Stehen geblieben

Wald Geld für Natur – jetzt sollen die Börsen helfen, den Klimawandel abzuwenden. Wenn das irgendwie funktionieren soll, müssten sich die Verhandler diesmal einigen

Summiert man die Brandrodungen in Asien, Afrika und Südamerika, verschwindet jede Sekunde ein Fußballfeld Wald. Jetzt. Und jetzt. Und jetzt das nächste. Der im Wald gespeicherte Kohlenstoff wird auf einen Schlag wieder zu Kohlendioxid, und langfristig fehlt der Erde wieder ein Stück ihrer grünen Lunge. Pro Jahr wird so eine Fläche Wald vernichtet, die dreimal so groß wie Ungarn ist. Dabei werden mehr als zwei Milliarden Tonnen Treibhausgas frei. Die Brandrodung ist damit nach der Energiewirtschaft die zweitgrößte Treibhausgasquelle überhaupt. Und obwohl das Problem seit zwei Jahrzehnten bekannt ist, geht es Jahr für Jahr weiter.

Erstmals zum Thema machte Gastgeber Indonesien die ungehemmte Waldrodung auf der Klimakonferenz 2006. Auf der Insel Bali wurde der Mechanismus "Reducing Emissions from Deforestation and Degradation", abgekürzt REDD, entwickelt, der diese Entwicklung stoppen könnte. Die Idee dahinter: dem im Holz gespeicherten Kohlenstoff einen ökonomischen Wert geben. Wald roden würde dadurch in etwa das selbe werden, wie Geldscheine zu verbrennen.

Der Plan schien der Klimadiplomatie einleuchtend und auch die Ökonomen waren begeistert. Lord Nicholas Stern beispielsweise, ehedem Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau, hatte sich mit dem Kahlschlag in seinem Bericht an die britische Regierung befasst. Der so genannte „Stern-Report“ führte 2006 aus, dass die Drosselung der weltweiten Entwaldung der kostengünstigste Weg ist, die Kohlendioxid-Emissionen zu senken.

Sind Palmölplantagen Wald?

Aber bereits die Frage, wie man eigentlich Wald definiert, führte zu Komplikationen. Palmölplantagen sollten nicht als Wald klassifiziert werden, lautete eine Forderung der Industriestaaten. Denn dort, wo heute Palmölpflanzen gedeihen, war früher Regenwald, der für die Ölproduktion abgeholzt worden war. Die Entwicklungsländer konterten: Kiefernschläge in Brandenburg seien ja auch kein Urwald mehr – sondern ebenso Nutzholzplantagen.

In Kopenhagen – so schien es - war bei REDD ein Durchbruch möglich: Die Vertragsstaaten hatten sich auf eine Methodik geeinigt, wie die Buchhaltung für Wälder funktionieren soll. Ein wichtiger Schritt, denn nur wenn klar ist, wie die Bäume gezählt werden, kann man dem darin enthaltenen Kohlenstoff anschließend einen ökonomischen Preis geben.

Das Holz einen ökonomischen Wert besitzt, belegt eine Erhebung der Umweltorganisation WWF. Demnach importiert Deutschland allein aus Indonesien jedes Jahr Holz aus illegalen Quellen im Wert von 150 Millionen. Illegal bedeutet: bei Ernte, Transport oder Verkauf des Holzes wurde gegen nationale oder internationale Gesetze verstoßen. Legt man einen Handelspreis von 100 Euro je Festmeter zu Grunde, sind deutsche Verbraucher damit in Indonesien für die Vernichtung einer Waldfläche etwa der Größe Schleswig-Holsteins verantwortlich – und zwar jedes Jahr.

Allerdings entspricht dieser geldwerte Gegenwert des Holzes nicht seinem Nutzen für den Klimaschutz – sondern vielmehr als Rohstoff für die Baumarktbranche, den Bürofachhandel, den Lebensmittelhandel oder für die Spielzeug- und Geschenkartikel-Industrie. Wie also berechnet man den Klimaschutzeffekt von Wald?
Über spezielle Verfahren lässt sich ermitteln, wie viel Kohlenstoff in bestimmten Waldformationen gespeichert sind. So enthält beispielsweise deutscher Kiefernwald pro Hektar 300 Kubikmeter Holz. Getrocknetes Kiefernholz speichert je Kubikmeter eine halbe Tonne Kohlenstoff, verbrennt man diesen Kubikmeter werden 1,85 Tonnen Kohlendioxid frei.

