Sträfliches Treiben

Geschichte Dorothea Schlegel war die Muse der Romantik. Ihr erster Mann litt schwer unter neuen Liebeskonzepten
Hazel Rosenstrauch | Ausgabe 50/2019 3

Brendel Mendelssohn, die Tochter des Philosophen und Geschäftsmanns Moses Mendelssohn, war klug und für damalige Verhältnisse sehr gebildet. Man kennt sie als Dorothea Schlegel. Ihr Vater hat sie 1783 mit Simon Veit erst verlobt und dann verheiratet. Veit gehörte zur jüdischen Oberschicht, war „nur“ Kaufmann und hatte eines der raren unbeschränkten Aufenthaltsrechte, das ihm gnädig erlaubte, Kinder „anzusetzen“. Mendelssohn selbst hatte seine Frau Fromet aus Liebe geheiratet, was ungewöhnlich war. Er schätzte Simon Veit. Man darf annehmen, dass er auch den sicheren Status des Schwiegersohns mochte. Er selbst konnte den Kindern diese Sicherheit nicht bieten, da er weder Vermögen noch Bleiberecht in Berlin hatte.

Es traf sie der Blitz

Brendel hat ihren Mann nie geliebt. Als sie sich nach 14 Jahren Ehe scheiden ließ, waren ihre Bemerkungen über ihn verächtlich, auch ihre Freunde fanden ihn beschränkt, hohl und platt. In den Salons wusste man, dass Brendel unglücklich war. Über eine Scheidung dachte sie erst nach, als sie Friedrich Schlegel kennenlernte.

Dorothea Schlegel gilt als Erfinderin der romantischen Liebe, Muse der Romantik. Eine mutige Frau, die alles hinschmiss, um dem Geliebten zu folgen. Sie wurde zu einer Ikone des Feminismus. Die Begegnung mit Friedrich Schlegel hatte sie „wie ein Blitz getroffen“, mit ihm lebte sie nach der Scheidung von Veit erst in wilder, dann in protestantischer und schließlich in katholischer Ehe. Da das Genie Schlegel kein Geld hatte, übersetzte sie für Geld, vermietete Zimmer, bekochte Gäste und war oft allein, wenn ihr Geliebter umherfuhr, um Vorträge zu halten oder Freunde zu besuchen. Friedrich Schlegel war für sie der Gott, dem sie sich unterwarf.

Veit war unglücklich über ihren Scheidungswunsch und weinte, ihr war der heulende Ehemann lästig. Über den ersten Ehegatten Brendels war wenig bekannt, nur Insider wussten, dass er sehr großzügig war und Dorothea samt neuem Ehemann immer wieder unterstützte, ohne dass die Empfänger seiner Gaben wussten, woher das Geld kam. Vor Kurzem ist aus einem Nachlass neues Material aufgetaucht, das ihn in helleres Licht rückt. Es gibt auch ein Bild, das noch restauriert werden muss, man sieht darauf, dass er keineswegs jenem jüdischen Klischee entsprach, das seine Frau in ihren Briefen gezeichnet hatte.

In der Ehe waren vier Kinder geboren worden, nur zwei überlebten. Beide wurden Künstler, der Vater hat sie immer unterstützt. Beide malten sehr katholische Bilder, sie gehörten zu der in Rom ansässigen Künstlergemeinschaft der Nazarener. Was natürlich nicht möglich gewesen wäre, wenn sie nicht, wie ihre Mutter, zum Katholizismus konvertiert wären. Dorothea hatte sich große Mühe gegeben, um die Kinder zur Konversion zu bewegen. Veit hatte in einem seiner Briefe noch geschrieben, dass es „sein Tod und sein bitterster Gram sein würde, wenn er von den Kindern verlassen würde und sie das Christentum annähmen“. Dorothea berichtete das ihrem zweiten Mann mit der Bemerkung: „Und doch wird dies geschehn, und keine Macht wird es verhindern können.“

