Strategien fürs deutsche Schlafzimmer

Familienpolitik Die Parteien rüsten sich für den Wahlkampf. Die Menschen zum Kinderkriegen zu bewegen, wird inzwischen als nationale Aufgabe gesehen

Machen Kinder glücklich? Wenn sie erst mal da sind, offenbar schon, wie eine Studie vom Allensbach-Institut herausgefunden hat. Doch auch die Kinderlosen sind glücklich. Wenn ihnen etwas zum Glück fehlt, sind das jedenfalls nur in 17 Prozent der Fälle eigene Kinder. Den stagnierenden Geburtenzahlen wird mittlerweile eine dramatische Wirkung zugeschrieben. Die beharrliche Gebärverweigerung unter den Deutschen macht der Politik große Sorgen. Schließlich müssen die Sozialsysteme finanziert werden. Kinderlose kommen mehr und mehr in den Ruf einer verantwortungslosen Einstellung.

"Familienpolitik wird zunehmend zu einem Thema der Nation", wird Familienministerin Renate Schmidt (SPD) nicht müde zu verkünden. Immerhin haben inzwischen alle Parteien erkannt, dass Familienpolitik viel mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Frauen zu tun hat. Mit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) hat Schmidt das Ziel formuliert, bis 2010 die Betreuungsplätze in den westlichen Bundesländern zu verdreifachen. Nach wie vor steht dies unter dem Vorbehalt, dass genug Geld aus der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe frei wird. Doch ob die finanziell maroden Kommunen mit dem Geld nicht lieber ihre Haushaltslöcher stopfen ist unklar. Auch die Unternehmen setzt Schmidt auf den Prüfstand, schreibt Wettbewerbe für Familienfreundlichkeit aus, spricht mit Unternehmervertretern. Sie rechnet vor, dass Investitionen in flexible Arbeitszeiten oder betriebliche Kinderbetreuung den Unternehmen Renditen von 25 Prozent bescheren könnten.

Doch letztlich scheint alles doch nicht so einfach zu sein. Ein komplexeres Bündel von Gründen muss dafür verantwortlich sein, dass die Deutschen sich nicht gerne fortpflanzen, fanden die Allensbacher heraus. Zum Beispiel spiele es eine Rolle, dass die Menschen zunächst eine Ausbildung abgeschlossen und den Berufseinstieg geschafft haben wollen, bevor sie sich der "Familienphase" zuwenden. Viele Befragte gaben außerdem an, nicht den richtigen Partner oder die geeignete Partnerin für eine stabile Beziehung zu haben, in der man sich auch Kinder zulegt. Nur jeder Vierte halte gesicherte Betreuung für eine entscheidende Voraussetzung für eine Familiengründung. Der gerade noch amtierende Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) nutzte diese Ergebnisse denn auch gleich, um zu fordern, die Diskussion nicht auf die Betreuungsfrage zu reduzieren.

Auch wenn es vielen aus der Partei noch nicht so recht schmecken mag: Die CDU will jetzt ebenfalls ihre Familienpolitik in Richtung "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" aufpolieren. Die gerade mit überragender Stimmzahl in den Bundesvorstand gewählte Ursula von der Leyen ist eigens von Angela Merkel mit der Leitung einer Kommission beauftragt, die hierzu Konzepte ausarbeiten soll. Das noch im Bundestagswahlkampf 2002 propagierte Modell eines Familiengeldes hält von der Leyen offenbar für unfinanzierbar. Dagegen will die CDU mit einem überarbeiteten Familienbild nun endlich im Bundestagswahlkampf 2006 die städtische und weibliche Wählerschaft ansprechen, bei denen eingefahrener Wertkonservativismus nicht gut ankommt. Doch mit der CSU ist diese Wahlkampfstrategie noch nicht abgesprochen. CSU-Generalsekretär Söder spricht sich für eine nationale Bevölkerungspolitik aus, bei der das Ideal die traditionelle Kernfamilie bleibe.

