Stille, schicksalsschwere

Berliner Abende Vielleicht war es ja der Zwickelschnüffler Vernon God Little, der von allen Hunden gehetzte Bursche in DBC Pierres Roman Jesus von Texas, der ohne zu ...

Vielleicht war es ja der Zwickelschnüffler Vernon God Little, der von allen Hunden gehetzte Bursche in DBC Pierres Roman Jesus von Texas, der ohne zu fragen meine Ohren zum Leitorgan des Abends gemendelt hatte. Denn als wir in den Aufzug stiegen, da hatte ich sofort an seine "Fahrstuhlmusik" gedacht, seine Verhöhnung der Ambiente-Narkosen für Konsumkrüppel. Die Tür schloss sich, meine reich behaarten Muscheln lechzten sensibilisiert nach dem Grauen, wir trugen unsere Innereien in den Waden zum 37ten Stockwerk: Aber keine Musik! Statt dessen ein metallisches Schleifen, untermalt von einem Ton wie ansteigendes Windesheulen. Von Stockwerk zu Stockwerk. Ein Heulen, das uns, als wir im Foyer des Spielcasinos - im einst "Forum Hotel" am Alexanderplatz, heute läppisch "park inn" - wieder festen Boden unter den Füßen hatten, mit einem geradezu infernalischen Aufbrüllen verabschiedete. Hatte es niemand gehört außer mir? Hatte es niemanden geängstigt? Ich muss gestehen, dass ich von da an den Zweck unseres Hierseins sträflich vernachlässigte. Es war nämlich wieder einer jener "just for fun" Geschenk-Abende der Direktion, an denen sich Laien - und wir waren Laien - von einer anmutigen Fachkraft in das Regelwerk des Roulettes einführen lassen, darauf im Spiel gegen diese ein kleines Einstiegssümmchen erschussern können, um sich damit dann, alleingelassen, unter die Profis zu mischen und ihr Glück zu versuchen. Freilich unterstreicht so ein Einstiegssümmchen hauptsächlich die Krisenhaftigkeit des Gewerbes. Es ist praktisch schon weg, bevor der Croupier es in die gewünschte Position geschupft hat, die dem nun flackernden oder kataleptischen Laienhirn entfallen ist. Natürlich hatte man ein eigen Sümmchen eingesteckt. Natürlich rannte man zur Kasse, um gutes Geld gegen Plastik zu tauschen. Natürlich setzte man sich Grenzen! Unser Ziel war, das Taschengeld plus andere fragwürdige Vergünstigungen für den Knaben, der sorglos zuhause auf dem Sofa lag und Spiel mir das Lied vom Tod sah, für den Monat zu erwirtschaften. Mein geheimer Auftrag indes bestand darin, einen durchaus möglichen Spielrausch der Gefährtin zu unterbinden.

Wie angedeutet: Ich versagte. Ich hatte nichts verstanden! Denn ich war gänzlich verzaubert von der hier oben herrschenden stillsten Schicksalsmusik. Seit langem bin ich ein Liebhaber der Musique concrète, deren wahren Erfinder, Zwieback, ich seit Jahrzehnten ins rechte Licht zu rücken mich bemühe. Wir erinnern uns an Von der Wense, der Körner und Hülsenfrüchte verschiedener Gradierung percussiv durch Siebe donnerte oder als rieselnden Background benutzte, dann die frühen Neubauten mit ihren Betonmischeropern, oder die Amalgamierung concrèter Elementen bei den Weilheimern: Saugstauber, Rührwerk, Eierschneider. Alles noch ziemlich laut, wogegen in den Zeiten des Punks einmal die LP Nichts drauf provokativ und nicht ohne Erfolg geschleudert worden war: Köstliche Stille. Beidseitig. Ein Sauluserlebnis für nicht wenige.

Und jetzt hier im 37ten wider alle Erwartungen: Eine Stille, schwer atmend vom Schicksal, durchbrochen vom gehauchten Minimalismus der notwendigsten Rituale, es gnädig zu stimmen. Wie unter Wasser und wie von ferne leise Rufe, das Anschlagen und sofort wieder Dämpfen einer Zahlenzitter. Lautlos das Fallen der Einsätze auf den Filz. Ein helles, ganz kleines Kinderlachen wenn sie aneinander stoßen. Stille. Stille. Insektensirren im Kessel. Ein Ratschen wie übers Waschbrett, wenn ein Turm von Jetons gelegt und im Fallen und Ausbreiten körperlos gezählt wird.

Alte Asiatinnen überraschen ihre Schatten, so leise fusseln sie über die Teppiche.

Gruppen von gebeugten verkannten Erfindern, vermischt mit Nobelpreisträgern drängen wortlos zum Einsatz. Keine Gespräche. Die Gräfin mit dem Narbengesicht schweigt in die geöffnete Börse. Ein letzter Schein schweigt vorwurfsvoll zurück. Ein Bonvivant der besseren Tage schwingt ins Kreuz gedehnt von Tisch zu Tisch und wirft en passant seine Jetons in die passenden Zahlenzellen. An den Fauteuils und Tischchen entlang der Wände sitzen ohne Bewegung der Zweifel, die Resignation, die Furcht und das Warten auf die rechte Zeit des Glücks. Warten, das sich bald knarzend erheben wird und setzend alles zum Guten wendet. Warte nur. Ein regloses Fiebern.

Dann von der fernen Bar überraschender Gläserklang. Wer stöße hier roh an mit wem? Glöckerln aus dem Jenseits.

Lange nichts besseres gehört!

Wir haben´s übrigens doch noch geschafft. Die Zukunft des Knaben ist wieder etwas sicherer. Das machen wir jetzt öfter.


00:00 09.04.2004

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