Stilvoll murren

Protest-Kultur Was tun, wenn Mr. President kommt?

Der Anruf erreichte Jessica Einhorn bei der jährlichen Dozenten-Klausurtagung. Am Apparat: das Weiße Haus. Ob Mr. President eine Rede zur Außenpolitik halten könne, und zwar in der Johns Hopkins Universität, deren School of Advanced International Studies (SAIS) Einhorn vorsteht. Für die Dekanin war das keine Frage, sondern eine Ehre.

Johan Sæbø erfuhr viel später vom hohen Besuch, via E-Mail. Sæbø, 26, studiert an der SAIS und hat sich auf Lateinamerika spezialisiert. "Als ich die E-Mail las, dachte ich, well, gute Gelegenheit, Fragen zu Lateinamerika zu stellen. Aber dann merkte ich, dass es mir später wohl ziemlich peinlich wäre, wenn ich nichts anderes getan hätte, als eine blöde Frage zu stellen, die Bush nichts bedeuten würde." Der Bush-Besuch: keine Ehre, sondern eine Herausforderung. Es war etwas zu tun. Das war keine Frage.

Die SAIS, eine Kaderschmiede der internationalen Politik, hat einen Ruf zu verteidigen - oder loszuwerden, je nach Standpunkt. Paul Wolfowitz, Chef der Weltbank, war Dekan der Fakultät, bevor er als Staatssekretär in der Bush-Regierung zur Symbolfigur der Falken-Fraktion wurde. Francis Fukuyama und andere Vordenker der amerikanischen Außenpolitik sind Professoren an der SAIS. Ihre Büros liegen ein paar Steinwürfe entfernt vom Weißen Haus. Die Nähe zum Präsidenten hat der Fakultät den zweifelhaften Ruhm eingetragen, eine neokonservative Denkfabrik zu sein. Doch natürlich ist das nur eine Wahrheit, nicht die ganze. Fukuyama etwa hat sich zum Kritiker der Bush-Politik gewandelt. "Klar, es gibt das Neocon-Image", meint Jan Löprick, 24, Masters-Student aus Göttingen, "aber in erster Linie wird hier auf hohem Niveau geforscht und unterrichtet - nicht Politik gemacht."

Protest ist eine feine Sache, wenn man weiß, wie es geht. Der Grat ist schmal. Einen glatten Absturz hatte die PDS-Bundestagsfraktion erfahren, als sie 2002 nach langem Hin und Her auf jeden Protest gegen eine Rede von George Bush im Bundestag verzichten wollte. Der Beschluss wurde von drei Abgeordneten mit einem Protestplakat unterlaufen - ihr Auftritt mit Saaldiener wirkte peinlich. Die schwulen Aktivisten, die Anfang März in der Humboldt-Uni in Berlin eine Rede des konservativen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski störten, machten Eindruck - aber keinen intellektuellen. Für die SAIS-Studenten kam eine solche Störung der Rede nicht in Frage: die Uni-Leitung, die sämtliche E-Mails, die über den Uni-Verteiler liefen, verfolgte, ließ wissen, dass der Secret Service bestimmte Vorstellungen von Sicherheit habe, die sich nicht mit bewegtem Protest vertrügen. Eine Lieblingsidee der Protest-Initiatoren - sie wollten Bush während seiner Rede den Rücken zudrehen - war damit vom Tisch.

Was Patriot Act und Secret Service noch nicht unmöglich machen, erschwert der Respekt der Amerikaner für ihren Präsidenten: George Bush ist zwar George Bush. Aber er ist US-Präsident. Die Demokratie lebt vom Ansehen ihrer Institutionen, so die Lehre. Manche Kommilitonen mahnten daher zum Respekt vor Bush, pardon, dem Präsidenten - ohne Ansehen der Person.

Sæbø wollte gar kein unwürdiges Spektakel. Er ist Norweger und also ein ruhiger Mensch. Er und seine Mitstreiter meißelten in wenigen Stunden einen unaufgeregten Offenen Brief, der messerscharf Bushs Außenpolitik zerlegt. 145 Studenten unterzeichneten.

Als der Nachbarschaftsbesuch anrückte, ging das Getöse vom Tross des Besuchers aus, nicht von den Studenten. Die verteilten ihren Brief an Professoren und Presse. Wer wollte, heftete sich einen roten Button an die Brust: "No, we do not support Bush."

Sicherheitshalber sagte Jan Löprick dem US-Präsidenten beim Handshake nach der Rede noch rasch, was Sache ist. Löprick hatte als Entwicklungshelfer in Afghanistan gearbeitet, ihm und den Kollegen, die im Irak und in Afghanistan im Einsatz waren, reichte Bush als Zuckerl die präsidiale Hand. "Ich hab ihn gefragt, ob er weiß, dass die Mehrheit der Studentenschaft seine Politik nicht unterstützt, und ihm unseren Brief empfohlen", so Löprick. Und? "Sein breites Lächeln gefror. Und weg war er." Immerhin.

Ein stiller, stilvoller Protest. Hat es etwas gebracht? Washington Post und CNN erwähnten die kritischen Studenten, das Schreiben kursiert im Internet. Mehrere Professoren waren erleichtert, dass andere das Zeichen setzten, das sie selbst sich verkniffen. Und Sæbø? Ist zufrieden: "Wir haben´s getan. Wir haben gezeigt, dass es uns nicht egal ist. Das ist das Wichtigste."


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00:00 21.04.2006

Ausgabe 39/2020

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