Strategien, Gegenstrategien und rote Linien

Konferenz Von 14. bis 17. Juni findet in Berlin die Literaturkonferenz "Ängst is now a Weltanschauung" statt. Lesen Sie hier den Keynote-Vortrag von Kathrin Röggla
Strategien, Gegenstrategien und rote Linien
Ein bisschen subtiler könnte die Kritik wohl verfahren. Nur wie?

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Das hätte ich jetzt gerne nicht gewusst, sagte kürzlich mein Mann zu mir, als ich ihm erzählte, dass ein Bekannter von uns beiden AfD-Anhänger ist. Er ist doch eigentlich ein ganz netter Mensch, fügt er hinzu. Und ich sage: Ja, aber er ist abgedriftet, er ist doch immer verschrobener geworden, oder? Unsere Facebook-Freundschaft hat ausgespuckt, was ich in einem kürzlich stattgefundenen Gespräch vermutet habe. Er postet nur noch AfD-Auftritte. Was ist mit ihm passiert, frage ich mich, spreche ihn aber erstmal nicht an, weil unser Alltagskontakt funktionieren muss und ohnehin schwierig ist. Ich kann mir einen Streit mit ihm nicht leisten. Wie willst Du hier künstlerische Strategien gegen rechts entwickeln, wenn du nicht einmal das machst, stellte sich mir prompt die Frage. Und doch – in dieser Situation sind einige. Man leistet sich gewisse Streits nicht, einerseits, weil man ja noch miteinander arbeiten oder in einem Haus leben muss, andererseits fühlt man sich, und fühle auch ich mich dafür irgendwie stets unvorbereitet. Eine verräterische Form von Unvorbereitungsgefühl.

Keine Sorge, ich will nicht auf eine Neuauflage von „Mit Rechten reden“ hinaus. Dieses Buch von Leo, Steinbeis und Zorn leistet viel, bietet wertvolle rhetorische Analyse auf verschiedensten Ebenen, tritt aber doch in weiten Teilen wie ein Beziehungsratgeber auf und schreibt so indirekt den Rechten den Status eines gesellschaftlichen Seismographen zu, bzw. den eines notwendigen Stolpersteins. Ich gehöre nicht zu jenen, die es toll finden, dass die Bundestagsdebatten jetzt dank AfD lebendiger werden, auch wenn ich finde, dass die Schwäche der Linken Teil des Problems ist. Die Raumtemperatur der öffentlich geführten Debatten, die man eher als Hasstemperatur bezeichnen könnte, irritiert mich wie so viele, und ich zweifle, ob diese Einstellung tatsächlich nur ein Luxus ist oder als Ignoranz beschrieben werden kann. Was passiert, wenn die Erregung ins Maximale geht – der hochrote Kopf von Anton Hofreiter und sein Zwischenruf bei einer Rede von Alice Weidel – „Das ist Nazidiktion!“ – ist mir da in Erinnerung. Es ist ja klar, dass diese Erregung Spekulation der Partei, ja aller Rechtspopulisten ist. Es geht um Provokation und maximale Sichtbarkeit, und man weiß, welche Sprüche man liefern muss, um das zu erreichen, und doch sind diese Sprüche nicht voluntaristisch, wir haben es nicht rein zufällig mit Angriffen auf Gedenkkultur und Rassismus zu tun.

Der Reiz nutzt sich ab

Dennoch ist die Hitze der Reaktion, die wütenden Repliken, die andauernde Beschäftigung mit ihren Sagern, das permanente Zitieren ihrer Hassreden, Teil der Strategie, eine Großpartei zu werden. Alles verläuft dann nur noch nach dem Reiz-Reaktionsschema, und der Reiz nutzt sich ab – was Teil des Problems ist, denn in Folge müssen andauernd stärkere Botschaften formuliert werden, die wiederum eine Verschiebung des gesamten Klimas zur Folge haben, auch eine Normalisierung von Hassrede. Österreich hat sich mehr als ein ganzes Jahrzehnt mit den Sagern von Jörg Haider beschäftigt, bevor seine Partei an die Regierung kam. Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erzeugen, das Suggerieren von Größe wie sie beispielsweise in Selbstbezeichnungen einer „Bewegung“ liegt – auch die AfD will ja beides sein: Bewegung und Partei –, oder die Inszenierung einer großen Internethassgemeinde, die in Wirklichkeit aus ein paar Trollfabriken besteht, sind programmatisch.

