Sterne und Planeten

Berliner Abende Kolumne

Kinder sind klasse, denke ich, solange ich nicht der bin, der ihnen erklären muss, warum man eine Leiter nicht senkrecht aufstellt, und warum man anderen Menschen nicht mit brennenden Stöcken vor dem Gesicht herum fuchtelt. "Was heißt senkrecht, Papa?" Kinder sind klasse. Ein gutes Dutzend Erwachsene und noch mal so viele Kinder teilen sich hier ein Haus in einem Dorf am See. Alle leben in der Stadt, das Haus in der Uckermark ist der Rückzugsort für ab und an. "Alles Junge und Kreative hier", meint Tabea, die mit ihrem Sohn Vladimir da ist. Sie selbst nimmt sich aus, denn sie sei nicht mehr jung und seit Vladi habe sie auch keine Muße mehr gehabt für die Kunst. Sie sei Bildhauerin (gewesen), sehe es aber mittlerweile gar nicht mehr als so großen Verlust an, nichts mehr mit dem Kunstbetrieb zu tun zu haben, in dem sie sich zuletzt ohnehin nicht mehr wohl gefühlt habe. Ich sage: "Ich glaube, es gibt nur wenige Modelle, die einem alles erlauben." Ich denke daran, dass ich zum Beispiel nicht Mutter sein kann und meinem Sohn die Haare kraulen am Lagerfeuer, und auch nicht Vladi sein kann und mich an ihr Bein lehnen. Aber ich sage nichts, das wäre zu kompliziert. Katarina sagt, sie fände es schön hier, aber der Gedanke, immer hier wohnen zu müssen, mache ihr Angst. Was soll man mit den Nachbarn reden, und es gibt ja nur die. Nur Silke und Martin sind mit ihren zwei Kindern Paul und Lotta vor sechs Jahren ganz hier raus gezogen. Sie hatten die Hausgemeinschaft mit gegründet, sich dann aber ein eigenes Haus gekauft und saniert zum festen Wohnsitz. Als Lotta schulpflichtig wurde, haben sie mit anderen Ex-Städtern in Angermünde eine freie Schule gegründet, die ihnen nach zwei Jahren vom Land anerkannt wurde. Die Kinder wachsen nun auf dem Land auf, das war der Plan, sie müssen also mit den Nachbarn, ob sie wollen oder nicht.

Einer der Nachbarn hat am frühen Abend angefangen, eine Böschung mit der Motorsense zu mähen. Nach einer Stunde lässt sich der Lärm nicht mehr ignorieren und jemand sieht im Amtsblatt die vorgeschriebenen Ruhezeiten nach. Von 22 bis 6 Uhr. Martin geht zum Nachbarn und sagt: "Bis acht, dann ist Schluss", und der antwortet: "Das lass mal meine Sorge sein." Das Amtsblatt wird nicht erwähnt. "Hartz IV-Mäher" nennt jemand die Dörfler. "Oh, gemein!", lacht Katarina. Nun lauschen alle der Sense. Um kurz vor acht verstummt sie tatsächlich. "Der wird sich revanchieren", meint Martin trocken. Jetzt, da die Sense schweigt, hört man die Nachbarn hinter der Hecke. Eine Frau ruft: "Jetzt hau doch mal ab hier!" Ich stell mir vor, wie sie eine Wespe verscheucht, und frage mich, wie die Dörfler wohl die Städter nennen. Auch mit dem Nachbarn auf der anderen Seite gebe es Ärger, erzählt Martin, "seit die neue Frau auf dem Hof ist." Eine humorlose Hochschwangere mit gefärbten Haaren und "dem Blick einer KZ-Aufseherin". Die Nachbarn haben nun auch eine Terrasse, genau wie die, die sich Martin und Silke gebaut haben. "Und jetzt können wir unsere kaum benutzen, weil die ständig auf ihrer sind", meint Martin. Silke beschwichtigt: "Die haben eine Terrasse, wir haben eine". Und: "Heute Abend brauchen wir uns doch nicht beklagen, denn wir sitzen ja hier." - "Vielleicht sollten wir uns sowieso wieder hier einmieten", sagt Martin. Es wird kein Grundsatzkonflikt sein, sonst würden sie es nicht am Lagerfeuer vor einem Fremden besprechen. Martin ist Filmemacher und bereitet einen Film vor über das Leben russlanddeutscher Aussiedler in Mecklenburg. Silke ist Ornithologin und erstellt Gutachten für Windkraftanlagen über Vogelzuglinien und mögliche bedrohte Vogelarten. Ich denke an die Falken und Bussarde, die den ganzen Tag über dem Dorf und den Feldern kreisten. Wenn gemäht wird, ist das ein großer Tag für die Raubvögel. So hängt alles zusammen, oder vieles zumindest, und man muss kein Darwinist sein, um das gut zu finden. Die Kinder sind müde geworden, die Erwachsenen schweigsamer. Paul kuschelt sich in die Armbeuge seines Vaters. Martin zeigt ihm die Sterne und erklärt ihm den Unterschied zwischen Sternen und Planeten: "Die einen leuchten aus sich selbst heraus, die anderen bekommen ihr Licht von einer Sonne." Paul will wissen, wo das Holz hingeht, wenn es verbrennt, und warum Zweige mit Blättern qualmen. Als er mich vorher beim Grillen gefragt hat, warum die Glut brennt, wenn man rein bläst, und nicht ausgeht wie eine Kerze, habe ich ihm gesagt, dass es "etwas mit dem Sauerstoff zu tun hat". Als Vater kommt man nicht so einfach davon. Martin beantwortet Pauls Fragen ernst und gewissenhaft, denn es ist wichtig. Ein wichtiger Moment zwischen Vater und Sohn. Vielleicht denkt Martin daran, dass sich Paul in ein paar Jahren an diesen Abend erinnert, und er will, dass der Sohn dann lächelt bei dem Gedanken an die Worte des Vaters: "Die, die aus sich selber leuchten."


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00:00 29.07.2005

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