Streit um Gottes Willen

Heiliger Zorn Der reaktionäre Bischof Walter Mixa ist längst fort. Doch in Augsburg hat der Streit um ihn brave Kirchgänger zu Wutbürgern gemacht – wohl für immer

Dass sie sich einmal gegen ihre Kirche auflehnen würde, hätte sich Schwester Benedikta nie träumen lassen. Sie kommt aus einem engagierten, aber streng katholischen Elternhaus im noch strenger katholischen Augsburg. Hier im Bistum sind noch beinahe zwei von drei Einwohnern Katholiken, sonntags ist der Gang zur Messe gesellschaftliche Pflicht, besonders auf den Dörfern. Schwester Benedikta ist seit fast 50 Jahren Dominikanerin. Eine Angepasste sei sie nie gewesen, sagt sie, aber öffentlich aufgemuckt habe sie bisher auch nicht. Doch was genug ist, ist genug. Jetzt steht sie im Foyer ihrer Gemeinde, um ihre Mitchristen zum Protest aufzurufen. Ihre Rede hat die 71-Jährige sorgfältig vorbereitet, aufgeschrieben und zum Schutz in eine transparente Plastikfolie gesteckt.

Den Namen des Mannes, um den es in der Rede geht, spricht sie nicht aus. Aber es ist eindeutig Bischof Konrad Zdarsa, der Nachfolger des konservativen Bischofs Walter Mixa, der 2010 wegen Prügel- und Missbrauchsvorwürfen seinen Hut genommen hat. Im Widerstand gegen Mixa haben einige Gläubige das erste Mal die Luft des Widerstands geschnuppert und sich über die Dörfer hinweg vernetzt. Zdarsa, der aus Görlitz nach Augsburg wechselte, sollte danach eigentlich Ruhe ins Bistum bringen. Doch nun lehnen sich die Katholiken massenweise auch gegen ihn auf, überall im Bistum. Sie erbost eine Strukturreform, die sogenannte „pastorale Raumplanung 2025“. Doch die war nur der Auslöser. Er hat unter den Gläubigen ein Feuer entfacht, das nun weithin sichtbar macht, was zuvor kaum jemand für möglich hielt: Dass sich die Wutbürgermentalität selbst unter den friedfertigsten Kirchgängern ausbreitet und dort festsetzt.

Die Hauptpunkte des Anstoßes: Zdarsa will die mehr als 1000 Pfarrgemeinden zu gut 200 Pfarreigemeinschaften zentralisieren. Außerdem will er kleinen Gemeinden verbieten, sonntags ohne Priester Gottesdienste zu feiern. Bislang ist das möglich, sofern dabei kein Laie das Abendmahl austeilt. Wer aber künftig zum Gottesdienst gehen will, fürchten die Kritiker, wird dann lange Wege bis zur nächsten Kirche mit Priester auf sich nehmen müssen.

Der neue Bischof sollte eigentlich den Vertrauensverlust durch Mixa wieder gutmachen. 2010, dem Jahr des Mixa-Desasters, traten 12.000 Katholiken im Bistum Augsburg aus der Kirche aus, fast dreimal so viele wie im Vorjahr. Zdarsa versprach zunächst auch in einem Hirtenbrief einen „respektvoll vorgenommenem Dialog“. Doch umgesetzt hat er das bislang nicht. Stattdessen verkündete der 67 Jahre alte Bischof seine Entscheidungen in einem Brief – und das in herkömmlichem Bürokratendeutsch: Er sprach von einer „Neuordnung der pastoralen Räume“, der notwendigen „Verwaltungsreform“, „personeller Neubesetzung“, Räten, Gremien und von der Wichtigkeit der „Letztverantwortung“.

Heiliger Zorn auf jedem Dorf

„Mich ärgert die Methode, dass er nur einen Brief schickt mit Ergebnissen“, sagt Schwester Benedikta. Natürlich müsse die Struktur des Bistums neu überdacht werden, aber nicht am weißen Tisch und nicht 13 Jahre im Voraus. Journalisten des Donaukurier antwortete der Bischof auf die Kritik: „Kirche ist keine Demokratie.“ Bei grundlegenden Fragen dürfe man sich nicht von Stimmungen leiten lassen. Und überhaupt: „Ich habe mir diese Aufgabe nicht ausgesucht.“

Gegen Mixa hatte sich nur eine eng vernetzte Gruppe von Kritikern zusammengefunden, die in einer „Pfingsterklärung“ Reformen forderte. Heute dagegen sprießt der Widerstand in jedem Dorf. Viele wollen eine Erklärung, ein Statement oder einen offenen Brief an Bischof Zdarsa veröffentlichen. Die Gläubigen haben Gefallen daran gefunden, ihre Meinung zu sagen, und da sich immer mehr trauen, ist jetzt Kritik selbst am Sonntag nicht tabu.

