In der Fantasie zweier Mörder

Streaming Die True Crime-Miniserie „Landscapers“ weckt bei unserer Kolumnistin gegen ihren Willen Sympathie – für die Täter

Der Impuls, eine Geschichte über einen Mord als „zu Herzen gehend“ zu umschreiben, fühlt sich etwas absurd an. Umso mehr, wenn sie von einer realen Bluttat erzählt und Auslöser dieser Gefühligkeit nicht etwa das Schicksal der Opfer, sondern das der Täter ist.

Aber Susan und Christopher Edwards machen es einem – zumindest als Serienfiguren – leicht, sie zu mögen. Mehr noch: Sympathie für die kuriose Fantasiewelt zu empfinden, die sie sich aufgebaut haben. Eine, in der neben ihrer innigen Beziehung nur noch Devotionalien aus der Filmgeschichte Platz haben.

Die Miniserie Landscapers (Sky) stellt zunächst die recht bieder wirkende Ehefrau Susan vor. Kaum dass sie von einem Antiquitätenhändler auf ein neu eingetroffenes Originalplakat von High Noon aufmerksam gemacht wird, verändert sich etwas an ihr. Mit kindlicher Freude wählt sie eine von ihren Dutzenden Kreditkarten aus, um Geld zu investieren, das sie nicht hat.

Olivia Colman kann auch anders

Dass dieses geradezu infektiöse Strahlen ausgerechnet durch Olivia Colman verkörpert wird, überrascht angesichts der Figuren, die ihr in den letzten Jahren zunehmende Bekanntheit eingebracht haben. Nach Auftritten als Queen Elizabeth II. im Netflix-Hit The Crown oder als manische Königin Anne in The Favourite gehören weder Herzlichkeit noch Liebenswürdigkeit zu den Charakterzügen, die man mit ihr in Verbindung bringt. Das mag allerdings mehr an den Rollenangeboten liegen, die die Filmwelt für mittelalte Frauen gemeinhin bereithält, als an der emotionalen Bandbreite, die die Britin offensichtlich bespielen kann.

Nicht minder überzeugend spielt David Thewlis als ihr etwas mehr der Realität verhafteter Ehemann Christopher. Als Susan mit ihrer jüngsten Entdeckung in die karge Pariser Wohnung zurückkehrt, muss er sie an ihre finanziellen Nöte erinnern. Ihm ist es angesichts der Sprachbarriere noch nicht gelungen, einen Job zu kriegen. Doch derlei Weltliches ist ihre Sache nicht. Was nicht in Susans sorgsam kuratierte Lebensauffassung passt, wird weggelächelt. Aus aufrichtiger Zuneigung heraus ergibt sich Christopher regelmäßig ihrem Optimismus, teilt ihn aber nicht.

Das ist die Grunddynamik, die Drehbuchautor Ed Sinclair seiner Interpretation der Ehe der Edwards zugrunde legt, die 2014 jeweils zu mindestens 25 Jahren Haft für Mord aus Habgier an Susans Eltern verurteilt wurden. Die Tat ist da bereits 16 Jahre her, aktiv gesucht wird nicht nach ihnen. Erst als Christopher seine Stiefmutter anruft, um sie um Geld zu bitten, und ihr alles erzählt, werden die Behörden auf sie aufmerksam.

Romatisierung der Tat

Wohl auch aufgrund der Perspektivlosigkeit begibt sich das Paar auf Bitten der Polizei freiwillig aus dem Exil zurück in die britische Heimat. Regisseur Will Sharpe inszeniert die darauf folgenden Befragungssequenzen nicht als klaustrophobisches Kammerspiel, wie man es von zahlreichen True-Crime-Formaten kennt. Mit für das Genre untypisch hohem cineastischen Anspruch erweckt er die Schilderungen des Ehepaars zum Leben.

Wenn Susan die Ermittler glauben machen will, dass ihr Vater durch ihre Mutter zu Tode kam, steht sie gemeinsam mit ihnen an einer Traumversion des Tatorts. Susan selbst hält den Revolver in der Hand, wenn sie zu Protokoll gibt, sodann im Affekt die Mutter getötet zu haben, nachdem die ihr gestand, dass sie vom jahrelangen Missbrauch der Tochter durch den Vater wusste. Blutrot erleuchtet, nimmt Landscapers dann plötzlich die Form eines Thrillers im Stil von Alfred Hitchcock an.

Derartige Sprünge zwischen den Filmgattungen wagt die Miniserie immer wieder. Sie fügen sich hervorragend in die filmische Fantasiewelt ein, in die sich die Edwards stürzten. Selbst aus der Zelle heraus imaginiert sich Susan als Westernheldin, die sich an der Seite ihres Mannes gegen die Obrigkeit zur Wehr setzt. Die Aufklärung der Tat und ihre tatsächlichen Motive werden da fast zum lästigen Beiwerk.

Ob bei der Fiktionalisierung einer solchen Tat derart romantisiert werden darf? Drehbuchautor Sinclair, der angibt, für die Hauptrolle von Anfang an seine Frau Colman vor Augen gehabt zu haben, dürfte es mit der Heldin halten: „Immer das Schöne im Leben zu sehen, auch wenn es schwer zu finden oder manchmal gar nicht existent sein mag – das ist der Sinn von Geschichten, des Kinos, und mehr noch: der Liebe“, heißt es an einer Stelle.

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