Stell die Verbindung her

Protestkunst Der Kurator Omer Krieger zeigt in seiner Galerie in Tel Aviv „Stolen Arab Art“. Die Reaktionen darauf sind harsch

In der Mitte des abgedunkelten Raumes stapelt sich Informationsmaterial, auf der Leinwand spielt unaufgeregt eine Videoinstallation vor sich hin. Die Galerie 1:1 Center for Art and Politics im Süden Tel Avivs ist beinahe so klein wie ein Büro. Hinter einem Schreibtisch arbeitet ein Mann an seinem Laptop. Als ich unangekündigt eintrete, fragt er unverzüglich: „Bist du Journalistin?“, als ob er mich erwartet hätte. Omer Krieger, Künstler und Kurator der Ausstellung Stolen Arab Art, ist ein bekannter Name in der israelischen Kunstszene. Seit Jahren erforscht er politische Situationen durch Choreografien im öffentlichen Raum, von 2011 bis 2015 war er künstlerischer Leiter des politischen Jerusalemer Kunstfestivals Under the Mountain.

Mit seinem neuen Projekt präsentiert Krieger einem israelischen Publikum illegale Mitschnitte von zwei namhaften arabischen Künstlern. Besucher der Ausstellung erkannten die Installationen und konnten die Namen der Künstler zuordnen: Cabaret Crusades des Ägypters Wael Shawky und Miraculous Beginnings des in den USA lebenden Libanesen Walid Raad. Jeder, der die Ausstellung besucht, wird Krieger zufolge „zum Komplizen des Diebstahls“. Krieger begründet ihn damit, dass dieser strategische Akt der künstlerischen Appropriation, des offenen Stehlens, für Israelis die einzige Möglichkeit sei, Kunst aus dem arabischen Raum innerhalb des Landes zu erfahren. Gleichzeitig sollen durch den Diebstahl philosophische Fragen zur Bedeutung von Besitz und Autorenschaft erörtert werden. „Ich sehne mich sehr nach Verbindungen zur arabischen Welt. Wir brauchen Handlungen, die Frieden signalisieren, selbst dann, wenn es keinen Frieden gibt!“, sagt Adi Englman, Direktorin des Kunstkomplexes, die mit Krieger zusammenarbeitet.

Kooperation gilt als Betrug

Wechselt man für einen Augenblick die Perspektive, drängen sich Fragen auf: Was bedeutet es für das Werk von weltweit anerkannten arabischen Künstlern, wenn sie Teil eines Ausstellungsprojekts eines weit weniger bekannten Künstlers wie Krieger werden, noch dazu in Israel? Eine Zusammenarbeit könnte sie und ihre Familien in Gefahr vor politischen Fundamentalisten bringen. In den ideologischen Wertesystemen in Ägypten und dem Libanon wird Israel kompromisslos als Besatzungsmacht wahrgenommen und jegliche Kooperation mit „dem Feind“ als Betrug gewertet. Raads Eltern schickten ihn 1983, nachdem israelische Truppen im Libanon einmarschiert waren, als Jugendlichen in die USA. Dort schloss er die Schule ab und promovierte nach dem Studium über die Gefangenschaft westlicher Geiseln im Libanon während der Achtziger. Die von ihm gegründete Künstlergruppe Atlas Group arbeitet heute unter anderem Themen wie Autorschaft und den Krieg mit Israel von 1982 auf. 2016 hatte Raad zu den Themen Krise und Krieg in der Synagoge von Stommeln ausgestellt, gleichzeitig schloss er jede Kooperation mit israelischen Einrichtungen deutlich aus – „im Libanon bedeutet jede Verbindung zwischen einem Israeli und einem Libanesen, jede Verbindung zwischen einer israelischen und einer libanesischen Institution, Ärger“, hatte sich Raad in der Vergangenheit geäußert. 2016 schlug er eine Anfrage für ein Interview mit der linksliberalen israelischen Zeitung Haaretz aus.

Nach eigenen Angaben stand Krieger jahrelang mit einem jungen Künstler aus Gaza in Verbindung, man arbeitete an einem gemeinsamen Projekt – kurz vor Ausstellungseröffnung wurde es diesem jedoch zu brenzlig und er sprang ab. Weitere Bemühungen zur Kooperation von israelischer Seite hätte eine Reihe von arabischen Künstlern entweder nicht beantwortet oder abgelehnt.

