Streikbrecher

Linksbündig Im Konflikt von Wahrheit und Loyalität

Ich arbeite an einer Universität. Als wissenschaftlicher Angestellter. Die Gewerkschaft ruft für zwei Werktage in der letzten Vorlesungswoche des Wintersemesters zum Streik auf gegen die Verlängerung der Arbeitszeit, gegen die Verringerung von Einkommen.

Ich bin in einem Milieu aufgewachsen, das der Gewerkschaft gegenüber so loyal ist wie viele andere es der Kirche gegenüber sind. Aber auch jenseits dieser Loyalität: Ich halte es für richtig, wenn Sekretärinnen und technische Angestellte sich dagegen wehren, dass ihre Arbeitszeit verlängert wird. Wenn 18 Minuten pro Tag keine Rolle spielen, wie die Arbeitgeber spotten, dann kann man die wöchentliche Arbeitszeit ja auf 37 Stunden reduzieren: 18 Minuten täglich weniger. Sie fallen nicht ins Gewicht. Ich persönlich arbeite immer schon mehr als 38,5 und auch mehr als 40 Stunden pro Woche. Aber ich arbeite auch unter privilegierten Bedingungen.

An den Tagen, an denen nach dem Willen von ver.di gestreikt werden soll, sind Klausuren vorgesehen. Ohne diese Klausuren erhalten die Besucher der Seminare keinen Schein. Nach der letzten Semesterwoche kehren viele Studenten in ihre Heimatorte zurück, die nicht immer mit dem Studienort identisch sind. Noch mehr gehen jobben, weil sie sich anders ihr Studium nicht leisten können. Kurz: Eine Verschiebung der Klausuren ist nicht möglich. Ich muss sie abhalten, wenn ich den Studenten nicht schaden will. Die Umstände machen mich zum Streikbrecher. Das ist für mich so, wie es für einen den Kirchengänger wäre, wenn er vor einem Altar die Hosen herunterzöge.

Mein Problem. Mein Problem? Macht es nicht deutlich, dass auch bei gewerkschaftlichen Forderungen differenziert werden sollte? Mir erscheint es nicht so schrecklich, bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten zu müssen. Ich habe Kollegen, die vor dem Ruhestand mehr Angst haben als vor der Arbeit. Das kommt: Wir dürfen befriedigende Arbeit verrichten. Das gilt aber für die Mehrheit der Arbeitenden nicht oder nur gelegentlich. Unsere Interessen lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Auch wenn wir alle keine Unternehmer sind, auch wenn wir alle mit den Gewerkschaften sympathisieren.

Das ist nicht weltbewegend. Aber es würde der Ehrlichkeit - und auch den Problemlösungen - dienen, wenn man es ab und zu ausspräche und berücksichtigte. Die Wahrheit auszusprechen kostet aber gelegentlich Überwindung. Vor allem dann, wenn man sich durch Loyalitäten gebunden fühlt, die durch eine Wahrheit gefährdet erscheinen.

Noch vor den Angestellten im öffentlichen Dienst streikten an unserer Universität die Studenten. Nicht, wie 1968, gegen einen Krieg, nicht gegen eine Politik, welche die Ausbeutung polnischer Putzfrauen oder die Massenentlassungen in Großbetrieben ermöglicht, sondern gegen die Verschlechterung der eigenen materiellen Bedingungen. Immerhin. Wenn schon nicht politisch, dann wenigstens syndikalistisch - das ist allemal sympathischer als das Bierzeremoniell einer Burschenschaft oder der privatistische Rückzug in die Disco. Aber ist Streik in diesem Fall die geeignete Protestform? Wo ist der Unternehmer, der dadurch unter Druck gesetzt würde? Wo die Analogie zum Kampfmittel einer solidarischen Arbeiterklasse?

Die Studenten wehren sich gegen die Einführung von Studiengebühren. Und wiederum: Dafür haben sie mein volles Verständnis. Aber wem will und kann man begreiflich machen, dass man sich das Recht auf gebührenfreies Studium sichern will, indem man das gebührenfreie Studium bestreikt? Statt vom Studienangebot verstärkt Gebrauch zu machen, solange es nichts kostet, statt Seminarräume zu besetzen und gebührenfreie Lehre zu erbitten oder nötigenfalls zu erzwingen, sobald die Gebühren eingefordert werden, bleiben die Studenten den Seminaren und Vorlesungen fern. Ein Teil von ihnen nimmt an Demonstrationen teil und stellt so für die berechtigten Forderungen der Studenten Öffentlichkeit her. Das ist die Positivbilanz.

Aber der "Streik" danach, die gedankenlose Nachahmung einer anderswo historisch gewachsenen und logischen Kampfform, die Etablierung einer Wohngemeinschaft im Eingangsbereich des Kollegiengebäudes, wo zwar ausgiebig geschlafen, aber wenig gelesen und (gebührenfrei!) studiert wurde, beweist leider nur die Hilflosigkeit studentischen Protests in einer Zeit der Profitmaximierung und der Bildungsfeindlichkeit. Es gibt keinen Grund, das hämisch zu kommentieren. Vielmehr muss es einen mit Trauer erfüllen. Aber wahr ist es doch.


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00:00 17.02.2006

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