Stimmen zum Tode von Stefan Heym

Stefan Heym Christoph Hein Stefan Heym musste das 20. Jahrhundert in vielen Staaten erleben und erleiden und wurde so zu seinem deutschen Kronzeugen. Sein ...

Christoph Hein


Stefan Heym musste das 20. Jahrhundert in vielen Staaten erleben und erleiden und wurde so zu seinem deutschen Kronzeugen.
Sein schicksalhaftes und heftig bewegtes Leben verbitterte ihn nicht, sondern weckte den Kämpfer in ihm. Er machte lebenslang keine Kompromisse bei dem, was ihm wichtig und unaufgebbar war, aber er verlor darüber nie seinen Humor. Bis ins hohe Alter, bis zu seinem Tod war er so glücklich, arbeiten zu können und produktiv zu sein. Seine Romane und Erzählungen bleiben uns und werden bleiben.
Er ließ sich niemals den Schneid abkaufen. Nicht durch Zwang und nicht durch Schmeichelei ließ er sich von dem abbringen, was er als Recht erkannt und als gerecht anerkannt hatte. Er war stets bereit sich einzumischen, unbeeindruckt von dem Gekläff gelegentlich sehr hoher Kläffer.
Zum Ende machte ihm das Gehen gelegentlich Schwierigkeiten und er lief gekrümmt, doch ich habe nie einen Mann mit einem aufrechteren Gang erlebt.

Jens Sparschuh


Im April 1979 sitzt in Berlin, Hauptstadt der DDR, der Bürger Stefan Heym einem Staatsanwalt Tenner gegenüber und wird Zeuge des denkwürdigen Vorganges, wie gegen sein Sparbuch (!), wegen des Verdachts eines Devisenvergehens seines Besitzers, sprich: unerlaubter Umgehung der Zensur, ein staatlicher "Arrestbefehl vollzogen" wird.
Nachzulesen ist das in Stefan Heyms Nachruf, den er sich zu Lebzeiten vorsichtshalber selbst geschrieben hat, weil das nachher sowieso keiner mehr glaubt. Sind das Memoiren? Ich glaube eher, das ist ein richtiger, 844 Seiten dicker Heym-Roman: mit Höhenflügen und Abstürzen, Großes steht da neben Kleinem, Schreckliches neben schrecklich Banalem. Ein beinahe unüberschaubares Personal tritt vor und hinter den Kulissen auf, manchmal ist es auch undurchschaubar. So wie im Leben. Die über die halbe Welt verstreuten Handlungsorte - Chemnitz, Berlin, Prag, Chicago, New York, Paris, Berlin - verschaffen dem Helden dieses Lebensromans, S. H., erzwungener Maßen Weltläufigkeit: Deshalb sind es eben auch richtige Menschen aus Fleisch und Blut, die in diesem Buch vorkommen, so wie man sie sich besser (und schlechter) kaum hätte ausdenken können.
"Dichter lügen die Wahrheit", meinte Plato. Manchmal machen sie aber auch etwas ganz anderes: sie sagen sie einfach.
Wer dieses Buch von Stefan Heym liest, wird die anderen Bücher von ihm anders lesen und wird mehr verstehen von seinem Spott und seinem Zorn. Und von seiner menschenfreundlichen Skepsis.

