Störtebeker bleibt unser

Eine Tonne Schwarzpulver Die Störtebeker-Festspiele auf Rügen sollten einst das "Bayreuth des Nordens" werden und sind heute ganz auf der Höhe der Massenkultur

Der Henker soll bis zu den Knöcheln im Blut gestanden haben, nachdem er Störtebeker und seine Kumpanen auf dem Hamburger Grasbrook geköpft hatte. Zwar sind im Boden der historischen Hinrichtungsstätte gefundene, zur Abschreckung mit schweren Schiffsnägeln auf Spieße genagelte Schädel bei einer wissenschaftlichen Untersuchung vor fünf Jahren recht eindeutig Vitalienbrüdern des 14. Jahrhunderts zugeordnet worden. Gesichert sind aber keine der Mythen, die sich um den Seeräuber Klaus Störtebeker ranken, der im 14. Jahrhundert als Likedeeler (Gleichteiler) und "Gottes Freund und aller Welt Feind" das Machtvakuum nutzte, das durch dynastische Streitigkeiten um die Thronfolge in Dänemark und Schweden sowie durch die Uneinigkeit zwischen den Hansestädten entstanden war.

In Ruschvitz auf Rügen soll Störtebeker geboren sein, im Streit seinen Brotherrn erschlagen und auf der Flucht in Arkona Goedeke Michels, den Anführer einer Piratenbande, getroffen haben. Irgendwo auf der Insel soll er auch einen Schatz vergraben haben. Den hat man zwar nie gefunden, doch der Pirat selbst ist für Rügen zu einem Schatz geworden. Denn die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek erzählten zu DDR-Zeiten eine ideologische und nach der Wende eine beispiellose touristische und ökonomische Erfolgsgeschichte.

Vor den Höhen der Kultur für die Massen stand zunächst die Kultur der Massen. KuBa (der Arbeiterschriftsteller Kurt Barthel) schrieb 1959 eine dramatische Ballade von Klaus Störtebeker in sechs Episoden, mit Vorspiel auf Rügen und Nachspiel in Hamburg. Der Stern der großen Sehnsucht leuchtete in Versen und mit Musik zuerst in der Regie des Rostocker Intendanten und ZK-Mitglieds Hanns Anselm Perten bei den Arbeiterfestspielen 1959 und wurde dann 1960/61 sowie 1980/1981 im Sommer wiederholt. Der Parteiauftrag lautete, die künstlerische Wahrheit des Bitterfelder Weges zu beweisen und ein "Bayreuth des Nordens" zu schaffen. Es ging um Ideologie und Ökonomie. Laienkunst galt als die echte Kunst des Volkes und fürs Volk, und das Spektakel um den "Frühsozialisten", das der FDGB-Vorsitzende Harry Tisch in einer Politbürositzung bejubelte als ein "erregendes Massenspiel, in dem die revolutionären Traditionen der deutschen Geschichte lebendig werden", war auch eine künstlerische Materialschlacht, für dessen immense Kosten Genosse Perten von seiner Partei heftig gerüffelt wurde. Als ich 1981 von meinem Ferienort auf der Insel Poel entlang der Ostseeküste zur Aufführung fuhr, steckte ich bald in unendlichen Fahrzeugkolonnen. Eine Energiekrise, die den Diesel für die Zubringerbusse knapp werden ließ, soll dann auch das Aus für die sozialistischen Rügenfestspiele gebracht haben.

Die Aufführung war damals groß in jeder Hinsicht: in Pathos, in verquaster Poetik und durch die Massen der Mitwirkenden. 1.200 Statisten, 400 Schauspieler, Volkstanz- und Reitergruppen, Opernsänger und Theaterballett, NVA und Volksmarine wurden in Bewegung gebracht. Das Publikum saß auf harten Holzbänken, doch die Effekte, die Kämpfe der nachgebauten Koggen und das brennende Dorf auf der anderen Seite des Boddens, faszinierten mehr als das volkstümliche Massengewusel mit seinen auf Podesten herausgehobenen Hauptfiguren. Der Fernsehmitschnitt der Aufführung wirkt heute so volkstümlich wie ein Kessel Buntes unter Kunstdruck. Die Aufführungen gruben sich ein ins (Selbst)-Bewusstsein der Insulaner und in die kulturelle Erinnerung vieler DDR-Bürger, die als Touristen weiter zur verfallenden größten Naturbühne Deutschland in Ralswiek pilgerten.

An diese Erinnerungen und Sehnsüchte knüpfte 1993 Peter Hick an. Der 60-jährige Thüringer, einstiger Schauspieler und Stuntman, der nach gescheitertem Fluchtversuch aus DDR-Haft in die Bundesrepublik freigekauft wurde und dort die Segeberger Karl-May-Festspiele in die schwarzen Zahlen brachte, fand auf der riesigen Wiese vor dem Schloss von Ralswieck nur noch Bühnenreste vor. Westliche Investoren hatten ihn angesprochen. Zwar hatten sie für ihre geplanten Störtebeker-Festspiele keine künstlerische Idee, aber durchaus ökonomisches Interesse. Schnell stellte sich heraus, dass die Investoren gar kein Geld besaßen. So wagte sich Peter Hick mit seiner Frau 1993 an den Aufbau der Festspiele im familiären Eigenbetrieb. Von seiner Filmarbeit hatte er Kontakte zu einem japanischen Autokonzern, der ihm eine Bürgschaft über zwei Millionen Mark gab, das Kultusministerium schoss etwas mehr als eine Million hinzu, und die Sparkasse Rügen gab weitere fünf Millionen. Dennoch ein Abenteuer, erzählt Hick: "Es gab nur noch den Stromgenerator, - und die grüne Wiese, keine Bestuhlung. Jetzt haben wir 8.800 Plätze." Jedes Jahr steckt Hick in die aktuelle Produktion und den Ausbau des Unternehmens rund fünf Millionen Euro.

