Strickliesel besiegt Gockelhahn

Dominanz Der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider hat Angst vor der kulturellen Verweiblichung der Geisteswissenschaften
Andrea Roedig | Ausgabe 18/2015 10
Strickliesel besiegt Gockelhahn
Vom Aussterben bedroht? Manfred Schneider hat Angst um die „Hahnenkämpfe“
Foto: Al Bello/Getty Images

Manfred Schneider, seines Zeichens emeritierter Literaturwissenschaftler, möchte gern eine bestimmte „Männerkultur“ durch die Unesco gerettet wissen. Das meint er gar nicht so ironisch. In einem „Gastkommentar zur Gleichstellung“, der vergangene Woche in der NZZ erschien, spreizt sich Schneider zwar ein wenig, aber dennoch möchte er wohl sagen dürfen, dass sich derzeit erschreckend viele Frauen in den Geisteswissenschaften und der Jurisprudenz breitmachen. Das kann, so meint er, nicht ohne Folgen für den „Geist der Geisteswissenschaften“ bleiben, und so stimmt er einen resignativen Abgesang auf den Erkenntnisfortschritt gewährleistenden Agon im akademischen Betrieb an. Zwar kennt auch Schneider den Unterschied zwischen natürlichem und kulturellem Geschlecht, trotzdem habe die „neue Dominanz“ des biologisch Weiblichen auch eine kulturelle Verweiblichung zur Folge, will heißen: Es wird nicht mehr ordentlich gestritten in den Geisteswissenschaften, „niemand erweckt dort den Eindruck, dass es um etwas geht“. Ach.

Hat Schneider da einen Punkt getroffen? Hat er, aber vermutlich den falschen. Natürlich kann man befürchten, dass die gesamte geistes- und kulturwissenschaftliche Akademie zum Stricklieselverein verkommt, statt in hehrem Säbelklirren zu erklingen. Die Frage ist nur, ob bei den alten akademischen „Hahnenkämpfen“, die Schneider selbst erwähnt, so viel mehr herausgekommen ist. Nach Hegel, dem Idealisten, führt die „Dialektik des Widerstreits“ zwar immer fein säuberlich auf eine höhere historische Stufe, in der Realität lässt sie die Kontrahenten aber oft nur erschöpft zurück und die wesentlichen Inhalte unberührt. Spaß macht das Gefecht, keine Frage, aber geschätzt kommen da fünf Prozent Output auf 95 Prozent Pulverdampf. Es könnte sein, dass die Strickliesel effektiver arbeiten.

Unverdrossen bedient sich Schneider in seiner Argumentation eines alten pejorativen Musters. Männliche Hegemonien kommen selten in den Ruf, sich qualitätsmindernd auszuwirken, wenn aber viele Frauen irgendwo arbeiten, wird die Sache schnell „weich“, also irgendwie weniger wert. Nun leiden die Geisteswissenschaften und ihre Protagonisten seit jeher am Weichen. Man möchte schon bitten: Hölderlin, Kleist, Büchner, die Schlegels, Rilke, Kafka, Robert Walser oder auch Nietzsche, Schelling, Kierkegaard, sogar Schopenhauer – gemessen am Ideal straffer Praxistauglichkeit sind fast alle Dichter und Denker Sissys. Lässt sich das kulturell Zarte der Geisteswissenschaften nur ertragen, wenn es wenigstens durch biologische Männer getragen wird? Vermutlich fürchtet Schneider die komplette Kastration seiner per se angeschlagenen Wissenschaft, wenn sie jetzt auch noch mehrheitlich durch das schwache Geschlecht vertreten ist.

Am Geschlecht hängt viel, aber nicht alles. Die gute Wissenschaft, die gute Kunst operiert immer über Grenzen hinweg, transzendiert die Geschlechterrollen. Statt sich also schmollend in die Testosteronecke zurückzuziehen aus Angst, das „schwer erarbeitete Verhalten zum kultivierten Zwist“ könne unter realweiblicher Dominanz ersticken, hätte Schneider besser daran getan, den Wandel der Unis, die Marginalisierung der Geisteswissenschaften ohne Ressentiment zu beschreiben. Auch eine klarere Unterscheidung zwischen Sex und Gender hätte seinen Argumenten gutgetan.

Natürlich ändern sich die Wissenschaften – überdies auch die „harten“ – wenn mehr Frauen teilnehmen. Schaden muss das den Inhalten nicht und auch nicht der sachorientierten Streitkultur. Mann weiß doch: Auch Stuten können beißen.
06:00 13.05.2015

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