Stichwort – No!

Zahlungsstreik Seit Anfang des Jahres gibt es den neuen Rundfunkbeitrag für ARD und ZDF. Dagegen protestiert die Gruppe Remote Control. Eine Erklärung
Remote Control | Ausgabe 27/2013 13
Stichwort – No!

Wer den Rundfunkbeitrag noch nicht bezahlt hat, hat sechs Monate nach dem 1. Januar 2013 eine Ordnungswidrigkeit begangen. Zu diesem Datum startet die Gruppe Remote Control einen Zahlungsstreik. Die Radiomacherinnen, Künstler, Schauspielerinnen und Videoarbeiter des Zusammenschlusses schildern anhand von Stichworten ihre Beweggründe.

Klein und spontan, wie so ein Zündfunken eben ist, begann unsere Initiative vor genau einem Jahr als Reaktion auf den angekündigten Rundfunkbeitrag. Man stelle sich zwei Berliner Filmschaffende vor, unterbezahlt und konfrontiert mit schlechten Arbeitsbedingungen. Sie schauen sich um, es wird viel geackert auf ihrem Feld; Lohn und Wasser aber fließen woanders hin. Kein Mensch, der Informationen, Film- und Tonkunst sucht, käme auf die Idee, dafür das Radio oder Fernsehgerät anzuschalten. Doch da! Die Öffentlich-Rechtlichen schalten sich selbst ein, um für ihre Dienste die Gebühr einzutreiben. Ab jetzt sind alle Haushalte in Deutschland registrierte Nutzerhaushalte und finanzieren IHREN EIGENEN Rundfunk. Die Gebühr wird zum Beitrag.

Verwunderung, Unglauben und Ärger steigen auf. Mit einer friendly Hijack-Info-Aktion setzen Janine und Sebastian sich ins Programm des überlebensgroßen Schwarz-Weiß-Fernsehers, den Tracey Rose auf dem Tempelhofer Feld in Berlin installiert hat. Schwarz-Weiß angemalt versucht Sebastian sich an einer Diskussion mit den feixenden Parallelperformerinnen.

Stichwort – Apparat

Fernsehapparat, Radioapparat, Rundfunkapparat. Ebenso wie die Rede von den Apparatschiks ist das Wort Apparat inzwischen aus der Mode gekommen. Im Elektronikmarkt tauchen kaum noch Apparate auf. Dort stehen Flatscreens, Homecinema-Systeme, Smartphones; dort ist inzwischen die Rede von Device. Das Device ist zeitgenössischer, kleiner, größer, handlicher, schneller, schicker, professioneller, neuer als der Apparat – und hoffentlich internetfähig. Es leistet seinen Dienst an meiner Wahlfreiheit. Also sendet es kein Programm, sondern es liefert On-Demand, fordert mich auf, meine Bedürfnisse mitzuteilen, meine Vorlieben zu kommunizieren. Wenn das Device im Sleep-Modus Träume hätte, ginge es darin bestimmt um Missverständnisse im Zusammenspiel mit anderen Geräten, Plattformen, Systemen. Vielleicht ginge es darin auch um Geheimdienste, angezapfte Unterwasser-Glasfaserkabel. Die neuen Devices und die neuen Medieninhalte – einzeln verkäuflich oder kostenlos angeboten in Werbung verpackt – sind so was von beyond Quote, so was von beyond Apparat. Wenn jeder Klick, jeder Download einzeln registriert werden kann, weckt die „repräsentative“ Quote nur noch Belustigung. Wenn die gestrige träge Macht der Apparate und Funktionäre uninteressant wird, erlahmt die Kritik am Apparat.

Doch der Apparat als Institution ist alles andere als verschwunden. Wir schauen – mit jugendlichem Widerwillen – auf die gegenwärtigen Strukturen des Rundfunkapparats und stellen fest: Die sind undemokratisch, intransparent und patriarchal wie eh und je. Die von den Nutzern zusammengetragenen Produktionsmittel werden nicht öffentlich ausgeschrieben, das Programm wird vorgeschrieben und hinter den verschlossenen Türen privater Tochterfirmen von ARD und ZDF produziert. Die von allen bezahlten Programminhalte werden nochmals kapitalisiert und zu exorbitanten Preisen verkauft. In den Endlager-Archiven der Öffentlich-Rechtlichen bedarf es enormer Budgets, um etwa einen fernsehunabhängigen Film mit Archivmaterial herzustellen. Es ist nicht möglich, eigenständig zu recherchieren. Das alles hätte vermutlich niemanden von uns auf die Barrikaden gelockt, wenn der Rundfunkapparat es nicht gewagt hätte, uns alle noch einmal ausnahmslos und ganz direkt als seine Untertanen anzurufen. Watt’n des?! Die Einnahmen steigen seit Jahren und trotzdem gibt es kein Geld für das, was wir machen, sehen und hören wollen. Als freischaffende Aktivistinnen, international unterworfene Mediensubjekte sind wir geneigt zu antworten: Wir senden doch auch die ganze Zeit was, nur nicht unbedingt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Die Reaktion des Publikums auf unseren Tempelhofer Diskussionsversuch macht deutlich: Wenn man gemeinsam aus der Egal-ich-zahl-eh-nicht-Haltung heraus will, bevor die Mahnungen der Alt-GEZ beziehungsweise des neuen Beitragsservice in den Briefkästen eintrudeln, muss breit informiert werden und die Aktion wachsen. Erst ein, dann zwei dann viele Aktivisten. Sie stellen die Initiative im Radio de la Culture Visuelle vor. Sie ziehen durch Berlin und interviewen Nutzerinnen.

Stichwort – Lokale Produktion

Letzten Sommer war ich in vier unterschiedlichen Stadtteilen unterwegs und habe insgesamt etwa 40 Passanten in ein Gespräch über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verwickelt. Die erste Erkenntnis aus der Befragung war, dass deutsch Sozialisierte über 50 meist sehr zufrieden mit dem Programm sind, während Menschen, die Deutsch mit Akzent sprachen, ausnahmslos sagten, dass sie ARD und ZDF nie nutzen. Eine dritte Konstellation blieb mir noch in Erinnerung: junge Leute, die zwar allenfalls zu Fußball und Tatort einschalten, die Gebührenfinanzierung aber prinzipiell gut finden: ‚So viel sind 18€ im Monat ja nicht, das ist’s mir wert‘. Abgesehen davon, dass dieser Betrag für manchen durchaus viel Geld ist, scheint es die reine Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wofür diese Befragten bereit sind zu zahlen. Ich stelle mir lieber vor, was man mit dem Geld sonst auf die Beine stellen könnte!

Eine Veranschaulichung: Das Theater Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg realisiert seit mehreren Jahren das Format Kiez-Monatsschau. Jugendliche aus dem Viertel erhalten von erfahrenen Filmemachern Unterstützung dabei, einen audiovisuellen Bericht aus ihrem Umfeld herzustellen, der dann vor dem stets restlos gefüllten Haus präsentiert wird. Wenn die Medien es nicht hinkriegen, unseren Alltag zu reflektieren, so das Credo der Kiez-Monatsschau, machen wir das eben selbst. Mit großem Erfolg: Ich habe durch diese Abende eine weitaus bessere Einschätzung meines Stadtviertels gewonnen als durch jeden Fernsehbericht.

Die mediale Grundversorgung muss nicht durch zentrale Fernseh- und Radioanstalten hergestellt werden. So steht es im noch geltenden Rundfunkurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1987. Also: Welche Institution wäre mir den Beitrag wert?

Gegen Ende 2012 gründet sich in Berlin die Arbeitsgruppe Remote Control, deren erster öffentlicher Auftritt eine Talkshow im Kunstraum „Vierte Welt“ im Februar ist. Mit den Parabelles als Fernsehband, mit Außenreporterinnen verbunden, maskiert als Fernsehsternchen diskutieren wir mit geladenen Gästen der Filmarche, Reboot.fm, Grundversorgung 2.0, AG Dok und so weiter auf Couch und Publikumsstühlen. WATT’N DES?, ruft unsere Show. Dafür zahlen wir nicht! Wie wollen wir arbeiten?

Stichwort – StudentischeAushilfe bei der „Tagesschau“

Es hätte ja sein können, dass die Luft in der Redaktion vibrierte vor journalistischer Leidenschaft. Die Verantwortung, eine solche Sendung zu gestalten, die für objektive Information steht, hätte alle beflügeln können. Doch wie naiv! Was ich sah, war die ständige Wiederholung unverändert übernommener dpa-Meldungen und ein ewiges Reproduzieren des gleichen Weltbilds.

