Sterben am Hindukusch

Russischer Spielfilm über den Afghanistan-Krieg Nur einer überlebt die Verteidigung der "Höhe 3234"

In diesen Tagen bricht ein Film über den Afghanistan-Krieg zwischen Moskau und Wolgograd Kassenrekorde. Die 9. Kompanie von Regisseur Fjodr Bondartschuk zog seit Anfang Oktober 2,6 Millionen Zuschauer in die Kinosäle. Bondartschuk schlägt mit seinem Debüt-Werk die bisherigen russischen Top-Filme Night-Watch und Türkischer Gambit.

Der 38jährige Bondartschuk, der sich bisher mit Video-Clips über Wasser hielt, hat selbst nicht in Afghanistan gekämpft. Sein Vater, der 1959 als Hauptdarsteller in der Verfilmung von Michail Scholochows Erzählung Ein Menschenschicksal weltberühmt wurde, brachte den Sohn während der achtziger Jahre in der Moskauer Garnison unter, genauer gesagt beim Studio Mosfilm. Hart war der Dienst dort vermutlich nicht. Doch in Russland lebt es sich bis heute eher schlecht mit dem Stigma des Etappenhelden, und so entschied sich Bondartschuk mit einem Streifen über das Schlacht- und Leichenfeld Afghanistan den Kämpfern von damals ein Denkmal zu setzen. Kein Anti-Kriegsfilm sollte es werden, keine cineastische Heroen-Verehrung - einfach nur ein Kriegsfilm, heißt es in der Kino-Werbung.

Der Regisseur selbst spielt den "Chochol" - den "Ukrainer" und Befehlshaber auf der Höhe 3234, dem Hauptschauplatz der Handlung, doch sieht man Chochol an: er kennt das harsche Soldatenleben kaum. Chochol lacht mit weiß blinkenden Zähne, ist stets gut rasiert und frisiert - wenn er spricht, hört man den Moskauer Dialekt.

Einen wirklich großen Film über das Sterben am Hindukusch zwischen 1979 und 1989 gab es in Russland bisher nicht. Nur die Afghanistan-Invaliden mit ihren traurigen Liedern vor den Moskauer Bahnhöfen erinnern an das Leid in den afghanischen Bergen. Dass dort einmal 620.000 sowjetische Soldaten im Einsatz waren und 15.051 ihr Leben ließen, wird inzwischen längst verdrängt. Die 9. Kompanie zeigt nun Afghanistan aus der Sicht von sieben jungen Wehrpflichtigen. Sieben Jungens aus dem sibirischen Krasnojarsk werden von Fähnrich Dygalo erbarmungslos gedrillt und dann in die Provinz Chost geschickt. Nicht weit von der pakistanischen Grenze müssen sie sich auf Höhe 3234 eingraben und sollen den Nachschub sichern. Die Mujaheddin - vermummt und ohne Todesfurcht - stürmen in immer neuen Wellen vor, werden zwar zurückgeschlagen, aber von den Verteidigern der strategischen Höhe bleibt nur einer am Leben. Als er seinen Schmerz in die Bergwelt schreit, kommt der Kommandeur der Kompanie mit einem Hubschrauber angeflogen, dreht eine Runde über dem Graben mit den Gefallenen und schreit den Blutverschmierten an: "Warum hat die Funkverbindung nicht funktioniert?" Der Krieg war schon lange zu Ende, man hatte die 9. Kompanie schlicht vergessen.

Es gibt eben in der Armee unendlich viel Drill, Unmenschlichkeit und Schlamperei. Die verschworene Gemeinschaft der sieben Jungen wirkt vor diesem Hintergrund äußerst menschlich. Sie prügeln und vertragen sich, überfallen Provianttransporte der eigenen Armee und liegen sich in der Neujahrsnacht betrunken in den Armen. Diese Szenen mag das Publikum. Sie sind charakteristisch für das Leben in Russland, wo nur die Gemeinschaft überlebt. Die Sehnsucht danach ist groß, und der Regisseur steigert sie noch, indem er die sowjetische Vielvölkerfamilie wieder auferstehen lässt. Auf Höhe 3234 kämpfen Soldaten aus allen Teilen des Riesenreiches, sogar ein Tschetschene. Die jungen Russen nennen ihn spaßeshalber "Pinochet".

Die "Duschmany" - die Feinde - bleiben fast gesichtslos. Der Zuschauer sieht sie meist nur durch das Zielfernrohr der Scharfschützen. Zweimal zeigt die Kamera Afghanen in einer längeren Einstellung, in beiden Fällen scheinen es Unbewaffnete, die dann aus einem Versteck ihre Kalaschnikows hervorziehen.

"Wir leisten unsere internationalistische Pflicht", schreien die Soldaten beim Appell ihre Angst nieder. Und ein Polit-Offizier lässt die Wehrpflichtigen wissen, noch wurden die Afghanen von keiner Armee besiegt. Der Wille, sich als Mann zu beweisen, ist größer als alle Zweifel. Als die jungen Soldaten nach dem Grund-Drill auf dem Exerzierplatz gefragt werden, ob jemand nicht nach Afghanistan will, meldet sich niemand.

Die Hollywood verwöhnten russischen Kinobesucher werden mit der 9. Kompanie nicht enttäuscht. Es gibt tieffliegende Hubschrauber, Robben unter Stacheldraht, Kletterübungen mit Steinen im Rucksack, groben Sex. Allein die Szene mit den explodierenden Antonow-Maschinen kostete 450.000 Dollar, zum Einsatz kamen auch 30 Panzer, 50 Schützenpanzerwagen, zehn Hubschrauber und 23 Flugzeuge. Das Budget war mit neun Millionen Dollar imposant. Man drehte nicht in Zentralasien, sondern auf der Krim. Und es war der NATO-Anwärter Ukraine, der Panzer und Flugzeuge stellte.


Russischer Kino-Boom

Durch die wachsenden Exporteinnahmen des Landes (Erdöl/Erdgas) hat sich der Lebensstandard vieler Russen vor allem in den Städten verbessert. Man kann wieder Geld fürs Kino ausgeben. Der Umsatz der Lichtspielbetriebe stieg zwischen 2001 und 2004 von umgerechnet 70 auf 410 Millionen Dollar - die Zahl der Dolby-Kinosäle von acht (1995) auf 700. Derzeit werden in Studios und Ateliers pro Jahr etwa 100 Spielfilme gedreht.

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00:00 21.10.2005

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