Wir befinden uns in der Zeit zwischen Französischer Revolution und Wiener Kongress, zwischen Aufklärung und Romantik, in der Zeit der jüdischen Emanzipationsbewegung, die von Moses Mendelssohn ausgelöst worden war. In der Literatur über die jüdische Minderheit in Preußen ist es auch die Zeit der „Taufepidemie“. Rabbiner, Angehörige der jüdischen Gemeinde und spätere Historiker sahen darin eine große Gefahr für das religiöse und kulturelle Überleben der Juden (im heutigen Vokabular: für die jüdische Identität). Sie konvertierten, weil sie nicht weiter zur verfemten Minderheit gehören und an der nun aufregenden deutschen Kultur teilnehmen wollten, Frauen konvertierten der Liebe, Männer der Karriere wegen. Dorotheas Schwester Henriette, eine der ersten Frauen, die – unverheiratet – von ihrer Berufstätigkeit leben konnten, wurde katholisch. Veits und Brendels Söhne hätten nicht malen können, wenn sie nicht konvertiert wären. Simon Veit ist nicht konvertiert, er war trotz des romantischen Judenhasses erstaunlich tolerant gegenüber Christen.

Ein Herz für die Erkenntnis

Aufklärung und Romantik, Revolution und republikanische Ideen – zu denen die Gleichstellung der jüdischen Minderheit gehörten –, Freundschaftsbünde wie der erwähnte Tugendbund oder die Künstlergemeinschaft in Rom, eine Lesewut, die Romane, Gedichte oder veröffentlichte Korrespondenzen quer über den Kontinent streute, waren der Humus, auf dem jene bürgerliche Kultur gedieh, die bis heute unsere Wahrnehmung von Glück, Erfolg und Liebe prägen. Ein Fundstück, ein Hochzeitspoem, fand ich besonders spannend:

„So, lieblicher [anmutiger] Jüngling/ verständiger, gebildeter,/ freutest du dich deiner Kindheit/ warst du froh deiner Jugend./ Doch deine Freude war nicht vollkommen/ und dein Frohsinn nicht ungetrübt/ bis heute, dem Tage der Hochzeit,/ dem Tage da deine Traute dir zugeführt wird […] Sie ist die Freude deines Herzens/ Sie deine traute Gefährtin -/ nach der du dich sehnst.“

Die nächste Strophe hebt an:

„Du hochgesinnte Braut/ Wie schön ist dein Tun!/ Du richtest dein Herz auf Erkenntnis/ und deine Augen auf das, was im Hause geschieht/ und schmücktest dich mit Taten der Liebe/ Wie lieblich bist du!/ Anmut und Huld liegen [sind ausgegossen] auf deinen Lippen/ rein ist dein Herz/ und Wahrheit in deinem Innern/ So ward dir dein Lohn/ ein redlicher Gatte/ den dir gewann Mose, dein Vater.“

Als Auftraggeber dieses Poems kommt nur Simon Veit in Frage. Die meisten Berichte aus dieser Zeit vermitteln den Eindruck, dass die Heirat eine arrangierte Zweckgemeinschaft war, deshalb staune ich, dass in dem Poem Liebe überhaupt eine Rolle spielt. Bemerkenswert ist auch, dass der Laudator die Braut damit charakterisiert, dass sie ihr Herz sowohl auf Erkenntnis wie auf Liebe richtet. Kaum vorstellbar, dass eine Frau, die nach Erkenntnis strebt, in einem Hochzeitsgedicht besungen werden kann, wenn der Bräutigam oder der beauftragte Verseschmied nichts für diese unweibliche Tugend übrig gehabt hätte. Der Jüngling ist in diesem Gedicht ein „verständiger, gebildeter“ und die Braut eine „Gefährtin“ – das sind, auch wenn man Rituale mitdenkt, recht moderne Gedanken. Die Idee von Liebesheiraten dringt nach und nach – unterstützt durch die neuere Literatur – in das Milieu der noch sittenstreng erzogenen (jüdischen, aber auch christlichen) Frauen ein. Jüdische Historiker klagten, romantische Vorstellungen hätten die unverstandenen jüdischen Frauen zum Abfall von ihrem Glauben verführt.

Dorothea hat sich im Alter bei Simon Veit entschuldigt und ihr Verhalten mit Starrköpfigkeit, Eigensinn, Heftigkeit, Leidenschaftlichkeit, unseliger Unruh, Unzufriedenheit und Phantasterei erklärt. Ein gewisses sträfliches Treiben nach etwas Fremden, Unbekannten habe sie umgetrieben. Womit sie die Jahre charakterisiert, in der die gewohnte Ordnung erschüttert und eine neue noch nicht etabliert war.

Hazel Rosenstrauch ist österreichische Schriftstellerin und Autorin Von ihr erschien zuletzt das Buch: Simon Veit: der missachtete Mann einer berühmten Frau Persona 2019, 112 S., 10 €

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06:00 25.01.2020

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