Streubomben über Babylon

Kriegsverbrechen Der Vorwurf, den Amerikaner und Briten gegen den Irak erheben, richtet sich gegen sie selbst

Die Wunden sind schrecklich und tief. Scharlachrote Flecken auf dem Rücken, auf den Oberschenkeln und im Gesicht. Die Splitter der Streubomben sind mehrere Zentimeter tief in den Körper eingedrungen. Die Stationen des Lehrkrankenhauses von Hillah liefern den Beweis, das etwas Illegales, etwas außerhalb der Genfer Konvention, in den Dörfern geschah, die in der Nähe jener Stadt liegen, die unter dem Namen Babylon seit Alters her bekannt ist. Die wehklagenden Kinder, die jungen Frauen mit Wunden am Oberkörper und an den Beinen und die zehn Patienten, die Operationen am Kopf überstehen mussten, sprechen über die Zeit, als Sprengsätze wie Pampelmusen vom Himmel fielen.

Das sind eindeutig die Folgen von Streubomben, sagen die Ärzte - und die Reste der Luftangriffe vom 30. März, die in den Dörfern Nadr, Djifil, Akramin, Mahawil, Mohandesin und Hail Askeri zu sehen sind, geben ihnen Recht. Waren es amerikanische oder britische Flugzeuge, die diese Dörfer mit einer der tödlichsten Waffen moderner Kriegführung überschütteten? Die 61 Toten können uns das nicht mehr sagen. Auch nicht die Überlebenden, die in vielen Fällen in ihren Häusern saßen, als hoch über ihren Dörfern sich weiße Kanister öffneten und Tausende kleiner Bomben nieder regnen ließen, die dann in der Luft explodierten, deren Splitter durch die Fenster in die Gebäude schossen oder von den Wänden zurück prallten.

Rahed Hakem erinnert sich, dass es etwa 10 Uhr 30 war, als sie in ihrem Haus in Nadr saß, »die Stimme der Explosionen« hörte, nach draußen schaute und sah, dass es »Feuer aus dem Himmel regnete«. Mohamed Moussa beschreibt »kleine Behälter«, die vom Himmel fielen und sich dann öffneten. »Die Sprengsätze fielen wie kleine Grapefruits«, sagte er, »soweit sie nicht explodiert waren und man sie dann berührte, gingen sie sofort hoch. Sie explodierten in der Luft und am Boden, und einige, die nicht explodiert waren, befinden sich noch in den Häusern.«

Karima Mizler hatte bemerkt, dass an den kleinen Behältern eine Art Draht befestigt war - möglicherweise war das die Vorrichtung, die dafür sorgt, dass sie aufspringen und kleine Sprengsätze freigeben. Einige Opfer starben sofort, vor allem Frauen und Kinder, deren Überreste in einem kleinen Leichenhaus hinter dem Krankenhaus von Hillah aufgebahrt wurden. Mehr als 200 Verletzte hatte das Lehrkrankenhaus zu versorgen. Die 61 Getöteten waren entweder bereits tot zum Krankenhaus gebracht worden oder verstarben dort während oder nach einer Operation. Viele andere sind vermutlich in ihren Heimatdörfern begraben worden - mindestens 80 Prozent, so sagen die Ärzte, waren Zivilisten.

Offenbar waren in der Nähe der Dörfer auch Soldaten aktiv. Hinter dem Krankenhaus fand ich einen khakifarbenen Militärgürtel und einen Kampfanzug. Die Männer in den Dörfern können natürlich auch Soldaten gewesen sein. Die Überlebenden allerdings bestehen darauf, dass es in der Nähe ihrer Häuser keine militärischen Anlagen gegeben habe. Ob irgendwo, möglicherweise entlang einer Straße nach Bagdad, ein Panzer oder ein Raketenwerfer stationiert war, ist im Nachhinein kaum herauszufinden. Aber die Genfer Konvention verlangt den Schutz von Zivilpersonen selbst dann, wenn sie sich in der Nähe von Streitkräften befinden. Der Einsatz von Streubomben in diesen Dörfern verletzt internationales Recht selbst dann, wenn sie sich gegen militärische Ziele richteten.

