Stein, Staub, Statuen

Kulturbaukasten für Life-Style-Generationen Ein Besuch in den Marmorbrüchen von Carrara

Die weißen Flächen in den hochgelegenen Gebirgsregionen östlich von Carrara wirken wie ein fernes Leuchtfeuer, das dem Kapitän Glück verheißt. Vergleichbar einer Gletscherlandschaft, deren Rinnen und Spalten sich immer tiefer in die Bergrücken eingraben, geht von diesem milchigen Weiß eine malerische Wirkung aus: ein Gebirgspanorama zerklüfteter Felsen, darin eingraviert flackernde Linien zickzackförmiger Straßen, die den Weg des Marmors vom Steinbruch bis zum Dorfrand nachzeichnen.

Hier, im nordwestlichen Teil der Toskana, wo die Apuanischen Alpen eine Höhe von fast 2.000 m erreichen, fügt sich das Netz staubiger Straßen zu einer Avenida des Marmors: eine 8 km lange, schnurgerade Straße, die die Stadt Carrara mit dem Hafen verbindet. An der Küste das logistische Zentrum, das Tor zur Welt. Gesteinsarten aus vielen Ländern werden hier verladen, der Rohstoff weiterverarbeitet und veredelt, um als teurer Export in die Herkunftsländer zurückzukehren.

Das weltumspannende Netz der Marmorindustrie besitzt in der nur mittelgroßen Handelsstadt Carrara eine werbewirksame Kapitale mit einer riesigen Reservekammer an Marmorvorräten, die sich hinter einem eindrucksvollen Panorama verbirgt. Die Apuanischen Alpen, die schroff in die Höhe steigen, folgen der Form einer Ellipse, die sich über eine Fläche von 1.080 qm erstreckt. Mineralogen, Geologen und Topographen forschten in dem 500 Millionen Jahre alten Gestein, in dessen Sedimentschichten im Laufe von vielen Millionen Jahren Meerestiere versteinerten. Enormer Druck und hohe Temperaturen verwandelten den Kalkstein in Kristalle. Das Ergebnis der Metamorphose: ein Gebirgsmassiv, das 60 Milliarden Kubikmeter Marmor birgt.

Roms Imperatoren wussten dieses Naturgeschenk zu nutzen. Mit der kleinen Hafenstadt Luni legten sie den ersten Baustein für ein zweitausendjähriges Marmorimperium. Die Abbaumethoden waren simpel, die Baulust der Römer enorm, die technischen Mittel begrenzt. Die Abbautechnik war arbeitsaufwändig, der Ertrag bescheiden. In die vorhandenen Risse wurden Holzkeile getrieben und mit Wasser übergossen. Das aufquellende Holz entwickelte die nötige Sprengkraft, der Block löste sich vom Stein: eine vergleichsweise schonende Abbaumethode.

Mit dem Einsatz von Schwarzpulver begann im 18. Jahrhundert ein verschwenderischer Abbau, der harte Einschnitte im Gebirge hinterließ. Die unkontrollierte Explosion zertrümmerte den Marmor, so dass große Blöcke Seltenheitswert besaßen. Ein weiterer Nachteil: Die Sprengungen waren nicht nur wirtschaftlich völlig uneffektiv, sondern auch gefährlich. Geröllhalden bedeckten die Bergflanken und erschwerten zudem die weitere Arbeit in den Marmorbrüchen. Erst mit der Einführung des Drahtseiles Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Belgier Chevalier veränderte sich der Charakter der Landschaft.

Die mächtigen, aus dem Felsmassiv herausgeschnittenen Blöcke schaffen künstliche Terrassenlandschaften, die Schächte und Höhlen verbergen - ein Abbild technischer Präzision und geologischer Forschung, ein Schattenspiel von hellen und dunklen Flächen, hinter denen Labyrinthe in die Tiefe führen. Wer das Halbdunkel dieser Höhlenlabyrinthe betritt, ahnt, dass er dem Urbild des Raumes nahe ist, dass negative Räume eine elementare Ausstrahlung besitzen: anonyme Kathedralen der Technik im Rohzustand, eine Industriearchäologie, die im Fels verschwindet. Die tonnenschweren Quader sind aus dem Felsen herausgesägt, die Landschaft ist aus der Tiefe des Berges modelliert. Als Gegenbild zur Tektonik gebauter Räume, deren Spannung aus Abstand, Dichte und Bauvolumen resultiert, ist hier eine Vision von Leere entstanden.

