Stolze Zerstörer

Doku „Erde“ zeigt, wie der Planet zugrunde gerichtet wird. Und lässt diejenigen zu Wort kommen, die es tun
Stolze Zerstörer
Die ganze Welt unserem Gebaggere auszuliefern, ist ein Kindheitstraum, seine Realisierung ein Horror

Foto: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Irgendwie spüren wir ja alle, dass die Ausbeutung und Verwüstung unseres Planeten zunehmend fatale Folgen hat. Mit dieser Erkenntnis gehen die Menschen unterschiedlich um; die meisten machen einfach weiter wie bisher, manche ergehen sich in Alarmismus. Panikmache aber ist nicht die Sache von Nikolaus Geyrhalter. Seine filmische Bestandsaufnahme der Bestrebungen des Menschen, sich die Erde untertan zu machen, lässt an Deutlichkeit nichts vermissen und ist doch angenehm sachlich im Ton. Erde dokumentiert, in welch ungeheurem Ausmaß der Mensch die Oberfläche des Planeten formt, verändert, aushöhlt und zerstört, womit er zum entscheidenden geologischen Faktor unseres Erdzeitalters geworden ist.

Was damit gemeint ist, sehen wir gleich zu Beginn: Im kalifornischen San Fernando Valley beobachtet die Kamera, wie Männer mit schwerstem Gerät in bislang unberührter Landschaft ganze Berge abtragen und den Boden einebnen, um vermarktungsfähigen Baugrund zu schaffen. Der tief verwurzelte Machbarkeitswahn lässt keinen Raum für Zweifel. Für mehr Wohlstand brauche es schließlich Fortschritt, wie der befragte Baggerfahrer freimütig erzählt. Für ihn ist seine Arbeit ein spielerischer Kampf gegen die Natur – Grenzen vermag er dabei nicht zu sehen und der Gewinner steht bereits fest: „Es gibt immer eine noch größere Maschine, und wenn das alles nichts hilft, haben wir Dynamit!“ Deprimierender als solche Allmachtsphantasien ist, ob seiner Allgemeingültigkeit, eine andere Erkenntnis des Baumaschinisten: „Wenn ich es nicht mache, macht’s ein anderer.“

Denn sie wissen, was sie tun

In sieben Episoden reist Geyrhalter durch die Welt zu Orten, an denen die Erde unwiderruflich gezeichnet ist. Seiner strengen filmischen Form bleibt er dabei treu. In weiten Panorama-Aufnahmen und langen, beobachtenden Einstellungen lässt der Regisseur und gleichzeitig Kameramann das Geschehen für sich sprechen.

Einziger, aber wichtiger Unterschied zu seinen Vorgängerfilmen wie Unser täglich Brot (2005): In Erde kommen die Protagonisten selbst zu Wort. Bereichernd sind diese Erzählungen der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht zuletzt deshalb, weil sie überraschend reflektiert daherkommen. Die meisten sind sich der Wunden, die sie der Erde zufügen, durchaus bewusst. Gleichzeitig stellen sie nur selten die Notwendigkeit ihres Handelns in Frage und trotz allem nachdenklichen Abwägens überwiegt der Stolz auf die eigene Arbeit. Damit tut sich ein interessanter dialektischer Zwiespalt auf, aus dem der Film seine Spannung bezieht.

Geyrhalter errichtet dabei keinen filmischen Pranger für die ganze moderne Industriegesellschaft. Die Orte, die er besucht, sind klug gewählt, weil sie oft gerade nicht als Negativbeispiele für blinde Umweltzerstörung taugen. Die südspanische Riotinto-Kupfermine etwa hat schließlich schon das Römische Reich mit dem Edelmetall versorgt, und ohne Kupfer wäre die digitale Welt schnell am Ende. Gegen den gigantischen Tunnelbau am Brenner, durch den dereinst Hochgeschwindigkeitszüge durch Europa sausen sollen, kann eigentlich auch niemand etwas haben. Im italienischen Carrara wiederum wird Marmor ebenfalls bereits seit dem frühen Mittelalter abgebaut. Was ist also das Problem?

Bald nichts mehr übrig?

Dieses besteht in den rasanten Technologiesprüngen seit Beginn der Industrialisierung. Die Produktivität der Arbeit hat sich derart erhöht, dass praktisch jedes Fingerschnipsen des Menschen heute gleich einen extremen Eingriff in die Natur bedeutet. Exemplarisch wird das in der Aussage des Kollegen aus dem Marmor-Steinbruch: „Früher haben wir zwei Tage gebraucht, um einen Block Marmor aus dem Berg zu holen; heute dauert das Ganze eine Stunde.“ Wenn es in diesem Tempo weitergehe, so schätzt er, sei in zweihundert Jahren nichts mehr übrig von dem schönen Gestein.

Jegliche Dialektik vergeht dem Betrachter auf der letzten Station der Reise, den vom Fracking verwüsteten Landstrichen im kanadischen Fort McKay. Hier zeigt der Film recht drastisch, auf welchem Irrweg sich die Menschheit mit der manischen Ausbeutung der letzten Öl- und Gasvorkommen befindet. In dem Bild einer bis zum Horizont reichenden schwarzen, öligen Mondlandschaft mit kahlen Baumstümpfen und raumgreifenden Raffinerieanlagen steckt die ganze Hilflosigkeit einer Menschheit, die in ihrer selbst gestellten Falle gefangen ist. Den dort im Reservat hausenden Ureinwohnern, deren einstiger Lebensraum nun verseucht ist, empfiehlt die Gesundheitsbehörde, monatlich höchstens einen oder zwei Fische aus dem lokalen Athabasca River zu verzehren. So einfach kann die Lösung sein.

Info

Erde Nikolaus Geyrhalter Österreich 2019; 115 Minuten

06:00 06.07.2019

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