Straßenmusik: Von Bänkelsängern bis Bob Dylan

Fête de la musique 40 jahre Pariser Musikfest, mittlerweile in die ganze Welt exportiert – Straßenmusik war Tagesschau, Anti-Vietnam-Protest und ist heute Geschäft
Straßenmusik: Von Bänkelsängern bis Bob Dylan

Foto: Samuel Zuder/laif

A

Aufstand Während des Schlesischen Weberaufstands 1844 kam es zu Verhaftungen, als etwa 20 Personen vor dem Haus von Kaufleuten ein Spottlied sangen. Karl Marx schrieb im selben Jahr über „das Weberlied, diese kühne Parole des Kampfes“. In den 1960er, 1970er Jahren quäkt auf Europas Straßen Blowin’ in the wind (Onkel Willi), Dylans legendärer Protestsong. Es ist wieder eine Epoche, in der sich kritische Lieder in politische Botschaften verwandeln. Auslöser ist der Vietnamkrieg und die Folkwelle um Pete Seeger und Joan Baez. Jede Demonstration wurde von Agitprop-Balladen und der Klampfe begleitet. Parallel entstand in der DDR das politische Lied, im Rahmen der FDJ-Singebewegung, in der dann Pete Seegers progressive Lieder auf Deutsch adaptiert wurden. Auf den Straßen wurde Solidaritätsgeld gesammelt und in das runde Loch des Gitarrenkörpers geworfen. Die Hymne der französischen Rockband Zebda, Motivé!, hört man noch heute auf Pariser Protestdemos. Maxi Leinkauf

B

Bänkelsänger Heute erlebt man sie bestenfalls bei Mittelalterfesten oder im Theater. Was wäre die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill ohne die Moritat von Mackie Messer. „Moritat“ kommt von „Mord“, man sollte sich gruseln, gern mit Bildmaterial und oft mit moralisierender Pointe. Unterhaltung zu Zeiten, als viele kaum lesen und schreiben konnten und an Rundfunk, gar Fernsehen nicht zu denken war. Da haben fahrende Sänger (auch Sängerinnen gab es) auf ihrem „Bänkel“ Nachrichten verbreitet, sie priesen illustrierte Druckwerke an und nahmen mitunter Missstände aufs Korn. In Letzterem sind sie die Vorläufer mancher zeitgemäßer Liedermacher: Franz Josef Degenhardt, Konstantin Wecker, Bettina Wegner, Wolf Biermann … Aber das sind keine Straßenmusikanten. Und auch das Publikum ist anders: eilig, gestresst. Irmtraud Gutschke

F

Fête On va à la fête sagten wir an diesem Sommertag, an einem 21. Juni. Es begann an der Ecke Saint-Michel, da wo sonst der Algerier saß und virtuos den venezianischen Walzer zupfte (wer in Paris auf der Straße spielen darf, muss vom Rathaus eine Lizenz bekommen), stand nun ein junges Streichorchester, très chic, und spielte Beethovens Ode an die Freude. Die Europahymne. In einem angesagteren Viertel saß Thomas Dutronc auf einem Klappstuhl und spielte auf der Gitarre die „Marseillaise“, im Django Reinhardt-Stil, begleitet von einem Kontrabass. Der Sohn der Chanson-Legenden Jacques Dutronc und Françoise Hardy, auf der Fête de la Musique, unter vielen Laien. Denn jeder kann bei diesem Musikfest auftreten, Amateur- und Berufsmusiker, Performer, DJs. Die 1982 von der Regierung Mitterand und Kulturminister Jack Lang initiierte „Fête“ findet seither jährlich am Tag der Sommersonnenwende statt, mittlerweile in mehr als 400 Städten in 100 Ländern auf fünf Kontinenten. Es gibt eine Charta für „Das Europäische Musikfest“, eine Sonderbriefmarke und eine Münze. Auf dem Heimweg, morgens um vier, spielten sie noch. Maxi Leinkauf

