Sterne

A–Z Von lichtverschmutzten Städten aus sind Sterne immer schwerer zu sichten, dafür lassen sie sich inzwischen online kaufen. Pünktlich zum Dreikönigstag: unser Wochenlexikon

A

Astrologie Widder wollen mit dem Kopf durch die Wand. Stiere sind eifersüchtig, aber treu. Solche Horoskope verraten ja vermeintlich etwas über den Charakter und darüber, was die nächste Zeit bringt. Immerhin 20 Prozent der Deutschen glauben angeblich an die Macht der Sterne. Finden Menschen Horoskope hilfreich, so dürfte das am Barnum-Effekt liegen: Wir fühlen uns von Aussagen über uns selbst angesprochen, wenn sie vage gehalten sind oder Allgemeinplätze enthalten. Benannt ist der Effekt nach dem Inhaber eines in den USA erfolgreichen Kuriositätenkabinetts: Phineas Taylor Barnum hatte „für jeden Geschmack etwas“ zu bieten.

Wenn wir lesen, dass wir auf einem guten Wege (➝ Marsch) sind oder uns Stolpersteine in die Quere kommen, wenden wir das allzu gern auf die tatsächliche eigene Situation an. Seriöse Astrologen, wenn man sie denn so nennen darf, halten das allerdings für amateurhaft bis vulgär und beziehen in ihre Prognosen auch Geburtsort und -zeit mit ein. Carolin Born

B

Bier Irdische Genussmittel bedienen sich gern angeblicher galaktischer Strahlkraft, das gilt für Schokoriegel wie für Bier. Der Stern soll im Mittelalter ein Zeichen der Braumeister gewesen sein, um die ihm zugeschriebene mystische Kraft auf den Schutz des Bieres zu lenken. Heute scheint es mit solcher kosmischen Kraft nicht mehr weit her zu sein, wie der diesjährige Rückruf von Mars- und Milky-Way-Riegeln aufgrund von Plastik in der Schokolade zeigt und wie es die Verwendung alter Braumeistersymbolik durch Marken nahelegt, die ihr Produkt wahrheitswidrig Bier nennen: Heineken-Flaschen ziert ein Stern in Rot, gar im Namen trägt ihn das Anheuser-Busch-InBev-Gebräu Stella Artois. Zur Ehrenrettung gereicht Sternburg aus Leipzig, wegen des „süffig-würzigen“ Geschmacks wie der sozialen Preispolitik (70 Cent pro Flasche) Milieu-übergreifend beliebt. Benjamin Knödler

G

Gastronomie Jamie Oliver und Tim Mälzer haben keinen, Christian Rach hat einen, Frank Rosin kann zwei vorweisen: Der Michelin-Stern, hervorgegangen aus dem 1900 erstmals publizierten und 1923 mit Restaurantempfehlungen versehenen Werkstattwegweiser des gleichnamigen Reifenherstellers, ist die gastronomische Auszeichnung höchster Güte. Die seit 1936 gültige Definition der Sterne steht im Zeichen der einstigen Zielgruppe des Guide Michelin, der Autofahrer. Eine Küche mit zwei Sternen „verdient einen Umweg“, drei Sterne sind „eine Reise wert“. Einem Stern soll immerhin „Beachtung“ (➝ Zeichen) zuteilwerden. Erstmals wurde die frohe Kunde guten Geschmacks hierzulande heuer bei einer Gala serviert, in Berlin. Die Stadt hat keine Drei-Sterne-Küche, überzeugt aber als Spitzenreiter mit 26 der 290 deutschen Sterne (Frankreich: 600) in der Breite. Nina Rathke

Geschenk Seine Bücher bei Amazon zu bestellen, statt den lokalen Buchhändler um die Ecke aufzusuchen, das gilt vielen zu Recht als verpönt. Mit erwerbbaren Sternen dagegen kann der stationäre Einzelhandel nicht aufwarten, der Kauf im Netz ist folglich ohne Alternative. Und Anlässe bietet jedes Menschenleben: Hochzeit, Geburt, Todesfall. Ging man früher in die Kirche, kauft man jetzt einen Stern. Oder lässt ihn zumindest taufen.

Die laut Suchmaschinenwerbeanzeige „seriöse“ (➝ Wissenschaft) Sternentaufe sei ein „höchst individuelles Zeugnis von Zuneigung und Partnerschaft“, erläutern die Spender des säkularen Sakraments von sterntaufe-original.de und versprechen den Eintrag in ein Register mit dem seriösen Namen Europäisches Institut für Sterntaufen, den 24-Stunden-Versand der Taufurkunde, hohe Kundenzufriedenheit, eine persönliche Widmung, „nur sichtbare Sterne“ und eben: das perfekte Geschenk! Für 2,90 Euro zusätzlich können Käufer die Rechtschreibung der Widmung prüfen lassen, die man sich für Preise von 19,90 Euro an aufwärts zusammen mit den Koordinaten auf der Urkunde an die Wand nageln kann. Sarah Alberti

I

Italien Viele betrachteten die Fünf-Sterne-Bewegung als Clownspartei, als Komiker Beppe Grillo sie 2009 aus der Taufe hob, um fünf zentrale Themen zu beackern: Wasserversorgung, Umweltschutz, nachhaltige Entwicklung, Infrastrukturprogramme, allgemeiner Internetzugang (➝ Komet). Doch es folgte ein steiler Aufstieg: 2013 erhielt die Partei 25 Prozent der Stimmen bei der Parlamentswahl, seit 2016 stellt sie in Rom und Turin die Bürgermeisterinnen. Zum Erfolg verhalfen weniger Nachhaltigkeitskonzepte denn die europaweite Vorreiterrolle bei der Verbreitung von Fake News und einem kruden Populismus, der sich postideologisch nennt. Benjamin Knödler

K

Komet Der Komet Hale-Bopp war 1996 ein Jahrhundertereignis und zugleich ein früher Internetstar. Denn nicht nur mit bloßem Auge unter freiem Himmel, sondern auch auf diversen Webseiten ließ sich der Komet aufgrund seiner enormen Helligkeit 569 Tage lang gut beobachten. Die Schweifsterne gelten seit jeher als Vorboten des Schicksals, ihr möglicher Einschlag auf der Erde als Motiv für das Ende der Zivilisation. Dazu passen Deutungsversuche, die im Stern von Betlehem einen real aufgetretenen Kometen vermuten, nicht so recht.

1997 begingen 39 Mitglieder der religiösen Gruppe Heaven’s Gate in den ➝ USA in Erwartung der Apokalypse gemeinsam Selbstmord. Sie erhofften sich ein neues Leben an Bord eines UFOs, das Hale-Bopp folgen sollte. Die Identifikation des UFOs entpuppte sich später als Aufnahmefehler eines Amateurastronomen. Tatsächlich handelte es sich bei dem von ihm gesichteten Objekt um einen Stern. Nina Rathke

M

Marsch Unter Führung des orthodoxen Priesters Georgi Gapon machten sich am 9. Januar 1905 Zehntausende Arbeiter aus verschiedenen Vierteln St. Petersburgs auf gen Winterpalais. Mehr als 200.000 Menschen schlossen sich am 28. August 1963 zum Sternmarsch auf Washington zusammen, um mit Martin Luther King das Ende der Rassendiskriminierung in den ➝ USA zu fordern. Heute instrumentalisieren Rassisten unter anderem in Leipzig, Jena und Zwickau das Mittel des Sternmarsches für ihre Zwecke.

Von mehreren Startpunkten aus in Gruppen auf einen gemeinsamen Zielort hin zu demonstrieren, hat ästhetischen Mehrwert, es fühlt sich am Boden stark an und sieht aus der Luft gut aus. Es kann auch strategischem Kalkül folgen, um Blockaden durch Sicherheitskräfte zu entgehen, wenngleich dies auf kurze Frist keinen Erfolg garantiert: Der friedliche Protest 1905 wurde niedergeschossen und ging als Petersburger Blutsonntag in die Geschichte ein. Tobias Prüwer

P

Pop Musikjournalisten feierten sie als Nachfolger von Ton Steine Scherben: 1992 gründeten sich Die Sterne rund um Sänger und Gitarrist Frank Spilker; Bassist Thomas Wenzel ist auch Mitglied der Goldenen Zitronen (➝ Gastronomie). Die Schublade der Hamburger Schule geht auf bei Texten, die sich in die Uneindeutigkeit zwischen Privatem und Politischem setzen: „Warst du nicht fett und rosig? Warst du nicht glücklich? Bis auf die Beschwerlichkeiten, mit den andern Kindern streiten, mit Papa und Mama? Wo fing das an und wann? Was hat dich irritiert? Was hat dich bloß so ruiniert?“ 2017 gehen Die Sterne auf 25-Jahre-Tour, mit dabei sind auch andere Musiker wie Isolation Berlin – eine Band, die als Nachfolger von Ton Steine Scherben gilt. Sarah Alberti

