Straßen, die langsam sinken

Sisyphus in Tuzla Die bosnische Industriestadt war während des Krieges eine Insel der Gleichberechtigung inmitten nationalistischen Trennungswahns. Heute werden ihre Betriebe zum Nulltarif verkauft

Ich lebe noch und weiß nichts von dir", tönt im Autobus-Radio ein Schlager. Der Fahrer hat das Jackett ausgezogen, weißes Hemd, Krawatte, Weste. Neben ihm sein Kollege, der ihn irgendwann ablösen wird. Beide sehr korrekt in allen Gesten, doch einige Male beobachte ich ihre Arroganz gegenüber alten Bauern, die sich dennoch familiär-herzlich von ihnen verabschieden, als merkten sie es nicht. Auch in der Welt der Busse prallen zwei Kulturen aufeinander.

20 Minuten Pause an einem Ausflugslokal. Jeeps und ein kleines gepanzertes Gefährt brausen heran. Es sind italienische UN-Soldaten, sie grüßen in alle Richtungen und suchen vergeblich Kontakt. Eine Frau, die im Restaurant die Stühle abwischt und zwischendurch an ihrer Zigarette zieht, schüttelt lächelnd den Kopf wie über Kinder. Nur die beiden Fahrer und ich bestellen etwas, der Geldmangel drückt auf die Stimmung: die Reisenden gehen auf und ab und warten missmutig auf die Weiterfahrt. Ein türkischer Kaffee kostet eine Mark, hier noch gültige Währung als Konvertible Mark (KM), die in Wert und Aussehen der D-Mark gleicht.

In einem engen Tal trifft die Sonne gerade ins Flüsschen und scheint bis auf den Grund. Auf den Stufen einer Kirche lagert ein Schaf. Die Silhouette von Tuzla taucht auf, zuerst sind nur riesige Kühltürme, Schornsteine, Fabrikhallen zu sehen. Weiße Dampfwolken steigen auf.

Tuzla war im Krieg die einzige bosnische Region, die sich im politischen Sinne weder serbisch noch muslimisch oder kroatisch ausrichtete. Zu mehr als der Hälfte von Muslimen bewohnt, wurde dort stets eine sozialdemokratische, multiethnische Provinzregierung gewählt, die sich der Politik des bosnischen Präsidenten Izetbegovic in etlichen Fragen widersetzte. In der Industriestadt Tuzla, die sich genauso gegen die serbischen Karadzic-Truppen verteidigen musste wie Sarajevo und ebenso von allen Verbindungen, von Lebensmitteln und Strom abgeschnitten war, muss den ganzen Krieg hindurch ein anderer Geist geherrscht haben als in den übrigen Regionen. Darum war Tuzla die Liebe aller Nicht-Nationalisten, ein Muster, ein aufgeklärtes Versprechen.

Über einer Brücke hängt ein rätselhaftes weißes Transparent - "Die Fabriken den Polizisten. Die Straßen den Arbeitern!" Dann biegt der Bus schon in seine Station ein, ich werde abgeholt von Faris, dem Bruder einer Freundin. Und die Tuzlaer Wirklichkeit springt mich an.

Im Zentrum ist eine autofreie Einkaufszone neu errichtet. Dort hat Enisa ihre Galerie, wo sie auch Dinge des Künstlerbedarfs verkauft, Kunstgewerbe und Rahmen. Die Rahmen fertigt ihr Mann, früher ein bekannter jugoslawischer Basketballtrainer. Ich sitze mit Enisa und Faris vor dem Eingang ihrer Galerie in Caféhaus-Stühlen, und es tauchen, als wären sie gerufen, weitere Freunde auf. Der Siebte am Tisch ist für einige Momente der neue Bürgermeister mit dem schönen Namen Jasmin Imamovic. Er ist Jurist, hat während und nach dem Krieg zwei Romane geschrieben. Nun hat er den legendären Bürgermeister der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre, Selim Beslagic, abgelöst. Er bewegt sich in der Stadt ohne Etikette, ist lebhaft, aufmerksam.

Enisa ist schmal, extravagant gekleidet, sie rutscht in dem Plastiksessel, den sie zwei Mal ausfüllen könnte, hin und her, und wenn sich Kunden der Galerie nähern, springt sie auf. Sie ist wie ein Vogel. In der Rund sitzen auch der schweigsame Architekt Mujo Grbic, der Kunstkritiker Aleksandar Adamovic, genannt Aco (Aazo), der den Bürgermeister kulturpolitisch berät.