Wäre statt eines objektiven ein relativer Rundfunk nicht besser? Lieber Standpunkte mit Quellenangabe als Objektivität aus dem Nebel. Statt unanfechtbarer Experten, die Stellvertreter einer fantasierten homogenen Masse sein sollen, Menschen, die ihr singuläres und streitbares Wissen teilen, Stimmen, die in einem pseudo-objektiven Rundfunk nicht vorgesehen sind. Es blieben Fragen offen, die einen aus dem Ich-weiß-jetzt-wirklich-Bescheid-Verwöhnprogramm-Sofa heben würden. Da müsste man selbst kombinieren, denken, zweifeln und schlussfolgern. Wenn Information das ist, was sich vom Gewohnten und bereits Bekannten unterscheidet, was sendet der öffentlich-rechtliche Rundfunk da die ganze Zeit?

Stichwort – Degetoisierung

Gehe ich zu einem Werbe- oder Fernsehcasting, brauche ich die meiste Zeit nicht für eine inhaltliche oder schauspielerische Vorbereitung, sondern für das Herstellen der ansprechenden Oberfläche, die im Quotenoptimierungspapier der ARD als eine der Bedingungen für Qualität genannt wird. So sollen sich die meist von der Tochtergesellschaft Degeto für die ARD produzierten Filme ausschließlich in einem „attraktiven, zumindest interessanten, nicht abstoßenden“ Milieu bewegen. Ihr ehemaliger Chef Hans-Wolfgang Jurgan, zuverlässiger Wächter über das Mittelmaß, erklärt das so: „Wir verkaufen am Freitagabend Träume und Märchen. Unsere Zuschauer wollen sich vom Alltag wegtragen lassen.“ Und: „Ich bin grundsätzlich glücklicher, wenn ich sehe, dass ich mehr Zuschauer erreiche. Mein persönlicher Ansatz lautet: je mehr, desto besser.“

Für wen wird dieses Fernsehen produziert? Wer ist der imaginäre Zuschauer, der sich nur über eine Quote definieren lässt? Meine Lebensrealität ist so weit entfernt von dem „ansprechenden Milieu“, das die ARD in ihren Richtlinien einfordert, dass der Bedarf an Schminke größer ist als mein Wunsch, in der Traumwelt des Vorabendprogramms zu spielen. Möchte ich die x-te blonde Dame sein, die Sehnsucht nach Afrika hat, Stürme in Afrika durchlebt oder sonstwie ihren kolonialen Gestus performt? Nein. Der Zynismus der Fernsehmachenden, derjenigen im Apparat, ist – verständlich bis unerträglich. Verständlich, wenn jemand aus einer angestellten Position sagt: Ich beiß doch nicht den Arm, der mir Geld gibt, um nebenher das zu machen, was ich will: gute Filme, tolle Projekte.

Dass Kunst und Aktivismus sich in unserer Arbeit küssen, ist kein Zeichen unserer Unentschiedenheit darüber, in welchem Bereich wir uns verorten. Es bedeutet nicht, dass die Ergebnisse nur von Filmemacherinnen und Künstlern für Radionerds, Schauspielerinnen und Cinephile gemacht sind, sondern unterstreicht einmal mehr, dass die Rollen von Produzentin und Nutzerin durch die gegenwärtige Technik und Produktionsbedingungen immer mehr verschmelzen, jede und jeder zur medialen Grundversorgung und zur Diskussion um diese beitragen kann und soll.

Wir fordern ein öffentlich-rechtliches Modell jenseits der Sender. Wir organisieren einen Zahlungsstreik, um zu verhandeln, wie unsere Beiträge verwendet werden. Wir möchten die Kräfte derer bündeln, die einen dritten Weg zwischen dem Status quo der Anstalten und ihrer Abschaffung sehen. Auf unserer Homepage zahlungsstreik.net können Sie Ihren zurückbehaltenen Rundfunkbeitrag der Streiksumme hinzufügen. Nicht zahlen! Besser senden, besser empfangen!

Remote Control ist eine Berliner Gruppe von Radiomachern, Künstlerinnen, Schauspielern und Videoarbeiterinnen

 

06:00 09.07.2013

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