Schwester Benedikta hütet sich vor direkten Angriffen auf den Bischof, sie will den Konflikt nicht unnötig anheizen. Die Kritiker im Bistum haben sich auf der Homepage pfingsterklärung.de – die weiter als eine Art Denkfabrik aktiv ist – zu einer gemeinsamen Aktion abgesprochen. In etwa 150 Gemeinden wollen die Gemeindeglieder ihre Kirchen in langen Menschenketten „umarmen“. Es ist eine Aktionsform aus dem angloamerikanischen Raum, die die Augsburger Protestanten schon vor Jahren mal ausprobiert haben. Schwester Benedikta hofft, dass der Bischof sich auf einen echten, offenen Dialog einlässt, wenn er sieht, dass die Gläubigen nicht aus Spaß am Widerstand, sondern aus Liebe zu ihren Kirchen handeln. Und dass sie viele sind.

Schwester Benedikta ist typisch für den neuen bayerisch-katholischen Wutbürger: interessiert und engagiert, aber bislang nicht in höheren Zirkeln der Kirche aktiv – geschweige denn gegen sie. Doch die Kirche zu umarmen sei etwas anderes, als mit Plakaten zu demonstrieren, das ist Schwester Benedikta wichtig. Die 71-Jährige hält nichts von Demonstrationen. Auch katholische Laienorganisationen wie „Wir sind Kirche“, die stets für aufsehenerregende Forderungen gut sind, bleiben ihr suspekt. Doch schon damals, als der Konflikt um Mixa sich immer mehr zuspitzte und der Bischof herumlavierte, anstatt zu gehen, war sie empört. In dieser Zeit stieß Schwester Benedikta auf die „Pfingsterklärung“ und war sofort Feuer und Flamme. „Das war nicht nur negativ, das war konstruktiv“, sagt sie. Sie unterschrieb und versuchte erstmals, ihr Umfeld von einer neuen, kritischen Bewegung zu überzeugen. Das hat sich seither nicht verändert.

Schwester Benedikta tritt stets freundlich und zurückhaltend auf, Demut schwingt in jedem ihrer Worte mit. Doch so freundlich sie auch lächelt, so apart sie das „r“ rollt, man sollte das nicht für provinzielle Naivität halten: Schwester Benedikta ist promovierte Theologin, sie hat sechs Jahre an der Universität München gelehrt, bevor sie sich ganz in Augsburg niederließ. Heute ist sie die Einzige in ihrem Orden, die keinen Schleier trägt. „Ich bin von meinen Einstellungen her keine verschleierte Frau“, sagt sie. Sie vertritt ihren Orden im Pfarrgemeinderat und entscheidet dort mit den anderen Vertretern – der Kirche, des Kindergartens, des Chores – über die Zukunft ihrer Kirche Sankt Moritz in Augsburg.

Die Provinz will Priesterinnen

Mit ihren Ratskollegen steht sie auch am Sonntag des Kircheumarmens vor dem Gottesdienst im Foyer und bespricht Details: Wer sagt was, wer fängt mit dem Umarmen an, und gibt es hier überhaupt Handyempfang? Schließlich will man ja die Lokalpresse zum Foto einladen, wenn genug Leute mitmachen. Na klar, sagt der Küster, er telefoniere hier ja oft per Handy. Der Küster ist jung, rotbackig und ganz dabei. Auch der Pfarrer, der aufgeregt mit den Augen zwinkert, wirkt mit seinen 47 Jahren fast noch jugendlich.

Damit gehört Sankt Moritz zu den wenigen jungen Ausnahmen im alternden Bistum. Gut 930 Priester gab es 1990, heute sind es nur noch etwa 670 – fast die Hälfte davon ist älter als 70 Jahre. Auch in Bayern wollen immer weniger Männer das Priestergelübde ablegen. Die Gemeinden vor Ort merken diesen Mangel natürlich, doch im Gegensatz zu Zdarsas Plänen wollen sie deshalb mehr statt weniger Kompetenzen.

