Stimmungslager der Nation

Deutschland Was hat man hierzulande nicht alles getan, um das Stechschritt-Image loszuwerden! Und nun?
Stimmungslager der Nation
Einsam aber sicher – warum ist der Wunsch nach reibungslosem Funktionieren in Deutschland so stark?

Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz

Die Kommentare waren vernichtend – zumindest bis zur Entschuldigung der Kanzlerin. Wo gab es denn so was schon mal, und das in Deutschland! „Null Verständnis, enorme Anspannung, deprimierend, so geht es definitiv nicht weiter, eine Zumutung, ungerecht, man hat die Lage nicht im Griff, die Stimmung ist schlecht. Es braucht stärkere Kommunikation, klare Führung, klare Ziele, Planung, Disziplin und Ordnung sowie Regeln, die sich nicht widersprechen.“ Das ist nur eine kleine Auswahl aus dem Repertoire von Berufskommentatoren aus Journalismus und Politik in Leitmedien. Polittalk, dabei sind die einst sozial genannten Medien und Alternativdenker noch nicht berücksichtigt, nur der Sprachgebrauch wird zunehmend ähnlicher.

Was hat man hierzulande nicht alles getan, um das Stechschritt-Image loszuwerden. Freut euch, das deutsche Chaos mindert zumindest im Ausland die Angst vor dem mächtigsten, reichsten EU-Mitglied.

Woher kommt überhaupt die Idee, dass der Staat sauber, effizient und vertrauenerweckend sein soll? Ich lese gerade dieses spannende Buch von Kapka Kassabova (Am See), die zeigt, wie sich auch ferne Geschichte in die Haltungen der Menschen einschreibt. Wieso ist nur der Wunsch nach starker Führung samt reibungslosem Funktionieren in das deutsche Volk (von den Zuwanderern mit anderer Geschichte reden wir bei den üblichen Verallgemeinerungen nicht) eingeschrieben? Immerhin hat etwa ein Drittel der Bevölkerung dieses Landes erlebt, dass mal dies und dann jenes nicht zu bekommen war, nicht geliefert wird, diese und jene Behauptung nicht stimmt ... Ganz zu schweigen davon, nicht zu reisen.

Kultur bleibt eine Gefahr

Autoindustrie, TUI, Lufthansa brauchten und bekamen ihre besonders dringend benötigte Hilfe, sie haben nicht nur ihre Lobby, sondern auch Fachleute, die es braucht, um die umfangreichen Formulare auszufüllen. Gastronomen warten noch auf zugesagte Gelder, Baumärkte dürfen öffnen, Fußballspiele sind erlaubt, Kultur bleibt eine Gefahr. Aber der „Dax erreicht neue Bestmarke“ lese ich in der Zeitung meines Vertrauens. Also ist doch alles in Ordnung?

„Ich liebe es, wenn die Verhältnisse so deutlich sind“, soll Brecht gesagt haben.

Corona überschattet alles. Die Verwirrungen um den Lockdown und jetzt noch die Maskenaffäre. Wie war das mit der Aufsicht beim „Zahlungsdienstleistungsunternehmen“ (Was für ein Wort!) Wirecard? Dieselskandal? War nicht auch was mit der Deutschen Bank? Den BER und die Elbphilharmonie lassen wir beiseite, die Gründe für Betrug und Verschwendung sind bekanntlich immer ganz besondere. Erinnern wir uns noch an die Millionen, die CSU-Scheuer in den Sand gesetzt hat? Ich wüsste zu gerne, in welche Firma oder Luxusvilla er sich zurückzieht, wenn er endlich entlassen wird. Das gilt natürlich auch für all die anderen, die zurücktreten und getreten werden, sie fallen nach oben, und wäre das Lesen nicht aus der Mode, wüssten all jene, die sich jetzt aufregen, dass schon die alten Griechen, dass Könige und Machtgeile aller Zeiten es mit der Moral nicht so genau genommen haben.

Die Schulschließungen verursachen viel Aufregung, vor allem geht es um die Digitalisierung, wer sich da alles noch eine goldene Nase verdienen wird, wird man wohl erst in der nächsten oder übernächsten Legislaturperiode erfahren.

