Stolpersteine

Debatte Rückt der Holocaust durch den Zuzug von Migranten und das Verschwinden der Zeitzeugen in die Ferne? Oder doch eher durch eine falsche Erinnerungspolitik? Ein Briefwechsel

Liebe Naika Foroutan,

der Freitag würde Sie gerne für eine Debatte gewinnen. Unsere Fragestellung: Wie geht man als migrantischer Autor, als migrantische Autorin mit der deutschen Schuld um? Der Holocaust prägt die deutsche Kultur bis heute in ihren Grundfesten, ob ihr das bewusst ist oder nicht. Allerdings ist das nicht von Dauer. Nicht nur sterben die Zeitzeugen, es prägen auch immer mehr Menschen dieses Land, deren Vorfahren weder Täter noch (und seltener) Opfer waren.

„Der Holocaust rückt in die Ferne“, hat Navid Kermani neulich in der FAZ bemerkt. Die Frage, wie die Vergangenheit gegenwärtig bleibt, „sie stellt sich auf andere Weise, wenn nicht einmal in groben Zügen bekannt ist, was zwischen 1933 und 1945 von deutschem Boden aus geschah.“

Trifft das ihrer Meinung nach zu? Ist der Hololcaust für Sie in die Ferne gerückt, wie Kermani sagt. Oder gehen Sie gar noch weiter: Er ist nicht Ihre Geschichte. Er ist buchstäblich kein Thema für Sie. Oder verhält es sich gerade umgekehrt: Er geht ihnen nahe, weil sie sich die deutsche Kultur zu eigen gemacht haben?

Wir würden uns sehr freuen, wenn wir Sie für einen Debattenbeitrag gewinnen können.

Mit sehr herzlichen Grüßen,

Ihr Jakob Augstein

Lieber Jakob Augstein,

ob ich die Richtige bin für einen Debattenbeitrag zum Thema Migranten und Holocaust – oder ist es in Wahrheit ein Beitrag zum Thema Muslime und Holocaust? Mein Großvater war Mitglied der NSDAP, zwischenzeitlich sogar in der SS. 1942 wurde jener besagte Großvater in Litauen (damals Kurland) gefangen genommen und kehrte erst 1948 aus Murmansk/Sibirien, wo er sechs Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war, zurück an den Rhein, wo er als Weinbauer und Wirt sein Leben weiterführte.

Der Holocaust, so denn er jemals eine Rolle für ihn spielte, rückte in weite Ferne. Seine Tochter Magdalene (meine Mutter) lernte mit 19 Jahren als Aupair-Mädchen einen iranischen Filmregiestudenten aus Teheran kennen und zog mit ihm weit weg aus der Enge Deutschlands in die Weite Teherans, wo sie lernte, was der Holocaust für Folgen, nicht nur für die Psyche der Deutschen, sondern auch für die Politik der Welt mit sich gebracht hatte.

Uns Kindern wurde der Holocaust in der Schule in Teheran vermittelt, wir lernten ihn in Filmen im iranischen Fernsehen kennen: als Menschheitsverbrechen. Mein iranischer Vater antwortete auf meine Frage „Papa, was ist Antisemitismus?“, dass Sartre gesagt habe: Antisemitismus ist eine Krankheit! Und leider seien die Befallenen seit 2.000 Jahren unheilbar.

Als ich das Zitat später suchte, fand ich es bei Leo Pinsker einem polnischen Arzt und Zionisten aus dem 19. Jahrhundert. Meine deutschen Großeltern haben nicht über den Holocaust gesprochen und auch nicht über Antisemitismus. Als wir 1983 nach Deutschland zogen, unterrichtete uns am Gymnasium ein Geschichtslehrer, der Ehrenmitglied im SS-Traditionsverein war.

Ich finde Ihre Fragen an mich irritierend: weniger, weil Sie so selbstverständlich davon ausgehen, dass ich als Muslimin, oder als Migrantin, oder als was auch immer Sie mich anfragen, keine Deutsche und somit auch nicht verwoben mit dieser Geschichte sein kann. Vielmehr, weil Ihre Täter-Opfer-Außenseiter-Kategorisierung so wenig die Komplexität des Holocaust und seiner Geschichten reflektiert. Der Holocaust ist keine rein deutsche Geschichte, er ist eine Geschichte, die an der Menschlichkeit zweifeln lässt und daher ebenso universal wie die von Kain und Abel. Und die Schuld dieser Geschichte geht über das Verbrechen an Menschen der Zeit hinaus.

Als Schulkinder in Teheran lernten wir auch die Folgen der deutschen Geschichte für den Rest der Welt. Die Bilder der Palästinenser, die ihre Häuser verlassen hatten und der Kinder, die seitdem in Zelten lebten, waren in unseren Bilderbüchern. Sabra und Schatila waren für uns Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ethnische Säuberungen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Mord an Frauen, Kindern und Alten. Als ich nach Deutschland kam, nahmen wir das in der Schule nicht durch. Sabra und Schatila kannte hier keiner.

Eine Erinnerungskultur zu pflegen, ohne die Folgen für kollateral Betroffene zu erwähnen, ist nicht mehr zeitgemäß. Sie können die Geschichte von Schmerz, Trauer und Verlust nicht nur aus der Schuld-Perspektive des Rasers beschreiben, der das Mädchen totgefahren hat und nicht nur aus dem Schmerz der Mutter, die das Kind verloren hat. Auch die Brüder des Kindes sind zeitlebens damit konfrontiert. Deren Geschichte muss auch jemand erzählen. Besonders wenn sie jetzt neben dem Raser leben.

