Steine, Brüche, Splitter

DDR-Literatur Hermann Kant wird 75. Sein Name steht für DDR - steht er auch für Literatur?

Die Geschichte urteilt über den Rang einer Literatur. Sind elf Jahre Distanz zur Literatur in der DDR ein Abstand, aus dem sich urteilen lässt? Was ist Literatur, was hinterlässt sie, wenn es die Gesellschaft, in der sie entstand, nicht mehr gibt? Gibt es überhaupt Kriterien, nach denen geurteilt wird? Was heißt es, wenn auf einer Literaturdebatte in diesem Frühjahr gefragt wird: "Gibt es eine DDR-Literatur danach?" Hat es die DDR-Literatur gegeben? Wer gehörte dazu, welche Autoren, welche Bücher? Gibt es nicht eher eine deutschsprachige Literatur, zu der die Werke jener Autoren gehören, die in der DDR schrieben?

Am Anfang jeden literarischen Aufbruchs steht ein Traum: Es besser zu sagen als die, die vorher schrieben, etwas ganz anderes sagen zu können, etwas, was Vorhergehendes revidiert oder ihm etwas hinzufügt, aufzuarbeiten - ein Wort, das in Mode ist -, was die eigenen Erfahrungen ausmacht und damit zum Fundus beizutragen, aus dem nachfolgende Generationen schöpfen. Die Formen zu mehren, die Lust am Wort zu erfahren, aufzubewahren, wie Menschen leben, fühlen, agieren, welche Umstände welche Reaktionen bewirken. Am Anfang eines literarischen Werks stehen Selbstvertrauen und Mut - ich sage, was mich und meinesgleichen bewegt, zu dem gemacht hat, was wir sind.

Die, die nach 1945 zu den Wörtern griffen, mussten gegen die eigene Verwirrung anschreiben, gegen die Selbstverständlichkeit von Verbrechen und Verbrechern in unmittelbarer Umgebung, gegen die Diskrepanz zwischen den Leistungen der deutschen Literatur und der Verrohung einer Gesellschaft, die diese Leistungen wie einen Schild vor sich her trug, ohne ihren Geist aufzunehmen.

Konnten jene Figuren, die sich der Barbarei verweigert hatten, Pfeiler sein, an die man sich lehnt? Widerständler und Antifaschisten als Orientierungshelfer, um den Mut zur Reflexion zu finden? Wer unter den Bedingungen des Terrors die historisch richtige Entscheidung traf, war der nicht besser gefeit gegen Verführungen und falschen Propheten? Würde die dauerhafte Bindung an Antifaschisten neues Grauen verhindern?

Das Prinzip der Zukunft ist Hoffnung. Das Prinzip der keimenden Nachkriegsliteratur war Katharsis. Die des Lesers, des Autors, der Gesellschaft. Und galt noch gesamtdeutsch. Wer als sicherer Pfeiler akzeptiert wurde, daran schieden sich die Geister in den Zonen schnell. Sicher, Thomas Mann behielt seine Wertschätzung hüben wie drüben, aber schon Brecht galt nach seiner Rückkehr in die sowjetisch besetzte Zone westlich der Elbe als nicht mehr spielbar.

Die Literatur wurde vom kalten Krieg überrollt und in den Dienst genommen. Was nicht heißt, dass jedes literarische Werk dafür geeignet war. Es wurde nur gerne benutzt. In der DDR mehr als in der Bundesrepublik, weil der Erzähler dort als eine Art Erzieher galt, weil das Buch einen anderen Platz einnahm, weil es argumentierte, weil es Dinge sagte, die anderswo nicht gesagt wurden.

Dürrenmatt hat gemeint: "Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat". Die Bilanz, die der X. Schriftstellerkongress der DDR schon 1988 auf diesem Gebiet zog, war ganz nüchtern. Man habe sich diese Wendung selbst verboten. Die nachfolgenden Jahre haben sie geschrieben, in ganz anderen Büchern. Und endlich auch dort, wo die neuesten Ereignisse normalerweise abgearbeitet werden: In den Zeitungen. Die große literarische Arbeit darüber ist allerdings ausgeblieben.

Literatur in der DDR transportierte immerhin ein wenig Nachdenklichkeit, versuchte sich hin und wieder an kritischen Sentenzen und nahm der stereotypen Sprache der offiziellen Gesellschaft etwas von ihrer bedrohlichen Einfalt: Es gab Sprache, man konnte mit ihr umgehen. Einer der Autoren, der die Untertöne beherrschte, das Anekdotische pflegte und damit aufs Gesellschaftliche wies: Hermann Kant. Am 14. Juni ist er 75 Jahre alt geworden. Aus der öffentlichen Debatte ist er weitgehend verbannt. Seine Bücher sind zu Hunderttausenden erschienen und verkauft worden - geschlossen lesende Schulklassen waren für die Statistik völlig unerheblich. Wer in der DDR aufwuchs, kennt Aula, Impressum, Aufenthalt. Nach der Wende war dem überzeugten DDR-Bürger sein Thema abhanden gekommen und wohl auch ein Teil des Publikums. Der einzige nach der Wende erschienene Erzählband erreichte nicht einmal ansatzweise die alten Traumauflagen -, niemand erreicht sie unter diesen anderen Verhältnissen.