Deswegen ist jede künstlerische Strategie, die zu Dämonisierung und Vergrößerung mit beiträgt, ein Problem. Umgekehrt ist Ignoranz oder Verharmlosung auch keine Lösung. Irgendwie scheint es da kein richtiges Maß zu geben, klar ist nur, man wird Rechtspopulismus nicht in Diskussionsveranstaltungen auflösen können, so wunderbar das auch wäre, schon alleine, weil bei den meisten, zumindest bei aktiven Rechten kein Interesse an einer Diskussion zu erkennen ist, und auch, weil man es ja nicht mit Individualisten zu tun hat, sondern mit einer ganz schön organisierten Gruppe, (aber vielleicht auch wieder nicht so organisiert, wie ich mir das prompt vorstelle).

Zudem hat das Ganze System. Insofern geht für mich die beliebte Metapher der Droge Rechtspopulismus auch nicht ganz auf, wie sie gerade die Intendantin des Maxim Gorki Theaters, Shermin Langhoff, in ihrer mitreißenden Rede auf dem Pariser Platz anlässlich der Glänzenden Demo gegen die AfD vor zwei Wochen anwandte, es ist kein Substrat, dem ein Entzug Abhilfe schaffen kann, zu sehr ist er verbacken mit dem politischen System. Er ist eben auch eine Reaktion auf seine Krise, und die Nutznießer des rechtspopulistischen Instrumentariums stehen nicht unbedingt auf der Mitgliedschaftsliste der AfD oder FPÖ, sondern können durchaus auch bei der ÖVP oder CSU oder ganz woanders sitzen.

Eben fand die Gedenkfeier zum 25. Jahrestag des Brandanschlags in Solingen statt. Kanzlerin Angela Merkel versprach dort ein konsequentes Vorgehen gegen Rechtsextremismus und fand entschiedene Worte gegen Rassismus und hetzerische Reden, die die darauf folgenden Taten zumindest billigend in Kauf nehmen würden. Sie hatte allerdings auch rückhaltlose Aufklärung der NSU-Morde versprochen, damals, vor dem Beginn des Prozess im Oberlandesgericht München. Doch der NSU-Prozess, der in den nächsten Wochen nach über fünf Jahren zu einem Urteil kommen wird, erzählt uns, dass eine rückhaltlose Aufklärung derzeit gar nicht möglich ist, dass sie auch nicht gewollt wird, nicht vom Staatsschutz mit seinen V-Männern, und nicht von der Bundesanwaltschaft oder dem Richter, die den Fokus der Ermittlung begrenzt hielten. Für mich war dieser Prozess ein Lehrstück. Auch darüber, dass das Gericht in diesem Fall nur ein Instrument seiner Gesellschaft ist und im Rahmen der herrschenden Wahrnehmungsweisen agiert, selbst wenn im Gericht das Mittel der Nebenklage besteht. So wird Aufklärung zu einer relativen Sache, die zumindest in einigen Teilen am Rand des Prozesses stattfand. Neben der hervorragenden Arbeit vieler Nebenklagevertreterinnen, die zahlreiche Beweisanträge gestellt und ihr Wissen nun auch in einer Publikation veröffentlicht haben, waren mehrere künstlerische Interventionen erhellend wie z.B. das Künstlerkollektiv forensic architecture, das den Mord an Halit Yozgat im Kasseler Internetkaffee modellhaft nachstellte und dank der Datenauswertung zu dem Schluss kam, dass der V-Mann Andreas Temme nicht nichts mitbekommen haben konnte oder gar verstrickt gewesen sein musste.

