Steine

Linksbündig Beim Weltkongress des PEN wurde Günter Grass politisch

Nicht jeder Schriftsteller ist ein Berufener, sich zur Tagespolitik zu äußern. Peter Handke sicherlich weniger als Günter Grass. Peter Handke ist auch nicht auf dem Treffen des internationalen PEN diese Woche in Berlin gesichtet worden. Günter Grass schon. Seine Rede wurde manchem Zuhörer eine Lehrstunde für die bei PEN-Kongressen oft und gern bemühte "Freiheit des Wortes". Bundespräsident Horst Köhler tat zwar gut daran, als er sich in seiner Rede nicht bereit zeigte, alle Schriftstellerworte für Wahrheit zu nehmen. Recht allgemein sprach er von der Freiheit des Irrens, die verhindere, dass sich "endgültige Wahrheiten" durchsetzten. Damit versperrte er manchem den Weg, der sich den Irrtum als persönlichen Fehler anrechnet. Das war, präsidial gesprochen, nicht wenig, aber Grass stahl Köhler trotzdem die Schau.

Eigentlich hat der PEN in seiner Gründungsstunde vor 85 Jahren das politische Tagesgeschäft rigoros aus seiner Agenda gestrichen. Das Argument des Schriftstellers für das freie Wort sei zuerst die Literatur. Doch Günter Grass machte seine Eröffnungsrede zu einer sehr politischen Sache, als er das Motto des Kongresses "Schreiben in friedloser Welt" ziemlich direkt anging. Wo der Präsident beim Schüleraufsatz über die Freiheit des Wortes blieb, wurde der Autor konkret.

Friedlose Zeiten?, fragte Grass und blieb Realist: "Immer war Krieg." Damit verteidigte der Nobelpreisträger seine unentgehbare Zeitgenossenschaft und schloss bei George Orwells Begriff von der Freiheit des Wortes an: Diese bestehe darin, zu sagen und zu schreiben, was Politik und Regierungen nicht hören wollen. Dass dies in China, dem Iran, in Kuba und auch in Russland Schriftstellern und Publizisten nicht zugestanden wird, ruft den PEN auf den Plan. Die Verstöße in der Türkei wurden benannt und belegt. Und solange ein kurdisches PEN-Zentrum nur von deutschem Boden aus wirken darf, steht die behauptete Europaoffenheit am Bosporus auf wackligen Füßen.

Die Liste der Verstöße ist lang. Weltweit sind im vergangenen Jahr 35 Autoren und Journalisten in Ausübung ihres Berufes getötet worden, 200 zu Freiheitsstrafen von mehr als 20 Jahren verurteilt. Da wirkte das Hilton, wo der PEN tagte, wie eine andere Welt. Doch auch in dieser noblen Kulisse blieben die Schicksale der Kollegen Thema. Hinter verschlossenen Türen wurden Resolutionen aufgesetzt, verworfen, Kompromissformeln geschmiedet. Der PEN ist auch nicht einäugig. Er sieht, wie auch in langjährigen Demokratien Menschenrechte gefährdet sind. Der deutsche PEN-Präsident Johano Strasser sprach es aus und protestierte für seine Kollegen gegen die Bespitzelung von Journalisten durch den BND.

Was man auch hörte, mit welchem weit entfernt lebenden Schriftsteller man auch sprach: Es ist schwer möglich, die PEN-Engagierten als weltfremde Weltverbesserer zu bezeichnen, nur weil die Zeiten durch ihre Literatur nicht friedlich und das Wort nicht wirklich frei geworden ist. Da machen sie sich keine Illusionen. Sie wissen, wie mühsam es ist, Grenzen zu überwinden mit nichts als dem Wort und rollen den Stein weiter bergan. Bis zum nächsten Kongress. Und Grass beeindruckte wieder einmal alle, wie er den Stein packt. Unter großem Beifall stellte er zur Eröffnung sich hinter seinen Nobelpreiskollegen Harold Pinter. Wie hatte mancher im Feuilleton den galligen Dramatiker verhöhnt, als sei er die nach Elfriede Jelinek zweitschlechteste Entscheidung des Stockholmer Komitees. Sollte seine Literatur passé sein oder sein politisches Engagement, von dem er in seiner Nobelpreisrede sprach? Weil Pinter darin Widerworte gegen jene fand, die mit Bush-Amerika in den Irak einmarschiert waren, nahm Grass ihn in seine Verteidigungsrede für das freie Wort auf und setzte sich selbst deutlich vom Bush-Amerika ab. Grass verteidigte die Gutmenschen und versuchte, sie vor der Resignation zu retten. Er verteidigte Orwells Begriff von der Freiheit des Wortes für sich und für Pinter gleich mit. Denn Schriftsteller, so Grass, sind aufgerufen in friedloser Zeit zu fragen: Wer hat den Krieg gewollt? Welche Lügen haben seinen Zweck verschleiert? Wem bringt er Gewinn?

Es lässt sich über manches streiten, wenn der Welt-PEN auf Regierungskosten eine Woche im Nobelhotel logiert, aber über eines nicht: über die feste Absicht, die Welt zu verbessern. Mit Blick auf die Welt hat die Welt den PEN nötig. Gerade weil die Friedensdividende, wie Strasser den erhofften Ertrag nach dem Ende des Kalten Krieges nannte, nicht erfüllt hat.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 26.05.2006

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare