Steine wachsen hier besser als Getreide

Estland Die Insel Muhu - außer Dohlen und Krähen überwintern nur noch die Alten

Es ist eine Stille, die sich fest krallt. Man nimmt sie mit und wird sie nicht los. Irgendwann zieht sie wieder zurück nach Muhu, einer kleinen Insel an der Westküste Estlands. Muhu-Insel nennt Martin Kivisoo seine Heimat, und das Meer ringsherum das Muhu-Meer. Das klingt nach vielen Geschichten, die der 57-Jährige gern erzählt, wenn er sie kennt. Aber jetzt schweigt er. Als ob er die Stille nicht stören will, also steht er da und schaut aufs Meer, als hätte er diese Landschaft gerade erst entdeckt. Dabei kennt Martin die flache Bucht zu jeder Jahreszeit. Mit geschlossenen Augen sieht er alles: Erst das Wachholderwäldchen, dann die Ginsterbüsche, den kleinen Kiefern- und Fichtenhain hinter der Küstenstraße, das herbstgraue Inselgras. Unberührbar liegt das Meer wie ein silbriges Band.

Nur ein ausladender Sandstrand fehlt, was Martin jedes Mal freut, Gott sei Dank. So bleiben die Autos mit den Sommerfrischlern im August auf der Inselstraße und nur auf der Durchfahrt vom Fährhafen zum alten Damm, der seit mehr als hundert Jahren Muhu mit der Nachbarinsel Saaremaa verbindet. Saaremaa ist nicht nur größer. Saaremaa hat auch mehr zu bieten: Restaurants, Hotels, Heilschlammbäder, hölzerne Windmühlen, strohgedeckte Häuser, eine gut erhaltene Burg, eine breite Strandpromenade.

"Der Tourismus wächst auf Muhu so langsam wie der Wachholder, aber er ist unsere einzige Chance, hier bleiben und die Jungen irgendwann zurückholen zu können". Schon 1991, als Estland wieder ein souveräner Staat ist, denkt Martin Kivisoo, es kann nur diesen Weg geben. Damals erbt er den väterlichen Hof, aber mit der immer schon kärglichen Landwirtschaft auf Muhu geht es schnell bergab. Der Boden auf der Insel ist karg. Steine wachsen hier besser als Getreide. Und aus den groben Feldsteinen baut man so ziemlich alles - die Häuser, die Ställe und die hüfthohen, längst vermoosten Steinwälle um die Höfe, über denen im Sommer die Wolken groß und fest stehen.

Drei ehemalige Fischereigenossenschaften versuchen sich nach 1991 als Privatbetriebe und in der Marktwirtschaft. Wenn der Dorsch gut steht, fährt heute von den einmal 15 Kuttern noch einer hinaus. Der allerletzte Fischer, den Muhu noch vorweisen kann, holt gerade soviel aus dem Meer, wie die Inselbewohner brauchen. Im Dezember, wenn der Schnee kommt und einige Zeit auf Muhu verbleibt, ist es hinter den vermoosten Steinwällen noch stiller. Außer den Krähen und Dohlen überwintern nur die Alten, die sich freuen, dass die Dorfgemeinschaft auf Muhu mit überwintert wie vor hundert Jahren schon. Bei umgerechnet 99 Euro liegt in Estland der Rentendurchschnitt.

Da es einen Wirtschaftsaufschwung gibt und Zuwachsraten von bis zu fünf Prozent, geht Estland der Ruf eines baltischen "Tigerstaates" voraus, als es am 1. Mai in die EU aufgenommen wird. Doch davon spürt auf Muhu niemand etwas. Das Gartengemüse, die Kartoffeln und das Kleinvieh helfen - knapp zwei Autostunden von Tallinn entfernt - beim Überleben. Wenn das nicht reicht, packt einer auf Muhu lieber seine Sachen, anstatt um staatliche Hilfe zu bitten. Hinter einem Steinwall leert sich wieder ein Hof, und die Stille kann sich einrichten, wie sie will. Der Wind bläst ein bisschen Schnee aufs Schuppendach, ehe er mit Schwung seewärts zieht.

Martin Kivisoo würde nicht zu den Weisen auf Muhu gehören, ginge sein Blick nicht über die Insel hinaus

Aber wie holt man bloß Touristen in die Einsamkeit von Muhu, ohne die Stille zu stören? Gleich nach der "Wende", Anfang 1992, kommt ein Finne und hält den Leuten einen Vortrag über den Fremdenverkehr. Martin Kivisoo geht hin wie alle anderen auch. "Über Tourismus wusste dieser Mann nicht viel. Doch regelrecht eingeimpft hat er uns, dass wir eine Idee bräuchten. Und dass es damit nur klappen könnte, wenn wir wirklich davon überzeugt seien."

Martins Startkapital sind vier Pferde. Die besitzt er schon zu Zeiten der Sowjetunion. Privatbesitz mit eigenem Stall, aber ohne Futterkontingent. Als Direktor des Heimatmuseums von Muhu versucht er, die Tiere als Ausstellungsgut zu deklarieren. Jedes Mal, wenn er Prominenz aus dem fernen Moskau in der Kutsche über die Insel chauffiert, zeigt er auf die großen und festen Wolken und erzählt den Gästen auch etwas von seinen Futternöten. Man wolle sich kümmern, wird in der Sommerfrische auf Muhu guten Mutes versprochen. Bald darauf trifft ein amtlicher Brief ein: Es gäbe keine Museen im großen Sowjetland mit lebendem Inventar, also auch keine Verordnung darüber, also auch kein Futterkontingent. Also ist das so.