Ich will nicht die Staatsverdrossenheit befördern, aber war das nicht immer so, und Misstrauen eine Tugend? Und wenn wir schon beim Staatsversagen und beim Vergessen anderer Probleme sind – wie war das mit Rechtsradikalen bei Polizei und Militär? Lauter Einzelfälle, keine Netzwerke, wunderbar. Immerhin gelten Rechtsradikale jetzt als zu bekämpfende Gefahr, das war nicht immer so. Den Ex-Bundespräsidenten Gustav Heinemann abwandelnd vertraue ich nicht dem Staat, sondern meinen Lieben. Und dem, was ich selbst sehe und höre: Zwei Damen unterhalten sich über Corona: „Ich lasse mich auf keinen Fall mit Astra impfen“, sagt die eine, und ich überlege, ob ich mich als Astrazeneca-Geimpfte einmischen soll, lasse es lieber, weil ich gemerkt habe, dass die lieben deutschen Mitbürger in letzter Zeit oft sehr gereizt reagieren, egal was man sagt. Ich kenne Leute, die auf keinen Fall mit Sputnik geimpft werden wollen, andere, wie meine slawistische Freundin, warten schon ungeduldig auf den russischen Impfstoff. In ihrer Stadt gibt es derzeit gar keine Impftermine. Die Freundin in London ist längst geimpft, ihr Sohn lebt in Deutschland und wird noch lange warten müssen. Mein Sohn lebt in Wien, er lässt sich jedes Mal testen, wenn er eingeladen wird, das ist dort kein Problem. Die Tübinger Freundin kann bereits diversen Vergnügungen nachgehen. Eine körpernah Behandelnde in Berlin, die endlich wieder arbeiten darf, wollte den staatlich verordneten, kostenlosen Test machen. Sie ließ sich einen Termin geben, registrierte sich auf der Website, bekam noch eine E-Mail, hat sich wieder registriert, aber dann fehlte der Code, also musste sie wieder ein Papier ausfüllen und 20 Minuten warten. Es gibt Länder, in denen bekommt man die Nachricht aufs Handy, aber wir sind ja in Berlin. Meine Idee, die Impftermine an Jüngere zu verborgen, die es nötiger brauchen („Impftermin zu verschenken“, freitag.de), hatte keine Chance, jetzt bin ich schon ganz geil auf das virtuelle Parteiabzeichen, mit dem ich endlich reisen oder ins Konzert gehen könnte.

Theoretisch freue ich mich, wenn die Dinge nicht wie am Schnürchen funktionieren, manchmal werde ich allerdings ungeduldig, zumal wenn das Chaos mich selbst betrifft. Beinahe wäre ich schon am 15. März geimpft worden, ich wartete 20 Minuten in Regen und Kälte, erst funktionierte der Scanner nicht und mein Code wurde per Hand eingetippt, im nächsten Raum stellte sich heraus, dass ich das falsche Formular bekommen hatte, ein neues musste ausgefüllt werden; es dauerte anderthalb Stunden, bis ich von Raum zu Raum vorrückend endlich vor einem Arzt stand – als die Durchsage kam, es werde vorerst nicht weiter geimpft. Niemand sagte „Halten Sie Abstand“, als wir im Pulk nach draußen komplimentiert wurden. Wiederum wurde das Vertrauen – in den Impfstoff, in den Staat, in die Virologen, in die Pharmaindustrie und so weiter geschwächt. Und wenn man niemandem vertrauen kann, ist man dagegen. Mehr und weniger radikal.

Es gibt tolle junge Leute!

Alles ist zum Fürchten, alles ist schrecklich, naja, in den Flüchtlingslagern, an der türkischen Grenze, in Myanmar oder Syrien ist es noch schrecklicher. Also konzentriere ich mich auf die rosa Streifen nicht nur am Horizont, auch nebenan – denn es gibt nicht nur diese müde verbrauchte Truppe, die uns führt oder führen soll, sondern auch tolle junge Leute, klug, informiert, kompetent, redefähig – nicht nur bei Fridays for Future, auch als Schulsprecher, Helferinnen hier und dort, in Start-ups und bei allerlei Projekten. Es gibt immer mehr Ideen, wie das viele Geld, das wir brauchen werden, auch Billiardären abgezapft werden könnte, wie unnötige Ausgaben vermieden und Einnahmen gewonnen werden können, wie der Politikverdrossenheit entgegengewirkt werden kann, etwa indem Bürgerräte an Entscheidungen beteiligt werden. Drum rate ich: Stay cool – schon, um das Klima nicht noch mehr zu erwärmen.

Hazel Rosenstrauch, Journalistin und Autorin, veröffentlichte zuletzt das Buch Simon Veit, der missachtete Mann einer berühmten Frau

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06:00 01.04.2021

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