Stille nach dem Schuss

Romantik Es geht tief rein in den deutschen Wald. Mit „Onno Viets und der weiße Hirsch“ schließt Frank Schulz seine Trilogie

Privatdetektiv Onno Viets leidet immer noch unter posttraumatischen Belastungsstörungen, die er sich im Hamburger Rotlichtmilieu mit dem Irren vom Kiez zugezogen hat. Der liegt zwar jetzt im Koma, was sich auf Viets’ Symptome jedoch kaum lindernd auswirkt. Was macht nun einer, der von sich sagt, dass viele Leute ihn für einen „Totalversager“ halten? Er verlässt den Moloch Hamburg, fährt zur Rekonvaleszenz nach „Finkloch“, in eine Dorfidylle, wie es sie in der deutschen Provinz wohl gar nicht mehr gibt.

Der Wald, in den Schwiegervater Henry Baensch, pensionierter Förster und Jäger, Onno einführt, erweist sich denn auch als zwielichtiger Ort. Im Reich der Mythen ist der Wald seit jeher Projektionsfläche für unsere (Ur-)Ängste. Frank Schulz stattet den Wald kunstvoll mit Metaphern und Requisiten aus, wie sie einst die Romantik bereitstellte: Totenstille, die Eule, der Mond, die Lichtung. Und bevor in Finkloch die Generation von Altnazis, abgehalfterten Adligen oder Henrys atavistische Jagdfreunde abtreten, vergehen Jahre. Im dritten Teil und Höhepunkt von Franz Schulz’ Trilogie versuchen Onno und Henry zuerst, ihre Krisen zu meistern. Denn auch mit dieser romantischen Tradition spielt Schulz: der Wald als Ort der Seelenlage und Landschaft der eigenen Empfindungskraft.

Kiffen unterm Hirschgeweih

Als Henrys alter Jagdkollege tot aufgefunden wird, geht die Frage um, wer hat dem alten Knut waidgerecht den Zweig in den Mund gelegt? Tierschützer geraten ins Visier, denn die verfluchen seit Langem die tödlichen Attacken der Jäger auf streunende Katzen. Im Dorf herrscht eine Unruhe, die auf Onno und Henry übergreift. Nachts suchen die beiden Schutz im Wald, bis in die Stille der Nacht jene Schüsse fallen. Wer hat geschossen? Hat der alte Förster etwa selbst jemanden erschossen? Und wenn ja, wen? Onno Viets’ Zustand verschlechtert sich. Henry, zeitlebens bemüht seine Paniktattacken im Zaum zu halten, scheint irre zu werden.

Der Rückbezug ins Leben, die Genesung, sie ergibt sich aus dem Umweg. Wer wie Onno und Henry gleichzeitig realisiert und idealisiert, sucht im Umfeld und blickt dabei in die Ferne. Als Ausweg bieten sich den beiden scheinbar ungleichen Helden zwei große Wege der deutschen Romantik an: die breite Straße und der gekrümmte Fußweg. Auf einem solchen kommt Edda regelmäßig in Onnos Exil, zu den Eltern, zu Vogelgezwitscher und Hirschgeweih – und zwischendurch ein bisschen Kiffen mit Onno.

Alles „süße Täuschung“! Edda, Onnos große Liebe, wird ihn betrügen. Und bevor sich Henry auf die große Heer- und Geschichtsstraße begibt, wo ihn die erlösende Aussöhnung mit seiner Kindheit, einer Flucht- und Vertreibungsgeschichte erwartet, in die Frank Schulz die Kriegserlebnisse seines Vaters hineingeschrieben hat, hält er erst Zwischenstopp im Sanatorium.

Onno wäre nicht jener liebenswerte Sonderling, wenn er nicht einen dritten Weg fände, einen schmalen Waldweg. Sein Nahblick muss sich zunächst auf ein Gestrüpp von Fakten richten. Zum ersten Mal im Leben durchforstet dieser unstete Kauz detektivisch seine Umgebung, die unterschiedlichen Milieus, bleibt am Ball. Im Zuge seiner Ermittlungen, einer selbst auferlegten Konfrontationstherapie, stößt Onno auf ein Familiengeheimnis. Was wurde aus Evelyn Baensch, Henrys und Bettys Adoptivtochter? Einst Sympathisantin der RAF, abgetaucht in den terroristischen Untergrund Lateinamerikas, drängt sich Onno die Frage auf: Lebt „Nelkenheini“ noch, und ist sie nach Finkloch zurückgekehrt?

Ein großartiger Unterhalter

Frank Schulz hat einen wunderbaren Roman über verdrängte Ängste und die biografischen Brüche einer Familie geschrieben, die über drei Generationen hinweg mit den Folgen deutscher Geschichte konfrontiert wird. Dass ausgerechnet der eigenwillige Weltverweigerer, ein romantischer Taugenichts, Ordnung und Klarheit ins Dickicht von Schuld und Aussöhnung bringt, mag daran liegen, dass es der Unbedarftheit und Liebe dieses charmanten Lebenskünstlers bedarf, um all die Untiefen auszuloten, die sich in Familiengeschichten und sinnbildlich im Wald mit seiner schwarzen Romantik verbergen. Schulz gelingen dabei sprachlich großartige Beschreibungen über den deutschen Wald, sein Wild, die Vögel, Bäume und Gräser. Warum stört nur dieser Erzähler im Roman den Erzählfluss? „Im Grunde völlig gleichgültig gegen jede Form, und voll unersättlichen Durstes nach Stoff, verlangt das feinere Publikum von dem Künstler (resp. Autor) nichts als interessante Individualität“, meinte einst Friedrich Schlegel. „Wenn nur gewirkt wird.“ Es komme allein auf die Wirkung an, die nur stark und neu sein müsse, dann die Art, wie. Schulz jedenfalls ist ein großartiger Unterhalter. Mit Onno Viets soll nun nach drei Romanen Schluss sein.

Info

Onno Viets und der weiße Hirsch Frank Schulz Galiani 2016, 368 S., 19,99 €

*Die Fotos der Beilage

Kamil Sobolewski, geboren 1975 in Gdansk, Polen, studierte Fotografie an der Berliner Ostkreuzschule. Für seine Arbeit „Rattenkönig“ wurde er unter die neun Finalisten im Fotowettbewerb „gute Aussichten – junge deutsche fotografie“ für das Jahr 2015/2016 gewählt. Die Jury schrieb, Sobolewski begebe sich auf eine Reise ins Innere. „Die kleinen schwarzweißen Formate zeigen eine metaphorische Reihung unterschiedlicher Gefühls- und Bewusstseinszustände, in denen es um existenzielle, grundsätzliche Fragen geht. Aus den kraftvollen, existenzialistisch durchhauchten Bildern geht eine Mischung aus Trotz und Resignation, Aggression, Kampf und Zärtlichkeit hervor.“ Mehr Informationen zu Kamil Sobolewskis „Rattenkönig“ (in Englisch, 14,8 × 21 Zentimeter, 64 Seiten, 24 Euro) unter dienacht-magazine.com

06:00 22.11.2016

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