Auch Ihre Annahme, der Schmerz der jüdischen Familien und das Schuldgefühl stellten sich kausal aus der biografischen Verbundenheit her, ist empirisch nicht gedeckt. Man muss nicht historische und biografische Bezugspunkte haben, um mitzuleiden – das wird Ihnen sicherlich an vielen Deutschen klar, die trotz oder wegen historischer und biografischer Bezugspunkte die Verantwortung als „Schuldkult“ schmähen und eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad einfordern.

Lassen Sie mich andersherum fragen: Könnten Sie einen Debattenbeitrag darüber schreiben, ob Ihnen der Tod des kleinen Aylan Kurdi weniger nah geht, weil Sie kein Syrer sind? Fühlen Sie den Tod von 8.000 Männern und Jungen zwischen 13 und 78 in Srebrenica weniger, weil Sie kein Muslim sind? Oder weil das außerhalb „Ihrer“ Geschichte liegt?

Ob die Schuldgefühle schwinden, wenn Generationen vergehen? Kommt drauf an: Schauen Sie sich mal die Aschura-Veranstaltungen an. Das Weinen, Klagen, Spüren, weil man Hussein damals im Stich gelassen hat: Es ist da. Vivid und greifbar. Es hat also etwas mit Erinnerungspolitik zu tun. Das Vergessen des Holocaust uns Muslimen oder Migranten zuzuweisen, erscheint mir zu banal.

Ihre Naika Foroutan

Die deutsche Schuld im Zeitalter der Migration

„Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“, hat Joachim Gauck 2015 im Bundestag gesagt. Aber wird das so bleiben? Es verändert sich gerade etwas. Die Zeitzeugen sterben und immer mehr Menschen prägen das Land, deren Vorfahren weder Täter noch Opfer waren. „Die Frage, wie eine Vergangenheit gegenwärtig bleibt, wenn die biografischen Bezüge fehlen, stellt sich ebenso, wenn diese Bezüge sich allmählich auflösen, wie wenn es sie nie gab“, schrieb Navid Kermani in der FAZ. Darüber wollen wir in einer Serie diskutieren. Mit Intellektuellen, Forschern, Autoren, die einen so genannten Migrationshintergrund haben. Die Erste, die auf unser Anliegen reagierte, war die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan. Sie schrieb eine Absage. Es entspann sich daraufhin ein Mailwechsel zwischen ihr und Freitag-Verleger Jakob Augstein, den wir hier leicht gekürzt wiedergeben.

Liebe Naika Foroutan,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.

Ihren biografischen Hintergrund, das gestehe ich, kannte ich nicht. Sie wundern sich über das Anliegen. Und sagen, der Holocaust sei ein menschliches Thema, kein deutsches.

Aber ich stelle mir vor, dass es einen Unterschied macht, ob ich als deutscher Mensch darüber rede – oder als beispielsweise französischer Mensch. Diesen Unterschied in einer allgemeinen Theorie der menschlichen Verantwortung oder Empathie untergehen zu lassen, mag vielleicht wünschenswert sein. Ist das auch realistisch? Gibt es nicht doch einen anderen Verantwortungszusammenhang? Eine Unmittelbarkeit des Betroffenseins?

Ihr Jakob Augstein

Lieber Jakob Augstein,

meine Verwunderung gilt der Annahme in Ihrer Fragestellung: Sie fragen gezielt migrantische AutorInnen in Deutschland an. Mit dem Abbinder: Der Holocaust ist nicht ihre Geschichte. Subtext: Er ist unsere. Als Deutsche empfinden wir das anders als ihr. Aber dass wir ihn vergessen, liegt irgendwie auch an euch.

Und Ihre – Verzeihung – Küchenhypothese zur Unmittelbarkeit des Betroffenseins leugnet jede Empathietheorie. Daher noch mal die Frage: Glauben Sie, Sie empfinden weniger bei den Fotos des toten kleinen Jungen am türkischen Strand, weil Sie kein Syrer sind?

Müssen Sie Afrikaner sein, um betroffen zu sein von den Rassentrennungsmechanismen im Apartheid-System Südafrikas? Oder schämen Sie sich nicht, wenn Sie das Ihren Kindern erklären wollen, wie das damals war, mit den Vorstellungen von Weißen, auch wenn Sie nie Südafrikaner waren?

Sich verbunden zu fühlen ist keine Frage der Nationalität. Sondern eine der Erziehung. Zu Anstand und Empathie. Betroffenheit kann über jegliche Unmittelbarkeit hinaus erzeugt werden: Oder empfinden Sie mit den Flüchtenden nur, wenn Sie selbst geflohen sind? Mit Vergewaltigten nur, wenn Sie eine Frau sind?

Es gibt nicht wenige Deutsche, denen der Holocaust nicht nur lästig, sondern vollkommen egal ist. Es ist Euphemismus, zu glauben, es reiche, Deutscher zu sein, um hier tiefer, mehr oder auch nur anders zu empfinden.

Wir haben mal eine Studie durchgeführt, in der wir die Menschen nach den historischen Ereignissen befragt haben, die sie persönlich für wichtig halten, um Deutschland zu beschreiben. Fast jeder Zweite sagte: der Mauerfall. Den Holocaust nannte nur ein halbes Prozent.

Der Mythos, die Deutschen würden sich mit einer negativen Identität quälen, ist empirisch nicht haltbar. Zumindest für die Mehrheit nicht.

Ich stimme Ihnen zu, dass diejenigen Deutschen, die sich stark damit auseinandersetzen, auch die nationale Schuld stärker mitspüren. Und affektiv mit Verantwortungsgefühl reagieren. Ich widerspreche entschieden, wenn Sie glauben, dafür müssten die Ahnen Deutsche sein.

Ihre Naika Foroutan

06:00 29.09.2017

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