Straßenköter

RÄUMEN UND DENKEN Rainald Goetz' Internet-Tagebuch 1998

Viel Spaß, da unten, im Dreck." Mit diesem Satz aus seinem Zeit-Artikel zur Love-Parade hatte Rainald Goetz im Sommer 1998 die linksliberale Intelligenz auf die Barrikaden getrieben. Hoch vom Techno-Truck amüsierte sich der Schriftsteller über verbiesterte Intellektuelle und fun-lose Altlinke, die noch im Schlamm von Diskurs und Politik wühlten, während die raving society längst lässig die Hüften schwinge. Über Goetz' Idealisierung des Techno zum Hort des neuen Widerstands müsste man nach Kosovo und Seattle noch mal diskutieren. Aber über eine Kontroverse wundert man sich schon noch, wenn man nach einem Jahr das Internet-Tagebuch nachliest, das der opinion leader der Raver zur gleichen Zeit veröffentlicht hatte. Denn eigentlich war er damals gerade in den Dreck heruntergestiegen. Im verfuckten Wedding, in der "verschissenen Stadt" Berlin, Zufluchtsort des Müncheners für ein Jahr, hatte er die "Botschaft der Strasse" empfangen.

Gut, dass Goetz sein minutiöses Protokoll nicht nur christomäßig als temporäres Kunstwerk hinterlassen, sondern doch als Buch veröffentlicht hat. Jetzt sucht man nicht mehr nach Pointen und Bekannten, sondern kann seine stringente Poetologie erkennen. Abfall für alle klingt wie eine ironische Persiflage auf den sozialdemokratischen Ladenhüter "Kultur für alle". Womöglich ist Goetz aber einer der letzten, der ihn ernstnimmt, so wie er für eine Kunst wirbt, die mitten aus dem Leben kommt, parallel zu ihm entsteht und für alle zugänglich ist. Natürlich ist das kein neuer Gedanke. Aber wie er ihn umsetzt, das verdient den Ehrentitel der äußersten, nervösen Zeitgenossenschaft: "Wirr und lapprig" windet er sich durch den Alltagskrieg. Kunst wächst aus dessen Abfallsplittern - zwischen Sockenwaschen, Zeitungsstapel wegräumen und dem Sinnesbombardement aus Faxen und Nachrichtenfetzen. Goetz geht zwar häufig einkaufen und nightclubben. Letztlich bewegt er sich aber doch mehr in Volksbühnen, Vernissagen und Kritikerempfängen als im Weddinger "Armutsgruselkabinett". Auch sonst verwickelt er sich in jede Menge Widersprüche. Mal preist er das Jetzt seines Lebens, mal schwant ihm, dass man nur, wenn man bleibt, Geschichte entwickeln kann. Er balanciert gerne auf dem Höhenkamm der Aufklärung. Das bewunderte "Schweigen der Bilder" wird zum Handkantenargument gegen die "Ordnung des Gequatsches". Paar Seiten weiter zwängt er dann aber doch alles durch das "Nadelöhr des Diskurses". Mal lobt Goetz das Feuilleton als "Reichtum" der "Weltsichtweisen", mal geisselt er es als "Interpretationspolizei". Obwohl der Betriebskritiker wie ein bissiger kleiner Straßenköter von Thomas Assheuer bis Elke Heidenreich selbst alles und jeden gekonnt anpinkelt. Goetz' letzte Erzählung Rave litt immer an dem apologetischen Grundzug, alle von der Tollheit des Techno oder der "Magie" von DJ Westbam zu überzeugen, wie in dem Materialband Celebration. Überzeugender ist er in diesem Tagebuch, wenn er sich wie ein Weltempfänger in seine Widersprüche verwickelt und sie abfackelt wie eine nach allen Seiten sprühende Wunderkerze.

"Ich verstehe den Sinn meines Lebens nicht" schreibt Goetz gegen Ende des Jahres. Abfall für alle ist der glückliche Notruf von einem, der den Kampf mit den allgegenwärtigen Dämonen des Welthorrors und der Selbstzweifel besteht, in dem er sie in die gut gelaunte Groteske wendet. Keine Minute langweilt er mit ewigen poetischen Weisheiten oder melancholischen Selbstrechtfertigungen. Ist die in kleinste Episoden mündlicher Rede aufgelöste Sprache, die der Fan von Alltagsgeräuschen und Alltagsfotografie der Techno-Szene, Harald Schmidt und den Prolls bei Aldi abge lauscht hat, eine Regression? Kann schon sein. Aber sie funktioniert noch, wenn er dem Aufdruck des "Mysteriums Kassenzettel": "Vielen Dank für Ihren Einkauf", den er nouveau-realistisch in den Text integriert hat, gut gelaunt "Ja, bitte gerne" antwortet. Diesem rasant-rotzigen Tonfall nimmt man manchen Blödsinn ab. Und Goetz' Rhetorik des Ungefähren und Beiläufigen ist einfach brilliant.

Goetz hat ein paar Sachen nachträglich geändert, Namen weggelassen. Da kommt zwar jede Menge Retuschier-Verdacht auf. Trotzdem bleibt Abfall für alle ein elektrisierender Stromstoß aus dem Verbindungskabel von Kunst und Welt. Auch wenn sie nicht jeder so hysterisch empfindet wie Goetz ist dieses Tagebuch eines Weltmeisters der kathartischen Polemik eines der wichtigsten, klügsten, witzigsten und traurigsten Bestandsaufnahmen über den Zustand von Literatur und Autor in unserer Zeit. Der Matador gegen jede aufgepumpte Kunstbedeutung und Protokollant des Unzusammenhängenden hat mit dem antiliterarischen Projekt Roman eines Jahres den Roman des Jahres geschrieben.

Rainald Goetz: Abfall für alle. Roman eines Jahres. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1999, 864 S., 49,80 DM

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