Der 27-jährige Asil Yamin hat schreckliche, kreisrunde Wunden in seinem Rücken. Die fünfjährige Zaman Abbais wurde am Bein getroffen und die 48-jährige Samira Abdul-Hamza in den Augen, der Brust und den Beinen. Ihr Sohn Haidar, ein 32-jähriger Soldat, sagt, dass die Behälter, die zum Boden fielen, weiß aussahen, mit roten und grünen Markierungen. »Nachdem sich die Behälter geöffnet hatten, kamen die Geschosse wie Granaten in die Häuser geflogen.«

Herzzerreißend ist das einzige Wort, um die zehnjährige Maryam Nasr und ihre fünfjährige Schwester Hoda zu beschreiben. Maryam hat einen Verband über ihrem rechten Auge. Ein Splitter steckt noch in ihrem Kopf. Wunden hat sie auch am Bauch und an den Oberschenkeln. Dass Hoda, die neben dem Bett ihrer Schwester stand, auch verletzt war, bemerkte ich erst, als ihre Mutter vorsichtig die Halsbinde des Mädchens und ihre langen Haare anhob, um mir eine tiefe Wunde an der rechten Seite ihres Kopfes zu zeigen. Die Wunde, unmittelbar oberhalb des Ohres, blutete noch etwas. Die Mutter der beiden Mädchen beschrieb, dass sie sich innerhalb des Hauses befand, als sie eine Explosion hörte und dann ihre Töchter blutüberströmt in der Nähe der Haustür liegen sah. Als ich die beiden Mädchen im Krankenhaus anschaute, versuchten sie trotz ihrer Schmerzen zu lächeln, um ihre Tapferkeit zu demonstrieren.

Selbstverständlich waren die irakischen Behörden all zu gern bereit, uns Journalisten Zugang zu diesen Patienten zu verschaffen. Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das, was uns die Kinder und ihre Eltern erzählten, war ganz offensichtlich die Wahrheit. Wie sollten auch die Iraker die Szenerie in dem Dorf Nadr, wo noch überall die Spuren von Splitterbomben zu sehen waren, manipuliert haben? Ein Team des Fernsehsenders Sky Television hat es sogar geschafft, einen Haufen von Splittern mit nach Bagdad zu bringen, kleine Metallkugeln, die menschliche Körper durchschlagen sollten. Sie sahen fast aus wie Süßigkeiten in einer silbrig schimmernden Umhüllung.

Der stellvertretende Chef des Krankenhauses und einer seiner Ärzte erzählten uns später, dass es im Umkreis von Hillah zu militärischen Aktionen gekommen war. So habe etwa ein Apache-Hubschrauber Spezialtruppen auf der Straße nach Kerbala absetzen wollen. Eine dieser Operationen sei offenbar schief gelaufen, weil es zu einer Gegenreaktion irakischer Milizen kam. Kurze Zeit später begannen die Angriffe mit Streubomben, obwohl die Dörfer, die ins Visier genommen wurden, von dieser Straße weit entfernt waren.

Es ist nicht einfach, den Offiziellen des Irak zuzuhören, wenn sie den Gebrauch illegaler Waffen verdammen. Schließlich hat die irakische Luftwaffe in den achtziger Jahren Giftgas gegen die iranische Armee und gegen kurdische Dörfer eingesetzt. Genauso unverzeihlich ist aber auch das, was in den Dörfern nahe Babylon geschah. Kriegsverbrechen - der Vorwurf, den Amerikaner und Briten gegen den Irak erheben, richtet sich gegen sie selbst.

Übersetzung aus dem Englischen: Hans Thie

00:00 11.04.2003

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