Streiten, aber höflich

Filmkunst Mansplaining und andere Animositäten um 1900: Cristi Puius „Malmkrog“ auf Mubi

Mit ihrer Essaysammlung Wenn Männer mir die Welt erklären prägte die Autorin Rebecca Solnit vor einigen Jahren den Begriff „mansplaining“. Gemeint sind damit Männer, die sich selbst gerne reden hören und meinen, Frauen belehren zu müssen, auch wenn diese von einem Gegenstand offenkundig mehr verstehen als die Männer selbst.

Ein solcher Typus tritt auch in dem Film Malmkrog auf, der auf einem transsilvanischen Schloss am Ende des 19. Jahrhunderts spielt und eine Gruppe von Aristokraten zeigt, die über Philosophie, Religion und Krieg diskutieren. In einer Szene hält der selbstgefällige Edouard (Ugo Broussot) einen Monolog darüber, dass die ganze Welt „europäisch werden“ müsse. Als ihre Geduld irgendwann überstrapaziert ist, fragt die ihm gegenübersitzende Madeleine (Agathe Bosch) trocken, ob Edouard seine politischen Ausführungen bitte kürzen könne – man wolle zum Ende kommen, außerdem warte das Abendessen.

Mit solch ironischen Momenten wird in Malmkrog immer wieder der formelle Ton aufgebrochen, der die Umgangsformen der Figuren prägt. Mit einer Mischung aus Distanziertheit und Höflichkeit wird sich hier unterhalten, dazu gibt es Champagner und Abendessen bei Kerzenlicht. Es ist ein zeitvergessenes Verweilen, das der Film in etwas über 200 Minuten geradezu sinnlich erfahrbar macht.

Bis ins Detail genau wird dabei die aristokratische Welt um 1900 rekonstruiert, von der Kleidung über die Jugendstilmöbel bis zu den braunen Bücherwänden. Bisher waren die vielfach auf Festivals prämierten Filme des rumänischen Regisseurs Cristi Puiu wie etwa Der Tod des Herrn Lazarescu eher einem nüchternen Realismus verschrieben. Malmkrog hingegen erinnert an Marcel Prousts ausufernden Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder die opulenten Bildwelten der Filme von Luchino Visconti.

Sie reden ausgiebig

Die ausgedehnten Gespräche der Gruppe zeigt Malmkrog in langen Sequenzen, die sich wie Akte in einem Theaterstück entfalten. Ingrida (Diana Sakalauskaité) ist mit einem russischen General verheiratet und will im Krieg nichts Verwerfliches erkennen. Die schüchterne Olga (Marina Palii) wiederum vertritt einen entschiedenen Pazifismus und fordert, die Menschen sollten sich ganz der christlichen Lehre verschreiben. Der Hausherr Nikolai (Frédéric Schulz-Richard) wiederum zweifelt am Fortschritt und meint, mit der Modernisierung hätten in Europa auch die Symptome der „Degeneration“ zugenommen. Seine Spannung gewinnt der Film dabei aus dem genauen Beobachten von Blicken und Gesten, von Sympathien und Animositäten.

Malmkrog basiert auf dem 1900 erschienen Buch Drei Gespräche über Krieg, Fortschritt und das Ende der Weltgeschichte des russischen Philosophen Wladimir Solowjow – eher sperriges Material für einen Film. Dass die Dialoge nicht den hölzernen Charakter einstudierter Passagen haben, liegt maßgeblich daran, dass Puiu am Filmset viel mit Improvisation gearbeitet hat, was den Schauspieler:innen Raum für Spontanität und Dynamik gibt.

Demonstrativ verweigert sich der Film einer gängigen Dramaturgie. Stattdessen steht er ganz im Zeichen der Entschleunigung, will Raum schaffen für ein intensives Sehen und Nachdenken. Man hört im Kino selten Menschen so ausgiebig beim Reden zu. Die unbedingte Aufmerksamkeit, die der Film fordert, wird aber belohnt.

Wirklich brillant erscheint Malmkrog vor allem durch die Arbeit des Kameramanns Tudor Vladimir Panduru. Gewechselt wird zwischen komplex choreografierten Sequenzen, die den Figuren durch die großzügigen Zimmer folgen, und Szenen, die von einer strengen Bildkomposition geprägt sind. Virtuos arbeitet Panduru dabei mit der Tiefe des Bilds. Fast unbemerkt wird beispielsweise die steife Atmosphäre beim Abendessen durch ein spielendes Kind unterlaufen, das im Hintergrund durch einen Gang läuft. Auch das angespannte Verhältnis zwischen den Bediensteten und den Gästen, das immer wieder mit Andeutungen auf Konflikte aufblitzt, stellt der Film vor allem visuell dar.

Nur einmal sind die Hauptfiguren in Malmkrog außerhalb des Schlosses zu sehen. Es ist eine gespenstische Szene, in der man bloß Silhouetten in einer grauen Winterlandschaft erkennt. Über die räumliche Gestaltung verdeutlicht der Film so auch die selbstherrliche Weltfremdheit der europäischen Aristokratie, die sich in ihren luxuriösen Anwesen abschottet. Von den gesellschaftlichen Modernisierungskräften jener Zeit, etwa der Arbeiter- oder Frauenrechtsbewegung, bleiben die hochtrabenden Diskussionen der Gruppe unberührt.

Im vergangenen Jahr hat Christi Puiu auf der Berlinale für Malmkrog den Regie-Preis in der neu geschaffenen Sektion „Encounters“ erhalten, die „ästhetisch und strukturell wagemutigen Arbeiten“ eine Plattform bieten soll. In der Tat verkörpert der Film jene Art von stilistisch ambitioniertem Kino, das Kritiker:innen der Berlinale im Wettbewerb öfter mal vermisst hatten. Dass Malmkrog nun nicht im Kino, sondern auf der Streamingplattform Mubi zu sehen ist, liegt einerseits natürlich an der Coronapandemie. Man kann darin aber auch ein Zeichen dafür sehen, dass die Arthouse-Plattform mittlerweile für kleinere Independent-Produktionen zu einer attraktiven Alternative zum regulären Kinostart geworden ist.

Info

Malmkrog Cristi Puiu Rumänien 2020; 201 Min., Anbieter: Mubi

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