K

Konkurrenz November 2021, ich bin am Strand von Tel Aviv und vernehme wunderschöne Töne: Die Sängerin Coral Bismuth steht hier, mit E-Gitarre und Mikrofon. Sie singt da ständig, wie ich später erfahre, aber das hält die Tel Aviver nicht davon ab, sich stets zu versammeln und ihr zu lauschen. Was sie darbietet, ist mehr als Straßenmusik, es ist ein Gratiskonzert. Meine Theorie: je größer die Stadt, desto besser die Straßenmusik. Wer in Paris, New York City oder Berlin jemanden für sich begeistern will, muss liefern. Mittelmäßiges gibt es in der Großstadt genug. Woanders krächzen schräge Vögel. Aber auch die haben sich das Kleingeld verdient, sonst gewinnt der freie Markt. Konstantin Nowotny

L

Leipzig ’89 Das eigenständige Musikmachen auf Leipzigs Straßen wurde in der DDR verboten – unter anderem, weil das dem Ruf als Musikstadt schade. Um ein Zeichen für die Legalisierung zu setzen, organisierten Oppositionsgruppen am 10. Juni 1989 ein alternatives Straßenmusikfestival, Freiheit mit Musik. Trotz staatlichen Verbots folgten DDR-weit Musiker der Einladung, spielten bis in die Mittagsstunden in der Innenstadt. Dann begannen Sicherheitskräfte, Musiker und Passanten gewaltsam zu verhaften. Doch bis in die Nacht spielten immer wieder Musiker an verschiedenen Orten, tanzten Menschen aus Protest – ein Impuls für den Herbst ’89. Tobias Prüwer

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Multiinstrumentalist Benjamin Stanford aka Dub FX braucht nicht viel für seinen Sound: Gitarre, Stimme, Loop-Station und ein paar Effektgeräte. Das war’s auch schon. Der 1983 in Melbourne geborene Beatboxer, Toaster und Live-Looper erschafft damit eine Musik, die nicht nur in den Fußgängerzonen der Welt funktioniert (wo alles angefangen hat und seine Freundin seine CDs verkaufte), sondern inzwischen auch auf den größeren Bühnen ( Sprungbrett).

Aber dieser fulminante DIY-Dub-Breakbeat, dieses irre Ein-Mann-Reggae-Ragga-Dubstep-Orchester ist auch etwas ganz Besonderes. Stanford beweist uns, dass jedes Geräusch zum Beat, zur Musik taugt – die Stimme gibt uns unendliche Möglichkeiten. Weiterhin lebt der immer erfolgreichere Benjamin Stanford das Leben eines Weltenbummlers, reist herum und konzertiert gelegentlich auch noch auf der Straße. Genau da, wo für ihn alles angefangen hat. Marc Peschke

N

Nachtigall Zu den aussterbenden Figuren originärer Schrägheit gehörte bestimmt die „Nachtigall von Ramersdorf“. Friedrich Steinhauer, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, streifte jahrelang in Westberlin durch die Kneipenszene und gab mit klarem, nicht immer treffsicherem Falsett klassische Schlager zum Besten; stets mit einer Plastiktüte in der Hand, in der sich seine verschiedenen Haarteile befanden, die er je nach Stimmung wechselte. Als Pionier der Genderfluidität trat er in Filmen von Rosa von Praunheim auf und hatte in seiner Hochblüte regelmäßig Gastauftritte im Westdeutschen Avantgardekino – von Herbert Achternbusch bis Klaus Lemke. Trotzdem war er ewig verkannt. Die Welt würdigte sein Drängen zur Musik und ins Rampenlicht nie genug, mitunter reagierte das unfreiwillige Publikum genervt auf die Nachtigall ( Panflöte). Und seine Erscheinung verlangte zuletzt Barmherzigkeit ab. Qualität und Quantität, das ewige Spannungsfeld. Marc Ottiker

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Onkel Willi Zu seinem Abschiedskonzert drängelten sich die Fans, unter ihnen der Oberbürgermeister, vor Münsters Rathaustreppe. Onkel Willi, der eigentlich Klaus hieß, spielte eine flotte Version von Blowin’ in the Wind (Aufstand) und begleitete sich selbst wie seit Jahrzehnten mit Gitarre, Mundharmonika und Schellenkranz. Als er bei seinen Auftritten noch stand, trug er außerdem eine dicke Pauke auf dem Rücken. Aber mit 70 muss man sich auch mal hinsetzen dürfen. Nach Wanderjahren, die ihn bis nach Indien führten, kam der ➝ Multiinstrumentalist 1978 nach Münster.Sein Repertoire war folkgeprägt, manchmal spielte er auch Vivaldi auf der Blockflöte. Als er im vergangenen Jahr mit 77 starb, trauerte eine ganze Stadt. Joachim Feldmann

