Sterne, implodierende

Berliner Abende Ach, Tränen der Rührung tropften gleich festlichviskosem Öl dem 750 Jahre alten Ölbaum inmitten der Mercedes-Welt von den Zweigen, als - ...

Ach, Tränen der Rührung tropften gleich festlichviskosem Öl dem 750 Jahre alten Ölbaum inmitten der Mercedes-Welt von den Zweigen, als - "Klingglöckchenklingelingeling" - meine Armbanduhr "Big Date", mit dem kleinen Mercedes-Sternenkrönchen auf dem Zifferblatt, den Beginn der 17. Stunde anzeigte. Jetzt, an diesem schweren Tag, da im fernen Amerika dem glänzenden Leitstern der Prozess aufgemacht werden sollte, wie dem von vor 2.000 Jahren schon von all den Heiden: führt er zum Heil oder ins Verbrechen?, jetzt wenigstens hier die Losung: "Freut euch: täglich von 16 bis 18 Uhr"! Und mehr Freude pro Tag wäre wahrhaft unschicklich, inmitten all der implodierenden und erodierenden Sterne: Jacko, Gerster, Stevens ... Man darf gar nicht anfangen mit aufzählen. Da reichte die Spalte nicht, und das Gemüt würde verdüstert!

Ziemlich allein steht die Mercedes-Welt am Salzufer herum, seit drei Jahren da, wo eigentlich ein neues Viertel sein städtisches Leben entfalten sollte. (Hihi!) Eine Halle, wie aus dem Lehrter-, dem neuen Hauptbahnhof geschnitten, umwunden von drei Plateaus, auf denen von unten nach oben die silbernen Kälber der Mittelstands-, Management-, Sport Götter zu Themenparks geordnet stehen, die sich aber im Moment auflösen und an die Geländer drängen: Denn ganz unten, neben dem amerikanisch oder chryslerianisch geschmückten Baum, von einem Wuchs, dass der jährlich in Weihnachtsbaum versagende Senat erblassen müsste, da setzt sich eine junge Frau im Businessschick gedeckt gestreiften Hosenanzuges auf einen uralten Königinnensessel, wuchtet schmerzlich gekrümmt ein riesiges Buch auf die schmalen, topfitten Schenkel und beginnt daraus ganz kleine Geschichten vorzulesen, davon, wie der Weihnachtsmann es beinahe endlich einmal geschafft hätte, pünktlich zu sein, wenn er sich nur einer jener Karossen anvertraute, die mich schon am Eingang Auge an Auge bedrängt hatten: rechts - C 220 DT für 29.900, links - C 180 K für 33.340, dann noch ein E 200 KI für 43.460, alles nicht ganz neue Schnäppchen, ich weiß, und endlich kam ich neben 3,9 Prozent zu sitzen, der mir offiziell zublinkerte: "Lasst uns froh und preiswert sein!", ein agiler E 320 für engelszarte 54.990. An der Bar vom integrierten "Salt´n Pepper" hingen noch ein paar verfilzte Pullover trübe über ihren Tassen und jammerten in sich hinein, weil auch in 2003 wieder der Stern ihrer Träume implodiert war. Und durch ihre verhärmten Hirnhälften heulte der Hit eines früh gefallenen Sternes ihrer Jugend: "Oh Lord, won´t you buy me a Mercedes Benz?"

Die silbernen Kälber, zunehmend in Stimmung, ließen vorfreudig ihre je vier Augen kullern. Nur zwei verirrte Kinder störten etwas, in Absencen gefallen, die aufgeschütteten Kissen meidend, gelähmt von der Gebetsstarre ihrer Väter.

Dann betrat ein deutscher Gospelchor das Bühnchen, drei Mädels mit dem Schwung einer Küchenliederkongregation, die ihre Frisuren in Mercedes-Cabrios erworben haben dürften, und zirpten "Jesus is the answer for the world today". Da begannen die Kälbchen leise zu schunkeln, und ganz oben, so ab 120.000 aufwärts, neben dem Maybach-Eck, da öffnete und schloss begeistert der Wagenpark von Singlejesus, SLK-Klasse, auch liebevoll "unser Planetarium" genannt, die Verdecks und öffnete und schloss im Takt.

Die Lichter brannten, die Tannenranken rankten, von der Decke hing ein festlich verpackter Weihnachtstraum und lockte mit blitzendem Unterbodenschutz, die Höker, in Horste auf allen Höhen gefesselt, zerrten nervös an der Krawatten, still standen die vergessenen Bambusbäume in noch stillerem Wasser reglos. Und es zog mich, während der Chor mit "Silent Night" in einer verträumten Cocktail-Lounge-Fassung von der Bühne schlief, zur Mercedes-Benz-Lifestyle-Collection: Doch mein Schreibtisch ist entschieden zu klein und an Parkett gebricht es mir völlig, um den Mini ferngesteuert nötigen Auslauf zu gewähren. Das Dach könnte ich zur Not ein- und ausfahren. Aber was das wieder an Batterien kostete!

Ich entschied mich für den Stern-Briefbeschwerer: "Vorbei ist die Zeit, als Sie mit Herzschmerz die Garage verließen, weil das geliebte Schmuckstück dort zurückbleiben musste. Jetzt können sie sich den glänzenden Stern auch auf ihren Schreibtisch stellen." Einmal muss Schluss sein. Ich habe wahrlich genug der Nachkommenden mit Sternen für Scheißhaus und Kettchen versorgt. Jetzt bin ich einmal dran. Legale Gediegenheit. Weil der weise Jesus Sirach ja Recht hat: "Wer sich selbst nichts gönnt, wem kann der Gutes tun? Er wird seinem eigenen Glück nicht begegnen." (14, 5)


00:00 12.12.2003

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