Stille

Berliner Abende Kolumne

Rammm. Rrrunks. In der Dunkelheit draußen runkst es ein letztes Mal, das Haus wackelt noch einmal kräftig. Dann schweigt der Bagger nebenan erschöpft. Feierabend.

Ich bin das Runksen gewohnt. So sehr, dass mich eher die Stille ab 17 Uhr abends verstört. Sie ist so tief, dass man sie summen hört. Ich hörte sie zum ersten Mal, als ich vor neun Jahren hier eingezogen war, drei Tage vor Weihnachten. Eine Wohnung, fast in der Mitte der Stadt, aber sozusagen auf dem Dorfanger. Vorher hatte ich an einer vierspurigen Hauptverkehrsstraße mit Ampelkreuzung im Berliner Zentrum gewohnt - das Fenster zu öffnen, grenzte nach spätestens einer Stunde an Körperverletzung. Ich war hart im Nehmen, denn ich war an einer Straße groß geworden, auf der jeden Morgen um sechs die Tieflader donnerten, um mich herum wuchs eine Neubau-Großsiedlung. Aber wenn es in der DDR auch Tieflader gab, besonders in Neubaugebieten, fuhren doch nicht viele Privatautos. Der Osten unterschied sich, wie ich nach dem Mauerfall merken sollte, in drei Dingen grundsätzlich vom Westen: Der Westen war sehr schnell, sehr bunt und sehr laut. Der Osten war langsam gewesen, seine Farbpalette umfasste unendliche Schattierungen von Grau, und er war eher still.

Nach der Wende traf beides aufeinander. Von den grauen bröckligen Fassaden kreischten mich bunte Giga-Werbetafeln an, bei unseren ersten Begegnungen zuckte ich noch jedes Mal zusammen. Und ringsherum wuchs der Lärm. Links und rechts und um die Ecke wurde saniert, gegenüber ein Neubau hochgezogen. Das neue Berlin ließ sich hören. Ich gewöhnte mich daran, morgens um sechs von polnischen, irischen oder bayrischen Bauarbeiterstimmen geweckt zu werden, vom Gekreische der Kräne und den Presslufthämmern, vom Bremsenquietschen an der Kreuzung.

Und plötzlich nur noch Stille. Das Baby schlief, kein Radio, kein Fernseher, kein Auto, kein Kran, keine Bauarbeiter. Ich lauschte irritiert, weil mir nicht gleich klar, was so anders war in dieser Wohnung. Stille. Sie summte leise.

Bald setzte die Normalität wieder ein. Das neue Berlin holte mich mit leichter Verzögerung ein. Schräg rechts, schräg links gegenüber und um die Ecke schredderte man aus den alten Mietskasernen lautstark neue Eigentumswohnungen heraus. Nebenan sanierte man die zerbombte Kirchruine, in der seit Kriegsende Bäume gewachsen waren. Weil dies viel Geld kostete, vermietete die Kirchgemeinde das Schinkel-Denkmal an Partywillige und Kulturschaffende auf der Suche nach "locations". Zum Beispiel an einen amerikanischen Elektro-Musiker, der nie ohne eine Flasche Whisky und leistungsfähige Verstärker antrat. Weil die Gemeinde immernoch auf Schallschutzfenster sparte, hatte ich mich für die Gratiskultur gewappnet und mir abends einen Stapel Arbeit auf den Tisch gepackt. Es röhrte erstaunlich pünktlich um 20 Uhr los und brach erstaunlich abrupt um 21.30 Uhr ab. Plötzlich summte wieder die Stille. Wie ich später hörte, hatten Anwohner drei Straßen weiter die Polizei gerufen.

Als die Eigentumswohnungen fertig waren, wurde die Straße erneuert. Das Pickern der Hämmer, die kleine Pflastersteine klopften, wechselte mit dem Dröhnen der Walze, die alles feststampfte. Im Sommer darauf riss man die Schule nebenan ab. Unser Haus wackelte im Takt. Jetzt baut man einen Kindergarten, eine Grünfläche und neue Eigentumswohnungen. Die Bagger ziehen große Achten in den Schlamm.

Pünktlich abends um fünf verstummt das neue Berlin. Nur die Stille summt nicht mehr.

Vielleicht ist sie weggezogen.

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