Auch die große Plattform „NSU-Komplex auflösen“, bzw. das „NSU-Tribunal“ waren ein wichtiger Teil der Aufarbeitung. Rechtsanwälte, Kunstschaffende, Journalistinnen und Zivilgesellschaft arbeiten hier zusammen.
Mich konfrontierte der Prozess mit dem Ausmaß der Organisation des Umfeldes um den NSU, er brachte mich dazu, mich mit Neonazistrukturen zu beschäftigen und machte mir nicht nur klar, wie vernetzt und strukturell Neonazismus funktioniert, sondern auch wie der Staat anscheinend nicht in der Lage war, trotz Informiertheit durch V-Männer die Morde zu verhindern. Hört man wie z.B. im Spiegel von der offiziellen Zahl von 23.100 aktiven Rechtsextremen in Deutschland, die zu einem Teil mit Waffen versorgt sind, kann einem schon unheimlich werden.

Nicht jeder Rassist ist ein organisierter Neonazi

Natürlich, man muss unterscheiden – nicht jeder Rassist ist ein organisierter Neonazi, nicht jeder Nutznießer einer Hasskultur wird alles umsetzen, was diese vorgibt, aber es gibt einen Zusammenhang, der allzugerne geleugnet oder verharmlost wird. Es war z.B. verblüffend zu sehen, wie selbst im NSU- Prozess Normalisierungsstrategien und Verharmlosungsmomente auftraten. Nicht nur die abwegigen Beweisanträge der Verteidigung zum Thema „Volkstod“ und „Rudolf Heß“, auch das Buch „Inside Nazi“ von Angela Wierig wären hier zu erwähnen. Die ehemalige Nebenklagevertreterin scheint die Seiten gewechselt zu haben und ist dabei irgendwie in die Nähe einer publizistischen Verteidigung von Ralf Wohlleben geraten, was das Potential dieser Verwirrung erahnen lässt. Dahinein gehört auch die Dynamik, von staatlicher Seite, auch von öffentlich-medialer Seite, bei Rechtsradikalismus allzu oft Einzeltäter zu sehen, sozusagen verwirrte Einzeltäter. Ein Trio. Einer alleine. Durchgeknallte eben wie der OEZ-Attentäter von München. In Wirklichkeit war auch David S. vernetzt, hat mit seinesgleichen gechattet, immer mit rassistischer, antimigrantischer und faschistoider Rhetorik. Eben wieder einmal jemand, der weiß, was „wirklich“ los ist. Umgekehrt wurden die Opfer des NSU verdächtigt, selbst schuld oder verwickelt zu sein und sie und deren Angehörigen erlitten eine sekundäre Viktimisierung, wie es im psychologischen Fachjargon heißt, eine erneute Verletzung durch Polizei und Gericht. Warum erwähne ich das hier?

Um den Kontext klar zu machen, den Kontext der Nazidiktion, die plötzlich in den Parlamenten wieder Einzug hält, den Kontext der Codes, mit denen ganz bewusst gearbeitet wird, weil sie nicht justiziabel sind, aber für die Eingeweihten in einem gewissen Sinne verständlich, diese ganze Strategie der Unschärfe, mit der gearbeitet wird. Es ist vielleicht diese Verharmlosung und Normalisierung, die mich am meisten irritiert. So zu tun, als ob gewisse Äußerungen kontextlos seien und als ob die eigene Provokation ganz harmlos, ja normal wäre, gehört auch zur Strategie von rechts. In einem hitzigen Streitgespräch, das sich am 27.5. in Berlin zwischen Antifa-Demonstranten und AfD-Demonstranten auf dem gemeinsamen Heimweg der bis dahin von der Polizei fein säuberlich getrennten Demonstrationen ergab, ging es vermeintlich um die fein säuberlich zusammengerollte Deutschlandflagge, anhand der die AfD-Vertreter zu erkennen waren. „Was denn so schlimm an der wäre?“ fragten diese scheinbar arglos, das sei doch ein ganz normales Symbol. Sie verwickelten sich in ein absurdes Gespräch, bis eine aus der Antifa-Fraktion plötzlich sagte: „Es ist nicht die Deutschlandflagge, es ist das Symbol an diesem Tag, an diesem Ort.“