Seit der Ausstellungseröffnung Mitte Juli häufen sich auf der Facebook-Seite der Veranstaltung verbale Beleidigungen und Hasstiraden auf Hebräisch und Englisch. Die Kritiker, sowohl jüdische Israelis als auch in Israel lebende Palästinenser, nehmen kein Blatt vor den Mund. „Zionismus, wie jede Art von westlichem Kolonialismus, hat sich niemals für die Aneignung von lokaler Kultur für die eigenen Zwecke geschämt“, ist in einem Kommentar zu lesen – obwohl Krieger nie ein Wort von Zionismus verlauten ließ, scheint das Projekt direkt mit Diebstahl von Land und Kultur in Verbindung gebracht zu werden, derer der Staat Israel so oft beschuldigt wird. „Rührend ... Was ist das nächste Projekt? Araber vergewaltigen unter dem Decknamen der ‚Koexistenz‘?“, schreibt eine arabische Aktivistin. „Was bringt es, ein Dieb zu sein und auch noch stolz darauf zu sein? Die Ausstellung verdeutlicht nur den Bedarf nach kulturellem Boykott gegen Israel“, äußerte sich der Künstler Wael Shawky auf seiner Facebook-Seite. Er fügte hinzu, er ziehe in Erwägung, rechtliche Schritte gegen Krieger einzuleiten – seine Galerien Lisson in London und Sfeir-Semler in Beirut wollten dieses Statement jedoch nicht bestätigen. Walid Raad verweigerte jeden Kommentar.

Raida Adon, eine palästinensische Künstlerin mit israelischer Staatsbürgerschaft, konfrontierte den Kurator bei der Ausstellungseröffnung, es kam zum Eklat. Später sagte sie gegenüber Haaretz: „Ich spreche hier als Künstlerin, nicht als arabische Frau. Es ist schlichtweg unmoralisch, nicht um die Zustimmung des Künstlers zu bitten. Es ist das Gleiche, als wenn jemand meine Videos einfach so ohne meinen Namen in israelischen Siedlungen (im Westjordanland) präsentieren würde. Falls auch nur ein einziger Idiot die Künstler der heimlichen Zusammenarbeit beschuldigt, genügt das, ihre Karrieren zu zerstören. Israelis nehmen alles immer so auf die leichte Schulter, aber die Dinge sind nicht immer so einfach.“

Paradoxerweise scheint Krieger den Erfolg seiner Negativpresse zu genießen, der Sturm hat ihn seinem Ziel ein Stückchen näher gebracht: „Diese Installation ist für mich Perfektion. Ich würde es genauso wieder tun, zum einen weil ich die Werke der Künstler unglaublich gut finde, aber auch der Akt des Stehlens sollte mehr mit Humor gesehen werden, und es sollte weniger die Moralkeule geschwungen werden. Endlich ist über nationale Grenzen hinweg, in der westlichen wie auch in der arabischen Welt, in Gaza, im Libanon ein Diskurs über den kulturellen Boykott gegen Israel zustande gekommen. Mit Kolonialismus hat das nichts zu tun, die Künstler sind ja viel bekannter als ich selbst.“ Kunst sei oft gefordert, moralische, gesetzliche und normative Grenzen zu überschreiten, um richtungsweisend zu agieren. Obwohl er den wirtschaftlichen Boykott gegen Israel unterstütze, sagt Krieger, lehne er den kulturellen Boykott ab – oft würde BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) gerade liberale Kräfte und linke israelische Künstler mundtot machen.

Der Kulturelle und akademische Boykott gegen Israel sind problematisch und können kontraproduktiv wirken. Israelische Künstler könnten hier ansetzen und sich selbst und das Publikum mit dem Defizit des Nichtsehens arabischer Kunst konfrontieren. Doch sowohl das Konzept als auch die Behauptungen von Krieger und Englman lassen Fragen offen, allen voran: Welche positive Wirkung soll der Akt des Diebstahls unter Auslöschung von Autorenschaft haben, wenn kaum jemand, weder in Israel noch in der arabischen Welt, den Witz des Kurators so köstlich findet?

Konzeptuelles Dekor

Wer sich als Künstler dafür entscheidet, explizit politische Kunst zu betreiben und die aktuellen Verhältnisse zu thematisieren, sollte den Anspruch haben, mithilfe des Systems „Kunst“ Ausdrücke für die Komplexität politischer Realitäten zu finden. Dazu würde auch der Versuch gehören, die Machtverhältnisse zwischen Israel und den arabischen Ländern darzustellen, sowie sich selbst als Teil – wenn auch unfreiwillig – dieser politischen Lebenswelt wahrzunehmen: Anzubringen, dass einer der bestohlenen Künstler als Jugendlicher einen Krieg mit Israel erlebte und dies in seinen Werken verarbeitet, wäre hier essenziell. So aber entsteht der Eindruck, dass Raads und Shawkys Werke hier eher als konzeptuelles Dekor benutzt werden.

Krieger und Englman versuchten mit dem Projekt, so sagen sie, Offenheit und Dialog zu schaffen. Doch die Performance scheint zu kurz gegriffen. Der Protestakt rechtfertigt mit der Forderung nach mehr Humor und nach „Freiheit der Kunst“ künstlerischen Missbrauch. Die Logik: Die Kunstwerke sind so gut, dass sie es verdienen, missbraucht zu werden. Entstanden ist ein Kunstkonzept, das die politische Realität als intellektuellen Witz banalisiert.

Marina Klimchuk, geboren in der Ukraine, kam als Kind jüdischer Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Nach ihrem Soziologiestudium in München zog sie nach Tel Aviv

Mitarbeit: Michaela Rotsch, Kadir Fadhel

06:00 17.08.2018

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