Stoff vom Reinsten

Reihenweise Taschenbücher Wer Taschenbücher liest, muss angesichts ihres Preises längst nicht mehr als auf Nummer sicher gehender Geizhals sich rechtfertigen. Taschenbücher ...

Wer Taschenbücher liest, muss angesichts ihres Preises längst nicht mehr als auf Nummer sicher gehender Geizhals sich rechtfertigen. Taschenbücher sind ein profitabler Markt und seit über zehn Prozent von ihnen Erstausgaben sind, ist auch hier der Kunde König und potentieller Putschist zugleich. Da verlohnt auf Dauer schon, eine Art Verfassung dabei zu haben. Oder ein Brevier. Ein Brevier, finden wir im Umweg über den Eintrag "Stundenbuch" in Reclams Sachlexikon des Buches, regelt die täglichen Gebete für geistliche Personen. Was anderes wäre solch ein Taschenlexikon für uns Buchgeistliche? Ein wundertätiges Buch, fürwahr! Liegt herrlich in der Hand. "Handbuch" gibt es darin natürlich auch. Überhaupt fast alles zwischen Hurenkind und Schusterjunge, Datenkompression, True Type Font und Zahlungsziel. Sogar die wunderbare Kategorie des "Beißer-Romans" (Das hat Franz Schuh in der ZEIT publik gemacht, ich hätte es wohl übersehen.) Den Beißer-Roman findet man nur via "Verweisung", die ein eigenes Stichwort hat, das aber nicht auf "Link" verweist, wohingegen selbiges auf "Hyperlink". Wer sich in dieses Buchlabyrinth-Buch begibt, wird leicht ins bibliomanische Jenseits entrückt. Nicht ganz so wundersam will uns das Buch über Dichterhäuser wirken, in dem zwar streng proportioniert, nämlich mit der Doppel-Mitte Goethe/Schiller in Weimar beginnend, sodann fünf Nordlichter (Brecht via Berlin eingeschmuggelt, Storm, Droste-Hülshoff, Grabbe) und fünf Südleuchten (Jean Paul, ML Fleißer, J. Kerner, Hölderlin), sowie je ein Schweizer (Hesse) und Österreicher (Trakl) folgen, aber leider insgesamt keine Gelegenheit zu finden ist, je den Geist des Hauses zu beschwören, weil man stattdessen lieber im Telegrammstil durch die Allerweltslexikalik der Dichterleben gehetzt wird: Lebte, liebte, litt und starb und muss auch noch geschrieben haben.

Dagegen die Schweizer! Natürlich die Schweizer! Die sehen genau hin. Nicht nur zu Hause. Weil nämlich ihr Größter, Robert Walser, sie milde darauf hingewiesen hat, dass ein Land und ein Volk nicht in einem fort geschildert, sondern in Ruhe gelassen zu werden begehren, schwärmen sie seither aus in die Welt oder gar nach Berlin, kommen gelegentlich nach Hause zurück, und behelligen dann Land und Leute mit ihren Berichten. Woraus sie wiederum Bücher machen, mit denen sie die Welt behelligen. Aber, weil sie ja ein bisschen anders sind, geht das nicht dem Alphabet nach. Darum beginnt die Anthologie andersrum mit Zschokke und "Heimat" (die ein bisschen schwul ist), und endet mit Angele und Königs Wusterhausen. Die beiden und ziemlich viel dazwischen ist komprimierte Lesbarkeit. Stoff vom reinsten!

Während die Schweizer huldvoll unauffällige Besucher sind, haben wir in den Polen eher selbstbewusst nachsichtige Nachbarn. Und von der alten Stadtsubstanz haben sie ja durchaus nicht mehr zerstört und verschandelt als BRD und DDR in ihren jeweiligen Zugriffsgebieten. Außerdem ist es gut, dass wir ihnen Oberschlesien lassen mussten, sonst bezahlten wir heute noch mehr Kohlesubventionen. Wer etwas substantiellere Überlegungen als diese zum Verhältnis Deutsche und Polen wünscht, dem wird derzeit wohl nirgends besser geholfen als in dem kompakten Handziegel, der ein locker-verlockendes Lesebuch, dabei doch systematisch und umfassend über die gut- wie bösnachbarliche Geschichte, über gemeinsame wie getrennte Erinnerungsorte, über gemeinsame und nicht übersetzbare Kulturelemente, schließlich über Lebenswelt, Politik und Wirtschaft informiert. Und das von klar schreibenden Experten, deren allermeiste aus Polen kommen. Auch das ein gutes Zeichen!

Was schert uns Europa? Wir haben mit unseren Nachbarn schon genug zu tun. Von uns selbst ganz zu schweigen. Natürlich wissen wir, dass wir, anders als die krähenhafte Nachsicht gegenüber den Wirtschaftsdaten, die entsprechende kulturelle Karenzzeit nicht bekommen werden. Und ob Europa Unsinn ist oder Übergang, das zu fragen, ist es ebenfalls zu spät. Da tröstet und ermuntert vielleicht ein bisschen, "Absichten guter Europäer im 19. und 20. Jahrhundert" kennen zu lernen. Eurovisionen wirkt zwar so abgewogen und so positiv, als sei das Buch fest im Blick auf Übernahme durch die Bundeszentrale für politische Bildung geschrieben worden, aber unzweifelhaft bringt es umsichtig zur Geltung, dass die, die in der Vergangenheit mit etwas Grips über Europa dachten, es nie als homogene Manövriermasse für Machtkämpfe betrachteten, sei es nun gegenüber dem Islam oder den USA. (Wobei das immer mal wieder Angstgespenst Asien etwas kurz kommt.) Vielmehr seine Stärke stets in der inneren Vielfalt und vor allem in der Fähigkeit sahen, diese nicht nur auszuhalten, sondern auch produktiv zu nutzen. Der Trost des Buches, dass die diversen Lebensstile in italienischen, deutschen oder skandinavischen Großstädten, die Schul- und Universitätsrituale in Großbritannien, den Niederlanden oder Spanien andere sind und bleiben werden, wirkt denn doch ein wenig zu johannesrauhaft. Schadet aber nicht, weil Johannes Rau ja deshalb nicht unrecht hat.

Und wer das Ganze als Lyrik mag, dem sei Klabund empfohlen, der am 14. August vor 75 Jahren im Alter von 37 entschieden zu früh gestorben ist, dessen wundersames Leben aber bis dahin schon so reichlich war, dass es bis heute sein noch reichlicheres Werk verdeckt. Was schade ist, besonders um die schönen Gedichte, von denen einige jetzt in Das Leben lebt wiederzubesichtigen sind.

P. S.: Alle hier besprochenen Taschenbücher sind Erstausgaben!

P. P. S.: Beißer-Romane sind die (meist) Taschenbuch-Schwarten, auf deren Cover sich ein Held über den Nacken einer Dame beugt.

Reclams Sachlexikon des Buches. Hg. v. Ursula Rautenberg, Reclam 2003, 19,90 EUR
Peter Braun: Dichterhäuser, dtv 24362, 15 EUR
Reto Sorg/ Yeboaa Ofosu (Hg.): Natürlich die Schweizer! Aufbau AtV 1874, 7,95 EUR
Deutsche und Polen. Geschichte, Kultur, Politik, Beck´sche Reihe 1517, 17,90 EUR
Ute Frevert: Eurovisionen, Fischer Tb. 60146, 12,90 EUR
Klabund: Das Leben lebt. Gedichte, dtv20641

00:00 22.08.2003

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