Man solle das nicht so ernst nehmen, meinte auch der Apotheker, der uns fragte, wozu wir eine glänzende Rettungsfolie brauchten. Die AfD drücke nur ihren Unmut gegenüber Angela Merkel aus, sagte er. Um es mit einer mittlerweile beliebten Redewendung auszudrücken: „Die machen sich auch nur so ihre Gedanken über Deutschland“. Dass diese Gedanken, einen Zusammenhang herstellen, dass die Hetzreden im Bundestag nicht zufällig, rein provokativ überspitzt daherkommen, sollte uns vor Augen bleiben. Und vielleicht scheint mir deswegen die Arbeit mit den Kontexten, also den Zusammenhang herzustellen, so wichtig. Und zwar nicht nur als reine diskursive Strategie, sondern auch durchaus künstlerisch, ob installativ, collagehaft, gestisch.

Dialog oder rote Linie?

Im öffentlichen Diskurs herrschten bisher meist zwei exemplarische Haltungen gegenüber Rechten vor: Die eine neigt zum Dialog und versucht miteinzubeziehen, die andere zieht eine rote Linie. Beide haben ihre Grenzen, in der Kunst müssen sie sogar in gewisser Hinsicht scheitern. Es fängt schon damit an, dass wir in einer Zeit der Ideologisierung von allem Möglichen leben, ob es um Sprache, Partizipation oder Repräsentation geht, die eine Munitionierung auf den vermeintlichen Fronten hervorruft, eine Ideologisierung in einem Kulturkampf, der von rechts inszeniert wird. Es ist eine Zeit der Polarisierung, die Ausschluss und Spaltung hervorruft. Und da scheint es keine Position zwischen den Fronten zu geben. Dass eine rote Linie gezogen werden muss, um nicht in den Bann einer ständigen Diskursverschiebung zu gelangen, ist klar, doch gleichzeitig möchte man selbst ja nicht ständig auf Linie sein, und schon gar nicht auf einer Linie, die einem aufoktroyiert wird. Die Autoren von „Mit Rechten sprechen“ weisen ganz richtig auf die Gefahr einer Gegenidentität hin, die es nicht anzunehmen gilt.

„Du hast schon verloren“, sagte auch kürzlich Durs Grünbein nach seinem Dresdener Gespräch mit Uwe Tellkamp zu mir, „wenn du dich auf Zahlen einlässt.“ Gemeint sind die Zahlen, die da immer kommen, die Statistiken, die Einwanderungsstatistiken, die Statistiken des Innenministeriums. Die Zahlen über Nachzügler. Geburtenraten, Sozialhilfegelder. Natürlich hilft es, sich vorher zu informieren, aber in dem Moment, in dem man sich auf die Argumentationen einlässt, ist man draußen. Diese Erfahrung beschreiben viele: Immer wieder gehe es darum, Argumentationen auszuhebeln, sich nicht nervös machen zu lassen, Kontexte aufzuzeigen, der Aufgeregtheit zu begegnen, und so ist es auch ein eher tänzerisches Vorgehen, welches ich bei Durs Grünbein in Dresden erlebte. Ein Problem dabei ist, gleichzeitig den emotionalen Teil der Sprechakte nicht ernst zu nehmen, d.h. die Aggression, die Inszenierung als Opfer, sowie auch den Argumenten, die oft nur auf Behauptungen beruhen, mit sachlicher Pointierung zu begegnen.

„Da ist niemand, da ist kein System, da gibt es keine Nomenklatura, die über euch wacht“, habe Durs Grünbein seinem Gegenüber bedeuten wollen, um sein Phantasma einer herrschenden Elite, die Sprechverbote austeilt zu begegnen. Ein Ostproblem? Keineswegs!
Die Fiktion einer Zensur, einer öffentlichen Tabuisierung gehört zur Rechten vermutlich schon lange vor Jörg Haider. Immer wird mit dem, „das wird man doch mal sagen dürfen“ gepunktet, als würde es andauernd verboten werden, bzw. als wäre es nicht zu hören. Auch Uwe Tellkamp gibt sich als Opfer einer „linken“ Hegemonie, die ihn in Shitstorms untergehen lassen werde. Wenn man nicht überall publiziert wird, ist man das Opfer von Zensur. Diese Bewegung eines Hin und Hers zwischen Arschlochverhalten und Opferdasein nach, zeichnen Leo, Steinbeis und Zorn in ihrem Buch nach. Durch diese Reibung am Gegenüber wird gewissermaßen ein Teil der eigenen Identitätsfindung nach außen delegiert.