Christoph Links


Dass Stefan Heym ein streitbarer Zeitgenosse ist, wusste in der DDR jeder, sowohl diejenigen, die seine hintersinnigen Bücher lasen, als auch jene, die nur von seiner Verurteilung wegen unerlaubter West-Veröffentlichung aus dem Neuen Deutschland erfahren hatten. Für mich war der König David Bericht von 1973 die erste große Heym-Entdeckung, die mich mitten in den Vorbereitungen zum Abitur überraschte. So klar hatte für mich zuvor noch niemand das Problem der staatlich zensierten Geschichtsschreibung benannt. Völlig schlüssig daher auch sein Engagement gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann drei Jahre später.
Nach der Wende erfuhr ich dann von unserem gemeinsamen Freund Wolfgang Schreyer in Ahrenshoop, wie sehr die Stasi in all den Jahren hinter ihm her war, dass man seinetwegen sogar eine eigene "Vorgangsgruppe" im MfS gegründet hatte, um den "Diversanten" umfassend bearbeiten und "zersetzen" zu können. Die ersten Aktenkopien, die 1992 auftauchten, ließen ein geradezu paranoides System erkennen. Insofern glaubte ich ihn fest auf meiner Seite, als während einer Tagung des PEN-Zentrums Ost 1995 zur Sprache kam, dass im folgenden Jahr Joachim Walthers Untersuchung zum Verhältnis von Staatssicherheit und Literatur in unserem Verlag erscheinen würde. Doch an dieser Stelle fuhr mich Heym regelrecht an:"Junger Mann, diese Schmutzarbeit sollten Sie besser einem Westverlag überlassen!"
Zu diesem Zeitpunkt war der PEN-Ehrenpräsident gerade für die PDS im Bundestag und dort als Alterspräsident reichlich unsachlichen Angriffen aus den Reihen der CDU ausgesetzt. Treuhandanstalt und Gauck-Behörde galten ihm als Inbegriff der Kolonisierung des Ostens, mitverantwortlich für den Verlust seines großen Lebenstraums, der Verwirklichung eines "wahren" Sozialismus, jenseits von bürokratischer Willkür und geistiger Stagnation, wie er es noch kurz vor Maueröffnung auf dem Berliner Alexanderplatz hoffnungsfroh verkündet hatte. Eine bestimmte Art des bundesdeutschen Abqualifizierens von Lebenserfahrungen in der DDR rief seinen altväterlichen Zorn hervor. Daher verteidigte Heym mitunter auch Dinge, die er in anderem Kontext selbst kritisierte. Erst nach seinem Rückzug aus der großen Politik 1995 war er davon sichtlich befreit. In seinem letzten Buch, Der Winter unseres Mißvergnügens, in dem er die Zeit nach der Biermann-Ausbürgerung beschreibt, nennt er die DDR klar eine "mißratene Revolution" und eine "Republik ohne eigene Legitimierung". Doch von seinem großen Traum wollte er nicht lassen: Endlich mit dem Volk eins sein, ohne zensierende Vorgaben das Leben frei gestalten. Dieser Impuls bleibt uns.

Joochen Laabs


Die Bücher von Stefan Heym führten mir die Welt vor. Sie waren Ausblicke, Freiblicke, Öffnungen aus der räumlichen, geistigen, politischen Verengung. So weit sie auch geographisch ausholen, von Goldsborough bis Jerusalem, so tief sie in die Historie greifen, ob ins England des anbrechenden 18. Jahrhunderts oder in die Zeiten König Davids, sie zielten immer auf Gegenwärtigkeit, die so dringend der Verbesserung bedarf.

Stefan Heym war nicht nur in seinen Büchern nicht bereit, die Welt ihrer sozialen und menschlichen Unvollkommenheit zu überlassen, er nahm sie als tagtägliche Herausforderung an. Das Maß seines Tuns war sein Gewissen. Er war ein großer Visionär einer gerechten, menschenwürdigen Gesellschaft.

Auf der beklemmenden Versammlung des Schriftstellerverbandes der DDR am 7. Juni 1979, als Stefan Heym und acht weitere Autoren aus dem Verband ausgeschlossen wurden, sagte er zu dem über ihn zu Gericht sitzenden Auditorium: "Und es wäre ja möglich, daß eines Tages Ihre Söhne und Töchter sich bei Ihnen erkundigen werden, und nicht nur Ihre Söhne und Töchter, auch Bürger der Republik: Wie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Worts, als es darauf ankam, sich zählen zu lassen?" Ein Satz von prophetischem Gehalt, nicht nur gegenüber den Söhnen und Töchtern des untergegangenen Staates, wie sich ein viertel Jahrhundert später bei seiner Rede zur Eröffnung des Bundestages erweisen sollte. Es ist nicht der einzige Satz Stefan Heyms von solchem Format und bleibender Gültigkeit, den er uns überlässt.