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Panflöte Die Gruppe Peruaner im Folklore-Outfit schien uns auf den Fersen. Fuhr man nach Bonn, standen sie schon da mit der Panflöte, fuhr man nach Düsseldorf, lächelten sie zum Empfang und legten los. Ihr Spiel, obernervige Weltmusik (Wonderwall). Im Erdboden versinken, würde der Philosoph Robert Pfaller mich warnen, müsste ich, sollte ich den Gedanken, „die sahen irgendwie alle gleich aus?!“, heute äußern.

Schon meine Erinnerung sollte mir peinlich sein. In seinen Enthüllungen über die Scham beschreibt Pfaller, wie ungemütlich der Wind für dümmliche weiße Europäer wie mich im identitätspolitische Zeitalter pfeift. So einen „Poncho“ sollte ich mir besser nicht zulegen, sosehr ich damit schon liebäugelte. Kulturelle Aneignung! Katharina Schmitz

S

Sprungbrett Er stand Tag für Tag in der Dubliner Graftin Street, der rotblonde Typ mit dem Bart, dem Weltschmerzblick, typischer Busker. Glen Hansard spielte auf der Straße oder in den umliegenden Pubs. Er gründete eine Band, trat im Film Commitments (1991) auf. Später spielte er im Musikdrama Once sich selbst. Mit Markéta Irglová, seiner Filmpartnerin, komponierte er dazu die Musik, beide gewannen mit „Falling Slowly“ 2008 den Oscar für den besten Filmsong. Oder Zaz! Der französische Superstar. Vor ihrem Durchbruch im Jahr 2010 sang Isabelle Geffroy mit Laien ( Fête) in Montmartre und hatte kaum Geld für Essen. Ihr Debütalbum Zaz hat sich dann millionenfach verkauft. Maxi Leinkauf

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Wonderwall Jede*r kennt den Song von Oasis, erschienen 1995 auf dem Album (What’s the Story) Morning Glory? Alle, die mal eine Gitarre in den Händen gehalten haben, können ihn (leider) auch spielen. Das macht ihn wahrscheinlich bei Kneipen- und Straßenmusikern so beliebt. Seit ich eine Weile in Hamburgs Ausgehviertel nahe der Reeperbahn gewohnt habe, löst dieser Song in mir schwere Aggressionen aus. In den Sommermonaten konnte ich damals kein Fenster aufmachen, ohne eine – meist fragwürdige – Wonderwall-Interpretation wahrzunehmen.

Ich kenne den Song selbstverständlich auswendig, es gibt kein anderes Lied, das ich auch noch fehlerfrei wiedergeben könnte, wenn man mich morgens um fünf dazu nötigen würde. Selbst wenn ich ihn heute irgendwo höre, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Nichts wurde mir so sehr verleidet. Manchmal setze ich mich heute an eines der offenen Fenster in meinem Zimmer und höre, dass ich nichts höre. Welch ein Genuss. Clara von Rauch

Z

Zeitfenster Straßenmusik klingt nach Freiheit, Spontanität und Ungezwungenheit. Doch in Deutschland ist auch sie geregelt. Neben vorgesehenen Zeitfenstern betrifft das die Frage, wer überhaupt auf dem Asphalt auftreten darf. Nur wenige Städte wie Erfurt oder Köln dulden das öffentliche Musizieren. Die meisten Kommunen verlangen das Einholen einer sogenannten Sondernutzungserlaubnis. Im Münchner Rathaus müssen Bewerber sogar vorspielen, um ihre Eignung zu beweisen. Die Zahl zu vergebender Genehmigungen ist begrenzt, damit die ➝ Konkurrenz auftretender Musiker nicht zu groß wird. Dazu dienen auch Zeitfenster. Meistens ist zwischen 12 und 15 Uhr und ab 22 Uhr das Spielen ganz verboten. Je nach Stadt muss man alle 20 bis 60 Minuten den Platz wechseln. Das dient auch der Nervenschonung der Mitmenschen ( Wonderwall). Tobias Prüwer

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