Enisa erzählt von ihrem Sohn, fünf Jahre alt, als der Krieg begann, sie erwähnt, wie sie sich quälte, als sie ihm das letzte Stück Schokolade gab. Er aber fragte nie mehr danach. Die Kinder seien viel klüger als vermutet. Warum steigen ausgerechnet in diesem Tuzlaer Straßencafé meine Tränen auf? Sie stecken eine ganze Weile im Hals und in der Nasenwurzel, ich will sie schlucken, konzentriere mich, aber wie in einem langsam um mich kreisenden Karussell sehe ich die Gesichter, die mir auf besondere Weise gut scheinen und mild. Irgendetwas entwaffnet mich, und die Tränen lassen sich nicht mehr zurückdrängen. Enisa beugt sich vor, ich sehe noch, dass auch sie weinen möchte. "Es ist nichts, das kommt noch von Sarajevo, wo ich mich verhärtet habe", sage ich, aber sie haben längst verstanden, dass es von der Entspannung in ihrer freundlichen Runde kommt, aber auch von ihrer Trauer, die sie nicht abstreifen können.

Die bosnische Trauer begleitet mich auf der Reise, und Furcht vor dem bevorstehenden Schreiben darüber kommt auf. Werden nicht die depressiven Berichte aus aller Welt unerträglich? Wieder etwas hinzufügen? Mit dem Ergebnis, dass die Resignation wächst? Eigentlich möchte ich über Menschen schreiben, die Widerstand wagen, und sei es der geringste.

Ich muss sie, wie sich allmählich zeigt, gar nicht irgendwo weit entfernt suchen, sie sind hier, schon in dieser Runde: Aco und Mujo haben mit Freunden eine Gruppe gegründet, die unter dem Leitmotiv einer ökologischen Ästhetik versucht, den Menschen die Plätze in der Stadt, leerstehende Gebäude, die Ufer des nahen Stausees als ihren Lebensraum bewusst zu machen. Sie initiieren große Aktionen und sind streitbar, wenn es darum geht, ihre Konzepte gegen Verwaltungen durchzusetzen. Revitalisierung ist das Losungswort.

Sie kämpfen, haben sich und ihre Stadt nicht aufgegeben. Doch ohne ihre Trauer wären sie nicht zu verstehen. Das Bild von ihnen wäre falsch. Ihre Trauer ist etwas anderes als das Ducken unter den Schreckensmeldungen in den Abendnachrichten, die uns oft wie Schläge treffen. Trauer ist ein Wissen, eine schwer erworbene Erfahrung, die sich alle gern erspart hätten. Sie sind verändert durch dieses Wissen, es ist nicht eine Schwächung, obwohl auch das sein kann. Trauer kann sich in Empathie verwandeln, in Milde, sogar in Leichtigkeit. Wenn sie da ist, sollte man sie nicht zu fliehen versuchen.

Nach Tuzla kamen viele Flüchtlinge, so auch aus dem Todesort Srebrenica und anderen aufgegebenen UN-Enklaven. 30 Kilometer vor der Stadt liegt eine Flüchtlingssiedlung, von Schweden erbaut. Die Ärztin Branka Antic-Stauber nimmt mich dorthin mit. Auch eine Lehrerin ist dabei, die mit den Kindern nachmittags lernt. Die Siedlung ist schön gedacht, ein richtiges Dörfchen von 40 sehr kleinen, aber stabilen Holzhäusern und einem größeren Gemeindehaus, locker auf die schräge Wiese zwischen Wäldern hingestellt. Zwei Zimmer Küche Bad, die Dächer tief gezogen, da trocknet Paprika, liegen Kürbisse, vor den Eingängen viele Schuhe. Rauch steigt aus den Häusern. Über allem gleiten lautlos Loren an einer Seilbahn, in den Bergen wird Kohle abgebaut. Zum Bus ist es ein Weg von 20 Minuten.

"Ist es einsam hier, so weit weg von anderen Orten?" frage ich eine alte Frau, die im Eingang des Gemeindehauses eine Weile schweigend neben mir steht. "Ach nein, unser Dorf war auch weit weg, daran sind wir gewöhnt. Nur - die Enge ..." In jedem Haus sind statt einer Familie, wie es die schwedischen Erbauer planten, zwei untergebracht. Der erste Blick auf das Dorf täuscht, keine Idylle, die Häuschen sind schrecklich überfüllt, denn die Familien sind groß, die sich in ihnen drängen.

Ein dicker Junge steht am Eingang. Er ist für Ärzte, Lehrer und andere Besucher wohl immer gern ein Helfer. Diesmal steht er provokant lächelnd da, antwortet auf keine Frage, bis er plötzlich lostrottet und die Kinder zum Lernen holt. "Oh, er wird schwierig, Pubertät", seufzt die Lehrerin. Die Kinder sammeln sich, fläzen sich auf den Stühlen, scheinen unlustig. Doch schon nach wenigen Minuten sind sie für Englisch gewonnen. Eine Sechzehnjährige kocht für die Gäste Kaffee in kleinen Schälchen. Sie hat vor einigen Tagen geheiratet, ich darf gratulieren, sie steht die ganze Zeit am Rand, tiefe Schatten unter den Augen. Für sie ist die Schule vorbei.