Auch legitimiert das Phantasma des eigenen Opferdaseins – ob in der rechtsradikalen Vorstellung des „Volkstods“ oder ob in der der Zensur - natürlich die Gegenwehr. Auch wird jegliche Gegenstellungnahme schon als aggressiver Akt der Vernichtung wahrgenommen. Warum? Opfer sind nicht anzugreifen, sie sind nicht in Frage zu stellen. Diese Haltung wird von rechts nun ausgerechnet gegen Minderheiten, ja, sogar Kriegsüberlebende gerichtet, denen freilich dieser Status zuerst abgesprochen wird. Die Verdrehung von der Position der Schwäche in das Phantasma der Übermacht, die Verdrehung von der eigenen aggressiven Position in die einer der permanenten Getroffenheit, der Kampf um die Behauptung, wer das wahre Opfer ist, geht einher mit der simultane Behauptung, man sei die Minderheit und vertrete aber in Wirklichkeit die Mehrheit – also eigentlich alle, die Eigentlichen, die Wirklichen. Die anderen, die nicht alle sein dürfen, müssen gehen. Die anderen, die nicht alle sind, soll es nicht geben. „Lösch dich doch!“

Instrumentalisierung von Argumenten

Dazu gehört auch die Vorstellung eines alles beherrschenden Establishments. Einer Verschwörung von oben, manchmal jüdisch-kapitalistisch, gegen die man sich erheben muss. Der rechte Diskurs ist dabei ein paranoischer – und Paranoia ist bekanntermaßen eine Art der Komplexitätsreduktion. Es wird ein homogener Raum geschaffen, alles wird einer Logik untergeordnet, es wird pauschalisiert, was das Zeug hält, und so entstehen krude Argumentationen, denen man in kleinsten Teilen noch folgen mag, zerhackte Realismen, aber immer auf die üblichen Weltbilder und Lösungsstrategien hinauslaufend. Die Abgehängten, wird dann gesagt, die, die vom Abstieg sich bedroht fühlen. Die, denen es noch relativ gut geht, die aber Angst haben. Philip Manow oder Oliver Nachtwey haben das soziologisch aufgearbeitet. Auch im künstlerischen Bereich ist diese Dynamik seit Jahren thematisiert worden, in der Dramatik z.B. durch Werner Schwab, oder durch Elfriede Jelinek oder, kürzlich, Anne Lepper.

Zu den schon beschriebenen diskursiven Schwierigkeiten –Dämonisierung, Vergrößerung, ein bloßes reaktives Verhalten, d.h. man überlässt den Rechten die Themensetzung, die Übernahme von rhetorischen Mustern in der Negation, das allzuschnelle Eingehen auf Argumente, die nicht diskutierbar sind, weil sie auf rassistischen oder revisionistischen Vorannahmen beruhen – dazu kommt der Transfer und die Instrumentalisierung von Argumenten. Plötzlich hat man es mit den größten Feministen zu tun und den größten Fans der Menschenrechte, wenn man damit gegen den Islam mobil machen kann. Ja, manchmal ist es, wie der Islamwissenschaftler Stefan Weidner mir sagte, schon ein Problem, wenn man ihnen zu sehr ihre Themen glaubt. Der Übersetzer aus dem Arabischen und Verfasser der Schrift „Antipegida“ wirft ein, es geht nicht um das, was sie vermeintlich anbieten, genauso wie die deklarierten Feinde der Rechten ja nicht unbedingt die wirklichen Feinde sind, wie Isolde Charim in ihrem eben erschienen Buch „Ich und die anderen“ feststellt, und wie Demarkationslinien konstruiert werden, die gar nicht die wirklichen sind. Die notwendige Frage, woher ein Argument eigentlich herkommt, ist zu stellen, und welche Allianzen da eigentlich geschlossen werden. Was in einem Kontext noch nachvollziehbar, z.B. die Islamophobie der Berber in Algerien wird in Deutschland eben etwas anderes. Auch der schnelle Umschlag von Antiisraelismus in Antisemitismus hierzulande ist immer wieder zu beobachten, überlege ich in dem Gespräch. Ja, man soll ihnen nicht ihre Themen glauben, aber auch nicht ihre Einheit, füge ich hinzu – das ist nicht der eine große Block, der einem gegenübertritt. „Aber wenn du mich nach meiner künstlerischen Strategie fragst“, unterbricht Stefan Weidner meinen Gedanken, „dann wäre es das Übersetzen.“ Arabische Lyrik zu kennen verändere notgedrungen das Verhältnis zur islamisch geprägten Welt, Stereotypen und Islamophobie weichen da automatisch.