Im Spiegel der technischen Revolution erscheinen die Apuanischen Alpen wie ein riesiges Experimentierfeld für eine Großraumtechnik, deren Abbaumethoden nachhaltig das Landschaftsprofil veränderten. Einen ästhetischen Feinschliff erhielten die Marmorbrüche in den sechziger Jahren durch den Einsatz von Kettensägen, eine Maschine, die sich bereits im Bergbau bewährt hatte. Weitere umweltfreundliche Entwicklungen wie der Einsatz eines flexiblen Diamantdrahtes zum Schneiden der Blöcke haben die physischen Belastungen nicht aufgehoben, sondern lediglich verlagert. Der enorme Lärm, die blendende Helle des Marmors und der Einsatz massiger Bagger, die auf kleinstem Raum 30-Tonnen-Blöcke bewegen, solch eine Arbeit ist ohne eine breite Vertrauensbasis kaum möglich. Die Risiken für Leib und Leben sind hoch, die Körper der Steinbrucharbeiter von den Mühen gezeichnet. Die Männer haben einen offenen und harten Blick. Ein Hang zur Anarchie und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein schaffen eine Distanz, die man als Fremder respektiert. Ein latenter Anarchismus, der in einer expressiven Geste hervorbricht und in den Marmormonumenten pathetische Züge annimmt, er hat in der Umgebung Carraras seine geistige Heimat. Ob Gewerkschafts- oder Parteiarbeit: Verbindliche bürgerliche Ordnungsmuster sind in Carrara, der Stadt der Anarchisten, noch immer suspekt.

Die knapp 100 Steinbrüche in der Region sind auf drei Talschaften verteilt, deren Becken von Nordosten nach Südwesten verlaufen und eine Fläche von 2.000 Hektar umfassen. Stärker noch als in Carrara selbst spürt man in den kleinen Bergdörfern Torano, Miseglia und Colonnata wie eng die Geschichte dieser Orte mit der Arbeit in den Steinbrüchen verbunden ist. Eindrucksvoller als jede Statistik dokumentieren die schlichten Grabsteine auf den Friedhöfen das kurze harte Leben der Steinbrucharbeiter. Der alltägliche Gang der Witwen zum Friedhof ist in das dörfliche Leben fest eingebunden.

Marmorbrüche sind Schlachtfelder rabiater Abraumtechnik, bisweilen aber auch Kunstwerke logistischen Denkens. Ihre wilde Schönheit besitzt eine anarchische Kraft, die sich ästhetischen Kategorien entzieht. Zwar ist die kräftezehrende Arbeit mit Hammer und Brecheisen seltener geworden, doch im Zusammenspiel mit einer effizienten Abbautechnik unersetzlich. Die über Generationen gewonnenen Erfahrungen sind durch Hilfskräfte ebenso wenig auszugleichen wie durch den Großeinsatz von Maschinen. An den Schaltstellen der Steinbrüche stehen noch immer hochqualifizierte Facharbeiter.

Marmor zeigt seine Schönheit nicht nur in der Verwandlung vom Rohstoff zum Kunstobjekt. Seine zweite, weniger beachtete Seite sind die Umweltschäden, die sich aus dem verstärkten Abbau ergeben: Hohlräume in den Bergen und tief in das Gebirgsmassiv eingegrabene Schächte.

Der Steinbrecher ist ein hochqualifizierter Facharbeiter, dessen Wissen in die moderne Abbautechnik einfließt. Ohne das Ineinandergreifen von Erfahrung und Erfindung wären die hohen Steigerungsraten im Export kaum möglich. Die Marmorindustrie als einer der ältesten Industriezweige war trotz ihres respektablen Alters clever genug, um mit analogen Begriffspaaren wie Ruhm und Reichtum den Rohstoff Marmor aufzuwerten, ihm einen metaphysischen Glanz zu unterlegen. Mit dem Slogan "Marmor aus Carrara" verbindet man hochwertige Qualität. Der größte Teil der abgebauten Tonnage fließt in die Bauindustrie. Marmor bürgt für Dauerhaftigkeit; in der Architektur und bildenden Kunst gibt es kaum ein Material, das allein durch eine virtuose handwerkliche Bearbeitung zu einer - vorschnellen - Klassifizierung als Kunstobjekt verleitet.

Marmor zeigt seine verborgenen Schönheiten erst durch eine sachgerechte Bearbeitung. Ein Statement, das einleuchtend klingt und das nur wenige Künstler beachten. Nobilitiert durch Künstlerhand, doch populär durch die Bau- und Kulturindustrie ist die Ausdruckskala dieses Steines nach oben wie nach unten offen. Eine Symbiose aus Kunst und Kitsch, wenn man alte Friedhöfe besucht, ein ästhetisches Vergnügen innerhalb der Kulturhoheit der Museen. Es ist nicht zuletzt ein Verdienst des Kapitalismus solchen Luxus auf unterschiedlichen Niveaus und in einer breiten Produktpalette der Öffentlichkeit anzubieten. Auch hier beweist der älteste Industriezweig der Welt, dass seine Manager flexibel zwischen Kultur und Geschäft agieren - nicht zuletzt, um das Kulturbewusstsein für ihre Produkte anzuheben.