Auch der dicke Junge schaut nur zu, lernt nicht mit. Als wir schon gehen wollen, kommt seine Mutter zur Ärztin, zeigt ihr ein Rezept. Sie ist kleiner als ihr Sohn, blond, hat viele Zahnlücken, sie trägt einen lockigen kleinen Knaben auf der Hüfte, die von weiten Pumphosen eingehüllt ist. Der Vater ihres großen Sohns ist im Krieg umgekommen, und hier im Flüchtlingsdorf hat sie einen sehr alten Mann geheiratet, wird berichtet. Mit ihm hat sie den kleinen Sohn, zu viert teilen sie ein Zimmer. Der dicke Junge beobachtet uns ohne Unterlass mit seinem Grinsen.

So stehen wir alle unter dem Vordach des Gemeindehauses, es wird schon dunkel, da eilt ein Mädchen vorbei. Es kommt vom Bus, die Schultasche über der Schulter, enge Jeans, Jacke schmal, Haare kurz und präzise. Das Mädchen wirft keinen Blick auf die versammelten Leute, an denen es dicht vorbei gehen muss, und die ganze Erscheinung sagt unverkennbar: mit dem Flüchtlingsmilieu will ich nichts zu tun haben, ich werde alles tun, um es zu überwinden, ich werde weggehen, werde euch hinter mir zurücklassen und ein anderes Leben beginnen.

Auf der Rückfahrt kommen wir an der Industriezone vorbei, das seltsame Transparent hängt noch: "Die Fabriken den Polizisten, die Straßen den Arbeitern!". Branka, die Ärztin, erklärt es: In Bosnien hat die Privatisierung der Betriebe begonnen. Sie werden für zwei Mark verkauft, wenn der Interessent einen Plan für die weitere Entwicklung, Investitionen und Sicherung der Arbeitsplätze vorweisen kann. Es gilt eine gewisse Frist, meist zwei Jahre. Wurde dieses Muster nicht in Deutschland gestrickt, als es um die DDR-Industrie ging? Mir ist es gut bekannt. Bis jetzt würden vor allem italienische und slowenische Käufer auftreten, erklärt Branka weiter, ihre Ambitionen seien unklar. Die Perspektiven für die Tuzlaer Industrie kennt im Grunde niemand. Die vereinbarten Investitionen bleiben aus. Die minimalen Löhne werden noch ausgezahlt. Ihr Vater und ihr Bruder sind in einem dieser Betriebe angestellt. Sie haben 280 Mark im Monat, aber sitzen in den Werkhallen ohne Arbeit. Wenn es zu Protesten kommt, räumt Polizei die Betriebe.

Die Straßen von Tuzla sind seltsam schräg, eingedellt, wellig. Mujo erklärt mir: unter Tuzla liegt Salz. Es wird seit ewigen Zeiten abgebaut, darum sinkt die Stadt. Und während sie sinkt, langsam zwar, aber unberechenbar, reißen die Hauswände auf. Der Stadtkern mit historischen Straßenzügen ist längst zusammengekracht. Das alte Rathaus, wo wir den Bürgermeister suchen, finden wir leer vor, es wurde gerade verlassen, schneller als vorgesehen. Mujo steht überrascht vor dem leeren, mit einigen Plastikbändern abgeschirmten Gebäude. Ein weißes Blatt unter einer Folie gibt bekannt, wo der Stadtrat provisorisch untergebracht ist.

Ständig müssen Gebäude ausgewechselt werden, an der Stelle alter baut man neue, nicht nach einem großen Bauplan, sondern den Geheimnissen der allmählichen, aber zwingenden tektonischen Veränderungen folgend. So bildet sich ein eigenartiges Stadtbild, es bleibt unwillkürlich den gewachsenen Strukturen treu. Wenn historische Gebäude verloren gehen, scheinen sie noch einen Schimmer ihrer Aura zurückzulassen. Sie hält sich in den Grundrissen. In den Winkeln, die Gebäude und Straßen zueinander bilden, scheint etwas von der früheren Atmosphäre zu stecken. Tuzlas Geschichte ist im Kunterbunt der Stile noch zu spüren. Mujo hat einen der großen Salz-Säle gesehen, die unter der Stadt entstanden sind: absolute Stille, phantastische Akustik, Reinheit - ideal als Konzertsaal. Er träumt von der Nutzung dieser Säle, von der touristischen Attraktion, der Anziehungskraft. Beim Zuhören entstehen vor mir Bilder von Arenen mit glitzernden kristallinen Wänden, sicher falsch. Sie werden jetzt überflutet, gehen für immer verloren. Das Rettungsprogramm für die Stadt ist angelaufen, es basiert auf polnischen und eigenen Erfahrungen, ein Experiment: Höhlen, Gänge, unterirdische Räume werden über Jahre mit Salzwasser ausgepolstert. Tuzla wird dann vielleicht nicht mehr sinken.

Wird in 14 Tagen fortgesetzt mit: "Das Rätsel Belgrad".

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00:00 13.12.2002

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