Daniela Dahn


Wir haben ihn behandelt entsprechend den Verdiensten einer Person der Gruppe Schriftgelehrte von fragwürdiger Denkart", sagen die Bediensteten Salomos über den mit dem König David Bericht beauftragten Redakteur Ethan. An seinem 85. Geburtstag auf diese autobiographische Erfahrung in seinem Buch angesprochen, lächelte Stefan Heym nur schweigend. Wussten wir doch auch so, wie es ihm ergangen war in den Vereinigten Staaten McCarthys, vor dem Scherbengericht der DDR und dem zum boykottierenden Tribunal umfunktionierten Bundestag. Auf Pergamenten über Krethi und Plethi nachlesend, musste er den Blick nur heben, um die Mienen beschreiben zu können. Im nachhinein wird gern so getan, als gäbe es für alle nichts Liebenswerteres als einen aufrechten Menschen und als müsse es eine Gnade sein, im richtigen Moment den Mut zum Widerspruch zu haben. Wer glaubt schon, es könne ein Fluch sein, nicht anders zu können. Was nicht verraten wird: Beim Jüngsten Gericht zählt nichts anderes als das Maß gelebter eigener Wahrheit. Diese Gewissheit, da bin ich ganz sicher, hat Stefan Heym uns nun voraus.

Heiner Henniger


Irgendwann im Winter 1987 hockten wir zusammen in Grünau, die Manuskripte vom Nachruf vor uns, korrigierten und debattierten. So grau und trostlos wie dieser Dezember, da uns die Todesnachricht ins Herz fuhr, kann der Winter ´87 nicht gewesen sein. Heym hörte gern auf die Stimmen seiner Freunde, und dickschädlig war er auch. Wir verhakelten uns im Kapitel 17. Juni, klar, der war ein Wendepunkt. Hätte aus dem Manuskript herausgelesen werden können. S. H. begibt sich "in das Gewühl des täglichen Kampfes", mit verrutschter Krawatte, aus egoistischen Motiven. "Klar", sagte er, "war so, eben die Koffer ausgepackt, ein Dach überm Kopf, soll ich wieder dastehen, nackt im Wind und heimatlos." Ich weiß nicht mehr, ob wir redigiert haben. Ich lese nach im Buch, Seite 568 ff., und er steht vor mir, Stefan, der Freund. "Dem Ex-Sergeanten S. H., der aus vielen Gründen ein starkes Interesse hat am Fortbestand dieses Arbeiterstaats, ist es ähnlich zumute wie in der Ardennenschlacht, beim Durchbruch der Nazis. Und wieder ist seine Waffe die Schreibmaschine... und sein Haupt- und Zentralgefühl, stellt er überrascht fest, ist Empörung... über sie alle - diese Arbeiter, diese Partei, diese Gewerkschaften, diesen Verband, überhaupt über die Deutschen."
Gegen die "Blindheit und Torheit der Machthaber" hat er gekämpft bis zuletzt. Mit seinem Volk hatte er sich längst versöhnt. Der 4. November 1989 auf dem Alex, als es vor ihm stand und ihm zuhörte, war einer der glücklichsten Momente in seinem Leben. Ein Moment.

Heiner Henniger war von 1970 bis 1978 Cheflektor des DDR-Buchverlags Der Morgen und betreute damals dessen Autor Stefan Heym. Von 1979 bis 1991 arbeitete er im Reclam-Verlag Leipzig.

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00:00 21.12.2001

Ausgabe 42/2021

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