Bei Kant kommt hinzu: Als Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR und Mitglied des Zentralkomitees der SED war er verantwortlich für die Art, in der mit Autoren umgegangen wurde. Sein Einsatz für den einen oder anderen wiegt den Nichteinsatz für manche nicht auf und dass er, wie so viele, Parteidisziplin für einen höheren Wert hielt als das, was der eigene Kopf sagte, wird bislang nicht verziehen. Der erfolgreiche Autor hatte über die Jahre als Funktionär seine Perspektive verloren. Es ist kein Zufall, dass die international erfolgreichen Bücher in den sechziger und siebziger Jahren entstanden. Die Möglichkeit, gleichzeitig von oben und unten zu urteilen, ist wohl für jedermann begrenzt. Wer an der Macht teilhat, an einer gar, in der Staatssicherheit am Größten geschrieben wurde, kann nicht wahrnehmen, wie deren Mündel sie empfinden. Wer, wo immer, für sie agiert, verliert den Abstand, der Bewertung von Vorgängen möglich macht. "Gucken, was sich in uns meldet", nennt der junge Dresdner Autor Thomas Rosenlöcher einen Schreibimpuls heute. Das war damals nicht anders: Gucken, was sich in uns meldet.

"Am Ende sind sie auch eines Zimmermanns Kind?" "Nein", sagt Robert, "mein Vater war Straßenfeger". "Straßenfeger!" rief der Professor der Theologie, "das ist von tiefer Symbolkraft ...". Er meint das nicht wirklich Ernst, jedenfalls nicht in der Aula. Und es liest sich, aus dem Zusammenhang gerissen und heutiger Wertung unterworfen, vielleicht ein wenig platt. War es aber nicht. Es war im Gegenteil die heiter, niemals ungebrochen erzählte Geschichte des Robert Iswall, der halb zufällig, halb auf den Geist der neuen Zeit vertrauend, via ABF (Arbeiter und Bauernfakultät - jener Einrichtung, die für die bis 1945 unterprivilegierten Schichten den Weg zur Bildung möglich gemacht hat) beinahe nach China gekommen wäre. Die merkwürdigen Methoden, die alten Eliten abzulösen, tatsächlich andere Schichten heranzuziehen, gewinnen bei Kant eine heitere Dimension, die Figuren haben Mutterwitz, kratzen an den Klischees.

Kant richtet seine Aufmerksamkeit konsequent auf Menschen, die sich einem anderen Gesellschaftsansatz verschreiben. Wenn Literatur so etwas ist, wie die Wirklichkeit erfahren, beschreiben, wo die alten strikten Regeln infrage gestellt und neue gefunden werden, dann ist Kant einer von denen, die sich dieser Aufgabe widmen. Er nimmt das andere Konzept nicht, wie später, unkommentiert an, sondern debattiert es, erfindet Geschichten, gewinnt in seinen besten Erzählungen eine souveräne, satirisch ironische Distanz. Historische Brüche werden sein Thema, an dem er sich festhakt und in dem er sein Format gewinnt. Seine Figuren sind im Sinne von Engels: "jeder (...) ein Typus, aber zugleich ein bestimmter Einzelmensch, ein ›Dieser‹ wie der alte Hegel sich ausdrückt." Damals nicht unbedingt genehm, das Impressum jedenfalls erscheint erst nach Verzögerung.

Kant war nicht der Erste, der "Diesen" in den Mittelpunkt rückt, aber er variiert ihn für die Literatur, die in der DDR erscheint, gekonnt. Er spürt Figuren nach, die nur in der frühen DDR denkbar sind. Unverkrampfte Typen, gewitzt und schlagfertig, geben sie einer Generation Gesicht, die sich von der eigenen Schuld und der ihrer Väter freimachen und ganz von vorn beginnen will. Anders als Anna Seghers, Bodo Uhse oder auch Becher, die älter waren und den Übergang vom Faschismus ins Nachkriegsdeutschland aus dem Exil wahrnahmen, gehörte Kant zu den eben noch im Krieg Verheizten. 1945 neunzehnjährig, desillusioniert, gescheitert, gefangen genommen in Polen, im Namen des deutschen Volkes versehrt an Kopf und Gliedern und also angewiesen auf Impulse von außen. Aufrecht nur, weil Jungsein auch hoffen heißt. Der Aufenthalt liefert die eindrucksvolle Studie eines jungen Soldaten, der begreift, dass Schuld vor der Frage von Befehl und Gehorsam nicht Halt macht.

Es gehört vielleicht zur Tragik von Kant, von Menschen überhaupt, dass diese Erfahrungen nur für konkrete historische Situationen gemacht und selten verallgemeinert werden. Man muss nicht auf die Geschichte von Krieg und Nachkriegszeit zurückgreifen, die Gegenwart hat tausend Beispiele dafür, wie diejenigen, die nach ihren Erfahrungen in der DDR nie wieder gegängelt werden wollten, sich neuer Gängelei durch die Herren des Geldes unterwerfen.

Literatur muss Abstand zur Macht wahren. Über die Jahre ist das ihre einzig unveränderliche Größe. Für die frühen Werke von Kant gilt das uneingeschränkt. Blieben nur sie im Fundament, von dem aus die Jungen ihre Themen und ihre Sprache suchen, es hätte sich gelohnt. Literatur bewahrt nicht das Wahre und Gute, sie beschreibt, wie Gefühle, Umstände, Normen auf das Wesen von Menschen wirken. Sie bewahrt Hoffnungen, Utopien, setzt moralische Normen, formuliert manchmal auch Maßstäbe. Aber das heißt nicht, dass ein einzelner Autor in Gänze und lebenslang seinen Figuren entsprechen muss, als Autor nicht und nicht als Mensch. (Der halbe Goethe ginge uns sonst flöten und Schiller nicht minder.) Am literarischen Werk kratzt das kaum, es bleibt eingebettet in Raum und Zeit. Elf Jahre ändern nichts. Aber im Angebot muss es sein, wer es nicht lesen kann, wird wenig Nutzen daraus ziehen. Da könnte sein Untergang liegen: In der Nichtverfügbarkeit.

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00:00 15.06.2001

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