Nur im zweiten Jahr gab es eine ökonomische Krise, seitdem wachsen die Zuschauerzahlen unentwegt, 360.000 Besucher machten 2005 zum Rekordjahr. Die Störtebeker-Festspiele schreiben schwarze Zahlen, sie liefern der Gemeinde von Ralswiek mit ihren 290 Einwohnern eine hohe Gewerbesteuer und drücken die rund 30-prozentige Arbeitslosigkeit auf Rügen ein wenig.

Peter Hick hat mit der Gründung seiner Störtebeker-Festspiele "für Ostdeutschland und Rügen etwas Bestehendes genommen" und es verändert im Bewusstsein, dass "die Rüganer es als das ihre gefühlt haben." Die Geschichten, die historische Überlieferung mit erfundenen Geschichten auffüllen, wurden anfangs von Rudi Strahl geschrieben und vom einstigen Defa-Komödien-Regisseur Roland Oehme inszeniert. Auch die Schauspieler boten sich anfangs zur ostdeutschen Identifikation an: Es traten auf Wolfgang Dehler, Klaus Peter Thiele, Renate Blume, Heidemarie Wenzel und Ute Lubosch und Wolfgang Lippert stolziert noch immer als Balladensänger über den Boddensand. Sonst aber agiert unter dem jetzigen Regisseur Holger Mahlich (auch er mit gebrochener DDR-Biographie) ein buntes gesamtdeutsches Schauspielervolk: Sascha Gluth (vom Theater der jungen Generation Dresden kommend) ist der zweite Störtebeker der Festspiele, Dietmar Lahaine (Theater Vorpommern) ist seit Beginn an der Goedeke Michels, Ingrid van Bergen, West-Filmstar der fünfziger und sechziger Jahre, feierte während der Proben ihren 75. Geburtstag, und auch Helmut Krauss, Dietmar Huhn, Julia Horvath und Gerit Kling sind von Film und Fernsehen bekannt. Präsenz für die riesige Bühnen muss man haben, und man muss reiten können: "Ich werde für meine Rolle einer gräflichen Intrigantin keinen Theateroscar bekommen, aber es ist eine schöne Rolle, die mich fordert", betont Gerit Kling. Auf diese Art des Unterhaltungstheaters wird nämlich gern etwas herabgeblickt.

Das haben gerade die Störtebeker-Festspiele nicht verdient, die in mehrjährigen Zyklen immer wieder neue Episoden aus Störtebekers Leben bis zu seinem (in diesem Jahr dritten) Tod als selbstbewusstes und gut gemachtes Erzähltheater bieten. Sicher: es ist kein Theater der Differenzierungen, sondern der angebotenen Identifikation mit einem guten Helden. Das Ganze kommt als Theater der großen und einfachen Effekte daher, wenn auch mit viel weniger Personal als zu DDR-Zeiten: mit rund 150 künstlerischen Mitarbeitern, Stuntmen und Kaskadeuren, dazu vier Koggen, 30 Pferden und einem Adler, der dicht über den Köpfen der Zuschauer auf die Bühne segelt. Und da keine Volksmarine mehr den Bodden absperrt, kann hinter dem Seekampf der altertümlichen Schiffe auch mal ein modernes Segelboot durchs Bild gleiten. Es gibt Schwertkampf und donnernde Kanonen, pyrotechnische Effekte und eine Unmenge beeindruckender Stunts, wilde Ritte und Stürze brennender Menschen von in Brand gesetzten Häusern, - in jeder Vorstellung wird, nicht nur für das allabendlich abschließende Feuerwerk, eine Tonne Schwarzpulver verbraucht.

"Die Geschichten sind nicht von Shakespeare", sagt Peter Hick, "aber sie sollen das Publikum berühren". Deshalb sind sie einfach, aber nicht klischeehaft und durchaus nicht kitschig. Natürlich wirkt das Strickmuster jedes Jahr gleich: es gibt die guten und die bösen, oben und unten, arm und reich. Es gibt ehrliche Liebe und böses Intrigantentum, und dazwischen komische "Volks"-Szenen. Alle Rollen wirken sehr eindeutig, doch die Geschichten werden im Rahmen der historischen Überlieferung mit Phantasie weiter entwickelt. So sind die Störtebeker-Festspiele ein Spektakel ganz eigener Art, mit viel Aufwand, aber zugleich auf einfache Weise gespielt. Eben überzeugendes Volkstheater.


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00:00 30.06.2006

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