Carraras Kunsthistoriker, die nicht ohne Stolz auf die Anwesenheit Michelangelos verweisen, haben innerhalb ihrer Stadtgrenzen keine vergleichbaren Werke aufzuweisen, die bildhauerische Vision und Baukunst in einem Gesamtkunstwerk vereinen. Der im Zentrum gelegene Dom von Carrara, dessen Arbeiten sich vom 11. bis zum 14.Jahrhundert hinzogen, verleugnet mit seinem strengen geschlossenen Baukörper keineswegs seine romanische Herkunft. Doch die schöne, von weißem Colonnata und schwarzem Marmor gezeichnete Fassade beeindruckt mehr durch ihre elegante Dekoration als durch ihre tektonische Gliederung. Eine Werbefläche für die Marmorindustrie gewiss, doch für die hohe Kunst ein vages "Vielleicht".

Die schweren Lastwagen, die in endlosen Schleifen die 30-Tonnen-Marmorblöcke zum Hafen fahren, auch sie zahlen ihren jährlichen Tribut. Die Autoreifen an den Straßenrändern werden von der Statistik nicht erfasst. Die von Schlaglöchern gezeichneten und mit Schotter nur notdürftig reparierten Straßen stellen eine Herausforderung an Geschick und Reaktionsvermögen der Fahrer. Die steilen Serpentinen, die von den hochgelegenen Marmorbrüchen herunter zum Meer führen, sie sind selbst für nervenstarke Fahrer riskante Unternehmen, die nicht selten zu Unfällen führen.

Ein Missverständnis ist jedoch nicht zu übersehen: Noch immer werden Gesetze des Umweltschutzes umgangen und die Investitionen für die Infrastruktur auf die Logistik der Marmorindustrie ausgerichtet. Wenn Industrie und Imagepflege, Kulturpolitik und Lebensqualität in allzu enger Nachbarschaft leben, dann werden tiefgreifende Veränderungen in der Landschaft weniger beachtet. Rein wirtschaftlich gesehen hat die Verlagerung vom Schienenverkehr auf die Straße den Marmorproduzenten Vorteile gebracht. Die Zeitersparnis zwischen Abbruch und Verladung verringert nicht nur die Kosten, sie ist auch ein probates Mittel für effizientes Arbeiten. Welchen Einfluss inzwischen die "internazionale Marmi e Macchine Carrara" als private Gesellschaft auf die Wirtschafts- und Kulturpolitik der Stadt Carrara ausübt, wird nicht zuletzt durch die zahlreichen Kongresse, Messen und technischen Veranstaltungen deutlich. Die internationale Marmor- und Maschinenmesse, die alljährlich Anfang Juni in Carrara stattfindet, gilt als die bedeutendste Veranstaltung in dieser Branche.

Die Marmorbranche erwirtschaftet ihren Profit wie ein Industrieunternehmen, doch was sie schmückt, ist ihr hoher Kulturanspruch. So ist die Kulturgeschichte des Marmors auch ein Kulturbaukasten für eine Life-Style-Generation. Ob Tischplatte oder Taufbecken, ob Grabplatte oder Trajansäule: Die Grenze zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstwerk verläuft fließend, und bei allzu hohem künstlerischen Anspruch wächst die Gefahr des Scheiterns. Die großen Bildhauer der Renaissance waren sich dieser Herausforderung bewusst; die Kunstgewerbler unserer Tage haben die Messlatte niedriger gehängt. Auch im Zentrum des Marmorabbaues rund um Carrara hat man die aristokratische Aureole mit dem sicheren Absatz der Kunstwerkstätten und Souvenirshops vertauscht. Die antike Heldenpose ist für jeden Kleingärtner erhältlich, die Preise auf den Geschmack eines flanierenden Kulturtourismus abgestimmt. Ein Geschäft, bei dem die Geschichte des Marmors verschwimmt und das Surrogat das Original ersetzt.

An den Ausfallstraßen und den Ortseinfahrten kann man auch die Antikensehnsüchte der im Kunstgewerbe erfolgreichen Bildhauer bewundern. Marmor ist ein edles Material. Doch das bildhauerische Elend, das Halbgöttern und mythologischen Fabelwesen wie ein Gebrechen anhaftet, mahnt zur Vorsicht. Die Nachhut der Kunstindustrie hat sich an den Straßenrändern angesiedelt, die künstlerische Hemmschwelle ist leicht zu passieren. Nur die Adressaten haben gewechselt. Vom feudalen Herrensitz zur bescheidenen Stadtvilla ist es lediglich ein kleiner Schritt, der jedoch bedacht werden will.

Die Befürchtung einiger Bildhauer, der kostbare "Marmor Statuario", den Michelangelo für seine Statuen einst verwendete, könne ausgehen, scheint maßlos übertrieben. 60 Milliarden Kubikmeter Marmor müssen erst einmal aufgearbeitet werden, auch wenn die hierbei vorherrschende Sorte der "Bianco ordinario" ist. Die Marmorindustrie ist auch auf diesem Sektor sicherlich noch lernfähig.

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00:00 08.06.2001

Ausgabe 43/2021

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