Sternchenwelt zwischen Leben und Tod

Mediale Anteilnahme Michael Schumachers Koma stellt eine Herausforderung für den Journalismus dar. Er macht die Kluft zwischen Print- und Onlinemedien augenfällig.
| Ausgabe 02/2014

Es war die Woche der Sternchen. Letzten Donnerstag hat die Zeit damit begonnen. Unter ihrem Schumacher-Aufmacher war – neben besagtem Sternchen – zu lesen, dass der Gesundheitszustand des Rennfahrers zu Redaktionsschluss noch lebensbedrohlich gewesen sei. Man ahnte, dass der Überlebenskampf schneller entschieden werden kann als der Druck einer Zeitung. Die Sternchen sind zum Symbol der Schumacher-Berichterstattung geworden: Keine Nachrichten für die Ewigkeit, keine Nekrologe aus der Welt der Toten, sondern Texte aus der journalistischen Vorhölle zwischen Leben und Tod – und ein Kampf von Online und Print.

Die Unsicherheit des Moments zwingt Wochen- und Tageszeitungen, übergeordnet zu debattieren: Welt-Mann Ulf Poschardt beschwor als journalistischer Ernest Hemingway das deutsche Hochgeschwindigkeits-Heldentum, versuchte Deutschland mit Schumacher zu versöhnen und rechnete mit allen Rennsport-Feinden, Kritikern von Schumachers Steuermoral und dem Twitter-Sarkasmus im Angesicht des Todes ab. Kein Nachruf, sondern ein Plädoyer für das zweite Leben.

Gleichzeitig haben Online-Medien versucht, direkt aus der dem Nichts des Orkus’ zu tickern: Corinna und Ralf betreten das Krankenhaus, Olli Pocher und Boris Becker twittern Genesungswünsche. Selbst die Tagesschau hat mit Schumacher aufgemacht. Und, ja – da ist der Spagat zwischen öffentlichem Interesse und Pietät nicht immer geglückt. Aber wahrscheinlich haben sich Menschen, die mit Schumachers Rekorden aufgewachsen sind, dabei ertappt, bei Spiegel- oder Bild-Online nachzuschauen, wie es um ihn steht. Beim Frühstück stets die gleiche Frage: „Wie geht es Schumi?“ – mit ebenso viel Anteilnahme wie Sensationslust.

Faszination der Leichtigkeit des Sterbens

Im Angesicht des Todes werden wir alle zu Voyeuren. Und letztlich hat genau dieses Phänomen jahrelang die Faszination der Formel1 ausgemacht, früher, als die Männer noch ohne Sichertheitssysteme und HANS-Helm-System in die Kurven gingen. Vor 20 Jahren verunglückte Ayrton Senna als letzter Formel-1-Fahrer in der Tamburello-Kurve von San Marino tödlich. Seither ist die Formel-1 – gerade durch Michael Schumacher an der Spitze der Fahrervereinigung – sicherer geworden. Und wenn Nikki Lauda nun mit Verständnislosigkeit den Lieben Gott anfragt, warum Schumacher nicht in einem Auto, sondern beim Skifahren verunglückt sei, liegt genau darin eine der größten Leistungen des Rennfahrers: Michael Schumacher hat die Formel-1 schneller und gleichzeitig sicherer gemacht, den Sport vom Privaten getrennt, gleichzeitig aber die Gefahr vom Ring ins Private verlegt – und hier stehen nun auch die Journalisten.

Auch der Journalismus ist schneller geworden, aber leider nicht sicherer. Echtzeit-Foren wie Facebook und Twitter werfen viele Autoren aus der moralischen Kurve. Das passiert sogar gestandenen Regierungssprechern wie Steffen Seibert, der nach Merkels Langlauf-Unfall verunglückt witzelte: „Wir gehen von niedriger Geschwindigkeit aus.“

Das verfluchte Koma, diese Sternchenwelt zwischen Leben und Tod, ist eine Herausforderung für die Öffentlichkeit: der ausgeruhte Print siegt über das schnelle Online-Nichts. Und so ist der Fall Schumacher ein Apell an die Langsamkeit. Seine Familie wünscht sich, dass Journalisten die Übergangswelt von Grenoble nun verlassen – sie fordern ihr Recht auf Entschleunigung.

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