Stichflammen-Journalismus

Medientagebuch Für die Illustration der "Gewalt an den Schulen" brauchte das Fernsehen die richtigen Bilder - und half etwas nach

Eine Woche nach dem Fehltritt ist bei ZDF-reporter wieder alles gut. Fast. Der Sender hatte sich entschuldigt, die eigene Version vorgeführt und gezeigt, dass die Bilder selbst nicht unbedingt so aussehen, als seien sie inszeniert gewesen. Es war also alles halb so schlimm. Eine Weile werden die Redaktionen den Produktionsfirmen, die sie mit Aufträgen bedenken, genauer auf die Finger schauen und sie Erklärungen unterschreiben lassen. Ja nichts vor der Kamera inszenieren und den Protagonisten ja keine "Aufwandsentschädigungen" bezahlen.

Dennoch werden Konflikte dieser Art wiederkehren. Fernsehen, wie es derzeit funktioniert, verlangt geradezu danach. Vor vielen Jahren schon hat der Medienforscher Will Teichert den Begriff vom "Stichflammen-Journalismus" geprägt. Plötzlich schießt ein Thema hoch, arbeitete sich in kürzester Zeit durch alle Sender, wird in diversen Talkshows beredet und noch verstärkt, um dann irgendwann zu verlöschen. Zu ergänzen wäre dieses Bild vom Stichflammen-Journalismus vielleicht noch durch die Beobachtung, dass danach auch immer eine Art Brandschaden zu beobachten ist, oder wenigstens Brandgeruch in der Luft liegt.

Die Gründe sind lange bekannt. Nachrichten zirkulieren blitzschnell und werden blitzschnell weitergedreht. Bilder müssen stark und gefühlsbetont sein und am besten die Zuschauer in erregtem Zustand im Sofa festnageln (wer nicht problemlos in fünf Sätzen fünfmal das Wort "emotional" unterbringen kann, kommt heute in Fernsehanstalten nicht einmal mehr am Pförtner vorbei). Dass gerade ZDF.reporter ins Gerede gekommen ist, ist eigentlich nicht verwunderlich. Hier wird mit eben den Stoffen gearbeitet, über die sich prächtig erregen lässt. Rotlicht- und Blaulichtmilieu sind hier besonders beliebt. Und "Gewalt in der Schule" würde, falls es das nicht außerhalb schon gäbe, spätestens in dieser Redaktion erfunden.

Was eine Redaktion mit solchen Leitideen verlangt, das wissen die Produktionsfirmen ziemlich gut, sonst kämen sie nämlich nicht an die Aufträge. Und wenn eine Redaktion es nicht ausdrücklich verlangt, so wissen die Produzenten doch ziemlich genau, was von ihnen erwartet wird. Bestimmt keine Bilder von einem ruhigen Schulhof. Dabei war die Produktionsfirma, die jetzt für das ZDF den Kopf hinhalten muss, nicht einmal prädestiniert für solche Action, sondern ein seriöses und an gesellschaftlichen Themen interessiertes Unternehmen, das Formate wie 37 Grad und Sender wie Arte bedient.

Wahrscheinlich muss man einige der Gründe im System selbst suchen. Zum Beispiel im Zustand des Produktionsmarkts. Eine kürzlich erschienene Studie des Instituts FORMATT hat ergeben, dass die mehrheitlich kleinen Produktionsfirmen unter hohem Preisdruck der Sender stehen. Das gelte, so die Studie, vor allem auch für die "journalistisch arbeitenden Betriebe": "Die Sender können das geringe Preisniveau durchsetzen, weil eine nach wie vor sehr große Anzahl von Betrieben um die Aufträge konkurriert."

Dass solche Strukturen die journalistische Sorgfaltspflicht und das Nachdenken über das eigene Gewerbe nicht grade fördern, liegt auf der Hand. Und wie jeder weiß, verkauft sich nicht nur Sex gut. Auch Gewalt ist auf dem Bildermarkt eine gut eingeführte Währung. Das bewies zuletzt auch Monitor, das doch sonst den journalistischen Kollegen gern aufs Handwerk schaut. In einem Beitrag über die Lage der Lehrer an Hauptschulen ließen die Autoren eine anonyme Gruppe von Jugendlichen - nur von der Hüfte abwärts fotografiert und deshalb unkenntlich - auf eine tiefliegende Kamera losmarschieren, in Zeitlupe, also bedrohlich. Und suggerierten dann wenig später mit absichtsvoll unscharfen Bildern Chaos in der Schule. So etwas macht Eindruck und bedient latente Angst bei den Zuschauern.

Ohnehin bestehen die Neuigkeiten des Fernsehen in der Regel nicht darin, dass sie Neues, sondern dass sie Bekanntes ins Bild fassen. Fernsehen bestätigt und verstärkt in der Regel existierende Anschauungen, Meinungen und Tendenzen. Und so funktionieren auch die Bilder, die rund um die Rütli-Schule ausgestrahlt wurden. Sie zeigen das Erwartete, das landläufig Gedachte und Propagierte, den Mainstream. Und der heißt in diesem Fall: Neukölln ist überall, die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert und Parallelgesellschaften wachsen unkontrollierbar aus dem Boden.

Weil aber die Bilder nicht einfach von sich aus so funktionieren, weil das starke und emotionale Bild nicht immer sofort zur Verfügung steht, nimmt auch die Neigung zu, sie lieber gleich selbst herzustellen. Das hat vor Jahren der noch altmodisch analoge Bildfälscher Michael Born getan, das geschieht in dieser oder jener kleineren Sequenz immer wieder. Wird meist nur nicht Fälschung genannt, ist aber oft eine Zurichtung der Realität. Die Forderung des Deutschen Journalisten-Verbandes, Journalisten sollten die Realität abbilden, nicht sie inszenieren, klingt fast naiv. Dieser Rubikon ist längst überschritten.

Und wo alles sich in Szene setzt, die Politik bei Sabine Christiansen oder die Grafs bei Kerner, da verhalten sich auch die Jungs in den Hauptschulen dieser Republik nur systemkonform, wenn sie sich in Szene setzen und den Reportern das Gewünschte liefern. Wenigstens kriegen sie dann die Aufmerksamkeit, die sie sonst nicht haben. Und wenn es noch eine kleine "Aufwandsentschädigung" dafür gibt, umso besser. Es deutet wirklich alles darauf hin: Die nächste Inszenierung kommt bestimmt.


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00:00 21.04.2006

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