Zertifikatschwemme befürchtet

So könnte man für Savannenwald ebenso wie für Mischwald, Bergwald oder Regenwald Kohlendioxid-Mengen feststellen und mit so genannten Zertifikaten belegen. Solche Zertifikate, oftmals auch als „Verschmutzungsrecht“ bezeichnet, müssen Firmen vorweisen, die in den europäischen Emissionshandel einbezogen sind. Wer eine Tonne Treibhausgas in die Luft jagen will, muss ein solches Zertifikat nachweisen. Ausgegeben wurden diese von der Europäischen Union, und wer mehr Kohlendioxid produzieren will als er Zertifikate zugeteilt bekam, muss sich zusätzliche Verschmutzungsrechte an der Börse kaufen.

Aktuell kostet dort ein solches Zertifikat 15 Euro. Für den Hektar Kiefernwald in Deutschland ergebe ein solches System damit den Preis von 4162,50 Euro - der Klimawert eines Waldes. „Brasilien hat hier in den Verhandlungen sehr deutlich gemacht: REDD wird nur seine Zustimmung finden, wenn es eine andere Lösung als Zertifikate und Emissionshandel gibt“, sagt Martin Kaiser, der für Greenpeace die Verhandlungen in Cancún verfolgt. Tatsächlich gibt es große Vorbehalte gegen dieses System. So befürchtet etwa die Europäische Union, dass durch eine solchen Lösung der Markt mit Zertifikaten überschwemmt wird und die Verschmutzungsrechte damit an den Börsen wertlos werden. Eben weil es etwa in Kanada oder Russland gigantische Waldflächen gibt, würden schnell die "Wald-Zertifikate" den Börsenhandel dominieren: Vattenfall könnte dann seelenruhig weiter Braunkohle verfeuern - und die Emissionen über billige Waldzertifikate abdecken.

Von einem wahren Goldrausch für Waldzertifikate spricht der britische Forstexperte Chris Lang. Auf seiner Website REDD-Monitor.org protokolliert er die Anbahnung des weltweiten Geschäftes. Mit vernichtendem Urteil. „Die Menge des eingesparten Kohlendioxides lässt sich nicht seriös kalkulieren“, so Lang. Würde ein Waldstück niederbrennen, müssten die zuvor vergebenen Zertifikate zurückgezogen werden. Aber dafür gibt es keine Handhabe.

„Wer will nachweisen, ob ein Wald in zehn oder 20 Jahren noch steht“, fragt auch Lambert Schneider, beim UN-Klimasekretariat Leiter einer Arbeitsgruppe zum Emissionshandel mit Entwicklungsländern. Die Systematik könnte dazu führen, dass hinter den Zertifikaten keine tatsächliche Emissionsminderung steckt. Statt dessen empfiehlt Schneider – wie viele Experten – Waldschutz über einen Fonds zu finanzieren. „Dafür könnte man Geld verwenden, dass die EU-Länder 2013 aus der Versteigerung ihrer Zertifikate erlösen werden“, so der UN-Experte. Aktuell stoßen die Firmen, die in den europäischen Emissionshandel einbezogen sind, knapp 2 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus, ab 2013 müssen die meisten Firmen für ihre Emissionen zu 100 Prozent Zertifikate kaufen, bei einem Börsenpreis von derzeit 15 Euro kommen also einige Milliarden zusammen.

Lohn kommt spät

Eine norwegische Studie zeigt, dass in einer ersten Phase zwei Milliarden Dollar und später zehn Milliarden Dollar pro Jahr erforderlich sind, um den Waldverlust bis 2020 zu halbieren. In der ersten Phase wird das Geld vor allem in Kontrollsysteme und Demonstrationsprojekte investiert und in der zweiten Phase werden Länder sowie Waldbewohner und –anrainer dann für messbare Erfolge im Kampf gegen die Entwaldung entlohnt.

Allerdings müsste damit gleich begonnen werden, soll eine Halbierung bis 2020 tatsächlich erreicht werden. Australien, die USA, Frankreich, Großbritannien, Japan und Norwegen haben deshalb auf einer Waldkonferenz im Mai zugesagt, zwischen 2010 bis 2012 mindestens 2,6 Milliarden Euro in den Schutz der Wälder im Rahmen des REDD-Programmes investieren zu wollen.

Dafür müsste aber die diesjährige Klimakonferenz in Mexiko Beschlüsse fassen. "Es ist davon auszugehen, dass in Cancún die Spielregeln für den Waldschutz-Mechanismus REDD verabschiedet werden", urteilt vorsichtig optimistisch Christoph Bals, der für Germanwatch die Verhandlungen beobachtet. Bals: „Nirgendwo ist der Wille zu einer Einigung größer. Und irgendwas müssen die Klimadiplomaten in diesem Jahr vorlegen“. Das sieht auch Todd Stern, Chef der US-Verhandlungsdelegation so: „Man kann nicht permanent behaupten, der UN-Prozess sei das Zentrum der Problemlösung und dann nie zu Abschlüssen kommen“.

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11:00 06.12.2010

Ausgabe 38/2020

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