R

Rot Er leuchtet den Weg in die klassenlose Gesellschaft, den die einen bisher nicht beschreiten wollten und von dem die anderen einst abgekommen sind: als linkes Symbol hat sich der rote Stern über seine – gelbumrandete – Verwendung in der Flagge der Sowjetunion oder auch durch die RAF hinweg bis heute tapfer gehalten, wenngleich mitunter zum Preis schnöder Kommerzialisierung. Dennoch ist er auf Flugblättern oder Che-Guevara-Baskenmütze nicht nur Pop, sondern auch Zeichen des Protests und der Selbstvergewisserung. Dem sympathischsten Fußballclub der größten Stadt Sachsens stiftet er den Namen; für Roter Stern Leipzig gilt: „Es ist uns egal, woher ein Mensch kommt, ob oder welcher Religion er anhängt und welche sexuelle Orientierung oder welchen sozialen Status er hat.“ Benjamin Knödler

U

USA Der Stern führt ein schizophrenes Dasein als Symbol anti-etatistischer Bestrebungen zum einen (➝ Italien, Rot) und als staatliches Hoheitszeichen zum anderen (➝ Rot). Den Vereinigten Staaten von Amerika dienen Stars and Stripes, auch als das Star-Spangled Banner in der Nationalhymne besungen, seit 1777 als Flagge. Neben 13 Streifen in Rot-Weiß zieren sie 50 weiße Sterne auf blauem Grund. Während Erstere die 13 Gründungsstaaten der USA symbolisieren, repräsentieren die Sterne die Anzahl der Bundesstaaten. Da sich Letztere im wechselhaften Verlauf der US-Geschichte öfters änderte, musste auch die Flagge mehrmals angepasst werden. Zuletzt 1960, als Alaska und Hawaii zu Bundesstaaten wurden. Daniel Böldt

W

Wissenschaft Wer der Stadt und ihrer Lichtverschmutzung entflieht, um auf dem Land gen nächtlichen Himmel zu blicken, sieht vor allem Sterne. Oder doch Planeten? Und was war noch gleich der Unterschied zwischen Asteroiden und Meteoroiden? Astronomie ist für Laien wie ➝ Astrologie ein Exerzierfeld für gesundes Halbwissen. Darum hier eine kleine Grundlage für das nächste ➝ Bier unterm Sternenhimmel mit Freunden.

Sterne sind massenreiche Kugeln aus ionisiertem Gas, in denen es zu Kernfusionen kommt. Sie strahlen folglich. Planeten strahlen zwar ebenfalls eine gewisse Energie aus, kreisen aber aufgrund ihrer geringeren Masse um einen Fixstern. Die Sichtung von Planeten ist daher nicht ausgeschlossen, die überragende Mehrheit des nächtlichen Funkelns aber bilden tatsächlich Sterne. Wem solch rudimentäres Wissen nicht reicht, der muss seinen Blick wohl oder übel vom Himmel ab- und astronomischen Lehrbüchern zuwenden: Per aspera ad astra eben, durch Mühsal zu den Sternen. Daniel Böldt

Z

Zeichen Weil er ein kleingewachsener Star ist, trägt Comic-Held Asterix seinen Namen. Der leitet sich von Asterisk – dem lateinischen Wort für Sternchen – ab. Platzsparend kommt auch das *-Zeichen daher und ist zugleich ein Allrounder für Anmerkungen, Geburtsangaben und Sprachgendern. Bekannt von T-Shirt-Spruch und Mottotasse (Geschenk) spielt es seine Rolle als Platzhalter für Sagt-man-nicht-Wörter wie F**k, Sch**ße und F*cken.

In jüngster Zeit macht dem Sternchen eine andere Mode des Modifizierens von Wörtern Konkurrenz, das Weglassen von Vokalen hielt Einzug auf dem Markt von Statusaussage und Verballhornung. Wie im Logo der Hip-Hop-Band Run-D.M.C. – weiße Großbuchstaben zwischen roten Vertikalbalken auf schwarzem Grund – ist so zu lesen: KRZBRG, FCK NZS oder HTFCK SCLSM (Hatefuck Socialism). Tobias Prüwer

06:00 06.01.2017

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