Die künstlerischen Gegenstrategien sind wahrlich breit aufgestellt. Sie reichen im aktivistischen Feld vom Vorschlag Josef Winklers, die Urne Jörg Haiders ins Gefängnis zu stecken, der ihm immerhin eine Klage eingebracht hat, über aktivistische Positionen des Zentrums für politische Schönheit, wie das Holocaust Mahnmal neben Björn Höckes Haus zu bauen, bis zu den workshops und Aktionen des peng! Kollektivs und hin zu solchen, die den Politaktionismus in ihr Theater integrieren wie die andcompany. Sie reichen von der Akademie des Verlernens, ob beim diesjährigen Theatertreffen oder vor zwei Jahren bei den Wiener Festwochen bis zum Theater Milo Raus oder dem von Yael Ronen. Vom Übersetzermodell Stefan Weidners, dem Toledo-Programm und den Grenzgängerprogrammen der Robert-Boschstiftung, bis hin zu öffentlich geführten europäischen Briefverkehren unter Literatinnen - sie sind alle unterschiedliche Variationen der Kommunikation entlang dieser roten Linie. Diese Kommunikation orientiert sich an ihrer grundsätzlichen Ausrichtung: Wen will man ansprechen, mit wem will man über was sprechen? Will man herausarbeiten, welche Dynamiken und Kräfte da am Werk sind oder die konstruierten Demarkationslinien verändern?

Es sind sich teilweise widersprechende Positionen, die sich schon alleine je nach dem Medium, bzw. dem spezifischen künstlerischen Feld unterscheiden. Viele Kunstschaffende würden es auch ablehnen, in ihren Werken direkt einen politischen Standpunkt zu vertreten, weil Ästhetik mit ihrer direkten politischen Instrumentalisierung in Konflikt gerät, und auch, weil Kunst eher der Ort des Nichtidentischen als des Identischen ist. Dieser Punkt ist mir tatsächlich einer der wichtigsten. Es geht in Texten, in Filmen, in Theateraufführungen, in Kompositionen nicht darum, Identitäten zu fixieren, oder auch nur zu präsentieren. Interessant ist hier immer die Bewegung, in die wir hineingeraten, die Zwischenfigur, die entsteht, das Ambivalente.

Es heißt, linke Strategien werden längst von rechts angewandt. Wir hören von Identitären, die eine Bühne performativ stürmen, Netzstrategien anwenden, das Hacken von Computern von selbst ausgemachten Gegnern unternehmen. Das Veröffentlichen von Wohnadressen, die Sichtbarmachung von sich im vermeintlich normalen bürgerlichen Leben versteckenden aggressiven Rassisten und Faschisten, habe ihr Spiegelbild in der Sichtbarmachung von Antifaschisten und Linken oder schlicht nur Widersprechenden. Es sind Guerillataktiken, die an die Grenzen des moralisch Legitimen gehen. Aber antwortet hier wirklich Gleiches Gleichem? Die aktivistischen Gegenstrategien sehen zumindest ganz schön anders aus: Z.B. fake-Liebesbotschaften, die versuchen, sich über den Hass im Netz zu erheben bzw. diesen lächerlich zu machen, in dem man Taktiken kopiert, umdreht und zur Schau stellt. „Reconcista Internet“ z.B. als eine Gegenstrategie zu „Reconquista Germania“. Man mag von Jan Böhmermann halten, was man will, seine Satire gegen rechts lässt erst einmal lachen und wirkt wie ein Gegengift gegen die Hassbotschaften. Die Liebestrolle von Rayk Anders zogen allerdings leider nur eine noch größere Hasswelle im Netz nach sich, und leider ist das Netzwerkdurchsetzungsgesetz kaum umsetzbar, solange Facebook und google nicht mitarbeiten. Sicher ist, die höchstmoralischen und höchstpersönlichen Angriffe der Rechten sind vielfältiger, unübersichtlicher, unerwarteter gewordenen, und sie ziehen oft rein moralische Antworten nach sich.

