Tages möchte die Gattin uns einen kleinen Auftrag erteilen, aber da wo sonst der elektronische Einkaufszettel sein Feedback zu funken hätte, herrscht Schweigen und die Pulsfrequenz- wie Hormonausschüttungsmesszentrale bleiben stumm und der Staumelder meldet nichts und rundum nichts als Stille in the air. Was tut also dann die Gattin? Nun, tröstet Professor Hartmann, man kann sich Chips unter die Haut pflanzen lassen. Die Amerikaner arbeiten daran. Da lachen wir alle erleichtert.

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00:00 13.12.2002

Ausgabe 42/2021

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