Stornierung ausgeschlossen

Sportplatz Kolumne

Wenn Deutschland 2006 die WM gewinnt, will ich natürlich live im Stadion dabei sein. Auf fifaworldcup.com wird erklärt, wie das geht: Es gibt fünf verschiedene Verkaufsphasen mit jeweils alternierenden Verteilungsmechanismen. Vom 1. Februar bis zum 31. März 2005 dauert die erste Phase, an deren Ende ein Losverfahren über die Ticketvergabe entscheidet. Der erste Countdown läuft also bereits!

Erstmal nach den billigsten Karten gucken. Unter "Frequently Asked Questions" wird mir nach geduldigem Lesen unter Frage 55 mitgeteilt, dass es keine ermäßigten Tickets gibt, aber als Ersatz die Preiskategorie 4 geschaffen wurde, in welcher die schlechtesten Plätze zu den günstigsten Preisen angeboten werden. Ein Halbfinalticket in der Preiskategorie 4 kostet übrigens 90 Euro.

Jeder Fußball-Fan, der nicht über einen Zugang zum Internet verfügt, muss die WM wohl vom heimischen Sofa aus verfolgen. Denn Bestellungen laufen prinzipiell nur über das Internet. Zwar können die Formulare auch per Fax oder Post bestellt werden, doch die Adressen dafür stehen selbst wiederum im Internet. Es können zudem nicht alle Ticket-Kombinationen auf diese Weise bestellt werden. Außerdem hat nur eine Chance auf ein WM-Ticket, wer bei seiner postalischen Bestellung eine gültige e-mail-Adresse angibt. Die Organisatoren setzen also voraus, dass jeder interessierte Fußball-Fan einen Computer besitzt und das Internet zu benutzen versteht. Auch die zum Teil komplizierten Formulierungen auf den Internet-Seiten der FIFA ("Ist der Vertragspartner Kaufmann im Sinne des HGB, juristische Person des öffentlichen Rechts oder öffentlich-rechtliches Sondervermögen ...") sollten gefälligst verstanden werden, denn eine persönliche telefonische Auskunft ist nicht möglich.

Wer schließlich alles verstanden hat und endlich die Bestellformulare im Internet ausfüllen will, erfährt als nächstes folgendes: "MasterCard, die Offizielle und Exklusive Karte der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006, ist die einzige Kreditkarte, die in den ersten vier Verkaufsphasen als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Wer keine MasterCard besitzt, wendet sich bitte an seine Bank oder Sparkasse." Egal, ich will zur WM. Also tippe ich los und gebe erst einmal meine persönlichen Daten inklusive Ausweisnummer an. Zu meiner Beruhigung wird mit dann auch mitgeteilt, dass der RFID-Chip auf meiner Eintrittskarte "keine personenbezogenen Daten" enthalten wird. Klar, diese Daten werden ja auf einer extra Datenbank gespeichert, die wiederum über die Informationen auf meinem Ticket einsehbar sind. Also kein Grund zur Sorge.

Was wollte ich eigentlich im Juli 2006 alles machen? Wer heute ein Ticket für die WM 2006 bestellt, sollte lange vorausplanen, denn jede Bestellung ist verbindlich, eine Stornierung "ausgeschlossen". Gleichzeitig kann ein Ticket aber auch nicht weitergegeben werden, zumindest nicht ohne eine schriftlich beantragte und kostenpflichtige Zustimmung des WM-Organisations-Komitees (OK). Da ist es beruhigend zu wissen, dass in "besonderen Fällen (Hochzeit, Tod oder Krankheit innerhalb der Familie) das OK seine Zustimmung erteilen" wird. Der Erhalt eines WM-Tickets ist also eine Art Schicksal, in das man sich willig fügen sollte. Urlaub, kurzfristige Übelkeit oder andere läppische Ausreden zählen nach bisherigem Stand nicht. Nach einem Streit mit dem Bundesverband der Verbraucherzentralen hat das WM-Organisations-Komitee aber bereits angekündigt, diese Regelungen zu lockern. Darüber hinaus soll in einigen Monaten eine Börse eingerichtet werden, in denen Fans ihre Karten tauschen können, um zu den Spielen ihrer Mannschaft zu gelangen.

Jugendliche werden es aber auch dann schwer haben, in die WM-Stadien zu kommen, denn wer noch nicht 18 Jahre alt ist, darf sich gar nicht selbstständig für ein Ticket bewerben und kann dementsprechend auch keines tauschen. Warum verweigert man einem 17-Jährigen die Möglichkeit, ein Fußball-Ticket zu erwerben? Vielleicht nur deshalb, weil er noch keine MasterCard besitzt.

Seit Beginn der ersten Bestellphase haben die Fans bereits über 2,2 Millionen Tickets geordert, dabei sind in dieser Phase nur 812.000 Karten im Angebot. Die zweite Verkaufsphase beginnt am 1. Mai und dann gilt: Wer zuerst bestellt, bekommt das Ticket. Oder: Wer eine Internet-Standleitung hat, darf auch ins Stadion. Trotzdem: am 30. April Punkt Mitternacht werde ich am Computer sein.


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00:00 11.03.2005

Ausgabe 37/2021

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