Dabei könnten die konservativ regierten südlichen Bundesländer oberflächlich betrachtet sogar mit "Familienfreundlichkeit" punkten. Die Gegenden, in denen es den Familien am besten geht, werden laut "Familienatlas" des Prognos-Instituts, den Renate Schmidt kürzlich präsentierte, nämlich mit dem Attribut "Heile Welt" belegt. Dort sind die Menschen in Arbeit und Wohlstand. Die südlichen Bundesländer leuchten auf der familienanalytischen Deutschlandkarte in saftigem Grün. Die östlichen Bundesländer - und selbst die in der Studie als familienfreundlich erachteten Gebiete - hat man vorsichtshalber in öden Brauntönen gehalten, obwohl dort die Betreuungssituation ausgesprochen vorbildlich ist. Die Gewichtung der Kategorien und die Farbverwirrung trägt dazu bei, dass die Vergleichbarkeit der westlichen mit den östlichen Bundesländern in puncto "Standortfaktor Familie" nicht ernsthaft möglich ist. Am ehesten bestätigt der Familienatlas noch, dass in ländlich geprägten Gebieten, wo traditionellere Rollenvorstellungen dominieren, die Bereitschaft Kinder zu bekommen, größer ist.

Nicht den geeigneten Partner zu finden, heißt möglicher Weise auch, dass die Menschen davon ausgehen, nur als zweifache Verdiener das Armutsrisiko Kinder gering halten zu können. Doch das wichtigste Anliegen der Sozialdemokratin Schmidt ist nicht, als erstes die ökonomischen Risiken der Familienplanung auszuräumen. Mit ihrem kostspieligen Projekt Elterngeld wendet sie sich unumwunden an die privilegierte Schicht der Akademiker/innen, von denen derzeit circa 40 Prozent kinderlos bleiben. Jedes Kind aus einem bildungsnahen Haushalt ist für sie offenbar ein doppelter Gewinn, denn schließlich kann man sich bei deren Anhang wenigstens sicher sein, dass sie nicht in Sonderschulen landen. Für die Menschen mit Hochschulbildung will die Ministerin bis zu 2.100 Euro Elterngeld in Form einer Lohnfortzahlung locker machen und hofft, zugleich die Väter anzusprechen, indem sie diese mit einem zusätzlichen Monat Elternzeit lockt. Schmidt geißelt sogar das bislang unterschiedslos ausbezahlte Kindergeld als "Realsozialismus West". Das geht sogar der CDU zu weit, sie heuchelt Sorge und hält das Modell für sozial ungerecht.

Wen wundert´s da noch, dass so manche Instituts-Empfehlung nun auch für das Kinderkriegen während der Ausbildung wirbt. Das der Bundesagentur für Arbeit untergeordnete Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rät beispielsweise Frauen, die Familiengründung in die Ausbildung vorzuverlagern. Auch Renate Köcher vom Allensbach-Institut schlägt Studierenden vor, eine Familie zu gründen. Und Renate Schmidt appelliert an die Deutschen, ihr Sicherheitsdenken aufzugeben: "Wenn ich mir anschaue, was heute alles da sein muss, bevor man sich für ein Kind entscheidet: zwei absolut sichere Einkommen, satt was auf dem Sparkonto, möglichst eigenes Haus oder eigene Wohnung. Da übertreiben wir."

Berücksichtigt man dagegen die Tatsache, dass 2,8 Millionen Kinder (bis 15. Lebensjahr) in Armut aufwachsen, also fast jedes fünfte Kind, wirkt diese Aussage der Ministerin wie blanker Zynismus. Anstatt sich den Armuts- und Reichtumsbericht überhaupt nur anzusehen und über Verteilungsgerechtigkeit nachzudenken, kann sich auch die Bundesfamilienministerin durchaus vorstellen, dass junge Leute schon während des Studiums Familien gründen. Ob sie vor dem Hintergrund drohender Studiengebühren ein bestechendes Finanzierungsmodell bereit hält?


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00:00 04.02.2005

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