Politisierung im Sinne von Mouffe? Oder Ranciere?

Immer wieder stelle ich fest, wie empfindlich ich auf Moral reagiere. Sie betrifft stets eine Verurteilung einer ganzen Sache oder einer ganzen Person. Sie zielt auf ein Pauschalurteil ab und verkleinert eine Fragestellung gleichzeitig. Sie ist gewissermaßen unethisch. Jede rechthaberische und moralinsaure Aktion stößt mir auf, gleichzeitig scheint dieser innere Widerstand oftmals jegliches politisches Agieren zu behindern. Und doch, wenn man im Theater eine Überpolitisierung beklagt, dann möchte ich manchmal dazwischenrufen, nein, eine Übermoralisierung! Zudem geht es im Theater, in der Literatur eben nicht darum, Recht zu haben, sondern darum, auf der Linie zwischen Verstehen und Nichtverstehen entlangzugehen, zusammen mit anderen, mit denen ich mir nicht von vorneherein einig bin. Wir bräuchten insofern mehr Politisierung und nicht weniger. Aber Politisierung vielleicht in einem anderen Sinne, den von Chantal Mouffe oder, ganz anders, von Jacques Ranciere?

Mich hat jedenfalls derzeit eine große Unruhe erreicht. Ich sehe mich hin und herlaufen zwischen extrem aktivistischen Positionen und eher poetisch, komplexen, vielleicht manchmal rätselhaften. Grenzgängerische Positionen allesamt. Was mir unbrauchbar erscheint, ist das gängige Klischee: Haltungen vorführen, belehren, moralische Besserwisserei. Kunst ist schließlich auch eine Kommunikation mit seinem Publikum. Sie kann es beschimpfen, sollte es aber nicht für dumm verkaufen.

Und so will ich den Reichtum der Strategien und Positionierungen erst einmal so stehen lassen. Vielleicht brauchen sie sich gegenseitig auch. Und vielleicht kann die Widersprüchlichkeit nur durch Widersprüchlichkeit abgebildet werden? Ansetzen würde ich selbst erstmal bei meiner eigenen merkwürdigen Unvorbereitetheit im Gespräch mit meinem Bekannten – woher kommt die? Wo bin ich möglicherweise selbst an der Situation beteiligt, welche Ohnmachtsfiguren wirken in mir, welche Selbstungläubigkeit? Meine Theaterarbeiten adressieren direkt das Publikum, es hat kein Interesse, dieses zu belehren, aber auch nicht, in Sozialvoyeurismen auszubrechen. Es ist doch viel interessanter zu sehen, wo die Argumente giftig werden, an welchen Stellen sie sich umdrehen. Wie entstehen diese gespaltenen Realitäten in den Köpfen, die sich dem Autoritären anschließen, ohne zu bemerken, was für ein Schindluder mit ihnen getrieben wird, (wie an den zahlreichen anhängigen Betrugsprozessen in Österreich gegen Mitglieder der ersten ÖVP-FPÖ-Regierung zu sehen ist.) Wie funktionieren Ausblendungen, wie gehen diese Diskursverschiebungen von statten, warum diese Abspaltungen in einer politischen Welt, die selbst weniger mit Parteiprogrammen, sondern mit Moralismen und Identitätspolitik arbeitet? Diese Fragestellungen wurden und werden andauernd zu stellen sein. Sie sind vielleicht auch nicht ein für allemal zu beantworten.

Kathrin Röggla ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr: Nachtsendung: Unheimliche Geschichten im S. Fischer Verlag. Das Programm zur Literaturkonferenz Ängst is now a Weltanschauung finden Sie hier

18:53 13.06.2018

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