Stehaufmann

LETZTER VORHANG Zum Tod von Harald Juhnke

Bevor Gerhard Schröder in den siebziger Jahren am Gitter des Bundeskanzleramtes in Bonn rüttelte "Ich will hier rein", hatte im Jahr 1948 ein 19-jähriger Schauspielschüler von der zerbombten Bühne des ehemaligen Preußischen Staatstheaters am Gendarmenmarkt in Berlin in den ausgebrannten Zuschauerraum gerufen: "Mein Damen und Herren, hier sehen Sie Harry Juhnke, der eines Tages der berühmteste Schauspieler Deutschlands sein wird."

Aufgewachsen in der Nazizeit im kleinbürgerlichen Milieu des vormals "roten Wedding", noch 1944 freiwilliger Offiziersanwärter für die Luftwaffe, erlernte Juhnke nach dem Krieg bei der Schauspielerin Marlise Ludwig das Handwerk. Seine erste Rolle, einen russischen Offizier, spielte er in Trenjows Stück Ljubow Jarowaja im "Haus der Sowjetischen Kultur" Unter den Linden. Eben dorthin - das Theater hieß nun nach Maxim Gorki - sollte er fast fünfzig Jahre später zurückkehren, um in der Regie von Katharina Thalbach den Schuster Voigt aus Carl Zuckmayers Satire Der Hauptmann von Köpenick mit größtem Erfolg zu spielen.

In den Fünfzigern hatte Juhnke schnell begriffen, dass sich Massenwirksamkeit und Geld leichter im Film erspielen ließen. Sein schauspielerisches Vorbild, "der blonde Hans" Albers, den er in der nonchalanten Attitüde "Hoppla, jetzt komm ich" imitierte, wurde für Juhnke schließlich überstrahlt von dem amerikanischen Idol Frank Sinatra. An ihm bewunderte er nicht nur die Eleganz, sondern den "enormen Facettenreichtum" des Ausdrucks ("Er konnte irgendeine Musikshow machen, und er konnte die dramatischsten Rollen spielen"). Vor allem aber bewunderte er Sinatra als "Mann voller Gegensätze. Einer, der ganz oben war und ganz unten, der aber immer wieder nach oben gekommen ist." Seinen Ehrgeiz, zum "deutschen Sinatra" zu werden, konnte Juhnke mit dem Aufkommen des Fernsehens befriedigen. Hatte er sich im Film in Dutzenden von Heimatschnulzen und Militärklamotten vor allem in Buffo-Rollen "sehr viel" Geld verdient - wie er selbst versicherte -, so bot ihm das Fernsehen die Möglichkeit, sein schauspielerisches Talent allseitig zu entfalten. In der Nachfolge von Peter Frankenfeld moderierte er ab 1979 Musik ist Trumpf, war Showmaster und Entertainer in einem, wurde in Fernsehserien mit so bezeichnenden Titeln wie Ein Mann will nach oben (1978) oder Leute wie du und ich (1981-84) populär und frönte in Sketch-Reihen seiner Verwandlungslust.

Dieser Aufstieg in massenmediale glory war von tiefen Abstürzen begleitet, da Juhnke der Uraltdroge Alkohol verfiel, wo seine Konkurrenten längst zu subtileren Aufputschmitteln griffen. Trieb wie Wahn, "der Größte" unter den Unterhaltern zu sein, wurde von der Boulevardpresse, voran Bild, und dem Privatfunk nachhaltig mit gefördert. Selbst die Werbung, die Juhnke in seinen "Trockenphasen" für nichtalkoholische Getränke machte, war Bestandteil der Vermarktung seines Talents, so wie die Anteilnahme, die die Öffentlichkeit an seiner Stehaufmännchenfähigkeit à la Sinatra nahm, nur eine besondere Form der Sensationshascherei war.

In einer Art Selbsttherapie kehrte Juhnke in den Achtzigern auf die Berliner Bühnen zurück und stellte in der Rolle des Archie Rice in Osbornes Stück Der Entertainer, als Tartuffe und Der Geizige von Moliere sowie in Turrinis Alpenglühen seine Fähigkeit zum Charakterdarsteller anschaulich und überzeugend unter Beweis. In den neunziger Jahren gestaltete er Filmfiguren mit tiefenpsychologischen Zügen aus. In Der Trinker nach Fallada (1996) porträtierte er sich selbst schonungslos mit. Als Der Papagei (1992) spielte er einen Schmierenkomödianten, der sich von den Rechten kaufen lässt. In Helmut Dietls Film Schtonk über die gefälschten Hitlertagebücher machte er aus dem Zeitungs-Ressortleiter Kummer eine tragikomische Gestalt. Dem Hauptmann von Köpenick in Frank Beyers Verfilmung verlieh er auch Züge krimineller Energie und machte ihn weitaus interessanter, als es Heinz Rühmann getan hatte. Ebenfalls 1997 drehte Juhnke noch einen Film mit dem Titel Letzte Chance für Harry. Er hat sie nicht genützt. 2001 ließ ihn seine zweite Frau Susanne in ein Heim für Demenzkranke einweisen, 2002 entmündigen. Darüber kam es zu einem Streit mit Sohn Peer aus Juhnkes erster Ehe. Juhnke selbst habe, so heißt es, noch jeden Tag mit einem Teddy im Arm auf das Abholen für einen Bühnenauftritt gewartet.

Er war sicher nicht das erste, erst recht nicht das letzte Opfer von Selbstüberschätzung in einer mediengeilen Gesellschaft. Aber aus der Handvoll deutscher Entertainer und Showmaster, die heute den Ton vorgeben, ragt er - frei nach Brecht - wie ein "(selbst-)verletzter Daumen" aus dem alten Jahrhundert heraus.


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00:00 08.04.2005

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