Heute weiden 126 Pferde auf Martins Koppel und den angepachteten Flächen der Nachbarhöfe. Die 20 Gästezimmer mit Vollpension und dem Anrecht auf drei Reitstunden pro Tag sind im Sommer gut ausgebucht. Es kommen Finnen und Esten, auch immer mehr Deutsche. "Hart zu arbeiten, das musste man immer auf Muhu, das wird auch nie anders sein. Wir haben in Estland tausend Jahre früher als in Westeuropa Roggen gesät. Aber wir waren ein kleines und ein Waldvolk und liefen immer wieder auseinander. Wir mussten darauf achten, uns nicht zu verlieren."

Martin Kivisoo würde nicht zu den Weisen auf Muhu gehören, ginge sein Blick nicht über die Insel hinaus. Und so trägt er in seinem Kopf sehr unpopuläre Gedanken herum, wenn es um Russland geht. Viele Esten behandeln Russland wie einen toten Hund. Wer wagt es noch, Russisch zu sprechen? Die Töchter und Söhne vielleicht? Die lernen jetzt Englisch und studieren weit draußen in Europa. Martin Kivisoo aber denkt schon an die nächste Generation. Die nach den Töchtern und Söhnen. "Sie wird wieder Russisch lernen, ganz freiwillig. Russland bleibt der große Nachbar für uns, Moskau ist uns näher als Brüssel. Nur als Beispiel. Die Lage zwischen Europa und Russland macht Estland zur Braut, die sich nicht traut."

Auf Muhu hat Martin Breuer gefunden, was er in der Welt verloren glaubt

Aus dem EU-Partnerland Holland richtet sich noch ein anderer Martin auf Muhu ein. Martin Breuer. 1998 erwirbt der heute 47-Jährige zusammen mit seinem estnischen Freund Sooäär im Südwesten der Insel den ehemaligen Gutshof eines deutschen Barons. Das Gebäude hat kein Dach mehr und der Wind viel Raum. Der estnische Freund ist als 19-Jähriger von Muhu nach Kanada ausgewandert, nun liegt dieses Stückchen Heimat mit diesem Haus vor ihm wie ein Bernstein, der geschliffen sein will. Es entsteht ein Landhotel, einfacher Luxus, Tourismus vom Feinsten in ungestörter Natur. Martin und Sooäär kennen sich nicht aus in der Hotellerie, doch sie sind jahrelang durch die Welt gereist und glauben zu wissen, was ein Gast braucht, um sich wohl zu fühlen.

Ihr Pädaste Manor - das einzige Hotel auf der Insel - eröffnet vor drei Jahren und liegt nur ein paar Autominuten vom Fährhafen entfernt. Es liegt versteckt wie alles auf Muhu. Zwischen Kiefern, Wacholder und Fichten. Es wirkt wie ein vergessenes Herrenhaus, das gewartet hat, bis Zeit für ein zweites Leben war. Dieses Haus hat Martin Breuer etwas finden lassen, was er in der Welt verloren glaubt. "Die Erinnerung daran, dass wir aus einer Zivilisation kommen, die es lange vor uns gab."

Wenn die Novembernächte durch die feuchten Wiesen der Insel ziehen, ist das Meer von viel Dunkelheit verstellt, aber weit oben am Himmel stehen ein paar Sterne. Kassiopeia oder der Große Bär. Nur der Wind findet in diesen Nächten keine Ruhe, woher er kommt, ist nicht bekannt.

Dieses Gefühl für die Ursprünglichkeit der Natur will Martin Breuer seinen Gästen zurück geben. So ist das Pädaste Manor im Augenblick der größte Arbeitgeber auf Muhu. Vor allem junge Leute arbeiten hier wie die 27jährige Maria Toomsalu. Um aus dem kleinen Krämerladen auszuziehen, bewirbt sie sich eines Tages bei Breuer für ein Praktikum. Sie spricht Englisch und kann gut organisieren. "Ich begriff sofort, das ist meine Chance", sagt sie. Drei Jahre sind vergangen. Sie ist nun Assistentin des Direktors und lernt Spanisch, weil im Sommer immer mehr Spanier durch Estland reisen. Und auch Muhu und das Pädaste Manor mit ihnen rechnen müssen. Noch mehr junge Leute wollen bei Martin Breuer anheuern. Es ist nicht allein das Geld, was sie lockt. "Die Menschen hier sind erd- und nicht geldverbunden, wenig verwöhnt. Man bekommt zurück, was man ihnen gibt. Außerdem, wer auf Muhu aufgewachsen ist, will früher oder später auf die Insel zurück. Bei meinem jungen Küchenchef Peeter Pilne war das nicht anders."

Pilne gerät vor Jahren als erster Lehrling in die Manor-Küche. Dann geht er nach Tallinn ins Radisson, um sich von Meisterköchen ausbilden zu lassen. Als die ihm nichts mehr beibringen können, ruft er Martin Breuer an und fragt, ob er wieder bei ihm anfangen könne. Breuer ist erstaunt. "Warum ziehen Sie mit Ihrem Wissen nicht weiter in die großen Küchen dieser Welt?"

Was wird noch alles auf Muhu passieren, jenseits der Stille? Martin Kivisoos Antwort klingt einfach: "Wir haben unseren Naturglauben bewahrt, um unsere Identität nicht zu verlieren. Davon könnten wir anderen etwas zurückgeben. Etwas, das sie vielleicht eingebüßt haben, ohne es zu vermissen."


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00:00 03.12.2004

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