Die Katholische Landvolkbewegung (KLB) ist einer der vielen kleinen Horte des Widerstands, die heute so mutig wie noch nie ihre Forderungen stellt: „Heißt es heute: Ein Pfarrer hat acht Pfarrgemeinden, müsste es nach unserer Sicht heißen: Acht Pfarrgemeinden haben einen Pfarrer“, fordert die KLB in einem Schreiben an Zdaras. Dafür sind dem Kirchenvolk auch der Zölibat oder weibliche Priester kein Tabu mehr. In den diplomatischen Worten der KLB-Bischofskritiker heißt das: „Wir bitten auch zu prüfen, ob Gott nicht schon längst Menschen zum Priesterlichen Dienst beruft, die aber unter den momentan gültigen Weihezulassungsbedingungen noch immer von diesem Dienst ausgeschlossen werden.“ Ausgerechnet das Landvolk sieht sich der Kirche in Sachen Modernität einen Schritt voraus: „Während die Mehrzahl der Gläubigen im heute lebt, ziehen sich nicht wenige Priester zurück auf Vergangenes.“

Sie beten: „Befreie uns“

Schwester Benediktas Kirche, Sankt Moritz, ist von den Reformplänen des Bischofs nicht betroffen. Sie liegt an einem der Hauptplätze Augsburgs, hat viele aktive Kirchenmitglieder und ihren eigenen Priester. Auch das Geld reicht, die Kirche wird gerade nach Plänen des britischen Stararchitekten John Pawson modern neugestaltet. Doch dass es in ihrer Kirche so gut läuft, ist für die Sankt-Moritzer eher ein Argument gegen die Zentralisierungspläne des Bischofs: Vor Ort geht es am besten. Deshalb, so reden Schwester Benedikta und Pfarrer Haug der Gemeinde zu, müssen sie auch in Sankt Moritz ihre Kirche umarmen.

In seiner Predigt spricht Pfarrer Haug nicht über Geschichten aus der Bibel, er spricht über den Widerstand. Vorige Woche sei eine Frau zu ihm gekommen und habe Kritik an den Plänen des Bischofs verurteilt: Man müsse doch den Willen Gottes ausführen. Doch Haug sagt: „Den Willen Gottes besitzt niemand, auch kein Priester oder Bischof.“ Alle müssten sich immer wieder gemeinsam fragen, was Gottes Wille ist. Haug sagt, dass auch Jesus viele ganz unterschiedliche Jünger um sich geschart habe – und stets mit ihnen diskutierte. So müsse es auch heute gehen. Als die Messe vorbei ist und das Umarmen gegen den Bischof beginnen soll, geht etwa die Hälfte nach Hause. Der Geist des Widerstands hat noch nicht das ganze Kirchenvolk erfasst.

Die, die bleiben, hören Schwester Benedikta zu, die ihre Ansprache vorliest, von Dankbarkeit und Solidarität spricht. Sie hat auch das Gebet geschrieben, das die Gemeinde nun zusammen aufsagt. „Befreie uns von Hierarchiedenken und Machtansprüchen“, heißt es darin. Dann gehen sie alle aus dem Raum, einer nimmt die Hand des Anderen, bis sie die Kirche halb umfasst haben. Weiter kommen sie ohnehin nicht, da die andere Seite des Gotteshauses direkt an andere Gebäude grenzt. Als die Kette zum Stehen kommt, singen sie den Kanon: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Ihrem Ziel, dem Dialog mit dem Bischof, kommen die Kirchenumarmer durch ihre Aktion immerhin einen kleinen Schritt näher. Mitte März hat sich Zdarsa erstmals seit dem Konflikt mit den Mitgliedern des Diözesanrats getroffen, der Laienvertretung. Anschließend bekunden beide Seiten in einer gemeinsamen Presseerklärung ihren guten Willen. Viele Punkte seien bereits geklärt worden. Zugleich demonstriert der Sprecher des Bistums Reue und gesteht ein, dass bei der Kommunikation nicht alles perfekt gelaufen sei. Doch der neue, versöhnlichere Ton dürfte spätestens dann auf die Probe gestellt werden, wenn es an die konkreten Streitpunkte geht. Hier gibt der Sprecher des Bischofs weniger Anlass zur Hoffnung: Vieles sei schon in die Wege geleitet. Soll heißen: Der Dialog beschäftigt sich wenn überhaupt mit Details der Reform, nicht mit deren Grundfesten.

Schwester Benedikta und die anderen müssen derweil abwarten, was beschlossen wird. Wieder einmal. Große Hoffnung hat sie nicht: „Die Fronten verhärten sich gerade eher.“ Um Ostern herum will Bischof Zdarsa sich öffentlich an all seine Schäfchen wenden. Sollte er sich nicht kompromissbereit zeigen, geht der Konflikt in die nächste Runde. Dann werden die verstreuten Bischofskritiker sich wieder zusammenraufen und die nächste gemeinsame Aktion planen, wahrscheinlich eine Demonstration auf dem Rathausplatz. Für Schwester Benedikta und viele ihrer Mitstreiter wäre es die erste ihres Lebens.

K. Antonia Schäfer arbeitet als Reporterin. Sie ist konfessionslos, war früher aber mal Protestantin

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09:00 06.04.2012

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